Revolte im konservativ und christlich geprĂ€gten Freiburger Herder-Verlag: 17 Autor:innen aus dem PĂ€dagogikbereich haben sich Anfang Juni an die Ăffentlichkeit gewandt und die BefĂŒrchtung geĂ€uĂert, dass âdiskriminierende und antidemokratische Inhalteâ im politischen Verlagsprogramm Einzug gehalten haben. Nun wurde in einem gemeinsamen KommmuniquĂ© ein Kompromiss gesucht, weitgehend vergeblich.
Denn die Meinungsverschiedenheiten bleiben. Sie sind letztlich ein Musterbeispiel dafĂŒr, wie schwer auch einem renommierten und traditionsreichen Verlag wie Herder der Schutz der Demokratie gegen Angriffe von rechts fĂ€llt â eine Diskussion, der zuvor auch der Stuttgarter Reclam-Verlag im Zusammenhang mit einer von der Neuen Rechten organisierten Klemperer-Lesung in Dresden ausgesetzt war.
âzumindest rechte Tendenzenâ
Konkret kritisiert wurde von den PĂ€dagogik-Autor:innen unter anderem die Herder-Kooperation mit dem âCiceroâ-Magazin, âdem seit Jahren zumindest rechte Tendenzen zugeschrieben werdenâ. In deren Rahmen wurden unter anderem Titel wie âDie Wokeness-Illusion. Wenn Political Correctness die Freiheit gefĂ€hrdetâ und âDer Selbstbetrug. Wenn Migrationspolitik die RealitĂ€t ignoriertâ, jeweils unter Beteiligung von âCiceroâ-Chefredakteur Alexander Marguier, realisiert. Marguier behauptet eine âSchweigespiraleâ in den politischen und medialen Debatten, und sieht sich in der Rolle, hier âGegenwindâ zu organisieren.
AKW-Pseudo-Skandal: Cicero scheitert vor Gericht gegen Volksverpetzer
Nicht minder in der Kritik steht die Ethnologin Susanne Schröter aus Frankfurt am Main, die bei Herder mehrere BĂŒcher veröffentlicht hat. Zuletzt erschien: âDer neue Kulturkampf. Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedrohtâ. Sie deutet seit Jahren Kritik und Diskurs als Zensur um: âImmer wieder werden Wissenschaftler an den UniversitĂ€ten westlicher Staaten zum Schweigen gebracht, weil ihre Forschungen den ideologischen Konstruktionen linksidentitĂ€rer Aktivisten widersprechen.â Die Kritik der Autor:innen aus dem PĂ€dagogikbereich parierte sie mit den Worten: âGanz offensichtlich soll der Verlag unter Druck gesetzt werden. (âŠ) Solche Methoden kennt man nur aus Diktaturen.â
In dem am Dienstag von Verlag und Kritiker:innen veröffentlichten gemeinsamen Statement ist nun die Rede von GesprĂ€chen âauf Augenhöheâ. Eine dreiköpfige Abordnung war Ende Juni in Freiburg empfangen worden, âbeide Seiten nahmen sich Zeit und Raum fĂŒr einen offenen und konstruktiven Dialogâ, heiĂt es. âDie verschiedenen Positionen wurden ausfĂŒhrlich besprochen und angehört.â Doch das war es dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.
Die zentralen Kontroversen bleiben
Zwar heiĂt es: âBeide Seiten können nun die jeweils andere Position besser nachvollziehen.â Aber: âWesentliche Standpunkteâ wĂŒrden vom Verlag auf der einen Seite und den Autor:innen auf der anderen Seite nicht geteilt. Letztlich zementiert die ErklĂ€rung, dass es nicht nur nicht gelingt, die Meinungsverschiedenheiten auszurĂ€umen. Sondern noch nicht einmal, sie auszuhalten.
Die zentralen Kontroversen bleiben: WĂ€hrend die Autor:innen aus der PĂ€dagogiksparte darauf dringen, dass sich ihr Verlag klar âgegen menschenverachtende Thesen und Rechtspopulismusâ positioniert und einen âbewussten Umgang mit Spracheâ pflegen soll, sieht der Verlag keine unzulĂ€ssigen GrenzĂŒberschreitungen. Herder betont laut dem gemeinsamen Statement die aus seiner Sicht ânotwendige Breite und Weite des Debattenraumsâ und die âVielfalt des Programmsâ. Die Kritiker:innen bleiben dagegen bei ihrer âWarnung bezĂŒglich einer Weitung des Debattenraums bis in intolerante Bereicheâ â und damit einem Vorwurf, der aus Verlagssicht auf das Herder-Programm nicht zutrifft. Schröter, Marguier & Co. werden so vom Verlag verteidigt.
Verantwortung eines christlichen Verlags
Unter den Autor:innen, die die Debatte angestoĂen haben, dominiert nach wochenlangem Austausch mit dem Verlag ErnĂŒchterung. Inke Hummel, eine der Kritikerinnen, sagt dem Volksverpetzer: âWir mĂŒssen uns dafĂŒr einsetzen, dass der viel beschworene ,Debattenraumâ groĂ ist, aber nicht zu groĂ.â Nicht eine Gruppe allein dĂŒrfe ihn in GröĂe und Inhalten bestimmen, âsondern gerade auch diejenigen, die gefĂ€hrdet sindâ. Das wĂ€re fĂŒr sie âdie Verantwortung gerade auch eines christlichen Verlagsâ, appelliert Hummel.
EnttĂ€uscht sind auch weitere Autor:innen von Herder, die namentlich nicht genannt werden möchten. Zwar seien die EinwĂ€nde verstanden worden, aber das bedeute noch lange kein EinverstĂ€ndnis, sagt eine. Es bleibe bei den bestehenden Narrativen im Programmbereich Politik, damit bliebe âTor und TĂŒr fĂŒr rechtspopulistisches Gedankengut geöffnetâ. Die Autorin kritisiert: âMir fehlt hier die Ăbernahme einer gesellschaftlichen Verantwortung durch den Verlag.â Ein Verzicht Herders auf das Verlegen von âgrenzwertigen und bereits grenzĂŒberschreitenden Inhaltenâ könnte âaktiv dazu beitragen, gefĂ€hrlichen Strömungen Einhalt zu bieten und ihnen nicht noch zusĂ€tzlich die BĂŒhne zu bereitenâ.
âAuf wessen Kosten wird ein solcher ,Debattenraumâ gepflegt?â
Eine andere Autorin sagt dem Volksverpetzer, das aktuelle Statement sei âleider nicht der tragfĂ€hige Boden, den es fĂŒr eine weitere Zusammenarbeit brĂ€uchteâ. Der Verlag beharre auf seiner Definition des Debattenraums, der in dieser Definition auch weiterhin nach rechts offen sein dĂŒrfe. âAuf wessen Kosten wird ein solcher ,Debattenraumâ gepflegt?â
Menschen, die durch rechtspopulistische Narrative gefĂ€hrdet werden, âzahlen den Preis fĂŒr solche Diskurseâ. Besonders in Zeiten wie der aktuellen, in denen sich groĂe Teile der Welt und auch Deutschlands immer weiter nach rechts bewegen wĂŒrden, sollte sich âein Verlag seiner Verantwortung bewusst sein und sich im Sinne der WĂŒrde aller Menschen positionieren, anstatt Raum fĂŒr die Verbreitung diskriminierender Narrative zu schaffenâ.
âGehen oder bleiben?â
Ob die Kritiker:innen auch kĂŒnftig mit dem Herder-Verlag zusammenarbeiten werden, ist offen â die Meinungsbildung dazu ist nicht abgeschlossen. Aus dem Kreis der Autor:innen heiĂt es, einige hĂ€tten bereits weitere AuftrĂ€ge abgelehnt und wĂŒrden sich zurĂŒckziehen, wieder anderen falle es schwer, ihre gerade erschienenen und inhaltlich wichtigen BĂŒcher von Herzen zu feiern und zu bewerben. âViele stehen vor der Entscheidung: gehen oder bleiben.â
Herder reduziere sich in seiner Positionierung zu der Kontroverse auf allgemeine Beschreibungen, Floskeln und die Glorifizierung der eigenen Verlagsgeschichte. âDas empfanden viele der Autor:innen als unbefriedigend, Ă€uĂerst ernĂŒchternd und frustrierend.â FĂŒr viele reiche das gemeinsame Statement nicht aus, um weiterhin guten Gewissens mit Herder zusammenarbeiten zu können. âEinige Autor:innen haben bereits geplante Projekte abgesagt. Ich schĂ€tze, es werden weitere folgen.â
Transparenzhinweis: Der Autor hat seit 2019 gemeinsam mit Heike Kleffner drei politische SachbĂŒcher im Herder-Verlag herausgegeben. Zuletzt erschien im November 2023 âStaatsgewalt â wie rechtsradikale Netzwerke die Sicherheitsbehörden unterwandernâ.
Artikelbild: canva.com
https://www.bachhausen.de/autoren-kritisieren-rechtsoffene-inhalte-im-herder-verlag/
#autoren #herder #inhalte #kritisieren #rechtsoffene #verlag



