50 Jahre “3nach9” – von der Streitshow zur Verkaufsveranstaltung
Helmut Lorscheid erinnerte soeben an 70 Jahre BND. Radio Bremen erinnerte letztes Wochenende an “50 Jahre 3nach9”, eine einstmals spannende Talkshow, als der Sender noch kreativ und mutig war. Ein 45-Minuten-Zusammenschnitt wurde vom NDR und WDR übernommen, und war so belanglos, dass Sie sich das selber aus der Mediathek suchen können. Auch Willy Brandt kam sekundenlang vor (1984). Doch die aufregendste Passage wurde vergessen.
Moderator Giovanni di Lorenzo behauptete, dass früher noch “mehr gestritten” wurde. Heute, das sagte er nicht, sind diese Shows Verkaufsveranstaltungen für Film-, Buch- und Musikprodukte – komplett brav nach Drehbuch werden die Fragekärtchen der Moderator*inn*en abgearbeitet, mit geskripteten Scherzchen dazwischen. Und niemandem wird wehgetan oder ein Haar gekrümmt.
In dem gesendeten Ausschnitt von 1984 scherzen Willy Brandt und Gattin über die Position, die er als Jugendlicher in einer Fussballmannschaft eingenommen habe. Sein früherer Parteigenosse, und mein damaliger Wohngenosse Wolff Geisler war nicht so zärtlich (hier die Fortsetzung des Streits).
Der Hintergrund, wie schon bei Helmut Lorscheid richtig beschrieben, war und ist: die BRD war und ist Weltspitze im Export von Rüstungsgütern und Waffen aller Art, also dem technischen und industriellen Fortschritt von Mord und Totschlag. Das war während der Amtszeiten des Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt als Bundeskanzler und SPD-Vorsitzender nicht anders, als davor und danach.
In den 80ern konnten noch nicht alle Dritten Programme bundesweit empfangen werden. Befreundete SPD-Mitglieder, denen ich diese “3nach9”-Ausgabe auf VHS-Cassette vorspielte, reagierten überrascht. Und durchweg angemessen schockiert.

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