Achtung, Datenhandel! Lebensgefahr!
GroĂe ARD-Doku
Erhoben zu Werbezwecken, verschleudert im Internet: Standortdaten aus der Werbe-Industrie können Menschen gefĂ€hrden. Das zeigt die ARD-Doku âGefĂ€hrliche Appsâ, die nun online ist. Sie beruht auf den Recherchen von netzpolitik.org und Bayerischem Rundfunk zu den Databroker Files.
Es geht um Milliarden Standortdaten von ahnungslosen Handy-Nutzer*innen, oftmals metergenau. Angeblich nur zu Werbezwecken erhoben, flieĂen die Daten ĂŒber populĂ€re Handy-Apps auf teils verschlungenen Wegen in die HĂ€nde von Databrokern. Potenziell betroffen sind alle Menschen, die ein Smartphone nutzen.
Die Recherchen von netzpolitik.org und Bayerischem Rundfunk begannen im Februar 2024 mit einem Gratis-Datensatz, den ein Databroker als Vorschau fĂŒr ein kostenpflichtiges Abo verschenkt hat. Anhand dieser Daten konnte das Team nicht nur einen flĂ€chendeckenden Angriff auf die PrivatsphĂ€re von Handy-Nutzer*innen enthĂŒllen, sondern auch eine Gefahr fĂŒr die nationale Sicherheit. Die EU-Kommission sagte: âWir sind besorgtâ.
Jetzt erzĂ€hlt eine Fernsehdoku die wichtigsten Erkenntnisse aus den Databroker Files. Sie macht anschaulich, wie der Handel mit personenbezogenen Daten auĂer Kontrolle geraten ist â und vor welchem Hintergrund Fachleute aus Politik und Verbraucherschutz ein Verbot von Tracking und Profilbildung zu Werbezwecken fordern.
Erstmals berichtet die Doku darĂŒber, wie Handy-Standortdaten der Werbe-Industrie auch ukrainische Soldaten an der Front gefĂ€hrden können â oder Journalist*innen im Exil. Neu ist auch die Geschichte einer bayerischen SchĂŒlerin, die niemals erwartet hĂ€tte, dass Databroker ihr genaues Bewegungsprofil offen im Netz handeln.
âGefĂ€hrliche Apps â Im Netz der DatenhĂ€ndlerâ, produziert vom Bayerischen Rundfunk fĂŒr ARD, Arte und die Deutsche Welle, ist nun in der ARD Mediathek zu sehen. Was der Datenhandel konkret fĂŒr Menschen bedeuten kann, fassen wir hier anhand von vier Köpfen aus der Doku zusammen.
1. Databroker verkaufen Handy-Standortdaten von der Front
Heute lebt Dmytro auf einem Hof in der NĂ€he von Odessa. Unter raschelnden Baumkronen grast eine Kuh, in den Ăsten lĂ€utet ein Windspiel. Als das Kamerateam Dmytro besucht, fĂŒhrt er die Pferde aus, reitet ĂŒber einen Feldweg. Zuvor hat er als Soldat fĂŒr die Ukraine an der Front gekĂ€mpft. FĂŒr ihn und seine Kameraden hatten Smartphones eine besondere Bedeutung.
âDas Handy ist sehr wichtig, weil es moralisch unterstĂŒtztâ, erklĂ€rt er im Interview. âMan kann seine Lieben zuhause spĂŒren, seinen Ehepartner. Es ist eine Erinnerung daran, wofĂŒr man an der Front kĂ€mpft.â
Zugleich können Smartphones im Krieg eine Gefahr darstellen, und zwar durch die potenzielle Ortung von Soldat*innen und deren Stellungen. Inzwischen liegen dem Recherche-Team DatensÀtze von mehreren Databrokern vor; in einem davon finden sich auch Handy-Ortungen aus umkÀmpften Gebieten in der Ukraine. Die Daten geben auch Preis, dass GerÀte per Starlink im Netz waren, jenes Satelliteninternet, das ukrainische Truppen verwenden.
Das Recherche-Team zeigt Dymtro auf Satellitenbildern eine Auswahl von Handy-Ortungen im Kampfgebiet. Er beugt sich ĂŒber den Bildschrim und bestĂ€tigt: âGenau hier an diesem roten Punkt, da war unser Hauptquartier.â
Es ist möglich, dass die russische Armee nicht auf Standortdaten der Werbe-Industrie angewiesen ist, um potenzielle Ziele zu identifizieren â es lĂ€sst sich aber auch nicht ausschlieĂen, dass russische Behörden genau das tun. Deutsche RĂŒstungsunternehmen befĂŒrchten zudem, dass auch ihre neuen ProduktionsstĂ€tten in der Ukraine ins Visier geraten können, wie tagesschau.de berichtet. Deren Standorte sind weitestgehend geheim, um sie vor russischen Angriffen zu schĂŒtzen.
2. Exil-Journalistin in Berlin berichtet von Verfolgung
In Ăgypten hatte die Journalistin Basma Mostafa unter anderem kritisch ĂŒber Polizeigewalt berichtet. Sie erzĂ€hlt dem Fernsehteam von mehreren Festnahmen, sogar von Folter. SchlieĂlich gelang ihr die Flucht; der Weg fĂŒhrte sie nach Berlin. Ihr Leben in Ăgypten, sagt sie heute, habe sie zurĂŒckgelassen. Aber auch in Berlin werde sie von Ă€gyptischen Agenten verfolgt und bedroht. Sie fotografiert die MĂ€nner, die ihr auffallen, und zeigt dem Recherche-Team die Fotos auf ihrem Smartphone. Die Polizei habe ihr empfohlen, den Wohnort zu wechseln.
âIch frage mich wirklich: Woher wissen die immer genau, wo ich bin?â, sagt Mostafa im Interview. Gemeinsam mit dem Recherche-Team betrachtet auch sie einen Ausschnitt der Standortdaten, die Databroker von Millionen Handys auf der Welt verkaufen. Der Ausschnitt zeigt die Bewegungsmuster einer Person, die offenbar in Mostafas Wohnhaus lebt. Von diesem Haus fĂŒhren Handy-Ortungen zu anderen Adressen, die Mostafa wiedererkennt: etwa den Spielplatz, wo sie mit ihren Kindern hingehe, oder ein Krankenhaus. Es fĂŒhle sich an, sagt sie, als wĂ€re sie gehackt worden.
Ăhnlich wie im Fall der ukrainischen Soldaten gilt: Es kann sein, dass Ă€gyptische Behörden nicht auf Standortdaten aus der Werbe-Industrie angewiesen wĂ€ren, falls sie Dissident*innen im Ausland ins Visier nehmen wollten. Sicherheitsexperte Franz-Stefan Gady legt zumindest nahe, dass ein solches Szenario denkbar ist. Anders als groĂe Geheimdienste wie aus den USA, Russland oder China hĂ€tten âzweitrangigeâ Dienste inzwischen immer mehr Zugang zu Daten, âdie sie wahrscheinlich vor einigen Jahren noch nicht gehabt hĂ€ttenâ, erklĂ€rt Gady.
3. Die Spur der Daten fĂŒhrt zu 18-JĂ€hriger aus Bayern
Wie aufdringlich Handy-Standordaten sein können, zeigt der Fall der 18-JĂ€hrigen Emma aus Bayern. MĂŒhelos fand das Recherche-Team ihre Privatadresse in den Daten: Ein freistehendes Haus in einer bayerischen Gemeinde, wo sich auffĂ€llig viele Ortungen eines GerĂ€ts hĂ€uften. Ebenso hĂ€uften sich die Ortungen bei einer nahegelegenen Schule, wĂ€hrend eine Perlenschnur aus Standortddaten die Strecke beschrieb, die Emma oft mit dem Schulbus genommen hat.
Das Beispiel zeigt: Bereits zwei Orte, Wohnort plus Arbeits- oder Ausbildungsplatz, können genĂŒgen, um eine Person in einem Bewegungsprofil eindeutig wiederzuerkennen.
âDas ist krassâ, sagt Emma heute, als das Kamera-Team der 18-JĂ€hrigen ihre Standortdaten auf einem Tablet zeigt. Die Daten zeigen auch Emmas Abstecher in den Supermarkt und zu McDonaldâs. Oder die genaue Route ĂŒber einen Feldweg, den sie nimmt, wenn sie mit ihrem Hund spazieren geht.
âWenn irgendein Mann diese Daten hĂ€tteâ, sagt Emma, âso Stalking-mĂ€Ăigâ, dann wĂ€re das âsehr unvorteilhaftâ. Zur Erinnerung: Das Recherche-Team hat die Daten kostenlos von einem Databroker im Netz erhalten. Prinzipiell zugĂ€nglich sind solche Daten fĂŒr alle, die DatenhĂ€ndler danach fragen. FĂŒr einen vierstelligen Betrag im Monat können Interessierte ein Abonnement abschlieĂen.
4. Standortdaten können Besuch in Abtreibungsklinik verraten
In Dallas, Texas, lebt Lauren Miller mit ihrem zweijĂ€hrigen Sohn Henry. Abtreibungen sind ihrem US-Bundesstaat kriminalisiert. Doch vor gut zwei Jahren war eine Abtreibung genau das, was Miller und ihr damals ungeborener Sohn aus medizinischen GrĂŒnden benötigten. Denn Henry hatte einen nicht ĂŒberlebensfĂ€higen Zwillingsbruder. Nur eine Teilabtreibung hĂ€tte das gesunde Baby retten können, wie Miller berichtet.
Deshalb machten sich Miller und ihr Mann auf die Reise nach Colorado. Dieser Bundesstaat verletzt nicht die reproduktiven Rechte von Menschen; dort sind Abtreibungen weiterhin legal. âIch weiĂ noch, wie ich mit gesenktem Kopf durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen gegangen binâ, erzĂ€hlt Miller. âWir haben sogar ĂŒberlegt, die Handys zu Hause zu lassen.â
Am Ende hatten Miller und ihr Sohn Henry GlĂŒck. Weder US-Sicherheitsbehörden noch radikale Abtreibungsgegner*innen hatten sie an der Reise in die Abtreibungsklinik gehindert. Eines ist jedoch wahrscheinlich: Handy-Standortdaten hĂ€tten die Familie verraten können.
In den Standortdaten, die Databroker verkaufen, lassen sich sensible Orte wie Abtreibungskliniken mĂŒhelos ins Visier nehmen. Systematisch lĂ€sst sich untersuchen, weche GerĂ€te dort ein und ausgehen â und vor allem, welche GerĂ€te aus einem US-Bundesstaat einreisen, der Abtreibungen verbietet.
Erste Warnungen vor verrĂ€terischen Datenspuren gab es bereits 2022, kurz nachdem der Oberste Gerichtshof in den USA den Weg zur Kriminalisierung von Abtreibungen in US-Bundesstaaten frei gemacht hatte. In der Folge hatte etwa Google angekĂŒndigt, Standortdaten zu löschen, von denen sich Klinikbesuche ableiten lassen. Dass US-Sicherheitsbehörden Handy-Standortdaten tatsĂ€chlich bei Databrokern einkaufen, ist spĂ€testens seit 2020 bekannt; jĂŒngst gab auch FBI-Direktor Kash Patel diese Praxis offen zu.
Im Interview sagt Miller: âEs ist schwer greifbar, wenn man sagt: âDie haben meine Daten.â Was heiĂt das? Ist doch egal. Aber wenn man versteht, wie bedrohlich solche Daten sein können, dann macht man sich schon Sorgen.â
Mehr als 30 Artikel veröffentlicht
Zu den Databroker Files hat netzpolitik.org inzwischen mehr als 30 Artikel verfasst. Hier sind Lesetipps fĂŒr Interessierte, die tiefer eintauchen möchten:
Team netzpolitik.org: Ingo Dachwitz, Sebastian Meineck, Anna Biselli. Team Bayerischer Rundfunk: Katharina Brunner, Rebecca Ciesielski, Florian Heinhold, Maximilian Zierer. Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter ĂŒber Online-Recherche und gibt Workshops an UniversitĂ€ten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekĂŒrt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize. Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Sebastian Hinweise schicken | Sebastian fĂŒr O-Töne anfragen | Mastodon. Ingo Dachwitz ist Journalist und Kommunikationswissenschaftler. Seit 2016 ist er Redakteur bei netzpolitik.org und u.a. Ko-Host des Podcasts Off/On. Seine Themen sind Daten, Macht und die digitale Ăffentlichkeit. Ingos Veröffentlichungen wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem European Press Prize, dem Alternativen Medienpreis, dem Datenschutz-Medienpreis und zwei Grimme-Online-Awards. Sein Buch âDigitaler Kolonialismus: Wie Tech-Konzerne und GroĂmĂ€chte die Welt unter sich aufteilenâ war fĂŒr den Deutschen Sachbuchpreis nominiert und wurde als eines der WissensbĂŒcher des Jahres 2025 geehrt. Ingo ist Mitglied des Vereins Digitale Gesellschaft, der Evangelischen Kirche und des Netzwerk Recherche. Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Bluesky, FragDenStaat. Dieser Beitrag ist eine Ăbernahme von netzpolitik, gemĂ€ss Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.
Ăber Sebastian Meineck, Ingo Dachwitz - netzpolitik:
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