259 Diagnosen als Superkraft - feddit.org
…warum halte ich das für höchst problematisch? [Ich nutze ein generisches
Femininum und meine alle damit.] Es ist gut, dass Menschen über psychische
Erkrankungen sprechen. Dass sie ihre Erfahrungen teilen, aufklären, Solidarität
schaffen. Gerade auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube geben
Creator mit Diagnosen wie ADHS, Autismus, Borderline oder DID Einblicke in ihr
Leben und das ist wichtig. Ich will auch nicht diskutieren, wer die Diagnose nun
wirklich hat und wer nicht, denn der Weg zu einer offiziellen Diagnose ist oft
lang und steinig. Ich weiß das aus eigener Erfahrung: Meine bipolare Störung
wurde erst spät erkannt, nach Fehlmedikationen und Jahren des Suchens. Doch ob
die Diagnose korrekt ist oder nicht, macht überhaupt keinen Unterschied für
meinen Text. Es gibt eine gefährliche Entwicklung: Immer mehr Menschen
glorifizieren ihre Erkrankungen. Sie präsentieren sie quasi als „Superkräfte“.
Autistinnen seien „genialer“ als andere, ADHSlerinnen „produktiver“,
Borderlinerinnen „hyperempathisch“. Das ist nicht nur falsch, es ist schädlich.
Und zwar auf mehreren Ebenen. Und die Plattform-Algoritmen lieben dramatische
Formulierungen… Die Illusion der Überlegenheit Wenn jemand ihre Diagnose zur
Superkraft erklärt, stellt sie sich selbst über andere. Und leider sehr häufig
nicht wegen einer konkreten, vergleichbaren Fähigkeit etwa, dass sie
Matheaufgaben schneller löst oder Projekte effizienter managt. Sondern mit
pauschalen Behauptungen: „ADHSlerinnen erledigen alles schneller.“ „Autistinnen
sind klüger als andere.“ „Borderlinerinnen sind die wahren Empathinnen.“ Das
Problem: Solche allgemeinen Aussagen sind selten wahr und vor allem sie schaffen
eine künstliche Hierarchie. Wer sich selbst zum Übermenschen stilisiert, macht
andere automatisch zu Unterlegenen. Das belastet Beziehungen, kann zu Isolation
führen („Die anderen verstehen mich nicht, weil ich zu besonders bin“) und kann
ein Opferdenken verstärken: „Die Welt ist neidisch auf meine Superkraft.“ Doch
das Schlimmste: Es setzt andere mit derselben Diagnose unter Druck. Stell dir
vor, du hast Borderline, ADHS oder eine ähnlich schwere Diagnose und kämpfst
täglich und musst alle Register ziehen um überhaupt zu überleben:
Psychiatrieaufenthalte, Medikamente, betreutes Wohnen… . Und dann liest und
hörst du überall: „Borderline ist eine Superkraft! ADHS ist eine Superkraft!
Wenn du sie richtig nutzt bist du sogar besser wie andere!“ Wie soll das nicht
verzweifelt machen? Wenn die eigene Realität nicht im Entferntesten der
glorifizierten Version entspricht? “Warum schaffe ich es nicht meine
‘Superkraft’ zu nutzen?”, trifft dann auf Menschen die zum Teil schon
zerstörerische Selbstwertprobleme haben. Hypervigilanz ≠ Empathie Ich werde hier
den Mythos der „Empathinnen“ besonders herauspicken, weil deren “Empathie” oft
nach etwas klingt was ich selbst auch an mir erlebe und so gar keine Superkraft
ist. Viele Menschen mit Traumafolgestörungen (etwa durch Missbrauch, Mobbing
oder Vernachlässigung in der Kindheit) entwickeln Hypervigilanz: eine erhöhte
Wachsamkeit, die den Raum nach Bedrohungen abscannt. „Wer könnte mich verletzen?
Wer ist gefährlich? Wendet sich das Blatt gegen mich in dieser Unterhaltung?“
Das ist kein Einfühlungsvermögen. Das ist Überlebensstrategie. Echte Empathie
bedeutet, die Gefühle anderer nachzuvollziehen und nicht, die Umgebung zu
scannen, um die eigene Sicherheit zu prüfen. Hypervigilante Menschen (also auch
ich) sind oft so mit der eigenen Angst beschäftigt, dass sie kaum Kapazität für
echte Empathie haben. Im Gegenteil: Sie projizieren ihre Ängste auf andere und
liegen dabei häufig falsch. Hypervirgilanz ist auch keine kognitive Empathie.
Wenn ich einen Raum betrete und sofort „lese“, wer „gefährlich“ aussieht, dann
ist das keine Gabe. Das ist mein Gehirn, das alte Muster abgleicht: „Der guckt
so, wie mein Vater immer geguckt hat, bevor er mich niederbrüllte.“ „Die Stimme
klang grad wie die einer meiner Mobberinnen.“ Es sind in den allermeisten Fällen
keine bewussten Schlüsse, sondern konditionierte Panikreaktionen. Ein
verängstigtes Kind in mir erkennt „Bedrohungen“, die oft gar nicht existieren.
Echte kognitve Empathie erfordert Reflexion: „Wenn ich in ihrer Situation wäre,
wie würde ich mich fühlen?“, “Warum könnte die Person wütend geworden sein?”,
“Was könnte an meiner Aussage so beleidigend gewesen sein?”. Hypervigilanz fragt
nicht. Sie reagiert. Sie sortiert Menschen in „sicher“ und „gefährlich“, ohne zu
verstehen, warum jemand so guckt oder spricht. Und vor allem: Sie blockiert
emotionale Empathie (bei mir zumindest) komplett. Wenn ich in diesem Modus bin,
bin ich so mit meiner eigenen Angst beschäftigt, dass ich die Gefühle anderer
gar nicht wahrnehmen kann. Ironischerweise sind es oft gerade die, die sich als
„hoch empathisch“ bezeichnen, die in Wahrheit überfordert sind. Vielleicht
nehmen sie zu viele Reize wahr (Hochsensibilität), vielleicht sind sie selbst
hypervigilant, aber das macht sie mitnichten zu besonders einfühlenden Leuten.
Eher zu Menschen, deren Filter überlastet ist, was kein Verbrechen ist, aber
eben auch keine besondere Kraft. Echte Empathie hingegen erlebe ich bei
Menschen, die entspannt in sich ruhen, die nicht ständig auf der Hut sind, nicht
sehr schnell überfordert sind, sondern einfach da sein können. Krankheiten sind
keine Geschenke Psychische Erkrankungen können biologisch bedingt sein,
genetisch vererbt oder durch Traumata ausgelöst, oft eine Mischung aus
verschiedenen Ursachen. Man kann nichts dafür, dass man sie hat. Aber man sollte
auch nicht so tun, als wären sie erstrebenswert. Denn das verniedlicht echtes
Leid. Die beste Rache ist ein glückliches Leben, jeder darf natürlich jeden
Vorteil der Störung, Krankheit oder Neurodivergenz nutzen. Aber das bedeutet
nicht, das Leid, das einem zugefügt wurde (oft schon im frühen Kindesalter, oder
völlig sinnfrei durch Genetik), als „Superkraft“ umzudeuten. Es bedeutet, das
Beste aus einer schwierigen Situation zu machen, ohne sie zu verklären. Und ohne
sich selbst quasi zu einem Übermenschen zu erklären, so was macht nur einsam.