Auch bei der Zeitmaschine ist die Betriebsanleitung wichtig
Extracted von RR Haywood beginnt unvermittelt, als die drei Hauptfiguren aus ihren Leben gerissen werden. Ben Ryder ist ein Ermittler für eine Versicherung, der in der Londoner U-Bahn in einen Anschlag gerät und sich den Attentätern entgegenstellt. Safa Patel bewacht als polizeiliche Personenschützerin den britischen Premierminister. Sie muss sich als Dank für diese Arbeit von dem Regierungsmann sexuell belästigen lassen und rettet ihm allem zum Trotz bei einem terroristischen Angriff das Leben. «Mad» Harry Madden ist ein britischer Elitesoldat, der im Zweiten Weltkrieg in Norwegen fast im Alleingang gegen die deutschen Besatzer kämpft.
Ist das das Licht, das einem hätte aufgehen sollen?
Was den dreien in dieser bislang nicht auf Deutsch erschienenen Trilogie widerfährt, ist eine sogenannte Extraktion. Im ursprünglichen Zeitgeschehen starben alle drei während ihrer Heldentaten. Doch in der neuen, unerwarteten Realität wurden sie im letzten Moment aus der Gegenwart in die Kreidezeit transportiert. Umgeben von Dinosauriern, müssen sie sich einer neuen Aufgabe stellen. Die Zeitmaschine, der sie ihr Leben verdanken, führte auch zur Zerstörung der Zivilisation in der nahen Zukunft. Roland, der die «Extraktion» anordnete, hält sie für die richtigen und einzigen Menschen, dieses Unheil abzuwenden.
Der Held fühlt sich entwurzelt
Hartes Training soll die drei auf diese Herausforderung vorbereiten. Doch Ben Ryder sieht keinen Sinn darin. Er wird angesichts des Verlusts seines alten Lebens und seiner Verlobten depressiv. Seine Genesung zieht sich hin. Zwei andere Hauptfiguren wollen Hilfe holen, indem sie einen Arzt von dessen Jacht extrahieren, während dieser in suizidaler Absicht durch einen Sturm fährt. Der Arzt, Doktor Watson, kann gerettet werden, doch Safa und «Mad» Harry sterben. Das rüttelt Ben auf. Er entscheidet sich, seinem Gefährten beizuspringen und sie ihrerseits kurz vor ihrem Tod zu extrahieren.
Ich entschuldige mich für die Spoiler. Aber sie sind notwendig, weil hier eine Frage angesprochen werden muss, die sich bei Zeitreisegeschichten zwingend stellt. Nämlich: Warum zum Teufel macht hier niemand das Naheliegende?
Der schlagende Vorteil einer Zeitmaschine besteht darin, dass Rückblenden nicht bloss ein stilistisches Mittel, sondern ein integraler Bestandteil der Handlung sind. Sie erlaubt es den Protagonisten, den optimalen Zeitpunkt für eine Extraktion oder eine beliebige andere Aktion zu wählen. Der besoffene Arzt muss nicht von einer sinkenden Jacht geholt werden. Man könnte ihn auch abfangen, ohne dass jemand nasse Füsse bekommt – nämlich, bevor er mit seinem Schiff den Hafen verlässt.
Verantwortungslos ist nur der Vorname
Zugegeben: Bei der Extraktion von Ben, Safa und Harry war der Zeitpunkt vorgegeben: Sie mussten jene Heldentaten begehen, die sie mit ihrem Leben bezahlten. Sonst hätten sie nicht den Heldenstatus erlangt, der für die künftigen Aufgaben notwendig ist. Abgesehen davon, dass ihre letzten Handlungen passieren mussten, weil sie den Lauf der Geschichte massgeblich prägten.
Wie gefährlich Veränderungen der Zeitleiste sind, bringt RR Haywood in seiner Geschichte zur Sprache. Seine drei Protagonisten kümmert das wenig. Sie verhalten sich maximal verantwortungslos, indem sie die Möglichkeiten der Maschine erkunden. Sie reisen erst ins Paris des 19. Jahrhunderts, als der Eiffelturm errichtet wird, und führen sich dort noch einigermassen gesittet auf. Doch mit der Selbstbeherrschung ist es bei der nächsten Station vorbei. In Rio de Janeiro während des Karnevals zur Jahrtausendwende lässt sogar der vorsichtige Roland die Sau raus.
Offensichtlichen Konsequenzen hat das keine. Als Leserinnen und Leser fragen wir uns, ob sich der Autor nicht mehr Gedanken zur Bedienungsanleitung dieser Maschine hätte machen müssen. Dieses Gefühl verstärkt sich während der Lektüre. Die Mechanik des Zeitgeschehens und die logischen Aspekte des Themas bleiben im Vagen.
Bloss ein Teaser für den zweiten Teil
Und überhaupt: Am Ende des Buches hat sich kaum etwas ereignet, was dem übergeordneten Handlungsstrang Bedeutung verleihen würde. Das einzige, was wir erfahren, ist – Achtung, ein weiterer Spoiler! – dass Bens Ex-Freundin ihn betrogen und nach seinem Tod in der Original-Zeitlinie an die Medien verraten hat.
Das ist für meinen Geschmack zu dünn: Geschichten müssen selbst als Teil einer Serie in sich geschlossen sein. Bei «Extracted» beschleicht uns das Gefühl, dass es bloss darum ging, uns den nächsten Teil schmackhaft zu machen.
Kein Licht am Ende der Fahnenstange (oder so ähnlich).
Das ist Executed: Der zweite Teil der Trilogie beginnt mit einem nicht enden wollenden Action-Spektakel, dessen Sinn sich vorerst nicht erschliesst. Es gibt eine zweite Fraktion, die ebenfalls Interesse an der Zeitmaschine zeigt. Doch auch nach einem Dutzend Kapiteln haben sich die Fronten kaum geklärt. Wer kämpft hier gegen wen?
Für die zwischenmenschlichen Interaktionen, die mich während des ersten Teils bei der Stange hielten, wirken im zweiten Teil ermüdend. Erst kommen sie aufgrund des Kampfgetümmels nicht zum Zug. Danach werden sie überstrapaziert, weil RR Haywood zwei neue Hauptfiguren ins Spiel bringt, Miri und «Tango Two», deren Name wir später erfahren (Emily Rose). Der Sinn und Zweck des neuen Personals erschliessen sich nicht, weil die Handlung weiterhin an der Stelle tritt. Eine der Nebenfiguren aus dem ersten Buch rückt ins Zentrum des Geschehens: Roland, respektive dessen Sohn, ist für die Zeitmaschine verantwortlich. Doch diese Erkenntnis hilft den Leserinnen und Lesern auf der Suche nach dem roten Faden leider nicht wirklich weiter.
Die Zeitmaschine ist bloss ein Gadget
Und klar, es ist die Entscheidung des Autors, wie lange er sein Verwirrspiel treibt. Meine Geduld ist endlich. Wenn ich beim Stochern im Nebel nach zwei Büchern den Eindruck habe, dass die Szene bloss durch einige willkürlich platzierte Möbelstücke aus dem erzählerischen Brockhaus bestückt wurde, ist es klar, dass ich mir den dritten Teil (Extinct) schenken werde. Der Autor scheint nicht gewillt, das Potenzial des Genres auszureizen. Vermutlich war er von den Dimensionen seines Projekts überfordert: Das erste Buch fühlt sich an wie ein Exposé, dem im zweiten Buch ein weiteres Exposé hinterhergeschoben wurde. Als hätte sich der Autor fälschlicherweise gedacht, ihm falle während des Schreibens die Geschichte ein.
Wie hätte es laufen müssen? Zeitreisegeschichten sind eine Steilvorlage, den Lauf der Dinge nicht als zwingend zu betrachten, sondern in schönen und schlimmen Szenarien zu denken. Der Autor kann, nein, er muss einen modernen Blick auf die Vergangenheit der Menschheit werfen, und er sollte der Versuchung nachgeben, Leserinnen und Leser in abgefahrene Verwirrspiele von umgedrehter Kausalität zu verwickeln.
Zeitreisegeschichten können viele Facetten annehmen. Und nein, eine Reise zu Jesus’ Geburt ist nicht unvermeidlich. Die Kreuzigung muss nicht in jedem Fall verhindert werden, genauso wenig, wie es zwingend ist, Adolf Hitler in der Krippe zu erwürgen. Aber irgendeine Facette sollte zutage treten, wenn sich der Autor das Recht herausnimmt, den Zwang zur Linearität zu brechen. Doch Haywood beschränkt sich darauf, weiterhin irgendwo in der Historie verlorene Leute zurückzubringen.
Darum leider eine grosse Enttäuschung. Diese Story hätte vielleicht als simpler Abenteuerroman oder als Military-Fiction funktioniert, aber für Fans raffinierter, verwickelter Zeitreisen funktioniert diese Trilogie nicht.
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Beitragsbild: Bevor die Zeitmaschine in Betrieb genommen werden kann, muss das Band mit dem linearen Ablauf der Geschichte an die richtige Stelle gedreht werden (Annie Spratt, Unsplash-Lizenz).
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