Von Gregor Olm, mit Zeichnungen von Thomas Leibe

#Satire #Humor #Spass #China #Gesellschaftskritik

Ein trauriger Tag - #JürgenHabermas, einer der wirkmächtigsten Philosophen und Soziologen unserer Zeit, ist im Alter von 96 Jahren von uns gegangen. Wir verneigen uns in großem Respekt vor ihm und seinem Werk. R.I.P.

https://www.tagesschau.de/inland/nachruf-habermas-100.html

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Jürgen Habermas gestorben

Eine der einflussreichsten und bedeutendsten Stimmen Deutschlands ist verstummt: Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas ist im Alter von 96 Jahren in Starnberg gestorben.

tagesschau.de

Zwischen Billett und Menschlichkeit – Eine Zugbegegnung

«Das ist nicht dein Zug, Bitch!» brüllt er so laut, dass es alle im Abteil hören. Doch der Zugbegleiter bleibt unbeirrbar: «Ohne Billett, keine Fahrt. Steigen Sie jetzt aus!»

Die Eskalation kommt unerwartet plötzlich. Dann fällt er wieder in sich zusammen und steigt so aus, wie er zuvor auf seinem Platz gesessen hatte: ruhig.

Die Schultern gebeugt, die Hände in die Jackentaschen geflüchtet, als liesse sich dort ein kleines bisschen Verständnis finden.

Er heisse Anis, sagte er kurz zuvor dem Mann, der ihm gegenüber im Abteil sass und ihn danach gefragt hatte.

«Ich heisse Corrado!» antwortete dieser.

Der Mann namens Corrado hatte das Gespräch mit Anis gesucht, da war der Zug noch nicht einmal aus dem Hauptbahnhof gefahren.

Und wir Mitreisende wurden unweigerlich mit hineingezogen, weil Corrados Stimme so ist wie sein Bauch: mächtig und voluminös – und der ICE nach Milano um 16 Uhr wie Corrados Hemd: bis auf den letzten Zentimeter prall gefüllt.

Die Kontrolle

Kurz nach der Abfahrt aus Zürich kontrollierte der Zugbegleiter die Tickets. Die geübten Pendler:innen schalteten trotz Kopfhörer rasch, denn jede Abweichung im sonst so monotonen Pendleralltag wird diskret observiert. So auch hier:

«Signore, ich sage es Ihnen zum dritten Mal: Das ist kein Billett. Ohne Billett können Sie nicht mitfahren. Beim nächsten Halt steigen Sie aus.»

Der Zugbegleiter findet kein Pardon und keine weiteren Worte.

Was hätten wir auch sagen sollen?

Jetzt, nachdem Anis ausgestiegen ist, sitzt nur noch Corrado im Abteil. Er sieht aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Seine Augen sind so blau wie die Schattenseiten der Berge, die dem fernen Horizont eine zerklüftete Struktur geben.

Während der Zug langsam den Bahnhof verlässt, verliert sich Corrados Blick in seinen Gedanken.

Nur gelegentlich ist ein tiefes Seufzen zu hören, sonst ist es still im Zug. Niemand sagt etwas. Was hätten wir auch sagen sollen?

Kein Zuspruch, keine Antwort

Corrados Bauch hebt und senkt sich nun in rascher Abfolge, fast so schnell wie vor den Fenstern die Strommasten vorbeiziehen.

Abwechselnd fährt sich der Mann mit der Hand über das Gesicht oder schaut zur Decke hoch, als fände er dort eine Antwort oder einen Zuspruch.

Und er spricht wieder, doch jetzt leise und zu sich selbst. Bis nach Arth-Goldau tut er das.

Es ist, als würde er sich schämen oder verzweifeln, oder beides zugleich.

Szenarios

Vielleicht hat er frühmorgens die Nachrichten gelesen; davon, wie die erbarmungslose amerikanische Immigrationsbehörde migrantisch aussehenden Menschen nachstellt und sie in überfüllte Zellen steckt, und sein Herz hat sich dabei ganz klein in seiner grossen Brust gemacht.

Oder er spürt seit langem wie die Stimmung in unserem Land gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe, anderer Sprache, anderem Aussehen kippt.

Oder war sie je freundlicher?

Möglicherweise hat er auch selbst eine Migrationsgeschichte, trägt sie so tief in sich, dass andere sie nicht mehr sehen. Die Jahre haben sie ausgewaschen, doch er erinnert sich und vergisst sie nie.

(K)ein bisschen Zug-Drama

Anis hat dichte, dunkle Haare und haselnussbraune Haut. Seine Augen liegen in tiefen Höhlen und sehen aus wie die eines Waschbären, oder als hätte er sich geprügelt: dunkelbraun, schwärzlich umrahmt.

Vermutlich ist es eher Schlaflosigkeit.

Er trägt schmuddelige Kleidung: eine zerknitterte Windjacke – viel zu dünn für diese Jahreszeit –, Sneaker und eine graue Trainingshose. Trug er einen Rucksack?

Sie sprachen über Italien und Nordafrika. Corrado verkündete in dröhnendem Bariton, wie die Kolonialisierung ja eigentlich dafür gesorgt habe, dass Marokko auf eine Art europäisch sei – mehr zumindest als afrikanisch.

Sie seien damit quasi Verwandte, oder Freunde, sicher.

Keiner der Mitreisenden mag widersprechen, nur lauschen. In welche diffizilen Gesprächsecken sich dieser intensiv nach Paco Rabanne riechende Mensch wohl noch hineinmanövrieren wird?

Ein Name – Anis

Doch von Anis hört man kaum etwas, seine Stimme ist so leise wie ein Traum. Nur seinen Namen, den hören wir alle.

Corrado fragte ihn danach kurz vor dem Bahnhof, an dem er aussteigen muss. «Anis.» sagt er, «Ich heisse Anis.» – «Ich bin Corrado!»

Anis sagt seinen Namen laut und deutlich. Ist es das einzige in seinem Leben, dass ihm noch sicher scheint?

Sie geben sich die Hände – der Ältere mit Nachdruck und einem Blick wie eine Umarmung.

Der Jüngere zögerlich, beinahe im Sitz verschwindend, so schmal und unscheinbar ist er.

Bedrückende, erinnernde Menschlichkeit

Vielleicht ist es die Menschlichkeit, die alle bedrückt – jetzt, wo der ticketlose Passagier nicht mehr mit uns im gleichen Zug sitzt und nur noch Corrados Seufzen an sie erinnert.

Oder ist es vielmehr ihr Nachhall, der uns an eine andere, anteilnehmendere Welt erinnert

– und sacht, aber nachdrücklich an unsere eigene Passivität?

Und die Ohnmacht, die bedrückt auch. Sie scheint nun auf Corrados Brust zu hocken, als hätte sie den Platz mit Anis getauscht.

Oder Anis‘ Wut, diese empfundene Ungerechtigkeit, die aus ihm herausbricht wie ein Vulkan, und die nicht ganz fair ist, zumindest nicht gegenüber dem Zugbegleiter und uns, seinen Mitmenschen.

Duell am Gleis

Als dieser ihn bei der Einfahrt in den Bahnhof auffordert aufzustehen, folgt er gehorsam, den Kopf zwischen den Schultern eingezogen, als fehlte ihm der Hals.

Dann leisten sie sich einen kurzen Schlagabtausch, ein Duell in schlechtem Englisch und besserem Französisch mit italienischem Akzent.

Anis mit einem Fuss auf dem Perron, mit einem im Zug, der Zugbegleiter mit beiden Armen den Ein- und Ausgang verwehrend und so stoisch wie die Bundesbahn.

Das «Bitch» ist ein letztes Aufbäumen vor der endgültigen Niederlage und der grösste Kontrast in seinem ambivalenten Leben.

Eigentlich ist es klar und tragisch zugleich

Jetzt fahren die Gleichzeitigkeit des Moments, der kürzlichen Vergangenheit und der möglichen Zukunft, mit uns im Intercity weiter Richtung Süden.

Corrado stillbetet immer noch vor sich hin, die blauen Augen blinzeln menschenschwer hinter der schwarzen Brille hervor.

Alle wissen, dass Anis den nächsten Zug nehmen wird, irgendwohin, wieder ohne Fahrkarte.

Alle wissen, dass der nächste Zugbegleiter, die nächste Zugbegleiterin ihn wieder aus dem Zug werfen wird – dieses Mal vielleicht mit einer Busse.

Einer Busse, die er nicht bezahlen kann (oder will) und die zu seiner Strafakte dazu gerechnet wird, die er vielleicht jetzt gerade noch nicht hat, aber ziemlich sicher bald haben wird…

Alle wissen

Alle wissen, dass er erst wieder still sein wird, und dann laut und dann entmutigt, dann blossgestellt und letztendlich unfair, zornig, gar gewalttätig?

Und alle wissen, dass es nicht viele Corrados gibt, die sich trotz all diesem Wissen auf so eine Begegnung einlassen werden, aber dass diese wichtig, so wichtig wären, denn sie gäben Anis die Chance, immer wieder der Menschlichkeit zu begegnen, anstelle der starren schweizerischen Bürokratie.

Vielleicht hälfen sie ihm, sich schneller einzufinden, schneller weniger fremd zu sein, schneller anzukommen, dort, wo er wirklich hin passt und dort, wo es ihn braucht.

Zugunglück

Es bleibt still im Zug, als wäre ein Unglück geschehen (und vielleicht ist es das ja auch). Gefühlsknäuel sitzen auf den freien Plätzen, während der Zugbegleiter eine neue Kontrollrunde dreht.

Wir meiden seinen Blick, auch wenn wir alle ahnen, dass er fairer war, als es die meisten seiner Berufskolleg:innen an seiner Stelle gewesen wären.

Unser Zug wird zu einem Rädchen in diesem System, dass auf Solidarität beruht und auf der Ehrlichkeit der Einzelnen.

Es trägt, solange es von der Mehrheit getragen wird und erträgt sogar eine gewisse Abweichung.

Doch so komplex wie die Lebensgeschichten, die tagtäglich von Bern nach Lausanne, von Chur nach Pfäffikon pendeln, so komplex ist auch die Realität.

Es gibt Menschen, die dreist die Solidarität der Mehrheit ausnutzen.

Nicht alle haben die Möglichkeit mitzureisen (zum Beispiel viele Menschen mit Behinderungen, armutsbetroffene oder alte Menschen).

Die Regeln für ein geordnetes Miteinander werden von Verantwortlichen meistens unnachgiebig durchgesetzt – es gibt kaum Spielraum für Individualität in einer Welt, die für möglichst viele gerecht sein sollte.

Weiterfahrt und Scham

Die Fahrt geht weiter. Alle hängen ihren Gedanken nach oder tippen zusammenhangslos auf den Notebooks, jemand telefoniert.

Jetzt ist es wieder die Anonymität, die uns eint, nicht die Neugier, der Voyeurismus oder das Drama, –  und eine scharfschneidende Tatsache:

Es gibt tausende Anis’ und wenige Corrados, und letzteres beschämt uns – mich – mehr.

 

Sarah Staub ist Pfarrerin in der evangelisch-methodistischen Rosenbergkapelle in Wädenswil, veröffentlicht bei RefLab in loser Folge Artikel und podcastet einmal monatlich mit Leela Sutter bei «Holy Embodied».

 

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* 1.2.4 – Der stille Zwang *
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Kontrolle erreicht ihre stabilste Form dort, wo sie nicht mehr als Eingriff erscheint. Solange Zwang sichtbar ist, erzeugt er Reibung: Widerstand, Umgehung, Solidarität gegen den Druck. Der stille Zwang arbeitet anders. Er setzt nicht auf Verbote, sondern auf Pfade. Er zwingt nicht durch eine Wand, sondern durch eine Landschaft, in der manche Wege immer steiler werden, bis nur noch der gewünschte Weg bequem bleibt.

Dieser Zwang entsteht aus der Summe kleiner Bedingungen. Jede einzelne wirkt rational: eine Frist, ein Nachweis, ein Abzug, eine Priorisierung, eine Sperre, eine Umleitung. Keine davon muss als Strafe benannt werden. Im Gegenteil: Sie werden als Standard verkauft, als Fairness, als Gleichbehandlung. Doch genau die Standardisierung verschleiert den Kern. Wer Standard setzt, setzt Normalität. Und wer Normalität setzt, definiert Abweichung. Damit wird Zwang zur Logik des Alltags, nicht zur Ausnahme.

Stiller Zwang funktioniert vor allem über Zeit. Zeit ist die universellste knappe Ressource, weil sie nicht nachproduziert werden kann. Wer Menschen Zeit nimmt, nimmt ihnen Handlungsspielraum, ohne sichtbar zu nehmen. Wartezeiten, verlängerte Wege, zusätzliche Termine, wiederholte Prüfungen: all das wirkt zunächst wie Bürokratie. In Wahrheit ist es eine Disziplinartechnik. Sie selektiert, wer durchhält, wer aufgibt, wer sich fügt. Und sie tut es, ohne jemals den Anschein von Gewalt zu erwecken.

In dieser Struktur werden Entscheidungen nicht mehr als Zwang erlebt, sondern als Wahl zwischen schlechten Optionen. Das ist entscheidend, weil es die Verantwortung erneut verschiebt. Wer sich fügt, kann sich sagen, er habe gewählt. Wer scheitert, kann das Scheitern sich selbst zuschreiben. Der stille Zwang ist damit nicht nur ein äußerer Druck, sondern ein innerer Mechanismus der Selbstzuschreibung. Er erzeugt die Illusion von Autonomie, während er die Parameter der Autonomie festlegt.

Ein Beispiel: Eine Person möchte aus einem belastenden Arbeitsbereich wechseln. Formal ist das möglich. Praktisch wird es an Bedingungen geknüpft: zusätzliche Qualifikationsnachweise, Wartefristen, eine Prioritätseinstufung, die erst nach vollständigem Ausgleich früherer Verpflichtungen greift. Gleichzeitig wird die aktuelle Zuteilung mit kleinen Anreizen stabilisiert: ein Bonuskontingent, ein schnellerer Zugang zu bestimmten Leistungen, ein besserer Status im Register. Nichts davon zwingt unmittelbar. Aber die Summe formt eine Entscheidung, die sich wie Vernunft anfühlt: bleiben, durchhalten, nicht auffallen.

So entsteht eine Gesellschaft, in der Anpassung nicht mehr als Unterwerfung gilt, sondern als Kompetenz. Wer sich im System bewegt, lernt, seine Wünsche in Anträge zu übersetzen, seine Not in Nachweise, seine Zeit in Fristen. Sprache wird zu Verwaltungssprache, Hoffnung zu Prozess. Und während alles formal offen bleibt, wird es faktisch eng. Der stille Zwang ist damit nicht die Abwesenheit von Gewalt, sondern ihre Verfeinerung: eine Ordnung, die nicht mehr schlagen muss, weil sie Wege so legt, dass Menschen sich selbst dorthin tragen, wo sie gebraucht werden.
#DieHoelle

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2/2

Das Register benötigt keine flächendeckende Gewalt, weil es mit Zukunft arbeitet. Es erzeugt Erwartungen und Drohungen, ohne sie auszusprechen. Wer im Register gut steht, erhält kleine Vorteile: kürzere Wege, schnellere Genehmigungen, weichere Kontrollen. Wer schlecht steht, verliert Zeit, verliert Optionen, verliert Spielraum. Der Alltag wird damit zur permanenten Rückkopplungsschleife: Verhalten beeinflusst den Eintrag, der Eintrag beeinflusst den Zugang, der Zugang beeinflusst das Verhalten. Kontrolle wird nicht mehr von außen angelegt, sie wird zu einem Kreislauf.

Ein Beispiel: Zwei Haushalte beantragen dieselbe Unterstützung. Beim ersten Haushalt verläuft der Prozess reibungslos, die Bearbeitung ist schnell, Rückfragen bleiben aus. Beim zweiten Haushalt häufen sich kleine Verzögerungen: zusätzliche Nachweise, erneute Prüfungen, Terminverschiebungen. Offiziell ist das Zufall oder Routine. In der Praxis ist es eine Folge von Markierungen: ein früherer Vorschuss, eine verspätete Rückzahlung, eine Abweichung im Arbeitsnachweis. Das Register „erinnert“ sich. Nicht als Person, nicht als Rache, sondern als Status. Genau darin liegt seine Kälte. Es muss nicht wollen, es muss nur fortschreiben.

Mit dem Register wird schließlich auch Kritik schwieriger. Wer eine Entscheidung anfechten will, trifft auf Prozesse, nicht auf Verantwortliche. Das System zeigt nicht sein Gesicht, sondern seine Daten. Jede Beschwerde wird zur Frage, ob die Akte korrekt geführt wurde, nicht ob die zugrunde liegende Ordnung gerecht ist. Damit verschiebt sich Politik in Verwaltung. Und Verwaltung, einmal als neutrale Notwendigkeit akzeptiert, ist die stabilste Form der Macht: Sie lässt sich korrigieren, ohne sich jemals in Frage stellen zu müssen.
#DieHoelle

#Gesellschaftskritik #Kapitalismus #Ungleichheit
#Schuld #Konsum #Kontrolle #Systemkritik

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* 1.2.3 – Das Register * 1/2
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Kontrolle wird selten als Kontrolle eingeführt. Sie wird als Übersicht eingeführt. Als Ordnung der Daten, als Pflege der Bestände, als notwendige Transparenz in einer knappen Welt. Ein Register wirkt zunächst wie ein neutrales Instrument: eine Liste, ein System, das festhält, wer was erhalten hat, wer was schuldet, wer welche Priorität besitzt. Doch genau diese Neutralität ist die Tarnung. Denn ein Register ist nicht nur Gedächtnis. Es ist eine Architektur, die Handlungen in Spuren verwandelt und Spuren in Bewertungen.

Mit dem Register entsteht eine neue Form von Macht: die Macht, Verhalten nicht im Moment zu bestrafen, sondern dauerhaft zu markieren. Sanktion wird dadurch weniger spektakulär, aber wirksamer. Wer einmal als Risiko gilt, wird nicht unbedingt offen ausgeschlossen. Er wird verzögert, umgeleitet, nach hinten gereiht. Die Grenze verläuft nicht mehr zwischen erlaubt und verboten, sondern zwischen schnell und langsam, zwischen Zugang und Wartezeit, zwischen Sichtbarkeit und Ignoriertwerden. Das Register macht diese Unterschiede reproduzierbar, weil es sie als Ergebnis von Daten ausgibt, nicht als Entscheidung von Menschen.

Damit verändert sich auch die Psychologie des Alltags. Wenn jede Hilfe, jede Abweichung, jede Verzögerung in eine Akte übergeht, wird Verhalten vorsichtig. Menschen beginnen, nicht nur nach Bedürfnissen zu handeln, sondern nach Aktenlage. Sie kalkulieren nicht mehr nur Ressourcen, sondern Einträge. Selbst wer nichts zu verbergen hat, entwickelt eine Form von Selbstzensur, weil die Kategorien des Registers unklar bleiben. Entscheidend ist dabei nicht, ob das Register gerecht ist, sondern ob es undurchschaubar ist. Wo Regeln nicht verständlich sind, wird Konformität zur sichersten Strategie.
#DieHoelle

#Gesellschaftskritik #Kapitalismus #Ungleichheit
#Schuld #Konsum #Kontrolle #Systemkritik