Zwischen Billett und Menschlichkeit – Eine Zugbegegnung
«Das ist nicht dein Zug, Bitch!» brüllt er so laut, dass es alle im Abteil hören. Doch der Zugbegleiter bleibt unbeirrbar: «Ohne Billett, keine Fahrt. Steigen Sie jetzt aus!»
Die Eskalation kommt unerwartet plötzlich. Dann fällt er wieder in sich zusammen und steigt so aus, wie er zuvor auf seinem Platz gesessen hatte: ruhig.
Die Schultern gebeugt, die Hände in die Jackentaschen geflüchtet, als liesse sich dort ein kleines bisschen Verständnis finden.
Er heisse Anis, sagte er kurz zuvor dem Mann, der ihm gegenüber im Abteil sass und ihn danach gefragt hatte.
«Ich heisse Corrado!» antwortete dieser.
Der Mann namens Corrado hatte das Gespräch mit Anis gesucht, da war der Zug noch nicht einmal aus dem Hauptbahnhof gefahren.
Und wir Mitreisende wurden unweigerlich mit hineingezogen, weil Corrados Stimme so ist wie sein Bauch: mächtig und voluminös – und der ICE nach Milano um 16 Uhr wie Corrados Hemd: bis auf den letzten Zentimeter prall gefüllt.
Die Kontrolle
Kurz nach der Abfahrt aus Zürich kontrollierte der Zugbegleiter die Tickets. Die geübten Pendler:innen schalteten trotz Kopfhörer rasch, denn jede Abweichung im sonst so monotonen Pendleralltag wird diskret observiert. So auch hier:
«Signore, ich sage es Ihnen zum dritten Mal: Das ist kein Billett. Ohne Billett können Sie nicht mitfahren. Beim nächsten Halt steigen Sie aus.»
Der Zugbegleiter findet kein Pardon und keine weiteren Worte.
Was hätten wir auch sagen sollen?
Jetzt, nachdem Anis ausgestiegen ist, sitzt nur noch Corrado im Abteil. Er sieht aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Seine Augen sind so blau wie die Schattenseiten der Berge, die dem fernen Horizont eine zerklüftete Struktur geben.
Während der Zug langsam den Bahnhof verlässt, verliert sich Corrados Blick in seinen Gedanken.
Nur gelegentlich ist ein tiefes Seufzen zu hören, sonst ist es still im Zug. Niemand sagt etwas. Was hätten wir auch sagen sollen?
Kein Zuspruch, keine Antwort
Corrados Bauch hebt und senkt sich nun in rascher Abfolge, fast so schnell wie vor den Fenstern die Strommasten vorbeiziehen.
Abwechselnd fährt sich der Mann mit der Hand über das Gesicht oder schaut zur Decke hoch, als fände er dort eine Antwort oder einen Zuspruch.
Und er spricht wieder, doch jetzt leise und zu sich selbst. Bis nach Arth-Goldau tut er das.
Es ist, als würde er sich schämen oder verzweifeln, oder beides zugleich.
Szenarios
Vielleicht hat er frühmorgens die Nachrichten gelesen; davon, wie die erbarmungslose amerikanische Immigrationsbehörde migrantisch aussehenden Menschen nachstellt und sie in überfüllte Zellen steckt, und sein Herz hat sich dabei ganz klein in seiner grossen Brust gemacht.
Oder er spürt seit langem wie die Stimmung in unserem Land gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe, anderer Sprache, anderem Aussehen kippt.
Oder war sie je freundlicher?
Möglicherweise hat er auch selbst eine Migrationsgeschichte, trägt sie so tief in sich, dass andere sie nicht mehr sehen. Die Jahre haben sie ausgewaschen, doch er erinnert sich und vergisst sie nie.
(K)ein bisschen Zug-Drama
Anis hat dichte, dunkle Haare und haselnussbraune Haut. Seine Augen liegen in tiefen Höhlen und sehen aus wie die eines Waschbären, oder als hätte er sich geprügelt: dunkelbraun, schwärzlich umrahmt.
Vermutlich ist es eher Schlaflosigkeit.
Er trägt schmuddelige Kleidung: eine zerknitterte Windjacke – viel zu dünn für diese Jahreszeit –, Sneaker und eine graue Trainingshose. Trug er einen Rucksack?
Sie sprachen über Italien und Nordafrika. Corrado verkündete in dröhnendem Bariton, wie die Kolonialisierung ja eigentlich dafür gesorgt habe, dass Marokko auf eine Art europäisch sei – mehr zumindest als afrikanisch.
Sie seien damit quasi Verwandte, oder Freunde, sicher.
Keiner der Mitreisenden mag widersprechen, nur lauschen. In welche diffizilen Gesprächsecken sich dieser intensiv nach Paco Rabanne riechende Mensch wohl noch hineinmanövrieren wird?
Ein Name – Anis
Doch von Anis hört man kaum etwas, seine Stimme ist so leise wie ein Traum. Nur seinen Namen, den hören wir alle.
Corrado fragte ihn danach kurz vor dem Bahnhof, an dem er aussteigen muss. «Anis.» sagt er, «Ich heisse Anis.» – «Ich bin Corrado!»
Anis sagt seinen Namen laut und deutlich. Ist es das einzige in seinem Leben, dass ihm noch sicher scheint?
Sie geben sich die Hände – der Ältere mit Nachdruck und einem Blick wie eine Umarmung.
Der Jüngere zögerlich, beinahe im Sitz verschwindend, so schmal und unscheinbar ist er.
Bedrückende, erinnernde Menschlichkeit
Vielleicht ist es die Menschlichkeit, die alle bedrückt – jetzt, wo der ticketlose Passagier nicht mehr mit uns im gleichen Zug sitzt und nur noch Corrados Seufzen an sie erinnert.
Oder ist es vielmehr ihr Nachhall, der uns an eine andere, anteilnehmendere Welt erinnert
– und sacht, aber nachdrücklich an unsere eigene Passivität?
Und die Ohnmacht, die bedrückt auch. Sie scheint nun auf Corrados Brust zu hocken, als hätte sie den Platz mit Anis getauscht.
Oder Anis‘ Wut, diese empfundene Ungerechtigkeit, die aus ihm herausbricht wie ein Vulkan, und die nicht ganz fair ist, zumindest nicht gegenüber dem Zugbegleiter und uns, seinen Mitmenschen.
Duell am Gleis
Als dieser ihn bei der Einfahrt in den Bahnhof auffordert aufzustehen, folgt er gehorsam, den Kopf zwischen den Schultern eingezogen, als fehlte ihm der Hals.
Dann leisten sie sich einen kurzen Schlagabtausch, ein Duell in schlechtem Englisch und besserem Französisch mit italienischem Akzent.
Anis mit einem Fuss auf dem Perron, mit einem im Zug, der Zugbegleiter mit beiden Armen den Ein- und Ausgang verwehrend und so stoisch wie die Bundesbahn.
Das «Bitch» ist ein letztes Aufbäumen vor der endgültigen Niederlage und der grösste Kontrast in seinem ambivalenten Leben.
Eigentlich ist es klar und tragisch zugleich
Jetzt fahren die Gleichzeitigkeit des Moments, der kürzlichen Vergangenheit und der möglichen Zukunft, mit uns im Intercity weiter Richtung Süden.
Corrado stillbetet immer noch vor sich hin, die blauen Augen blinzeln menschenschwer hinter der schwarzen Brille hervor.
Alle wissen, dass Anis den nächsten Zug nehmen wird, irgendwohin, wieder ohne Fahrkarte.
Alle wissen, dass der nächste Zugbegleiter, die nächste Zugbegleiterin ihn wieder aus dem Zug werfen wird – dieses Mal vielleicht mit einer Busse.
Einer Busse, die er nicht bezahlen kann (oder will) und die zu seiner Strafakte dazu gerechnet wird, die er vielleicht jetzt gerade noch nicht hat, aber ziemlich sicher bald haben wird…
Alle wissen
Alle wissen, dass er erst wieder still sein wird, und dann laut und dann entmutigt, dann blossgestellt und letztendlich unfair, zornig, gar gewalttätig?
Und alle wissen, dass es nicht viele Corrados gibt, die sich trotz all diesem Wissen auf so eine Begegnung einlassen werden, aber dass diese wichtig, so wichtig wären, denn sie gäben Anis die Chance, immer wieder der Menschlichkeit zu begegnen, anstelle der starren schweizerischen Bürokratie.
Vielleicht hälfen sie ihm, sich schneller einzufinden, schneller weniger fremd zu sein, schneller anzukommen, dort, wo er wirklich hin passt und dort, wo es ihn braucht.
Zugunglück
Es bleibt still im Zug, als wäre ein Unglück geschehen (und vielleicht ist es das ja auch). Gefühlsknäuel sitzen auf den freien Plätzen, während der Zugbegleiter eine neue Kontrollrunde dreht.
Wir meiden seinen Blick, auch wenn wir alle ahnen, dass er fairer war, als es die meisten seiner Berufskolleg:innen an seiner Stelle gewesen wären.
Unser Zug wird zu einem Rädchen in diesem System, dass auf Solidarität beruht und auf der Ehrlichkeit der Einzelnen.
Es trägt, solange es von der Mehrheit getragen wird und erträgt sogar eine gewisse Abweichung.
Doch so komplex wie die Lebensgeschichten, die tagtäglich von Bern nach Lausanne, von Chur nach Pfäffikon pendeln, so komplex ist auch die Realität.
Es gibt Menschen, die dreist die Solidarität der Mehrheit ausnutzen.
Nicht alle haben die Möglichkeit mitzureisen (zum Beispiel viele Menschen mit Behinderungen, armutsbetroffene oder alte Menschen).
Die Regeln für ein geordnetes Miteinander werden von Verantwortlichen meistens unnachgiebig durchgesetzt – es gibt kaum Spielraum für Individualität in einer Welt, die für möglichst viele gerecht sein sollte.
Weiterfahrt und Scham
Die Fahrt geht weiter. Alle hängen ihren Gedanken nach oder tippen zusammenhangslos auf den Notebooks, jemand telefoniert.
Jetzt ist es wieder die Anonymität, die uns eint, nicht die Neugier, der Voyeurismus oder das Drama, – und eine scharfschneidende Tatsache:
Es gibt tausende Anis’ und wenige Corrados, und letzteres beschämt uns – mich – mehr.
Sarah Staub ist Pfarrerin in der evangelisch-methodistischen Rosenbergkapelle in Wädenswil, veröffentlicht bei RefLab in loser Folge Artikel und podcastet einmal monatlich mit Leela Sutter bei «Holy Embodied».
