Wie über Zionismus sprechen?

Deutsche Debatte über Israel: Kritik an der Ideologie, die zur Gründung Israels führte, gilt in Deutschland als heikel. Da hilft ein Blick in die USA

Kürzlich lernte ich einen älteren Israeli kennen; er hatte seine Heimat „wegen des Genozids“, wie er sagte, verlassen und bezeichnete sich als Antizionisten. Als ich ihn fragte, ob es nicht ausreiche, Post- oder Nichtzionist zu sein, erklärte er mir, all dies seien Stadien in seinem Leben gewesen, in einem viele Jahre währenden Prozess.

Der Zionismus ist Israels Staatsideologie geworden. Das definiert ihn nicht hinreichend, doch lässt sich vernünftigerweise im Jahr 2026 nicht über Zionismus sprechen unter Auslassung der gegenwärtigen israelischen Staats-, Parlaments- und Kriegspolitik. Es ergibt also Sinn, auf einen „real existierenden Zionismus“ zu fokussieren, wie es in einem Text der Linkspartei Niedersachsen heißt.

Gewiss gab es in der Frühphase des Zionismus eine Pluralität von Zielen und Werten. Die binational Denkenden hatten bedeutende Intellektuelle wie Martin Buber, doch blieben faktisch eine Minderheit ohne Einfluss. Und zwei gedankliche Elemente fanden sich mehr oder minder akzentuiert bereits in allen vorstaatlichen Strömungen: die Idee jüdischer Überlegenheit gegenüber den arabischen Einheimischen und der Traum von einem Großisrael im gesamten historischen Palästina oder darüber hinaus. Louis Brandeis, der 1941 verstorbene erste jüdische Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, wollte zum Beispiel Teile Jordaniens für den künftigen Staat Israel.

Es gibt also Linien von Kontinuität zum radikalisierten und territorial expansiven Ethnonationalismus unserer Tage, der liberalere Elemente von Zionismus abgeworfen hat wie Sandsäcke. Die Historikerin Tamar Amar-Dahl prägte dafür den Begriff „Neozionismus“.

Der Elefant im Raum

In Deutschland ignoriert man gern diesen Elefanten im Raum. Obwohl im Namen des Zionismus viel Unrecht begangen wurde, können sich nichtjüdische Deutsche problemlos zu Zionisten erklären, während selbst jüdischen Antizionisten Extremismus oder Antisemitismus unterstellt wird. Zionismuskritik oder -gegnerschaft sind heute sogar heikler als zu einer Zeit, als Israel selbst noch liberaler war. Anders gesagt: Je mehr sich Zionismus ethnokratisch zeigt, desto schwieriger wird die Kritik. Dies lässt sich nur mit deutschen Psychodynamiken erklären: Als würde es von historischer Schuld erlösen, Zionismus zu lieben.

Es ist wichtig, historische Kontextualität im Blick zu behalten. Ob der Zionismus ohne den Holocaust überlebt hätte, ist fraglich. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrachteten die meisten Juden/Jüdinnen Theodor Herzls Projekt skeptisch oder ablehnend; ohne den Aufstieg des europäischen Antisemitismus wäre der Zionismus möglicherweise in Bedeutungslosigkeit versunken, meint der Historiker Michael Brenner.

Zweifellos war Europas Kolonialpolitik Geburtshelfer des Zionismus, aber ihn ausschließlich als Siedlerkolonialismus zu erklären, ist intellektuell dürftig. Der palästinensische Philosoph Raef Zreik drückte es so aus: „Der Zionismus ist ein siedlungskoloniales Projekt, aber nicht allein das. Er verbindet das Bild des Flüchtlings mit dem Bild des Soldaten, des Ohnmächtigen mit dem Mächtigen, des Opfers mit dem Verfolger.“ Die historische Dualität anzuerkennen, rechtfertigt weder die Nakba noch die israelische Besetzung.

Der Historiker Omer Bartov spricht in seinem neuen Buch „Israel: What went wrong?“ (zu Deutsch: Israel, was ist schiefgelaufen) von einer „tragischen Transformation“ des Zionismus in eine Ideologie von Militarismus und letztlich Genozid. Wer Zionismus heute noch unterstütze, sei Komplize seiner Verbrechen. „Der Zionismus ist nicht reformierbar.

Ein neuer Bruch unter Juden und Jüdinnen

Die These ist provokativ, doch im Kontext der USA, wo Bartov lehrt, keineswegs entlegen. In der Bevölkerung hat sich zunehmend ein negatives Israelbild verbreitet, in der Wählerschaft der Demokraten bereits bei 80 Prozent, ergab eine Umfrage des Pew Research Center. Und auch unter US-Juden und US-Jüdinnen wächst Distanz zu Israel, zumal bei den Jüngeren. Viele sahen im Gazakrieg Kriegsverbrechen, manche sogar Völkermord.

Das Magazin The New Yorker beschrieb jüngst im Detail die spannungsgeladene Atmosphäre in Synagogen: „Uneinigkeit über Gaza und Zionismus zerteilt die Gemeinden.“ Die Chefredakteurin der Zeitschrift Jewish Currents, Arielle Angel, spricht von einem „epochalen Umbruch“: die Suche nach einem Judentum, das nicht mehr Israel und Zionismus zum Zentrum habe, sondern jüdische Traditionen von Gerechtigkeit. Es entstehen nichtzionistische Gebetsgruppen und Lesekreise.

Nach einer Substack-Analyse von Shaul Magid, Harvard-Professor für Jüdische Studien, ist der zionistische Konsens unter US-Juden, wie er seit 1967 bestand, zerbrochen. Gaza habe „wie ein Skalpell ins Herz des Judentums geschnitten“. Es gelte nun, „eine Postkonsensusrealität“ zu gestalten; Zionismus sei nicht am Ende, aber könne nur überleben, „wenn es Raum auch für sein Gegenteil gibt“. Wie auf einem Marktplatz jüdischer Ideen, sagt Magid.

Dies wäre ein Umbruch mit weitreichenden Konsequenzen. Denn eine wachsende politische Kluft zwischen den beiden Hauptgruppen des weltweiten Judentums, in den USA und in Israel, könnte den Rahmen für eine israelisch-palästinensische Zukunft neu abstecken. Über ein Modell gleicher Bürgerrechte für alle in einer (wie immer gearteten) Einstaatenlösung nachzudenken, ist in den USA nicht so extrem randständig wie in Israel und Deutschland. In diesem Modell würde der zionistische Grundsatz, die Bevölkerungsmehrheit im Staat zu stellen, aufgegeben.

Darum findet es im offiziellen Deutschland keinerlei Resonanz. Wer nicht an jüdischer Suprematie festhält, macht sich bei uns verdächtig. Eine missverstandene Lehre aus dem Holocaust – zumal zu einer Zeit, da eine Todesstrafe nur für Palästinenser die Höherwertigkeit jüdischen Lebens zum Gesetz macht.

Einige Links zu aufgezählten und zitierten Personen wurden nachträglich eingefügt.

Wie über Zionismus sprechen? – Beueler-Extradienst

#schweiz #israel #palästina : #krieg / #gaza / #staatlichkeit / #naherosten / #besatzung / #hamas / #radikalisierung / #zukunftsperspektiven / #ethnonationalismus / #interview / #audio

(Elitenperspektive; hörenswert!)

„Für den ehemaligen Chef des israelischen Inlandgeheimdienstes #ShinBet, Ami Ayalon, ist klar: Wer für Israel eine sichere Zukunft wolle, müsse einen palästinensischen Staat anerkennen (…).“

https://www.srf.ch/audio/echo-der-zeit/ehemaliger-israelischer-geheimdienstchef-kritisiert-die-schweiz?partId=4LtRb1aiMqYZYSzSXvSLPOa6Vnw

Ehemaliger israelischer Geheimdienstchef kritisiert die Schweiz

Für den ehemaligen Chef des israelischen Inlandgeheimdienstes Shin Bet, Ami Ayalon, ist klar: Wer für Israel eine sichere Zukunft wolle, müsse einen palästinensishen Staat anerkennen. Dass die Schweiz sich noch nicht zu Anerkennung entschlossen hat, versteht Ayalon nicht.

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF)

Ja, @Namnatulco - als in #Israel noch linksorientierte Regierungen vorherrschten, nutzen auch #antideutsche Linke die Berufung auf #Israel, um die Bundesrepublik #Deutschland & deutsche Menschen pauschal mit NS- & #Antisemitismus - Vorwürfen anzugreifen.

Einige Antideutsche drifteten dann von dort nach rechts in den #Ethnonationalismus

Zumal auf #Konzernmedien gibt es nach meiner Beobachtung also antideutschen #Dualismus quer durch die politische Arena. Hier schon 2022: https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/erfolg-gegen-twitter-und-antideutsche-fuer-europa-und-anthony-fauci/

Erfolg gegen Twitter und Antideutsche, für Europa und Anthony Fauci

Dr. Michael Blume reflektiert den juristischen (Zwischen-)Erfolg in "Blume gegen Twitter international" vor dem Landgericht Frankfurt.

Natur des Glaubens
@ndaktuell rechtsradikale Positionen bei Vertriebenenverbänden😩
#CDU
#CSU
#Ethnonationalismus
#Hufeisen
Geburtenrate: 2,7 statt 2,1 Kinder pro Frau notwendig?

Deutschlandfunk

Israel / Palästina – Verweigerte Unterstützung

Jüngste Medienberichte über die Einstellung der Unterstützung von palästinensischen und nun sogar israelischen Organisationen durch die #Bundesregierung machen auch einer breiteren Öffentlichkeit gegenüber bekannt, was diverse #NGOs und politische Stiftungen hierzulande schon länger umtreibt: Politiker:innen haben in der Vergangenheit immer wieder klargestellt, sie seien nicht mit der Regierung #Netanjahu solidarisch, sondern mit Israel als Land und mit den dort lebenden Menschen.

Doch ihre Entscheidungen im Bereich der Fördermittelvergabe kommen den Zielen dieser rechtsextremen Regierung immer wieder weit entgegen. Zu jener jüngsten, hochgradig fragwürdigen Entscheidung des Auswärtigen Amtes, den israelischen Organisationen #Zochrot und #NewProfile die sogenannte „außenpolitische Unbedenklichkeitserklärung“ – und damit jede weitere Unterstützung – zu verweigern, gibt es eine längere Vorgeschichte, in die sich ein Blick lohnt, um den erweiterten Kontext und die politische Auseinandersetzung zu verstehen, um die es hier geht.

Schon vor dem 7. Oktober 2023 war die deutsche Position zur israelischen Politik gegenüber den #Palästinenser:innen zunehmend fragwürdig geworden. Nicht zum ersten Mal warnte auch #medico vor Bestrebungen der Regierung Netanjahu, die #Repression nach innen auszuweiten, um israelische Kritiker:innen von #Ethnonationalismus und #Siedlungspolitik mundtot zu machen oder doch zumindest so zu schwächen, dass deren Möglichkeiten drastisch eingeschränkt würden. Diese Tendenzen waren Jahre vor dem geplanten #ustizcoup in #Israel klar und deutlich erkennbar, und ein ums andere Mal warnten israelische Stimmen vor jenen Entwicklungen.

Alleinanspruch auf Jerusalem

Dabei beschränkten sich die Ambitionen der israelischen Regierung keineswegs auf das eigene Land. Erinnert sei in dem Zusammenhang an das „Non-Paper“, das Benjamin Netanjahu 2018 an die damalige #Bundesregierung unter Angela #Merkel übermitteln ließ und in dem Israel von Deutschland verlangte, die Unterstützung des Jüdischen Museums in Berlin auf den Prüfstand zu stellen, weil eine Ausstellung über #Jerusalem auch den nicht-jüdischen Charakter, das heißt die palästinensisch-arabische Prägung der Stadt und ihrer Geschichte umfassend mit beleuchtete. Für den jüdischen Staat, der einen Alleinanspruch auf Jerusalem erhebt und den illegal besetzten Teil der Stadt bereits vor Jahrzehnten völkerrechtswidrig annektiert hat, war das offenbar zu viel.

(...)

Weiterlesen im Beitrag von @[email protected]
Verweigerte Unterstützung

Mit dem Entzug der Förderung für zwei Organisationen in Israel sendet die Bundesregierung ein verheerendes Signal.

medico international

Der Elefant im Raum

Israel-Palästina Debatte in Deutschland: Es ist Zeit, über Israel-Palästina mit radikaler humanistischer Vernunft zu sprechen. Ein Manifest aus den USA zur Zukunft Israels macht es vor.
Etwas nicht wahrzunehmen, obwohl es in nächster Nähe geschieht, ist kein singulär israelisches Phänomen. Was die Psychologie einen Blind Spot nennt, markiert in diesem Fall […]

https://extradienst.net/2023/08/16/der-elefant-im-raum/

Der Elefant im Raum

Israel-Palästina Debatte in Deutschland: Es ist Zeit, über Israel-Palästina mit radikaler humanistischer Vernunft zu sprechen. Ein Manifest aus den USA zur Zukunft Israels macht es vor. Etwas nicht wahrzunehmen, obwohl es in nächster Nähe geschieht, ist kein singulär israelisches Phänomen.

Beueler-Extradienst
@Josteglitz Wow, besser nicht so schnell quer-assoziieren! 😉🤔💁‍♂️ Normalerweise läuft der antirepublikanische #Dualismus einfach auf #Ethnonationalismus (oft auch verharmlosend #Ethnopluralismus) hinaus: Jede Religion, jedes Volk bleibe für sich, es solle weniger Vermischungen & keine Liberalität geben.