Wozu lernen wir â und fĂŒr und mit welcher Technologie?
Ich habe vor kurzem in meinem Blog aufgeschrieben, dass ich die âNordsterneâ in pĂ€dagogischen Transformationsdebatten oft zu eng gefasst finde. Denn diese betrachten in der Regel die Frage: Wie wollen wir lehren und lernen? Ich habe als ErgĂ€nzung formuliert: Wozu lernen wir? Als Antwort habe ich die Perspektive einer l(i)ebenswerten Welt vorgeschlagen, die sich aus dem âWoher?â ergibt â den in uns angelegten menschlichen Potenzialen, die es in LernrĂ€umen zu entfalten gilt.
In diesem Blogbeitrag möchte ich gerne noch einen Schritt weiter gehen und diese Perspektive eines doppelt erweiterten Nordsterns mit meinem Fokus auf Bildung und Digitalisierung zusammenbringen.
Warum ein pÀdagogischer Nordstern unter Einbezug von Digitalisierung?
Debatten zu Bildung und Digitalisierung beschrĂ€nken sich erfreulicherweise schon lange nicht mehr nur um âLehren und Lernen mit digitalen Toolsâ. Stattdessen gerĂ€t zusĂ€tzlich immer mehr auch die Perspektive von âLehren und Lernen in einer digital-geprĂ€gten Weltâ, also die Frage der Lernkultur, in den Blick. Relativ unverbunden steht dann aber oft daneben, dass wir Digitalisierung auch als Lerngegenstand betrachten und reflektieren sollten. Dieser Aspekt ist bleibt dann meist nur ein kleines Add-On.
Aus meiner Sicht gehören diese drei AnsĂ€tze zusammen, sollten verbindend reflektiert werden und fĂŒhren zu der dann um den Fokus der Digitalisierung erweiterten Nordstern-Frage:
Wozu lernen wir â und fĂŒr und mit welcher Technologie?
Diese Erweiterung ist aus meiner Sicht vor allem deshalb relevant, weil wir Bildung ausgehend von unserer zunehmend digital-geprÀgten Gesellschaft gestalten. Das hat eine doppelte Konsequenz:
Es gilt zu klĂ€ren, welche Digitalisierung wir uns in und fĂŒr eine l(i)ebenswerte Welt vorstellen. Wir mĂŒssen also mit dem gesamtgesellschaftlichen Nordstern auch einen Technologie-Nordstern entwickeln.Es gilt zu reflektieren, wie die gegenwĂ€rtige Ausgestaltung von Digitalisierung unsere Handlungsmöglichkeiten hin zur Realisierung dieser Nordsterne behindert oder auch befördern kann.Welche Digitalisierung wollen wir fĂŒr eine l(i)ebenswerte Welt?
Eine l(i)ebenswerte Welt ist eine Welt, in der Leben entfaltet ist und sich weiter entfalten kann. Damit das gelingt, mĂŒssen wir uns an âorganischer Intelligenzâ orientieren.
Organische Intelligenz funktioniert nicht ĂŒber den Versuch der Kontrolle, sondern durch Verbindung. Das Bild ist hier ein Garten, in dem ich etwas pflanzen und das Wachstum der Pflanzen unterstĂŒtzen kann. Es ist keine Fabrik, in der nach festen Vorgaben etwas durchgeplant entsteht.
Die vorherrschende Digitalisierung funktioniert dagegen ĂŒberwiegend kontrĂ€r zu diesem Leitbild der Lebendigkeit. Sie ist geprĂ€gt von Plattformen, die Silos darstellen, deren Infrastruktur auf Verwertbarkeit durch Monopolisierung und Machtkonzentration zielt. PĂ€dagogisch ist hierbei relevant, dass genau diese Grundlage auch einen Einfluss auf unsere Nutzungspraxis hat: Diese Form der Digitalisierung unterstĂŒtzt und befördert Individualisierung, Konkurrenzdenken und Standardisierung.
FĂŒr eine Digitalisierung, die sich an organischer Intelligenz orientiert und diese befördert, wĂ€re stattdessen DezentralitĂ€t der fĂŒr mich wichtigste Hebel von VerĂ€nderung.
Hintergrund ist hier, dass DezentralitĂ€t im Kern bedeutet, nicht auf Kontrolle zu setzen, sondern Verbindung und Offenheit zu ermöglichen. Wenn Digitalisierung deshalb statt auf Monopolisierung auf Dezentralisierung setzen wĂŒrde, dann wĂŒrde sie sich sehr grundlegend verĂ€ndern und ein verĂ€ndertes, viel menschlicheres Handeln ermöglichen.
Im Fediverse habe ich das wie folgt beschrieben:
Dezentralisierung wĂŒrde in diesem Sinne ermöglichen:
- Communities statt Plattformen
- Schnittstellen und InteroperabilitÀt statt abgegrenzten Silos
- Demokratie, MĂŒndigkeit und Selbstbestimmung statt Machtkonzentration, AbhĂ€ngigkeit und Manipulation
- Gemeinschaftlichkeit statt Individualisierung
- Kooperation statt Konkurrenz
- Gemeinwohl statt Verwertbarkeit
- Demut und Bedeutung statt Ego und LĂ€rm
- Vielfalt statt Standardisierung
- Sicherheit und Experimentieren statt Angst und Druck
Ich finde an solchen GegenĂŒberstellungen mit einer pĂ€dagogischen Brille spannend, dass wir auf der Ebene von Haltung und Werten sehr viele Ăberschneidungen dazu sehen, wie wir uns nicht nur eine bessere Technologie, sondern auch eine bessere Bildung vorstellen. Es steckt also viel Synergiepotential darin, diese wĂŒnschenswerten SystemverĂ€nderungen verbindend zu betrachten. Und es wird deutlich, dass eine pĂ€dagogische Perspektive fĂŒr die Gestaltung einer verĂ€nderten Technologie sehr viel beizutragen hat.
Wie nutzen und gestalten wir Digitalisierung, um zu einer l(i)ebenswerten Welt zu gelangen?
Wenn der Nordstern klarer wird, dann schlieĂt sich die Frage an, wie wir ihn erreichen können. Herausfordernd ist dabei in der Bildung vor allem die extreme Ambivalenz, die mit der vorherrschenden, gegenwĂ€rtigen Technologie verbunden ist:
Auf der einen Seite steht die vorherrschende Digitalisierung wie oben dargestellt kontrĂ€r zu Lebendigkeit und damit zu menschlichen Potenzialen, die wir im Interesse einer l(i)ebenswerten Welt eigentlich zur Entfaltung bringen wollen.Auf der anderen Seite ermöglicht selbst diese Digitalisierung, weil ihr GeschĂ€ftsmodell ist, menschliche BedĂŒrfnisse anzusprechen, immer wieder flĂŒchtige Einblicke und auch konkrete Möglichkeiten, sie im Sinne von organischer Intelligenz zu nutzen. Beispielsweise kann ich die Mustererkennung von monopolisierten KI-Modellen als Hilfe fĂŒr Gruppenprozesse nutzen oder fĂŒr mich hilfreiche soziale Verbindungen ĂŒber proprietĂ€re Social Media Plattformen aufbauen.In dieser Ambivalenz ist pĂ€dagogisch fĂŒr mich ein Dreiklang nötig:
Akzeptanz: Anerkennen, dass es Technologie in ihrer gegenwĂ€rtigen Form gibt und dass sie Teil unserer Lebenswelt â der Lehrenden wie auch der Lernenden â ist.Reflexion: Am besten ausgehend von konkreter Nutzung RĂ€ume schaffen, um zu reflektieren, wo Technologie uns manipuliert und wo wir uns deshalb vor ihr schĂŒtzen sollten und wie uns trotz alledem in manchen Bereichen ein âHackingâ gelingen kann.Alternativen: Perspektiven fĂŒr eine verĂ€nderte Technologie öffnen, die genau mit den Mustern bricht, die wir oben als kontrĂ€r zum Prinzip der Lebendigkeit identifiziert haben.Je verbindender wir diese drei Herausforderungen aufgreifen und je mehr wir sie mit der Nordstern-Orientierung verbinden, umso wirkungsvoller.
FĂŒr den zurzeit viel diskutierten Bereich der kĂŒnstlichen Intelligenz kann das beispielsweise bedeuten:
- KI nicht verbieten/aussperren, sondern in der Bildung zu einem Thema machen.
- Ăber KI-Nutzung reflektieren, bewusst auch Lernen ohne KI ermöglichen und uns zugleich an einer kontra-intuitiven KI-Nutzung versuchen, die KI nicht als Antwortmaschine, sondern als Resonanzmaschine versteht.
- Auf die Suche begeben, wo es eine andere Form von KI gibt, was fĂŒr mich vor allem offene KI-Modelle sind und zugleich auch nicht-generative KI, die in der gegenwĂ€rtigen Diskussion fast gar nicht im Blick ist.
Am Beispiel von Social Media könnte es bedeuten:
- Social Media als Teil von LebensrealitÀt anerkennen und mit einem offenen Blick Nutzungspraktiken und Gewohnheiten verstehen und besprechen.
- RÀume schaffen, um zu reflektieren, was Social Media mit uns macht und gemeinsam zu Vereinbarungen zu kommen, wo Abschalten allen Beteiligten besser tut. Und zugleich erkunden, wo Social Media zum Beispiel Verbindung und Zuspruch ermöglichen kann.
- Alternativen wie das Fediverse stÀrken und gerade im Bildungskontext erfahrbar machen.
Fazit: PĂ€dagogische Diskussion erweitern
Ich freue mich darauf, diese erweiterten Perspektiven, die jede einzelne fĂŒr sich sicher nicht neu sind, mit solch einem verbindenden Nordstern-Blick im Kontext von Bildung und Digitalisierung aufzugreifen und zu gestalten.
Durch die Entwicklungen rund um KI sehe ich in diesem Bereich aktuell einen wirkungsvollen Hebel. um VerĂ€nderungen anstoĂen zu können, weil sich angesichts von immer leistungsfĂ€higeren Maschinen gesamtgesellschaftlich immer drĂ€ngender die Frage stellt, was uns als Menschen ausmacht â und damit auch, welche Digitalisierung wir eigentlich wollen. Ich denke, dass wir mit einem Blick auf Lernen als Entwicklung, Ermöglichung und ErmĂ€chtigung in einer gemeinschaftlichen Perspektive hier vieles beitragen können.
Wer am 18. April bei der edunautika in Hamburg ist: Sehr gerne möchte ich dazu in einer Session gemeinsam weiter denken!
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#DigitaleMĂŒndigkeit #KĂŒnstlicheIntelligenzKI