Die deutschen »Antisemitismusjäger« meinten vielleicht projüdisch und vor allem proisraelisch zu handeln, verübten jedoch über die vermeintlich progressive, anti-israelkritische Form ihres Vorgehens eine in einiger Hinsicht antisemitische Tat: Ein Jude, der von den »genehmen, proisrealischen Juden« abweicht, wurde von nichtjüdischen Deutschen denunziert, als einer, der die israelische oder die proisraelisch-deutsche Politik »verraten« würde.
[...] Wenn rechte oder konservative jüdische Israelis diejenigen jüdischen Israelis, die den israelischen Staat kritisieren, als antisemitisch bezeichnen, dann ist das unschön. Aber wenn eine nichtjüdische Gruppe diese gruppeninternen Diffamierungen übernimmt, dann hat das rein soziologisch die Qualität von Rassismus.
[...] Auffällig ist, dass sich die Positionen, denen Antisemitismus vorgeworfen wird, in einigen Aspekten ähneln. Beispielsweise ist mit diesen israelkritischen jüdischen Positionen in 90 Prozent eine humanistische, universalistische, meist linke Weltanschauung verbunden, welche per se die Unterdrückung von Minderheiten kritisiert. Dementsprechend sind es die reflexiven, universalistischen, linken, liberalen oder »kosmopolitischen« Juden, die nun ausgegrenzt werden oder gar als »Antisemiten« gelten.
Damit wird ein antisemitisches Stereotyp für unliebsame Jüdinnen und Juden aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert bedient. Zudem handelt es sich bei der Kombination »links und jüdisch« um eine Verbindung, die vor der deutschen Geschichte als besonders verletzlich gilt.
Erst kürzlich erinnerten die drei jüdischen Holocaustforscher, Amos Goldberg, Raz Segal und Alon Confino daran, dass die Nazis ihre Vernichtungspolitik gegenüber den Jüdinnen und Juden unter dem Zeichen ihres Kampfes gegen einen angeblichen »jüdischen Bolschewismus« begannen. Alsdann hatten sie die konservativen, kapitalistischen Parteien der Weimarer Republik auf ihrer Seite und der Vernichtungskrieg in Osteuropa konnte beginnen, ebenso wie der Holocaust.
[...] Das ideale Israel darf in seiner realen Form, seinem Umgang mit den Palästinenserinnen und Palästinensern, nicht kritisiert werden. Reale Jüdinnen und Juden, die dies aufgrund komplexerer Erfahrungen doch tun, würden als antisemitisch, im Sinne von unpassend und gar hassenswert »entstellt«. Ebenso wie Antisemitismus kein Wissen über Jüdinnen und Juden beinhalte, da er nur deren Ausgrenzung im Blick habe, wüsste die Anti-Antisemitismusforschung nichts von Jüdinnen und Juden.
[...] Da, wo der »Verlust der Erfahrung« wie auch die komplexe Realität jüdischer Welten – wie etwa die Jüdinnen und Juden, die nicht zionistisch sind oder die das Leid der palästinensischen Bevölkerung durch die israelische Besatzung anklagen – aus der deutschen Wahrnehmung verschwinden, da verwandeln sich die »Anhänger des progressiven Tickets am Ende in Feinde der Differenz«. Denn durch den Antisemitismusvorwurf, aber auch durch Ausladungen und Absagen, wird die Kultur der Differenz – eine komplexe Auseinandersetzung über die komplexe Situation in Nahost – abgewehrt. Und zu dieser Abwehr gesellt sich eine historisch bekannte Strategie: das Spiel mit patriotischen Gefühlen.
[...] Natürlich bedienen sich die neuen Kämpferinnen und Kämpfer gegen den Antisemitismus nicht bewusst der NS-Ideologie. Und doch werden in den neuen Formen des deutsch-israelischen Patriotismus antilinke-antisemitische Tendenzen sowie unbewusste, diskursive, ausgrenzende Parallelen und Verzerrungen oder sogar antisemitische Stereotype sichtbar. Dies sind nur einige, aber doch genug Aspekte, um die Kritik vieler jüdischer Intellektueller, die vom »antisemitischen Kern« der Anti-Antisemiten reden, endlich ernst zu nehmen.
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