WPK und Seminarfach als Labor für selbstgesteuertes Lernen
Wie und warum sich meine Schüler:innen eigene Ziele setzen und in eigenen Projekten realisieren – und warum die Reflexion dabei von zentraler Bedeutung für Selbstregulation ist. Eine Praxisbericht mit erklärenden Exkursen:
Meine Lernenden dürfen (und müssen) sich bei mir im WPK „Medien“ und im Seminarfach „Medien“ (Nds., 3. Halbjahr) eigene Ziele setzen. Mein Rahmen sieht lediglich vor, dass sie Medien, beispielsweise (fiktionale) Kurzfilme oder (sachorientierte) Nähvideos gestalten. Die Themen können im Schulkontext (z.B. Schülerzeitung, 360°-Rundgang durch unsere Schule oder Image-Video), aber auch in Themenfeldern verortet werde, zu denen meine Lernenden privat Bezüge haben. Daher habe ich einiges über K-Pop und Handball, Kochen und Nähen gelernt. Zudem habe ich Kurzfilme, voll-animierte Videos und selbstgestaltete Computerspielsequenzen zu sehen bekommen.
Vor allem durfte ich Lernende auf selbstgesteuerten Lernwegen begleiten. Sie haben Medien produziert, dabei viel über Medien gelernt – und die Arbeit reflektiert. Zugleich haben sie Projektmanagement geübt – und vor allem selbstorganisiertes Lernen praktiziert.
Die erste(n) Stunde(n)
Inhaltlich starte ich mit einer Mindmap zum Thema Medien (früher Flinga oder heute kits.blog). Leitfrage ist, welche Medien selbst erstellt werden könnten.
Dabei kommt schnell eine ansehnliche Sammlung zusammen, oft mit überraschenden und kreativen Ideen. Wichtig ist mir vor allem die Unterscheidung zwischen den verschiedenen traditionellen Medienformaten (z.B. Audio, Video, Print – die sich auf den in unserer Schule genutzten iPads verschiedenen Apps zuordnen lassen) und den Mischformen wie Ebooks und Social Media, die medial komplexer zu gestalten sind. Zudem betone ich die Unterscheidung zwischen sachorientierten oder fiktionalen Medien. Dazu bringe ich konkrete Vorschläge mit ein (z.B. Schülerzeitung oder 360°-Rundgang).
Die Schüler:innen haben dann die Aufgabe, sich ein Medium und ein Thema zu suchen. Dabei dürfen sie die Gruppen selbst bilden. Ich gebe als Orientierung eine ideale Gruppengröße von 3-5 Personen an, lasse aber auch größere Gruppen (je nach Thema und Medium) und Einzelarbeiten zu (je nach Persönlichkeiten, Themenwünschen und Medium). Meist dauert diese Phase bis in die zweite Doppelstunde, auch weil in der ersten Stunde immer wieder Schüler:innen fehlen.
Einführung in Projektmanagement und Kanban
Im Grunde ist diese Arbeitsform immer eine Einführung und Übung im Bereich Projektmanagement, was mir zugleich auch Monitoring und Steuerung der Lern- und Produktionsprozesse ermöglicht:
Anfangs informiere ich die Teams nur über den Ansatz, die Arbeit als Projektmanagement zu betrachten, und führe sie kurz in die Idee des Kanbanboards (zur Vorlage) ein, das ich dann für alle Teams als Kopie anlege. Im Seminarfach folgen in den nächsten Stunden kleine inhaltlich Inputs, da sich die Kurse das in den Abschlussreflexionen häufig gewünscht haben. Im WPK starte ich die Folgestunden mit inhaltlichen Impulsen (z.B. in den ersten Stunden mit Fokus auf die Zielformulierung, danach zu den Kanbanregeln, später zur Reflexion).
Entscheidend ist dabei, dass sie grundsätzliche Regeln von Zielsetzung, Kanban und Dokumentation respektieren. Alle Regeln sind auch in der digitalen Pinnwand erklärt:
Das Ziel der Gruppe muss s.m.a.r.t. formuliert sein. Kanban: In der ersten inhaltlichen Spalte (Ideensammlung) werden alle Ideen und Aufgaben gesammelt. In die Spalte „To Do“ werden diese verschoben, wenn sie auf einer einzelnen Karte stehen und klar ist, wann sie erledigt sind (dann sind sie erste Aufgaben). In „Doing“ muss die Karte zusätzlich eine:n Verantwortliche:n haben, in „Done“ auch ein:e Prüfer:in. Zusätzlich gibt es ein Work-in-Progress-Limit: Jede:r darf nur 2-3 Aufgaben gleichzeitig haben.Dokumentation: Jede Doppelstunde wird der Stand der Kanban mit Screnshots gesichert.Dadurch, dass alles auf dem Kanban-Board in Taskcard stattfindet, auf dem die Regeln abgebildet sind, ist die Einführung schnell gemacht und die Gruppen können die Regeln jederzeit nachlesen. Die Zugänge zu den Taskcards lassen sich schnell per Mail versenden.
Exkurs: Teamwork als Resonanz-Erfahrung
Dabei geht es aus Sicht der Schüler:innen anfangs vor allem um die Frage, wer mit wem was zu welchem Thema erstellen mag. Daher versuche ich in der Einführung alle drei Perspektiven zu betonen:
Welches Format bzw. welches Thema magst du? Mit wem möchtest Du zusammenarbeiten?Was genau wollt ihr produzieren/ soll am Ende herauskommen?Letztlich ist die zentrale Frage häufig die dritte, eigentlich nach einem konkreten, s.m.a.r.t. formulierten Ziel. Oft genug finden sich Schüler:innen zusammen, die z.B. einen PodCast erstellen wollen, aber nahezu unvereinbare Vorstellungen von Form und Inhalt haben. Ebenso oft finden sich Cliquen zusammen, die Zeit miteinander verbringen wollen, sich aber weder auf Medium oder Format noch Inhalt einigen können. Daher ist die Phase, bis die Ziele ausformuliert sind, eine besonders heikle, in der auch Teams noch umbesetzt werden. Vor allem das Spannungsfeld im Akronym s.m.a.r.t. aus Akzeptanz und Realismus des Ziels muss in der Gruppe gut ausgelotet werden, damit die Motivationslagen nicht zu unterschiedlich sind und für das Team funktionieren. Wenn nur ein Teammitglied Lust auf das Thema hat, wird aus dem Team schnell ein T.e.a.m: Toll, ein anderer macht’s!
Aus Sicht von Hartmut Rosa gesprochen geht es um drei Resonanzachsen. Auf der vertikalen Resonanzachse liegt die Beziehung zur Welt, hier zum Thema oder Medium. Auf der horizontalen liegt die Beziehung zu den Mitmenschen, hier zum Team. Auf der diagonalen liegt die Beziehung zu Tätigkeiten, hier dem Produzieren. Barbara Hott nennt das sehr treffend „Werkstück“ (nachzuhören in Folge 127 von „Mein Scrum ist kaputt“). Wenn alle im Team Lust auf das Werkstück, das Produkt in seiner angedachten Form haben, kann das die Arbeit über ein halbes Jahr tragen.
Resonanz nach Hartmut Rosa, eigene Darstellung.
Begleitung der Teams
Die Begleitung der Teams gestalte ich im wöchentlichen Lehrer-Team-Gespräch. Ich sehe mir mit jedem Team das Kanban an. So werden Fortschritte und Schwierigkeiten im Gespräch schnell deutlich und ich kann helfen, wenn Unklarheiten bestehen, z.B. Aufgaben nicht gut definiert oder verteilt sind. Durch regelmäßige Aktualisierung der Zielformulierung wird schnell klar, was als nächstes zu tun ist. Immer wieder müssen wir die Ziele auch anpassen. Diese Coaching-Rolle ist gut zu übernehmen und hochspannend, weil darin gelebte Förderung des selbstreulierten Lernens liegt:
Exkurs: Begleitung als Förderung des selbstreguliertes Lernens
Selbstreguliertes Lernen nach Anne Boekaerts, eigene Darstellung
Anne Boekaerts hat ein Modell des selbstreguliertes Lernens entwickelt, in dem drei Schichten der Regulation miteinander interagieren. In den Projekten zeigt sich, dass eher selten die Regulation der Informationsverarbeitung im Fokus ist, da nur in wenigen Projekten eine intensive Phase der Verinnerlichung von Inhalt gefragt ist. Dafür steht die Regulation der Prozesse stark im Fokus, was mir als Lehrer besonders durch die Nutzung von Kanban eine Co-Regulation als Unterstützung ermöglicht.
Vor allem aber „ist die motivationale Komponente entscheidend für den gesamten Lernprozess. Dies trifft z. B. sowohl für die Formulierung von Zielen zu Beginn des Lernprozesses zu als auch für Handlungen zum Erreichen des Ziels (wie das Management der Ressourcen, die zur Zielerreichung benötigt werden).“ Das ist für mich das Herzstück dieser Kurse: Wenn Lernende die Erfahrung machen, dass sie sich selbst Ziele setzen und ihre Ressourcen selbst mitbestimmen können, sind sie mit Herzblut bei der Sache und investieren Zeit und Energie in einem Maße, was im Regelunterricht kaum zu beobachten ist. Insofern gibt es hier zwei neuralgische Punkte: Die Zielsetzung im Anfang und die Reflexion am Ende.
Ende der Projektphase/ Präsentation der Projekte
Das Ende der Projektphase kündige ich frühzeitig an. Außerdem plane ich rechtzeitig vor Notenschluss Zeit für die Präsentation der Projekte ein. Die Gruppen, die bereits fertig sind, bekommen so Feedback im Plenum von den Mitschüler:innen und mir.
Die anderen Gruppen haben noch Zeit, um nachzuarbeiten, und können bei der Präsentation etwas zum Arbeitsstand sagen. So können alle einen Einblick in die verschiedenen Medienprojekte bekommen.
Reflexion der Projekte
Die Reflexion der Projekte ist für mich von zentraler Bedeutung, da ich nicht nur das Endprodukt, sondern auch den Weg dorthin in den Fokus nehmen möchte. Daher sind entsprechende Reflexionen Teil der Bewertung (Die Vorlage gibt es hier als pdf oder doc).
Die Lernenden können die Reflexionen als Gruppe, aber auch einzeln abgeben, was aber meist nur erfolgt, wenn sich eine Gruppe uneins ist. Vorab habe ich bereits medien- und gruppenspezifische Hinweise für Reflexionen an jede Gruppe gegeben.
Die Bewertung erfolgte daher in der Zusammenschau von Lernprozess, Lernprodukt und Reflexion.
Erfahrungswert: Zusatzanforderungen im zweiten Halbjahr des WPK
Spannend ist die Reformation von Gruppen und Themen im WPK: Da Teamprozesse oft konfliktbehaftet sind (besonders da bin ich als Pädagoge gefragt, denn diese Konfliktaushandlungen bleiben im normalen Unterricht mit seinen kurzfristigen Gruppenarbeiten viel mehr im Untergrund) ist für Gruppen hier oft die Frage, ob sie in derselben oder in veränderter Konstellation weiterarbeiten. Das reflektiert unbewusst die Frage nach der sozialen Ebene der Gruppenarbeit, der Resonanz in der Gruppe, aber auch nach der Bereitschaft, sich auf eine mögliche Resonanz einzulassen.
Die Erfahrung zeigt, dass einige Gruppen zusammengeblieben sind und im zweiten Halbjahr an Projekten weitergearbeitet und sich aufgrund der eigenen Reflexion sowie meiner Hinweise methodisch einiges vorgenommen haben. So kann die Zusammenarbeit in einer größeren Gruppe, aber auch die Phasierung von Videos und Audios ebenso weiterentwickelt wie die Selbstorganisation mit dem Kanban. Besonders hierin besteht ein großer Reiz, da auf diese Weise die eigenständige Zielsetzung intensiviert wird.
Reflexion als zentrales Element für selbstgesteuertes Lernen
Diese Intensivierung lässt sich mit einer zweiten Perspektive auf selbstgesteuertes Lernen beschreiben. Für Barry Zimmermann teilt sich diese in die prä-aktionale Phase (Planung) , die aktionale (Durchführung) und die post-aktionale Phase: „Die letzte Phase beschäftigt sich mit der Reflexion des vorangegangenen Lernprozesses. Der Lernende überprüft in der postaktionalen Phase, ob das angestrebte Lernziel erreicht worden ist. Ist dies nicht der Fall, folgt eine Ergründung des Misserfolgs. Der Lernende schlussfolgert, ob dieser Misserfolg von der gewählten Lernstrategie oder dem zu hoch gesetzten Ziel abhängig ist. Nachdem die Optimierung stattgefunden hat, beginnt eine Rückkopplungsschleife, da die Bewertung in der postaktionalen Phase Einfluss auf die Planung der präaktionalen Phase einer folgenden Lerneinheit einnimmt.“
Entscheidend ist für mich, dass meine Lernenden in diesem Labor für Selbststeuerung immer wieder feststellen, dass diese Form von Projektmanagement (Ziele setzen, Aufgaben managen, reflektieren) ihnen auch in anderen Kontexten hilft – ob in schulischen oder privaten. Sie lernen zunehmend, Projektstrukturen in ihrem Leben zu erkennen und dafür die Muster aus dem Projektmanagement zu adaptieren und produktiv zu nutzen. Daher: Mehr Projekte, mehr Reflexion, für die mehr selbstgesteuerte (Persönlichkeits)Entwicklung!
cc by Niels Winkelmann
https://digilog.blog/2024/08/07/eigene-ziele-setzen-in-projekten/
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