Paper Mills: Publikationen per Prompt
Zu wenige Publikationen für die nächste Bewerbung? h-Index zu niedrig? Kein Problem. Wissenschaftliche Artikel kann man zwar nicht bei Amazon oder Temu, aber bei sogenannten Paper Mills bestellen. Diese Unternehmen erstellen gegen Bezahlung gefälschte wissenschaftliche Artikel, um sie in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Wissenschaftler:innen müssen also nicht erst mühsam Experimente durchführen oder Daten analysieren, um eine Veröffentlichung auf ihre Publikationsliste setzen zu können. Ganz billig ist das nicht, die Kosten reichen von einigen hundert US-Dollar für Zeitschriften mit niedrigem Impact Factor bis zu 20.000 US-Dollar für renommierte Zeitschriften. Damit der Artikel auch tatsächlich veröffentlicht wird, wird häufig auch der Peer-Review-Prozess manipuliert, zum Beispiel durch Gutachter:innen, die mit im Boot sind.
Studien zu Artikeln aus Paper Mills
Eine im August 2025 veröffentlichte und viel beachtete Studie hat versucht, das Ausmaß dieser fragwürdigen Praktiken abzuschätzen. Die Autor:innen untersuchten rund 277.000 Artikel im Megajournal PLOS One, identifizierten offensichtlich gefälschte Artikel und fanden heraus, dass eine kleine Anzahl von Editors für einen signifikanten Anteil an später zurückgezogenen Artikeln zuständig war. Diese bildeten offenbar ein regelrechtes Netzwerk, um mutmaßliche Erzeugnisse von Paper Mills einzuschleusen.
Geschätzt 50.000 gefälschte wissenschaftliche Artikel stammen jährlich aus Paper Mills. Foto:
Nothing Ahead via Pexels,
Pexels LicenseDas Phänomen wurde auch bei anderen Zeitschriften gefunden und die Autor:innen schätzen, dass mindestens 50.000 Artikel pro Jahr aus Paper Mills stammen. Dass gerade PLOS One für die Studie ausgewählt wurde, hat einen einfachen Grund: Die seit 2006 erscheinende Open-Access-Zeitschrift veröffentlicht umfangreiche, maschinenlesbare Metadaten und auch die Namen der verantwortlichen Editors. Das zeigt, dass Transparenz und Offenheit im Forschungs- und Publikationsprozess (zum Beispiel auch das Veröffentlichen der zugrundeliegenden Daten) betrügerische Praktiken zwar nicht verhindern können, aber für die Aufdeckung essenziell sind.
Das Problem der Paper Mills ist freilich nicht neu. Derartige Praktiken sind seit mehr als zwanzig Jahren bekannt, dank generativer KI erleben sie in letzter Zeit aber einen regelrechten Boom. Kein Wunder, sind Sprachmodelle doch hervorragend dafür geeignet, auf den ersten Blick plausibel erscheinende Texte samt Abbildungen zu einem beliebigen Thema zu fabrizieren. Eine weitere Studie zeigt einen 17-fachen Anstieg von redundanten Publikationen in den Lebenswissenschaften zwischen November 2022 – als die erste Version von ChatGPT veröffentlicht wurde – und 2024. Was früher einiges an Aufwand bedeutet hat, lässt sich heute per Prompt in wenigen Minuten erledigen. Mit dem Draft Outline Research Assistant oder Prism gibt es sogar die passenden Tools dafür. Ein Test zeigt, wie einfach das geht.
Wie gefälschte Artikel der Wissenschaft schaden
Der Schaden durch Paper Mills ist enorm. Im besten Fall enthalten die gefälschten Artikel „nur“ redundante Informationen, im schlimmsten Fall aber Fehlinformationen, die die wissenschaftliche Literatur kontaminieren und – da häufig klinische Studien betroffen sind – sogar Leben gefährden können. Doch auch wenn der Betrug rechtzeitig entdeckt wird, beim Peer Review oder schon bei der Eingangskontrolle durch den Editor, entsteht ein Schaden. Die Einreichungen binden einerseits Kapazitäten von Herausgeber:innen und Gutachter:innen, andererseits bringen abgelehnte Manuskripte dem Verlag keine Einnahmen. Eine Schätzung kommt auf Kosten von vielen Millionen US-Dollar durch Manuskripte aus Paper Mills – Kosten, die viele Verlage wohl über APCs (Article Processing Charges) oder Subskriptionen wieder hereinholen wollen.
Stockholm Declaration: Qualität statt Quantität
Wie bei Predatory Journals und anderen Fehlentwicklungen läuft es immer wieder auf das selbe grundlegende Problem hinaus: Eine Wissenschaftsbewertung, die zu großen Teilen auf Quantität statt Qualität setzt, insbesondere auf problematische quantitative Metriken wie Publikations- und Zitationszahlen, den h-Index oder den Journal Impact Factor. Diese sagen einerseits wenig über die Qualität der Forschung aus, sind aber andererseits, wie man sieht, manipulierbar. Auch das ist seit langem bekannt, und seit langem wird versucht, gegenzusteuern, formuliert etwa in der San Francisco Declaration on Research Assessment (DORA) oder durch die Coalition for Advancing Research Assessment (CoARA). Der neueste Aufruf ist die im November 2025 veröffentlichte Stockholm Declaration, entstanden aus einem Workshop an der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften (genau, die, die die Nobelpreise verleiht). Darin wird (wieder einmal) appelliert, akademische Anreizsysteme so zu gestalten, dass Qualität und nicht Quantität belohnt wird. Ob es diesmal etwas bewirkt? Wir werden sehen.
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