Benzin im Blut â Gas im Gehirn
Vom Unwillen aus Energiekrisen zu lernen
Wie lernfĂ€hig sind Gesellschaften, die von lernunwilligen Parteien regiert werden? Innerhalb von vier Jahren trifft uns die zweite Energiekrise. Doch trotz der Erfahrung von 2022 setzten viele Deutsche weiter auf Gasheizungen und Verbrenner. Heute tragen die sozial SchwĂ€chsten die Hauptlast der Preissteigerungen aus explodieren Ăl- und Gaspreisen. Schwarz-Rot aber will die AnhĂ€ngigkeit von Fossilen verlĂ€ngern: Der Ausbau der Erneuerbaren soll gebremst, Gaskraftwerke sollen subventioniert werden. Statt wie die IEA auf Homeoffice und Tempolimit zu setzen, drohen MaĂnahmen, die eher Mineralölkonzerne als BedĂŒrftige entlasten. Gezielte Hilfen wie ein Energiegeld oder Gratis-StromâKontingente bleiben liegen.
Wie lernfĂ€hig sind Gesellschaften? Wie oft mĂŒssen sie eine Erfahrung machen, um aus ihr Konsequenzen zu ziehen?
Benzinwut
An Deutschlands Tankstellen herrscht angeblich âBenzinwutâ â befeuert von Bild und TV. 1998 hatten GrĂŒne eine Ăkosteuer mit einem Spritpreis von 5 Deutscher Mark gefordert. 2026 â mit GrĂŒnen in der Opposition â sind Dieselfahrer froh, wenn sie eine Tanke finden, die den Liter Diesel fĂŒr weniger als 2,50 Euro verkauft.
Der Grund: Trumps Irankrieg. Der völkerrechtswidrige Angriff samt Antwort des Iran haben die Ăl- und Gaspreise noch oben getrieben. Seit Beginn des Krieges notiert der Ălpreis auf ĂŒber 100 Dollar pro Barrel. Der Gaspreis hat sich verdoppelt auf fast 70 Dollar die Megawattstunde. Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht. So sollen die SchĂ€den an Qatars Gasfeld erst in fĂŒnf Jahren behoben sein.
Obwohl sich der Krieg schon seit Wochen abzeichnete, war Europa ĂŒberrascht, als er begann. Genauso ĂŒberrascht wie bei Putins Ukraine-Ăberfall 2022. Wenig ĂŒberraschend ist eine Energiekrise, wenn ein Petrostaat ein anderes Land ĂŒberfĂ€llt.
Putins Angriffskrieg auf die Ukraine lieĂ 2022 weltweit die Ăl- und Gaspreise wie heute durch die Decke gehen. Die Ampel-Regierung pumpte Milliarden an Steuergeldern in Gaspreisdeckel und Tankrabatte, um die sozialen und wirtschaftlichen Folgen dieser Krise zu begrenzen.
Nix gelernt?
Was ist seitdem geschehen? Haben wir seit 2022 unsere AbhĂ€ngigkeit von Ăl und Gas vermindert? Ist Deutschland, ist Europa resilienter geworden?
Von 2022 bis Ende 2025 wurden in Deutschland 3,6 Millionen neue Heizungen verkauft. Ein knappes Drittel davon waren WĂ€rmepumpen oder Pelletheizungen. Zweidrittel der NeukĂ€ufer setzten im Wissen um den Ukrainekrieg weiter auf Gas (und Ăl). 2023 gab es ein Allzeit-Hoch im Absatz von Gasheizungen. Angestachelt von der verlogenen Kampagne gegen âHabecks Heizungshammerâ meinten viele, sich noch schnell eine Gasheizung zulegen zu mĂŒssen. Schön blöd.
Verdienen die zweieinhalb Millionen Neubesitzer von Gasheizungen heute unser MitgefĂŒhl? Oder soll man den Kopf schĂŒtteln, wie ĂŒber Kinder, die sich an einem Ofen die Finger verbrannt haben, und ihn gleich wieder anpatschen? Nein. Soll man nicht. Freuen wir uns lieber darĂŒber, dass 2025 mehr WĂ€rmepumpe 2025 als Gasheizungen gekauft wurden.
Von 2022 bis Ende 2025 wurden gut 11 Millionen Autos in Deutschland verkauft. Ăber 8 Millionen davon waren Verbrenner, nur knapp drei Millionen batterieelektrisch oder Plug-In-Hybrids. Die Besitzer der 3 Millionen E-Autos und Plug-Ins sind heute fein raus. Sie mĂŒssen ihren Blutdruck nicht mit âBenzinwutâ ruinieren. (Lassen wir mal auĂen vor, dass auf der StraĂe die Plug-Ins gut viermal so viel Benzin verbrennen, wie in der Zulassung angeben.)
Aber 8 Millionen Autobesitzer haben sich trotz der Ălpreiskrise 2022 wissentlich in die AbhĂ€ngigkeit der Ălkonzerne begeben. Sie haben die Wahrscheinlichkeit, Opfer der nĂ€chsten Ălkrise zu werden, billigend in Kauf genommen. Nun ist die Krise schneller gekommen als gedacht. Verdienen die 8 Millionen unser Mitleid? Nein. Sie haben als mĂŒndige BĂŒrgerinnen und BĂŒrger ihre Investitionsentscheidung getroffen.
Doch die KĂ€ufer von Verbrennern und Gasheizungen sind nicht das Problem. Wirkliche Probleme bekommen andere. Die hohen Gaspreise werden an die Mieter durchgereicht. Geringverdienende Pendler auf dem Lande erleben eine KĂŒrzung ihres Nettolohns. Die drohende Lebensmittelinflation aufgrund höherer Transport- und DĂŒngekosten trifft vor allem Geringverdienende, Alleinerziehende und BĂŒrgergeldbezieher.
Die wenigsten dieser Menschen treffen wir an den Tankstellen. Wenn die vom Irankrieg ausgelöste Sozialkrise nun vor allem als âBenzinwutâ wahrgenommen wird, haben diese Menschen nichts davon.
RealitÀtsverweigerung
Vielleicht ist die Frage nach der LernfÀhigkeit falsch gestellt. Offenbar haben Europa und Deutschland ein anderes Problem. Sie haben Regierungen, die nicht lernen wollen.
In Deutschland regiert eine Koalition von Union und SPD. Schwarz-Rot will die AbhĂ€ngigkeit von Ăl und Gas verlĂ€ngern statt zu verringern. Der Ausbau erneuerbarer Energien soll begrenzt werden, Batteriespeichern wird der Anschluss ans Netz verweigert, Off-Shore-Ausschreibungen laufen leer. Gaskraftwerke dagegen sollen subventioniert werden. Die Vorgabe, Zwei-Drittel der WĂ€rme klimaneutral bereitzustellen, wird gestrichen.
In der EuropĂ€ischen Union hat Schwarz-Rot zusammen mit einer Mehrheit aus Konservativen und Faschisten im EP eine LaufzeitverlĂ€ngerung fĂŒr Verbrenner durchgesetzt (wĂ€hrend weltweit E-Autos boomen).
Christdemokraten lassen sich beim Goldenen Lenkrad der Bild gerne dafĂŒr feiern, âBenzin im Blutâ zu haben. Die Union, aber noch mehr die Sozialdemokraten, hatten ĂŒber Jahrzehnte ein Faible fĂŒr billiges Gas aus Russland. Offensichtlich verlernt man mit Benzin im Blut und Gas im Gehirn die wichtigste Grundregel von Politik. Sie beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit: Der Irankrieg ist das fossile Fukushima.
Anstatt das zum Anlass zu nehmen, sich der Wirklichkeit zu stellen, versuchen Union und SPD der unbequemen RealitĂ€t zu entkommen. Statt massiv in Erneuerbare, Speicher und E-MobilitĂ€t zu investieren, versucht Schwarz-Rot lieber die âBenzinwutâ zu dĂ€mpfen. Das ist wirtschaftlich kontraproduktiv, unsozial und fĂŒhrt direkt in die nĂ€chste Energiekrise.
Wenn eine hohe Nachfrage die Preise hochtreibt, wĂ€re es naheliegend, die Nachfrage zu dĂ€mpfen. Das senkt Preise. Darauf zielen VorschlĂ€ge der Internationalen Energie Agentur. Sie fordert mehr Homeoffice und eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen. Wer wie Schwarz-Rot versucht, ĂŒber die Senkung von Steuern und Abgaben Preise zu senken, erhöht zunĂ€chst nur die Margen der Mineralölkonzerne. So weit Preise sinken, wird Nachfrage subventioniert. Viel Verbrauchende, viel Fahrende werden damit am stĂ€rksten entlastet.
Eine tatsĂ€chliche Entlastung wĂ€re die Auszahlung eines Energiegeldes pro Kopf, welches zielgenau Ă€rmere Menschen stĂ€rker entlastet als Besserverdienende. Wir könnten auch â angesichts von ĂŒber 1000 Stunden im Jahr mit Strompreisen von weniger als einem Cent an der Börse â jedem Haushalt 600 Kilowattstunden gratis abgeben. So wĂŒrden endlich alle Haushalte von niedrigen Börsenpreisen durch Erneubare profitieren.
Doch Schwarz-Rot plant das Gegenteil. Gerade die Menschen, die von der drohenden Lebenmittelinflation besonders betroffen sind, sollen schlechter gestellt werden. BĂ€rbel Bas möchte die Inflationsanpassung fĂŒr BĂŒrgergeld und Sozialhilfe wieder nach hinten schieben. Sie streicht mitten in der Ăl- und Gaskrise Olaf Scholzs Entlastung einkommensschwacher Familien.
FĂŒr Schwarz-Rot scheint die arbeitende Mitte bei Monika Gruber zu beginnen. Das ist die Kabarettistin, die am 10. Juni 2023 zusammen mit Hubert Aiwanger und Markus Söder in Erding gegen Habecks Heizungshammer randalierte. Am gleichen Wochenende stellte sie ihr Haus in Erding fĂŒr ĂŒber 5 Millionen zum Verkauf.
Wer von immer neuen Energiekrisen nichts lernen will, wer lieber laute Lobbyisten befriedigt, als fĂŒr sozialen Ausgleich zu sorgen, wer die Menschen immer wieder in der falschen Hoffnung bestĂ€tigt, es ginge dauerhaft weiter mit Ăl und Gas, wer Europa weiter in der AbhĂ€ngigkeit fossiler Autokraten wie Trump und Putin halten will, fĂŒr den passt â sorry â Hubert Aiwangers Kraftausdruck auf der Erdinger Demo:
âIhr habt wohl den Arsch offenâ.
Dieser Beitrag ist eine Ăbernahme von der Homepage des Autors, mit seiner freundlichen Genehmigung.