Maren Urner und Arne Semsrott: Was tun, wenn die Demokratie ins Wanken gerät?
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Was passiert im Gehirn, wenn die Demokratie ins Wanken gerät? Und was hat eine Nachbarschafts-Chatgruppe mit dem Widerstand gegen Rechtsextremismus zu tun? In dieser Folge von she drives mobility treffe ich zwei Menschen, deren Arbeit auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnte – und die doch zum selben Schluss kommen: Veränderung ist möglich. Aber nicht durch Abwarten.
Maren Urner ist Neurowissenschaftlerin und Professorin für nachhaltige Transformation an der FH Münster. Sie forscht daran, wie das Gehirn auf Angst, Unsicherheit und Information reagiert – und wie konstruktive Alternativen zur Daueraufgeregtheit aussehen können.
Arne Semsrott ist Politikwissenschaftler, Journalist und Aktivist. Er leitet die Recherche- und Transparenzplattform FragDenStaat – am 1.6. erscheint sein neues Buch Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück veröffentlicht.
Der Rechtsruck: Überraschung oder Logik?
Wir steigen ein mit einer unbequemen Frage: Hat uns überrascht, was gerade passiert? Maren antwortet mit neurowissenschaftlicher Einordnung: Nicht die Richtung des Rechtsrucks habe sie überrascht – das Gehirn sucht in Zeiten von Überforderung und Unsicherheit nach Halt, nach klaren Grenzen, nach Zugehörigkeit. Rechtspopulistische Angebote bedienen genau das – auch wenn es nur vermeintliche Sicherheit ist. Was sie aber überrascht hat: die Geschwindigkeit.
Arne pflichtet bei, betont aber den Unterschied zwischen Analyse und Automatismus. Dass es so weit kommt, war für ihn nicht zwingend – aber er hat es in seinem vorigen Buch Machtübernahme durchgespielt. Und vieles davon ist Realität geworden, nicht unter der AfD, sondern unter einer radikalisierten Union. Das, sagt er, hat ihn schon überrascht.
Emotionale Unreife als politisches Problem
Maren bringt einen Begriff in die Runde, der hängen bleibt: emotionale Unreife. Nicht als Beleidigung, sondern als Diagnose. Wenn Parteien keine klaren Haltungen einnehmen, wenn Angst und Unsicherheit in Floskeln verpackt werden, wenn niemand wirklich darüber spricht, was die Menschen wirklich bewegt – dann betreiben wir Pseudo-Politik. Aushandlungsprozesse, die an der Oberfläche kratzen, aber nie an die Wurzeln gehen.
Das Wort radikal kommt von radix – Wurzel. Und genau da schauen wir nicht hin, sagt Maren. Wir sehen das Laub, das fällt, aber nicht, was den Baum trägt.
Arne ergänzt die strukturelle Dimension: Die klassischen demokratischen Parteien haben ihre Verbindungen zur Zivilgesellschaft gekappt – zur Kirche, zu Verbänden, zu engagierten Öffentlichkeiten. Und wenn diese Korrektur von außen fehlt, wenn keine Ideen und Impulse mehr hineinkommen, dann beschleunigt sich der Radikalisierungsprozess von innen.
Warum die AfD emotionale Räume besetzt, die andere aufgegeben haben
Es geht gar nicht um Argumente, sagt Maren. Es geht um das Gefühl von Zugehörigkeit. Die AfD geht dahin, wo demokratische Parteien nicht mehr hingehen: auf Volksfeste, an Stammtische, an Grillpartys. Sie bietet das, was unser soziales Zusammenleben im Kern ausmacht. Und wenn Menschen dann befragt werden, warum sie die AfD gewählt haben, können sie oft kein Argument nennen – weil es kein Argument war. Es war eine Emotion. Es war: die haben mich gesehen.
Wenn man das versteht, versteht man auch, warum Lachen über Rechtschreibfehler in Nazi-Posts keine politische Strategie ist. Man trifft nicht das Argument – man trifft die Identität. Und dann fühlt sich die Person angegriffen, nicht überzeugt.
Hoffnung ist nicht Optimismus – und das ist der Unterschied
Der wohl wichtigste Moment der Folge kommt, wenn Maren erklärt, was Hoffnung wirklich ist. Nicht Wunschdenken. Nicht Optimismus. Nicht magical escape fantasies.
Hoffnung ist, in der Forschungssprache, die Überzeugung, you can get there from here. Sie besteht aus zwei Zutaten: der Willenskraft, von A nach B zu kommen – und der Vorstellung konkreter Wege, wie das gelingen könnte. Wer beides hat, ist ein High Hoper. Wer eines davon nicht hat, bleibt passiv. Und das, sagt Maren, ist politisch relevant: Passive Menschen lassen sich leichter manipulieren. Wer glaubt, nichts verändern zu können, verändert nichts. Wer keine Wege sieht, fängt nicht an.
Ein schönes Bild, was Maren findet: Angst und Hoffnung sind Erzfeindinnen – aber Angst tarnt sich gern als Hoffnung. Sie beschäftigt sich mit der Zukunft, sie fühlt sich bedeutsam an. Aber sie lähmt. Hoffnung hingegen aktiviert. Und sie hat kein Verfallsdatum.
Arne sagt dazu: Ich bin kein Optimist, ich bin Pessimist. Pessimismus des Geistes, vielleicht Optimismus des Tuns. Genau das, sagt er, ist Hoffnung: nicht zu glauben, dass es gut wird – sondern zu handeln, weil Handeln der einzige Weg ist.
Gegenmacht: Was Zivilgesellschaft wirklich kann
Arnes neues Buch ist, wie er selbst sagt, das letzte Kapitel seines vorigen Buches – ausgebreitet. Das vage Hoffnungskapitel, das in vielen Sachbüchern hilflos am Ende klebt, ist hier die eigentliche Mitte.
Er hat sich angeschaut, wo Zivilgesellschaft wirksam ist und warum. Was er gefunden hat: Es gibt überall Menschen, die mit Witz, Charme und Cleverness Veränderungen bewirken. Über direktdemokratische Verfahren wie den Hamburger Zukunftsentscheid. Über lokale Bündnisse in Sachsen-Anhalt, die Mehrheiten organisieren, bevor überhaupt gewählt wird. Über Initiativen wie Berlin Autofrei – die auch dann ein Erfolg sind, wenn sie nicht zur Abstimmung gelangen.
Und das alles, sagt Arne, wird kaum berichtet. Nicht weil es nicht da wäre. Sondern weil die Menschen, die das richtige Zeug machen, keine Zeit haben, gleichzeitig darüber zu kommunizieren.
Wo fängt man an? Mit einer Chatgruppe.
Arne hat für sich selbst gelernt: Es fängt im direkten Umfeld an. Er hat eine Chatgruppe für sein Berliner Haus gegründet. Anfangs wegen falsch abgelegter Pakete. Jetzt ist es der Raum, in dem man gemeinsam über Betriebskosten redet – und vielleicht bald über die nächste Kiez-Versammlung.
Das klingt klein. Und das ist der Punkt. Es braucht kein politisches Manifest, keine neue NGO, keine sieben Gründungsmitglieder für einen Verein. Es braucht den Blick auf Nachbar*innen, den Gruß im Treppenhaus, das Hoffest im Sommer. Aus Bedürfnis wird Verbindung. Aus Verbindung wird Organisierung.
Maren nennt als ihre Low Hanging Fruit: Humor. Menschen, die nicht über sich selbst lachen können, sind meistens tief verunsichert. Humor baut Grenzen ab, schafft neue Gruppen, verbindet über Unterschiede hinweg. Wer lacht, kann keine Angst haben.
Was bleibt
Diese Folge ist ein Gespräch über Gehirne und Demokratie, über Angst und Hoffnung, über Stammtische und Sensorik, über das, was uns wirklich verbindet. Sie ist keine Analyse von oben, sondern eine Einladung: hinschauen, anfangen, verbinden.
Und vielleicht das Wichitgste: Denen, deren Arbeit ihr schätzt, auch zu sagen, dass ihr sie schätzt. Weil schweigendes Zustimmen nicht ankommt.
Arnes Buch „Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück“ ist im Buchhandel erhältlich – oder über die Bibliothek bestellbar, wie Arne selbst empfiehlt (22 Euro ist ja auch nicht nichts).
Maren Urners neuestes Projekt Fun Facts findet ihr unter funfacts.de.
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