Die Bahn, die wir hatten – und die wir wieder haben könnten. Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene
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208 Seiten, 19 Euro, oekom Verlag.
Wer heute in Deutschland Bahn fährt, kennt das Gefühl: Der Zug kommt zu spät, der Anschluss ist weg, die App zeigt was anderes als die Anzeigetafel. Man schimpft, gewöhnt sich dran, oder steigt irgendwann aufs Auto um. Was dabei fast niemand mehr weiß: Es war mal anders. Und es könnte wieder anders sein.
Ich habe mit Dirk Flege gesprochen, seit 25 Jahren Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, dem Lobbyverband für den Schienenverkehr in Deutschland. Dirk ist einer, der die Geschichte kennt, die Zahlen kennt – und trotzdem noch kämpft. Das Gespräch hat mich bestärkt und frustriert zugleich. Beides ist gut.
Vom Leitmedium zur Nische
Wer die Bahn nur aus den letzten 20 Jahren kennt, hat ein verzerrtes Bild. Die Eisenbahn war einmal das dominierende Verkehrsmittel – sozial, wirtschaftlich, strukturell. Die Industrialisierung Europas wäre ohne sie undenkbar gewesen. Und dann kam das Auto.
„Das Auto hat jahrzehntelang weltweit politisch Rückenwind gekriegt“, sagt Dirk. „Es ist glorifiziert und ideologisiert worden als Verkehrsmittel der Freiheit.“
Das Ergebnis sehen wir heute in den Zahlen: Nur noch 10 Prozent aller zurückgelegten Personenkilometer in Deutschland werden per Schiene absolviert. Rund 80 Prozent mit dem Auto. Im Güterverkehr: 70 Prozent Lkw, 20 Prozent Bahn. Dirk nennt das nüchtern eine „große Unwucht„. Ich nenne es das Ergebnis von Jahrzehnten falscher Prioritäten.
Die Börsenbahn und ihre Folgen
Der entscheidende Bruch kam in den Nullerjahren. Bahnchef Hartmut Medorn wollte die Deutsche Bahn an die Börse bringen – inklusive der Schieneninfrastruktur. Eine SPD-geführte Bundesregierung unter Schröder spielte mit.
„Man hat wirklich das Netz kaputtgespart. Man hat Überholweichen rausgerissen, weil die zu teuer im Unterhalt waren. Alles Dinge, die uns jetzt auf die Füße fallen.“
Die Konsequenz ist simpel, fast erschreckend einfach: Wenn ein Zug Verspätung hat und es keine Ausweichweiche gibt, muss der nächste Zug warten. Die Flexibilität, die das Netz früher hatte, wurde buchstäblich herausgerissen – für kurzfristige Kosteneinsparungen. Die Zahlen dazu sind eindeutig: Das Schienennetz in Deutschland ist seit den Nullerjahren um 12 Prozent geschrumpft. Gleichzeitig wurden und werden jährlich mehrere tausend Kilometer neue Straßen gebaut. Und das Verkehrsaufkommen auf der Schiene? Hat sich im Güterverkehr verdoppelt. Im Personenverkehr um über 40 Prozent zugenommen.
„Da muss man nicht Mathematik studiert haben, zu wissen, dass das auf Dauer nicht gut geht. Ein geschrumpftes Netz mit immer mehr Verkehr obendrauf – das bricht irgendwann zusammen. Und genau das erleben wir.„
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Berufsverkehr. Nieselregen. Die sich plötzlich öffnende Autotür.
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Staatskonzern, aber welcher Art?
Die Deutsche Bahn ist eine Aktiengesellschaft. Aber der einzige Eigentümer ist der Bund. Diesen scheinbaren Widerspruch löst Dirk mit einem Satz auf, der sitzt:
„Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Wenn die Deutsche Bahn AG als Aktiengesellschaft komplett auf ihren Gewinn verzichten würde und der Bund das gut finden würde – gäbe es ja keinen Kläger.“
Das Aktienrecht wird laut Dirk oft vorgeschoben – um Transparenz zu verweigern, Verantwortung zu verschleiern, politische Einflussnahme zu verneinen. Was er „organisierte Verantwortungslosigkeit“ nennt, ist in Wahrheit ein Strukturproblem: Niemand steuert wirklich, niemand entscheidet strategisch, und die DB macht, was betriebswirtschaftlich gerade noch geht. Die neue DB InfraGO – zuständig für Netz und Bahnhöfe – trägt im Namen das Wort „gemeinwohlorientiert„. Aber: Selbst dort gibt es noch einen Renditeanspruch von 2 Prozent. Bei der Autobahn GmbH, ebenfalls zu 100 Prozent Bundesbesitz, gibt es das nicht.
Der Deutschlandtakt: Eine Vision, die lächerlich gemacht wurde.
Es gab mal einen Plan. Er heißt Deutschlandtakt: ein integriertes Taktfahrplansystem, alle Metropolen im Halbstundentakt verbunden, der Infrastrukturausbau an das Ziel angepasst – nicht andersrum. Die Schweiz macht das seit Jahrzehnten. Es funktioniert. Dann sagte der damalige Staatssekretär Michael Theurer im ZDF: In 50 Jahren ist der Deutschlandtakt umgesetzt. Rechnerisch stimmte das. Politisch war es eine Katastrophe.
„Dieser Deutschlandtakt ist der Lächerlichkeit preisgegeben worden„, sagt Dirk. Und der damalige Verkehrsminister Wissing hat es nicht eingefangen. Statt Etappen zu definieren, konkrete Zwischenziele, ein Versprechen – Schweigen. Seitdem gilt: Wer Visionen hat, soll zum Arzt.
Was die Schweiz und Österreich zeigen
Österreich war vor 20 Jahren am gleichen Punkt wie Deutschland heute. Bahnbeschäftigte schämten sich in der Kneipe für ihren Job. Heute sind sie stolz. Was hat sich verändert? Investitionen. Planung. Verlässlichkeit.
„Die Österreicher haben Fonds, die haben Pläne, die gehen bis 2050. Die diskutieren jetzt, welche Schieneninfrastruktur sie 2050 haben wollen. Und das haben sie durchfinanziert bis 2040.“
Und wer jetzt sagt, Österreich und die Schweiz seien zu klein für Vergleiche mit Deutschland: Dirk kontert trocken. Bei den Benzinpreisen sei Österreich plötzlich das große Vorbild – weil dort Tankstellen nur einmal täglich den Preis erhöhen dürfen. „Da ist Österreich auf einmal Vorbild, wenn es um Politik für Autofahrer geht. Aber bei der Bahn wird es immer platt gemacht.“
Das Ungleichgewicht, das niemand benennt.
Nachtzüge sind voll. Die Nachfrage ist da. Das Angebot ist zu alt, zu teuer, zu wenig. Warum? Weil ein Nachtzug Trassenpreise zahlt – EU-weit verpflichtend. Das Flugzeug zahlt keine Kerosinsteuer, keine Mehrwertsteuer auf internationale Tickets, und Landegebühren nur punktuell, nicht streckenabhängig.
„Es ist nicht gerecht und die Politik ist da nicht konsequent. Das ist kein deutsches Phänomen. Hier sind eigentlich alle Staaten Europas gefordert.“
Und dann ist da noch das Deutschlandticket: Eine großartige Idee. Aber für die Finanzierung greift man in den Topf der Nahverkehrsunternehmen, während Dienstwagenprivileg und Dieselprivileg unangetastet bleiben.
Low Hanging Fruit: Das Sozialticket.
Was wäre schnell möglich, wenn der politische Wille da wäre? Für Dirk ist klar: Ein Sozialticket für das Deutschlandticket. 25 Euro statt 63, finanziert aus den Sozialhaushalten, die ohnehin ein Mobilitätsbudget enthalten.
„Mobilität ist ein Grundrecht. Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, seine Verwandtschaft zu besuchen, seine Kinder zum Kindergarten zu bringen – unabhängig davon, wie dick der Geldbeutel ist.“
Das klingt einfach. Es ist einfach. Es fehlt der Wille.
Warum es trotzdem besser wird
Dirk ist kein Pessimist. Er ist jemand, der seit 25 Jahren kämpft und trotzdem noch kämpft. Seine These: Die Bahn wird besser, weil die Krise groß genug ist. Weil die Unpünktlichkeit so akut ist, dass die Politik nicht mehr wegsehen kann. Weil hohe Benzinpreise Menschen zum Umdenken zwingen.
„Die Menschen und die Wirtschaft sind eigentlich weiter in Sachen Verkehrswende als die Politik.“
Das glaube ich auch. Und deshalb ist Gespräche wie dieses nicht nur informativ – sie sind notwendig.
Dirk Flege ist Geschäftsführer der Allianz pro Schiene.
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