Ich führe gerade eine interessante Debatte mit meiner Familie über Aufmerksamkeitsökonomie im Informationszeitalter und die Frage, ab wann das Posten von Nachrichten in Chatgruppen zur Belästigung wird. Dabei ist mir aufgefallen, dass es eine Art Aufmerksamkeitshorizont gibt, eine Toleranzgrenze, die ungefähr da liegt, wo die Anzahl der Nachrichten reziprok zu ihrem Informationsgehalt ist. Überwiegt die Quantität die Qualität der Informationen, entzieht der Empfänger seine Aufmerksamkeit. 1/
Da die Frage nach dem Informationsgehalt von Nachrichten eine subjektive ist, liegt die Toleranzgrenze für jeden individuell anders. Für mich als Autistin (#ActuallyAutistic) ist sie bspw. schnell erreicht, wenn Nachrichten keine referentiellen Informationen mehr enthalten oder die referentiellen Informationen keinen persönlichen Bezug mehr zu mir und meinen Interessen haben. Wenn dann jemand weiter postet, überschreitet er meine persönlichen Grenzen und ich werde sauer und defensiv. 2/

@levampyre

1) "die #referentiellen Informationen keinen persönlichen Bezug mehr zu mir und meinen Interessen haben. Wenn dann jemand weiter postet, überschreitet er meine persönlichen Grenzen und ich werde sauer und defensiv."

Das geht m.E. auch allen #neurotypischen Menschen (ab hier "NM", spart Zeichen) so!

Deshalb fand ich das, was du am Anfang sagtest, so faszinierend.

Wir leben in einer Welt der ständig zunehmenden Reiz- und Informationsüberflutung, gepaart mit vorsätzlicher,...

@levampyre

...effektiver Desinformation , eingebettet in #InformationWarfare. Jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde. Je mehr Zeit wir Im #Internet, aber v.a. auf #SocialMedia (#SM) verbringen (aber auch die "neu digitalisierten", monodirektionalen Medien wie Fernsehen und Radio, desto größer wird der #InformationOverload. Tag für Tag. Ich habe das jetzt mal ausnahmsweise nicht recherchiert, aber ich würde behaupten, bis auf die ganz armen Ländern, ist es eine Tendenz, das a) immer mehr Leute...

@levampyre

...#MentalHealth und #Burnout-Probleme bekommen.

Ein pro-aktives Filtern, so wie du es erlernt bzw. dir beigebracht hast, würde vermutlich vielen Menschen nützlich sein.

(Übrigens hatte ich schon früher (v.a. auch hier) Kontakt zu #Neurodivergenten / #Neurodiversen Menschen. Sie berichteten Ähnliches wie du.)

Weshalb das noch so wichtig wäre:

Ich halte mich für jemand, der in der Lage ist, recht viele Informationen und das durchaus auch parallel (#Multitasking) zu machen...

@levampyre

...Kurzer Exkurs:
Warum Gefühle effizient und effektiv sein können: je mehr Sinne eines Menschen angesprochen werden, desto besser ist die Erinnerung.

Insbesondere starke Gefühle wie Wut, Trauer, Liebe, Hass, Verzweiflung, usw. beeinträchtigen nicht nur die ("objektive") Wahrnehmung, sie beinträchtigen oft, mindestens temporär, unser rationales Denken und unsere Entscheidungskompetenz.

Kurzum, etwas mehr wie der von mir zitierte "Spock" zu werden, der es (gemäß der Story) lernen..

@levampyre

...musste, seine "vulkanische Hälfte", die im Urzustand "viel stärker als die Menschen" von ihren Gefühlen dominiert wird, zu kontrollieren. Dies geschah durch eine Methodisierung der Logik.

Was du und andere neurodivergente schildern, kling *dem Grunde nach* nicht unähnlich, zumindest für mich.

Zurück zum Hauptpunkt, #InformationOverload. Wir als Gesellschaft bzw. Menschheit sind noch lange nicht so weit, dass wir die zurückliegende Zeit des (vorzugsweise monodirektionalen,...

@levampyre

...ggf. online mit Zeitverzögerung verwendete E-Mails "verdaut" hätten, da kommt zunächst #SM "um die Ecke" und schafft es, ganze Gesellschaften (i.d.R. zum insgesamt Schlechten vgl. #Brexit, #Trum-Wahlen (#CambridgeAnalytica), #Influencer mit #Finanzabzocken, mit schädlichen #Gesundheitstyps oder #Diätwahn durch idealisierte, ungesunde #Schönheitsbilder (#Skinny, #Anorexie) usw., da werden wir seit November 2022 von der ersten Evolutionsstufe von emergierenden,...

@levampyre

...#KünstlichenIntelligenzen (#LLMs) zunehmend überrolt. Derzeit schreitet die #Enshittification des Webs (und der Abonnements, usw.) rasant voran. Vielleicht ist ein Kulminationspunkt die #DeepFakes. -

Kurzes Beispiel, #USA: bis vor #Trump gab es immer wieder den Fall, dass parteiübergreifende ("accross-the-aisle", "bipartisan"), tragfähige Kompromisse gefunden werden konnten.
Weshalb, in Kürze, weil man in der gleichen Realität realität lebte, die gleichen (mehr oder minder)...

@levampyre

...#Medieninhalte konsumierte.
Dies wird seit #Trump, #Putin und #Shi immer weiter zerstört. V.a. westliche Gesellschaften werden (nicht nur durch Bots und Botfarmen) regelrecht nach allen Regeln der Kunst von innnen heraus, ganz gezielt zersetzt, indem eine #Polarisierung in einer auch geopolitisch immer schneller sich entwickelnden, fatalen #Multipolaren Welt werden, ganz im Sinne von #Xi (der das sehr ausführlich formuliert hat) und anderen, v.a. den eingangs genannten...

@levampyre

Um auf den Ursprung dieser Convo zurückzukommen, ich denke das von mir vorgetragene zeigt, wie sehr wir auf individueller Ebene, auf familärer Ebene (auch hier kommt es zum geschilderten Auseinanderleben durch immer kleinere, abgenabeltere, ja oft auch radikalisierte "bubbles".
(Kleine Randbemerkung: auch hier sehe ich eine zunehmende Konvergenz der #Neurotypischen mit den #Neurodivergenten: bei euch ist die Blase (aufgrund des schon "im Kleine(re)n auftretenden"...

@levampyre

...#InformationOverloads) kleiner, aber im Durchschnitt (zwangsweise) wohl deutlich effizienter strukturiert (Stichwort: "#Filtern"), als bei dem Rest der Menschheit.

Womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären: mehr wie "ihr" auch #Informationen viel dezidierter und konzentrierter Verabeiten zu müssen.

Im Buch "Evolutionäres Management: Globale Handlungskonzepte" ungarische #Systemtheoretiker und Wirtschaftsphilosoph (tolle Kombi :) (sinngemäß, da es das Buch m.W...

@levampyre

...das die "Menschheit immer mehr zu einem soziotechnischen System wird." - Dies schrieb er 1992, Jahre bevor sich das WWW etabliert hatte! - Nicht umsonst ist er auch der ein wichtiger Vertreter der #AllgemeinenEvolutionstheorie.

Im gleichen Jahr, am 06.07.1992, präsentierte ein anderer Visionär, John Sculley, seine Vision von der Konvergenz der verschiedenen Sektoren der Informationstechnologie.

Der Rest ist Geschichte, wie oben im Abriß geschildert, ebenso die Anforderungen..

@HistoPol Ja, dass Filtern für alle wichtig ist, schrieb ich ja auch. Man sollte sich die Sender genau ansehen und beurteilen lernen: "Dieser Sender, sendet immer nur Quatsch. Dem schenke ich keine Aufmerksamkeit mehr. Dafür hat dieser andere meine volle Aufmerksamkeit." Aber es braucht auch ein Umdenken der Sender, zumindest jener mit genuinen Kommunikationsinteressen. Man darf da als Sender aufmerksamer für die Bedürfnisse des Empfängers werden, weil Kommunikation ein gegenseitiges Ding ist.
@HistoPol Hm, ich weiß nicht, ob ich mich mit einem Spock identifizieren kann. Dieses Vorurteil, dass Autist_innen all ratio, no emotio - d.h. empathielos wären, Gefühle nicht fühlen, wahrnehmen oder deuten können, das halte ich für Quatsch. Sondern, was ich erlebe, ist, dass Gefühle komplexer sind als die Worte (Abstrakta), die wir qua unserer Sprache haben, um sie zu beschreiben. Ich nehme so viele Facetten meiner Gefühle wahr, dass ich Gedichte schreiben müßte, um sie akkurat zu benennen. 1/
@HistoPol Auch die Verarbeitung, das Bewußtwerden darüber, was ich eigentlich fühle, nimmt sehr viel Rechenleistung in Anspruch und passiert bei mir nicht intuitiv, sondern bewußt. Ich nehme nicht wahr, dass ich traurig oder ängstlich bin. Ich nehme wahr, dass ich etwas fühle. Und dann brauche ich einen ruhigen, ungestörten Ort, um darüber nachzudenken, was es ist und was es mir sagen möchte. Diese Ruhe habe ich aber meistens nicht, zumindest nicht, wenn ich gerade mit jemandem im Dialog bin. 2/
@HistoPol Also verschiebe ich den emotionalen Bewußtwerdungs- und Verarbeitungsprozess auf einen späteren Zeitpunkt und regiere erst mal "nur" nach den erlernten, erwarteten Standardmustern. Bspw. jemand sagt: "Mein Vater ist gestorben." Ich senke Kopf und Stimme, pausiere kurz, und sage: "Mein herzliches Beileid." Ob ich wirklich herzlich beileide oder ob es mir eigentlich wurst ist und ich etwas Anderes gefühlt habe, darüber muß ich mir hinterher erst durch Nachdenken klar werden. 3/
@HistoPol Aber wenn ich beileide, dann leide ich auch heftig bei, weil ich mich so gut in andere Personen hineinversetzen kann. Gestern erzählte mir bspw. meine Tochter, dass sie sich den Zeh gestoßen hat und es hat mir körperliche Schmerzen verursacht. Gefühle können so groß und überwältigend sein, dass ich mich manchmal frage, ob ich nicht evtl. sogar intensiver oder mehr fühle als andere, weil ich einfach so viel meiner komplexen Gefühlswelt bewußt wahrnehme, wenn ich mir Zeit dafür nehme. 4/

@levampyre

"Aber wenn ich beileide, dann leide ich auch heftig bei, weil ich mich so gut in andere Personen hineinversetzen kann. Gestern erzählte mir bspw. meine Tochter, dass sie sich den Zeh gestoßen hat und es hat mir körperliche Schmerzen verursacht. Gefühle können so groß und überwältigend sein, dass ich mich manchmal frage, ob ich nicht evtl. sogar intensiver oder mehr fühle als andere"

Sorry, aber nochmals die Frage: kennst du Mr. Spock aus Raumschiff Enterprise? - So langsam frage...

@levampyre

(2/3)

...(und das wirklich ganz ernst), ob jemand vor Jahrzehnten schon das Gefühlleben der Vulkanier anhand von Autisten modellierten!?!

Denn: auch die Vulkanier haben sich mühsam die (übermenschliche) Gefühlskontrolle erarbeitet, um Kohäsion in der Gesellschaft erhalten zu können, da ihre Gefühlswelt ansonsten "viel heftiger" (gewaltätiger) als bei Menschen wäre!

Außerdem: sie können mittels "Gedankenverschmelzung"...

@levampyre

(3/3)

.... (mind meld) mit anderen Personen gedanken- und gefühlstechnisch eins werden. - In der Serie sind diese Ereignisse dann immer meist sehr heftig.

Deine Schilderung kling (natürlich nur auf die Auswirkungen begrenzt) im Prinzip genauso. Echt erstaunlich.

UND: vielen Dank für diesen sehr persönlichen Einblick!

//

@HistoPol Ok, vermutlich kenne ich nur Spocks rationale, kalte Seite. Und obgleich ich diese nachvollziehen kann, würde ich mich oder überhaupt ASDler nicht darauf reduzieren wollen, weil es eben ein altes (falsches, verletzendes) Vorurteil bedient. Aber es stimmt auch, dass ich im Verlauf meines Lebens erfahren habe, dass es zu Mißverständnissen kommt, wenn man zu erwartende Emotionen nicht auf die zu erwartende Weise non-verbal kommuniziert. 1/
@HistoPol Also ich fänd es nicht schlüssig, dass Spock in seinem Alter und mit seinen intellektuellen Fähigkeiten nicht längst zum Experten für non-verbale Kommunikation geworden wäre, zumindest wenn er in Dialog mit (neurotypischen) Menschen tritt. Er sollte wissen, welch wichtige Rolle non-verbale Kommunikation in unserer Gesellschaft spielt und diese Muster überzeugend bedienen können, i.e. "masken". (Es sei denn, er möchte nicht masken und es ist ihm egal der bunte Hund im Dorf zu sein.) 2/2

@levampyre

"...dass Spock in seinem Alter und mit seinen intellektuellen Fähigkeiten nicht längst zum Experten für non-verbale Kommunikation geworden wäre, zumindest wenn er in Dialog mit (neurotypischen) Menschen tritt..."

Ein sehr guter Punkt, stimmt! - Zumal er am Ende über 200 Jahre alt wurde.
Und: ihn würde es auch m.E. nicht annäherend so angstrengt haben wie einen neurodivergenten Menschen, insbesondere mit Autismus.

"Bunter Hund"--doch, in der Tat. ABER: er hätte aufgrund seines...

@levampyre

...enormen Intellekts nach einiger Zeit erkennen müssen, dass Flurfunk und "socializing" (vgl. übrigens die neuere Prequel-Serie mit dem "jungen Spock") die Teameffizienz durch soziale Akzeptanz und Integration in die Gruppe enorm steigert. Das DIES im wichtig ist, wird regelmäßig wiederholt.
Ein logischer Bruch also, da gebe ich dir recht.

@HistoPol Exactly! Non-verbale Kommunikation erfüllt eine wichtige soziale Funktion und sich anzupassen/angepaßt zu sein ist nicht nur schlecht, im Gegenteil, es ist für das Funktionieren der Gruppe als Gemeinschaft enorm wichtig. Und am Ende sind wir alle, auch ASDler, soziale Wesen. Das Dazugehören ist eine wichtige Überlebensstrategie für unsere Spezies. Wenn du die non-verbalen Cues nicht beherrschst, bist du automatisch als Outsider erkennbar, wie Spock, wie ASDler, wie Kulturfremde.

@levampyre

"...mich oder überhaupt ASDler nicht darauf reduzieren wollen, weil es eben ein altes (falsches, verletzendes) Vorurteil bedient..."

Das war natürlich nicht meine Intention--was du aber auch nicht annimst.

@levampyre

Ich hatte vor einiger Zeit mich mal vorübergehend etwas intensiver mit Autismus beschäftigt gehabt (dann ging mir leider die Zeit aus).

Dabei wurde mir von einer Wissenchaftlerin mit einem autistischen Sohn die #IntenseWorldTheory empfohlen. Sie überließ mir auch einen spannenden Artikel*.

Leider reichen meine (neuro)biologischen Kenntnisse nicht ansatzweiße aus, um alles zu verstehend, ich finde die Theorie insgesamt jedoch recht schlüssig:

*https://www.frontiersin.org/journals/human-neuroscience/articles/10.3389/fnhum.2010.00224/full

Frontiers | The Intense World Theory – A Unifying Theory of the Neurobiology of Autism

Autism covers a wide spectrum of disorders for which there are many views, hypotheses and theories. Here we propose a unifying theory of autism, the Intense ...

Frontiers
@HistoPol Hab ich schon mal von gehört. Tu ich mir mal in meine Bookmarks.
@HistoPol "This may lead to obsessively detailed information processing of fragments of the world and an involuntarily and systematic decoupling of the autist from what becomes a painfully intense world." Holy frackles! Yes, I feel seen already! 🙈