Am 10.02. hat das Kultusministerium mir die Absage für das Referendariat aus politischen Gründen erteilt. Ich werde oft gefragt, wie sich das anfühlte. Ich fühlte mich erst stumpf, ich funktionierte. Später kam eine Achterbahn aus Gefühlen.
Das Berufsverbot wirkte schon, bevor es erteilt wurde, denn ein Teil von mir hat es erwartet. Beim Staatsexamen 2024 schwankte ich zwischen Sinnlosigkeitsempfinden, Motivationslosigkeit & dem Druck keine(n) Fehler machen zu dürfen. Bloß keinen Grund liefern.
Dann kam es und mit ihm ein Graben, in dem ein ganzer, verlorener Lebensentwurf in Scherben lag. Mein Abi & mein Uniabschluss waren für mich keine Selbstverständlichkeit, ich bin kein Akademikerkind. Ich habe dafür hart gekämpft, weil ich es wirklich WOLLTE.
Ich WOLLTE Lehrerin & Schulpsychologin werden, habe mich immer um beste Noten bemüht, um der Verantwortung des Jobs gerecht zu werden und bestqualifiziert in den Beruf zu gehen. Aber das war nun egal.
Vereinzelung. Fast niemand macht diese Erfahrung, aber ich brauchte das gemeinsame Teilen. Zum Glück waren die alten & derzeitigen Berufsverbotler:innen gleich offen für Telefonate. Allen voran auch Benni Ruß und Luca Schäfer!
Da war die Angst: Wie die Miete zahlen? Ich hatte ja mit einem festen Gehalt gerechnet. Wer würde mich in dieser Situation anstellen? Wie die Sorgen meiner Familie abfedern? Würde eine Veröffentlichung einen neuen Shitstorm wie 2024 auslösen?
Dann kam die ganze öffentliche Aufmerksamkeit – zum Glück bekommt mein Fall so viel Sichtbarkeit und so viel Empörung! Ich spürte Erleichterung, dass mir kein Shitstorm, sondern überwältigende Solidarität entgegenschlug.
Aber Presseaufmerksamkeit heißt auch viele Stunden telefonieren, überlegt sprechen, Interviews gegenlesen, stabil und kontinuierlich arbeiten, erreichbar sein, (emotional & kognitiv) verfügbar sein, …
Mit der Aufmerksamkeit kam ein gewisses Maß an Bekanntheit – eine Ressource, ein Privileg, aber auch ein Päckchen. Fremde, die mich ungefragt umarmen. Menschen, die mich in Gesprächen nur auf meinen Fall reduzieren (wenn auch wohlwollend).
Unsicherheit. Was denken nun entfernte Freund:innen, Bekannte oder Menschen, die ich neu kennenlerne, von mir? Insbesondere jene, die nicht besonders politisch informiert sind. Würden sie es ansprechen? Also in meiner Gegenwart..?
Auch wenn es im Solikreis #LasstLisaLehren Raum dafür gibt – mich begleitet das Gefühl, ich hätte keine Zeit für Schwäche oder Rückzug. Wenn ich gewinnen und andere ermutigen will nicht aufzugeben, muss ich dauernd in der Offensive sein und Stärke beweisen.
Gewissermaßen halte ich meinen Kopf für eine ganze Bewegung hin, denn gemeint sind wir alle. Ich will ihr gerecht werden, ich will niemals einknicken, ich will Fehler vermeiden, ich will solidarisch sein. Das ist aber eine Mammutaufgabe.
So viel Aufmerksamkeit kann einem auch zu Kopf steigen. Ich habe Angst narzisstisch zu werden, nur noch um mich/das Berufsverbot zu kreisen, ohne Berechtigung für die Bewegung zu sprechen. Ich hoffe auf ein Korrektiv aus großartigen Menschen.
Die Beleidigungen auf Twitter sind extrem angestiegen, ähnlich wie 2024 nach #GemeinsamGegenRechts. Es juckt mich gar nicht so sehr, aber es ist auch nicht schön, über sich lauter miese Dinge oder falsche Unterstellungen („die arbeitet nicht“) zu lesen.
Es gibt Solikreis-Plena, Anwaltstermine, eine bundesweite Berufsverbotsvernetzung, Reden-, Presse- & Veranstaltungsanfragen. Ein krasses Privileg, daher fühlt sich absagen auch undankbar an. Aber der Klimaaktivismus (& Privatleben) kommt dadurch viel zu kurz.
Da ist immer wieder die Frage, wenn ich einen Post verfasse, ob der nun auch gegen mich verwendet wird, wenn schon #Profitmaximierung als Grund gegen mein Referendariat genannt wird. Aber ich will mich auch nicht selbst zensieren!
Da ist die Frage, ob ich zu einer hyperkonservativen Schule mit extrem konservativen Seminarleitungen geschickt werde, wenn ich gewinne, um mir anderweitig meinen Berufsweg zu verbauen.
Da ist natürlich auch Wut über diese groteske Ungerechtigkeit: Sie verwüsten unseren Planeten, versauen jungen Menschen die Zukunft und weil ich mich dagegen wehre, werde ich derart bestraft. Staatsvertrauen schafft das jedenfalls nicht.
Was sie mir und uns nur alles nehmen! Und dann erlauben sie es sich auch noch, meinen Charakter abzuurteilen! Weil ihnen mein Engagement nicht passt, ziehen sie Rückschlüsse darüber, wie ich mit Kindern umgehe(n würde).
Aber da ist auch unendliche Dankbarkeit für jedes Wohlwollen, jedes gemeinsame Aufregen, jeden Post, jede Spende, jede Unterschrift und vor allem für die Menschen, die Solidarität (politisch) organisieren. Teilweise sogar trotz persönlicher Differenzen.
Da ist Dankbarkeit für meinen Kindergarten, der mich verlängert hat & unterstützt, für meine neuen Kolleg:innen, dass sie mich so lieb aufgenommen haben. Da ist Dankbarkeit für meinen Verlag, der keinen Moment an mir gezweifelt hat.
Da ist Dankbarkeit für alle persönlichen Kontakte, die mich in den Arm nehmen und bei denen ich auch nicht „die Aktivistin“, sondern einfach nur Lisa bin
Unfassbar, dass es so etwas heutzutage noch gibt.
Ich stelle mir die Frage, ob Du dagegen rechtlich vorgehen kannst/könntest, dh Widerspruch gegen solche ablehnende Entscheidungen einlegen kannst und ggf klagen.
Alternativ gibt es die Möglichkeit, in einem anderen Bundesland erst einmal weiterzumachen und anschließend zurückzukommen?
Wie auch immer, Du kriegst die Fragen vermutlich oft gestellt und darüber hinaus auch viele andere Zuschriften.
Viel Kraft für Dich.
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@lisapoettinger Es ist schon viel gesagt. Deshalb von mir einfach nur: <3 <3 <3
(Bin in der Beratung zu digitaler Gewalt tätig. Ich sehe, dass du viel Support hast. Aber falls du mal sprechen willst, melde dich gerne.)
@lisapoettinger
Ich habe den höchsten Respekt für dich, denn du hast im Kampf für deine Überzeugungen dich selbst bzw. deine eigene Zukunft aufs Spiel gesetzt. Den Mut hat bei weitem nicht jeder.
Ich wünsche dir all die Kraft die du brauchst um den Kampf fortzuführen und hoffentlich am Ende auch zu gewinnen.
Wenn ich Kinder hätte, würde ich mir wünschen, dass ein Mensch mit deinen Überzeugungen, deiner Offenheit und deinem Mut sie unterrichtet!
Ich habe dir geschrieben was das Beste ist, denn ich bin davon überzeugt dass dies kein Urteil im Sinne eines Rechtsstaates war, sondern eine Vorverurteilung, wie zur Hexenjagd.
Unser Bundesverfassungsgericht (BverfG) hat hier schon einmal im Sinne des Klimawandels ein Urteil gesprochen und die AfD gilt als gesichert Rechtsextrem ... das Amt in Bayern wohl auch ...
Ich erinnere mich gut an den Radikalenerlaß der 70er. Als man unseren Kunstlehrer schasste, weil er nen roten Pullover trug. Nie auch nur ein Wort über Politik. Kunst war sein Thema. Aber er war unbequem, nicht auf Linie. Nicht im System. Nicht konform. Seither hat sich nichts geändert. Zeitlang dachte ich, es würde besser. Trugschluss. Ich bin froh, dass es Menschen wie Dich gibt. Danke für den Mut.
@lisapoettinger
Danke für Deinen Bericht und ich wünsche Dir ganz viel Kraft und letztendlich viel Erfolg bei Deinen Berufsvorstellungen.
Ich dachte, dass das längst vorbei ist mit diesen Berufsverboten aus meiner Jugendzeit und vor allen Dingen mit diesen lächerlichen Begründungen dafür.
Du schaffst das! 👍
Ich habe das auch erst viel zu spät in meinem Leben realisiert, aber es gibt freie Schulen und das sind nicht nur "Baumschulen".
Meine damals hatte das äußerst wilde Bildungskonzept, Lehrpersonen einzustellen, die wirklich motiviert und fähig sind zu lehren; unabhängig davon, welche offiziellen Qualifikationen sie haben.
Der Unterricht war sonst recht standard; nur halt besser, weil die Lehrenden bock hatten und die Klassen kleiner waren.
Solltest du ggf. in Erwägung ziehen.
Es gibt viel was ich noch dazu schreiben könnte, aber eines will ich noch loswerden:
Mit deiner Wut auf die Gier-gemachte Klimakatastrophe wärst du bei dem Milieu dieser spezifischen freien Schule auf breites Verständnis gestoßen.
Es sind zunehmend düstere Zeiten, und auch dafür ist dein Struggle ein Symbol. Soligrüße 🫂💚
@lisapoettinger
Fass ich nicht. Und so ein Voll-Nazi wie Höcke hat immer noch seinen Beamtenstatus.
Politische Mäßigung wird wohl seeeehr weit in Richtung mitte-links ausgelegt.
@lisapoettinger "denn gemeint sind wir alle" – so empfinde ich das auch. Wie kommt der bayerische #Staat dazu, einen #Söder zu fördern, und die berechtigte #Kritik an Umwelt-Zerstörung zu sanktionieren? Weil #Kapital und Politik den Vorteil #Privilegierter schützen. Und Amtsgerichte, Landesgerichte, Oberlandesgerichte sich dazu mißbrauchen lassen. Die #Verfassungsfeinde sitzen in #Politik und #Wirtschaft.
#LasstLisaLehren #Solidarität
#Klimaschutz #KapitalismusKritik
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/grundgesetz-umweltschutz-100.html
Wie ist aktuell der Stand des Verfahrens?
@lisapoettinger
Das ist wirklich alles Mist, was dir passiert.
Auch ungefragtes in den Arm nehmen geht gar nicht, auch wenn es vielleicht gut gemeint ist. Das ist übergriffig.
(Genau wie die ganzen Tipps hier, als ob du noch nie daran gedacht hättest, in ein anderes Bundesland zu gehen, an Privatschulen, in die Politik oder ähnliche Wege. Come on, Fediverse, you can do better!)
Dir alles Gute, viel Kraft und lass uns, wenn Bedarf ist wissen, wie geholfen werden kann. :)
@lisapoettinger Bloody hell, Lisa, from what I could understand from the automated translations, the state essentially banned you from making a living because of your climate activism? And this is what passes for “democracy” in our “modern” and “civilised” Westwern world? I’m so sorry you have to go through this. Know that you’re standing on the right side of history. And thank you, on behalf of those of us in the species who are not part of the death cult, for standing up for our future.
💕