Immer wenn ich sage: "Unerfreulich, dass man heute für so vieles das Auto braucht!" heißt es: "ICH LASSE MIR MEIN AUTO NICHT WEGNEHMEN, ICH BRAUCHE ES!" Das ist ein so banaler Denkfehler, der ist nicht durch mangelndes Nachdenken zu erklären, das ist einfach Suchtverhalten.
Also noch einmal: Niemand will Leuten, die ein Auto brauchen das Auto wegnehmen. Und ja, für vieles, vor allem auf dem Land, wird man wohl immer Individualverkehr brauchen. Das ist ok, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass unsere Städte und Dörfer heute so organisiert sind, dass man ohne Auto oft nicht einmal die einfachsten Grundbedürfnisse befriedigen kann. Und das ist unerträglich. Wer nicht Auto fahren kann, kommt heute oft kaum zum Arzt oder zum Supermarkt.
Das müsste nicht so sein. Es war schon mal anders. Erst in den letzten Jahrzehnten haben wir die Infrastruktur auf dem Land katastrophal ausgedünnt und die Besiedelung erweitert. Früher gab es Dörfer, dazwischen Felder. Heute gibt es zersiedelte Speckgürtel.
Kann man dort ohne Auto auskommen? Nein. Verlangt irgendjemand von den Leuten dort, auf ihr Auto zu verzichten? Nein. Der zentrale Punkt, der seit vielen Jahren von der wissenschaftlichen Stadt- und Raumplanung kommt, ist: Passt die Planung an die Menschen an, nicht an Autos!
Wird man Dörfer so planen können, dass man dort alles immer zu Fuß erreichen kann? Nein. Nicht alles, was man jemals braucht, kann im Dorf vorhanden sein. Fachärzte und Spezialgeschäfte werden immer weiter weg sein. Ist ok, dann nimmt man eben das Auto.
Aber es macht einen großen Unterschied, ob man ein paar mal im Monat für längere Wege ein Auto braucht, oder ob man täglich jeden Weg mit dem Auto zurücklegen muss, vom Weg ins Kinder-Fußballtraining bis zum schnellen Einkauf zwischendurch.
Ich fordere kein Abschaffen des Autos, ich kritisiere bloß, dass wir uns mit der relativ neuen und eigentlich völlig irrwitzigen Einschränkung abgefunden haben, für viele täglich nötige Wege auf das Auto angewiesen zu sein.
Viele empfinden Staus oder Parkplatznot als Zumutung. Man sollte sich eher über die Zumutung aufregen, dass es im Dorf keine Apotheke mehr gibt. Dass Kinder die Schule nicht gefahrlos alleine erreichen. Dass der neue Supermarkt nicht im Zentrum sondern vor dem Dorf steht.

@florianaigner

Das Schlimme ist ja: hier auf dem Land geht es ja nicht um "das Auto": - ich seh das hier am Dorf doch täglich: mindestens einer, meist zwei in der Familie pendeln mit Auto zur Arbeit, falls einer dafür keines braucht, wird dennoch ein 2 Wagen benötigt, der die Kinder zur Schule, zum Sport oder sonst wohin bringt - oder zum Einkaufen etc. - - und sobald ein Kind alt genug ist und noch bei den Eltern wohnt, kommt das 3. Fahrzeug - denn auch das erwachsene Kind will mal raus ...

@florianaigner
Und vernünftiger ÖPNV findet nicht statt - schon gar nicht abends oder am WE
@florianaigner meine Schwiegermutter wohnt in so einem Dorf, wo es mittlerweile nichts mehr gibt. Autofahren kann sie nicht mehr und ist bei eigentlich allem auf Lieferungen und Taxis angewiesen. Einen Grund im Dorf herumzulaufen gibt es daher auch nicht. Also sitzt sie zu Hause
@FrauAlly @florianaigner Meine Familie sitzt auch in so einem Kaff ohne jede Infrastruktur. Ohne Auto ist man da komplett gearscht.
Wenn ich mit Renteneintritt gen Norden ziehe, wird die Wohnortwahl definitiv an der vorhandenen Infrastruktur hängen. Ich möchte mich auf keinen Fall von einem Auto, bzw der Fähigkeit es zu fahren, abhängig machen.
@KratzdieBuerste @florianaigner ja, darauf sollte man wirklich achten
@florianaigner die Diskussion übers Auto (die ja eigentlich eine Diskussion über das beste Massenverkehrsmittel sein sollte) ist (in meiner Erfahrung) oft leider nicht auf einer rationalen Ebene möglich. "Suchtverhalten" sehr passend!
@jklonasdf @florianaigner Das bestätigt jetzt leider das "nicht mehr rational". In dünner besiedelten Regionen hat es einfach nichts mit Suchtverhalten zu tun.

@schneider_EF @florianaigner Ok das stimmt, "Sucht" evtl doch nicht ganz passend, da ja die Umstände von Dritten so kreiert wurden, dass das Auto für den Einzelnen (leider!) meist die Beste Alternative ist. Der Einzelne "kann nix dafür". Ich fand "Sucht" subjektiv nur so passend, da meine Diskussionen mit Freunden übers Auto denen über Tabakkonsum ähneln. :)

Der wichtige Punkte ist ja, dass die Umstände keineswegs so sein und vor allem bleiben müssen!

@jklonasdf @florianaigner Na ja, Dinge wie Ärzte- und Vereinsdichte, Treffmöglichkeiten uvam sind mit abnehmender Bevölkerungsdichte einfach was für Individualverkehr (dessen regelmäßige Verteufelung beim Blick auf sicher auch mal kleinere E-Fahrzeuge mir nicht in den Kopf will). Ich möchte nicht zurück zu einer engen Welt des Dorfes, wo die gelegentliche Bahnfahrt in die Stadt schon unter Horizonterweiterung fiel.
@schneider_EF Absolut. Wie von @florianaigner weiter oben aber schon gut beschrieben, bin ich auch der Meinung, dass es nicht sein darf und muss, dass man viele Grundbedürfnisse nur mit dem Auto befriedigen kann.
Gedanke: Wenn dem nicht so wäre (und nur solche Dinge wie von dir genannt hin und wieder mal ein Auto erfordern), dann werden Sharing Modelle - erst recht, wenn es dann selbstfahrende Autos gibt - zu echte Alternativen.
@schneider_EF Denn auch abseits von Großstädten ist das Konzept "1h am Tag nutzen - 23h am Tag herumstehen und dabei wertvollen öffentlichen Raum blockieren" finde ich nicht besonders sinnvoll...
@jklonasdf Es ist Weihnachtszeit, Zeit der Wünsche. Ich kann Menschen verstehen, die aus vielen privaten, familiären und sonstigen Gründen allein schon die sofortige individuelle und zeitlich flexible Verfügbarkeit schätzen, die man natürlich mit dem "23 Stunden rumstehen" diskreditieren kann. Dass die Ersatzlösungen im Moment (noch) nicht tragen, ist hoffentlich unstrittig. Und bei strukturellen Dingen wie Ärztedichte o.a. kann man sich "grundsätzliche" Änderungen natürlich wünschen.
@florianaigner das es im Ort (2.900) hier keine Arztpraxis mehr gibt, nur einen kleinen Dorfladen mit einem beschränken Angebot, das Altersheim geschlossen wurde, nur eine Vorortbahn mit beschränktem Fahrplan - so das man ein Kfz benötigt um zum Arzt, zur Apotheke oder einer Einkaufsmöglichkeit für den Wocheneinkauf zu kommen
@florianaigner Also bei uns im Hauptdorf ist eigentlich alles im Zentrum erreichbar. Supermarkt, Schule, Apotheke, Friseur ...
Wir wohnen allerdings im Nachbarweiler den Berg hoch. Hier gab es mal einen Bäcker. Heißt: Man ist oft auf das Auto angewiesen. (Kind kommt im Sommer gerne auch mal mit dem Rad zum Kindergarten).
Schaut man sich allerdings das Verkehraufkommen an, würden ggf. auch ein paar Poolwagen ein Gros an Individualverkehr erschlagen. Was allerdings auch wieder viel Orga nachzieht.
@florianaigner Das Kind ist so was von in den Brunnen gefallen. Unsere Mütter bekämen ohne unsere Einkaufstouren den Kühlschrank nicht mehr zu einem Zehntel gefüllt.
@florianaigner Die eigentliche Schlussfolgerung ist, dass das Leben auf dem Land keine Zukunft hat. Infrastruktur ist auf dem Land X Fach teurer als in der Stadt. Warum soll die Bevölkerung Angebote wie Apotheken auf dem Land subventionieren?
@florianaigner Und das in einem Neubaugebiet für 30k Einwohner in München direkt neben die neue Grundschule ein neuer vierstreifigen Autobahnzubringer gebaut wird - der dritte für das Baugebiet. Wie kann man nur? https://www.pro-bahn.de/muenchen/presse/20221209.html
Freiham: Verkehrswende umsetzen statt Autogerechter Verkehrspolitik und Illusionen zu schüren

Angesichts des Beschlusses des Bauausschusses zum Vorhaltebauwerk Freiham der U5 fordert der Fahrgastverband PRO BAHN von der Stadtpolitik, sich keine Illusionen mehr hinzugeben, sondern endlich Lösungen für die massiven Verkehrsprobleme in Freiham zu schaffen...

Fahrgastverband PRO BAHN
@florianaigner Ich habe selbst lange zu den Leuten gehört, die beruflich und teils auch privat auf das Auto angewiesen waren. Habe es aber nur genutzt, wenn nötig. Was mich ärgert, ist die entweder-oder-Haltung auf beiden Seiten.
Mein aktueller Standardsatz zu dem Thema: Wenn nur die fahren würden, die wirklich müssen, wäre schon viel geschafft.
Die Schaffung oder Wiederbelebung guter Öffi-Anbindung dauert leider Jahre, und nicht jede/r Dörfler/in ist ein reicher Mensch aus einem Speckgürtel.
@florianaigner 100% pro Fuß, Rad, Öffis. Aber vieles ist total unrentabel, wenn sie jedes Dorf hätte. Früher gab es auch nicht in jedem Dorf Schulen, Supermarkt, Arzt und Apotheke. Wer auf dem Land wohnt, genießt fast immer günstigere Mieten und Immobilienpreise als vergleichbare Objekte in der Stadt, bekommen Landleben oft auch noch subventioniert. Es ist ihr Mobilitätsbedürfnis, das Städte zerschneidet, es ist ihr Lärm und es sind ihre Abgase, die die Gesundheit von Städtern beeinträchtigen.
@florianaigner Ich wohne in einer der spärlichstbesiedelten Landkreise Deutschlands. Keine Sau will hier was aufmachen weils nicht "profitabel" ist. Wir reden von ner Gegend wo die Durchschnittsgröße vom Dorf 400 Einwohner ist. Wäre vom Staat aus Geld kein Problem, könnten wir die Schweizer nachmachen und überall nen Gleis bauen. Hab bemerkt dass in CH sogar in schwer zugänglichen Gegenden ne Bahn fährt.
@florianaigner als der letzte Laden in unserem Dorf geschlossen hatte, hat der Spar Markt aus dem Nachbarort die alten Leutchen einmal in der Woche mit dem Shuttlebus geholt. Natürlich nicht uneigennützig. Aber immerhin.
Den Immobilienpreisen hat das trotzdem nicht geschadet. Wir sind dann einfach weggezogen.
Aber als die Läden noch im Dorf waren, sind die Autofahrer halt alle woanders hingefahren. Die Autos vernichten ja Infrastruktur nicht nur die Umwelt.
@florianaigner Ein Auto sind Sunk Costs. Da wird es schwer auf radikale Einschränkung zu argumentieren, wenn man dann noch extra für Öffis etc zahlen muß.
@florianaigner Das Problem ist nicht die Planung. Warum sollte sich z. B. ein Apotheker auf dem Dorf niederlassen, wenn er in der nächsten Stadt x-mal mehr Kundschaft hat. Warum soll der Supermarkt ins Zentrum, wenn am Ortsrand auch noch Einkäufer von Nachbarorten abgegriffen werden. Die Frage ist doch kann ich z. B. das Kaufserlebnis durch Online-Handel wirksam ersetzen?

@florianaigner Das Problem ist, dass die Leute, die im Speckgürtel zu Recht nicht auf Ihr Auto verzichten wollen, ja nicht verzichten können, wie selbstverständlich erwarten, dass sie mit diesem Auto mitten in die Stadt fahren können UND dort problemlos Verkehrs- und Parkraum angeboten bekommen. Ja, gerade dort, wo es akzeptablen ÖPNV gibt.

Kaum jemand, der daheim gewöhnt ist, mit dem Auto zu fahren, lässt das Auto am Stadtrand stehen und steigt auf die Bahn um.

Es ist diese Erwartungshaltung der Autofahrer "von draußen", die den Verkehr in der Stadt so schwer macht.

@Zugschlus @florianaigner

Das trifft es ziemlich gut.

Oder noch viel allgemeiner gesagt: das Problem ist nicht, das Menschen ein Auto besitzen, sondern das Autobesitzer nicht auf die Idee kommen, das Auto trotzdem nicht automatisch für JEDEN Weg zu nutzen und nicht darüber nachdenken, welches Verkehrsmittel für den jeweiligen Weg das passende/sinnvollste wäre.

@mmha @florianaigner Ich persönlich verkneife mir das Auto in dem Moment wo ich weiß, dass ich am anderen Ende der Fahrt nicht problemlos parken kann.

Selbst bei Freefloating Carsharing in Hamburg, wo ich das Auto am Ende der Nutzung auf Kurzparker- und Anwohnerparkplätzen abstellen DARF, verkneife ich mir das. Am Dammtorbahnhof sind z.B. gerne mal die Kurzparkerplätze komplett mit solchen Carsharingkisten voll, da nehme ich freiwillig die U1 oder den Metrobus 19.

@Zugschlus @florianaigner

Ich treibe es noch etwas mehr auf die Spitze: für Strecken bis 20-25km ist unabhängig von der Parkplatzsituation der Default für mich nicht das Auto zu nehmen - und das Auto nur das Backup für zuviel zu transportieren, Wetter zu eklig oder zu krank zum radfahren.
Aber das liegt natürlich auch mit daran das mir radfahren viel mehr Spass macht als Auto fahren.

@mmha Da bist Du weiter als ich, ich unterscheide zwischen "zu Fuß", "mit dem Zug" und "mit dem Auto", wobei die Entscheidung zwischen Auto und Zug fällt abhängig davon wie gut man am Ziel parken kann und um wieviel Uhr die beiden Fahrten stattfinden.

@Zugschlus

Das liegt ja bei mir auch eher daran das Radfahren halt mein Hobby ist und mein Liegestuhl (s. Profilbild) viel bequemer als jedes Auto oder Bahn 😉

@mmha Bequeme Züge werden in Deutscland ja seit dem ICE 4 nicht mehr beschafft.

@florianaigner
"Früher gab es Dörfer, dazwischen Felder. Heute gibt es zersiedelte Speckgürtel."

Das gibt es heute immer noch. Hinter dem Speckgürtel. Und beim Blick auf die Verkehrswegelängen (zB in "Mobilität in Deutschland") wird der Unterschied Speckgürtel - Land abseits der Großstädte deutlich. Die Umlandgemeinden haben mit Abstand die längsten Wege.

@florianaigner Und dieses alles Lebensnotwendige in kurzer Distanz ist für Landgemeinden auch überlebenswichtig. Das durchschnittliche Reisezeitbudget von 1 Stunde ist halt schnell aufgebraucht, wenn der alltägliche Bedarf nicht in der Nähe ist und die Leute würden mittelfristig weg ziehen.
@florianaigner wahrlich. und dazwischen supermarkt- und einkaufszentrumssteppen.
@florianaigner Du kennst den Youtuber @notjustbikes ? Sehr zu empfehlen.
@florianaigner
Ich wünschte, ich würde in einer Welt leben, in der ich das Auto nicht bräuchte.
Aber meiner Meinung nach denken auch die meisten Menschen, die mit besten Intentionen die Verkehrswende wollen zu kurz. Wir brauchen nicht nur eine Verkehrswende, wir brauchen eine Lebenswende.
Wenn wir vom schnellen Auto auf langsamere Alternativen umsteigen wollen, brauchen die Menschen mehr Zeit.
@florianaigner Also bei Dörfern, Kleinstädten und vielleicht auch noch Städten ist der ÖPNV unterrepräsentiert.
Wer mir aber erzählen will das man in einer Großstadt nicht ohne Auto klarkommt....ja....der lebt nicht in einer Großstadt 🤷‍♂️
In der Großstadt ist man mit ÖPNV bequemer, stressfreier und bei weiten kostengünstiger unterwegs als mit dem privaten KfZ(egal ob Verbrenner oder Stromer)....und nebenbei auch noch bei weitem klimafreundlicher 😉
@florianaigner ja und dass der Verkehr baulich und technisch so organisiert wird, dass die Raser und Rücksichtslosen nicht mehr allen anderen ihre Bedingungen aufzwingen können. Gehen, Radfahren, Leichtfahtzeuge oder Rollstühle fahren muss auch allen möglich werden, die wollen. Freiheit!
@florianaigner und viele, die heute noch selber fahren können werden in 5, 10 oder mehr Jahren rein altersbedingt nicht mehr in der Lage sein selber ein Auto zu lenken.
Es ist vorhersehbar, dass da ein Problem auf uns zukommt das gelöst werden muss