Copilot ist unfähig, ein simples Worddokument anständig zu formatieren

Seit ungefähr zwei Jahren gibt es in den beiden grossen Office-Anwendungen eine integrierte KI. Bei Microsoft heisst die Copilot, bei Google Gemini. Die Integration führte zu steigenden Preisen. Da muss die Frage berechtigt sein, ob die künstliche Intelligenz einen echten Mehrwert liefert. Aus meiner Sicht reicht es nicht, dass mir Copilot und Gemini die gleichen Dinge tun wie ChatGPT oder Claude im Browser. Texte zu entwerfen oder Informationen zu liefern, ist kein Unterscheidungsmerkmal. Ihr Geld wert sind diese Office-KIs nur dann, wenn sie Aufgaben erledigt bekommen, für die ein normales Sprachmodell ungeeignet ist.

Genau daran haperte es in der Anfangszeit. Hat sich das geändert? Ein Test soll es zeigen.

Die Ausgangslage könnte nicht direkter aus dem Leben gegriffen sein. Stellen wir uns vor, dass wir ein Dokument von einem Kollegen, einer Freundin oder sonst einer Quelle erhalten haben. Inhaltlich ist es okay, aber formal eine Katastrophe. Wie viele andere auch, hat der Urheber bzw. die Urheberin noch nie etwas von Absatzformaten gehört. Die Person formatiert Titel nicht einheitlich, rückt Dinge mittels Leerzeichen ein und formatiert auch eine Tabelle auf diese Weise. Sie hat keinen Sinn für Typografie und benutzt falsche Anführungszeichen, Gedankenstriche und Auslassungspunkte. Zwischendurch blieb von einer Copy-Paste-Aktion auch eine falsche Schriftart stehen – und so weiter.

1) Copilot in Word: Annähernd unbrauchbar

Kapiert Copilot, was Sache ist? Ich gebe die Anweisung, den Text formal aufzubereiten, bleibe aber verhältnismässig vage¹. Copilot macht sich ans Werk, greift jedoch nicht in mein Dokument ein, sondern liefert die Bereinigung in seinem Textfenster in der Leiste am rechten Rand.

Ich muss ihn somit selbst markieren, kopieren und ins Dokument einfügen. Das allein ist ein Grund, Copilot eine ungenügende Note zu geben: Wenn ich die Zwischenablage bemühen muss, kann ich auch gleich ChatGPT oder Claude verwenden, dafür brauche ich keine KI, die ich extra bezahle.

Erschwerend kommt hinzu, dass diese Methode nur bei reinen Textdateien anwendbar ist: Dann kann ich den vorhandenen Inhalt durch den bereinigten ersetzen. Wenn in meinem Worddokument Bilder oder andere Elemente vorhanden sind, klappt das nicht: Dann müsste ich diese Elemente hinterher wieder einfügen oder die bereinigte Variante darum herum zirkeln.

Was die Bereinigung selbst angeht, ist das Urteil durchwachsen. Zuerst zu den positiven Aspekten:

  • Typografisch ergibt sich eine Verbesserung: Anführungszeichen, Apostrophe und Gedankenstriche sind in Ordnung.
  • Aus der per Leerzeichen gegliederten Aufstellung macht die KI eine sauber formatierte Tabelle.
  • Und das Chaos aus falschen Schriften, überzähligen Leerzeilen und fehlenden Absatzmarken wird behoben.
Copilot denkt nicht daran, selbst Hand an so ein inkonsistent formatiertes Dokument zu legen.

Dem stehen diverse Verfehlungen gegenüber:

  • Copilot ersetzt meine Auslassungszeichen (…) durch normale Punkte. Das ist inakzeptabel.
  • Ein weiteres No-Go besteht darin, dass Copilot den Text subtil redigiert. Beispiel: Aus der Formulierung «dieser Blogpost hier» macht die KI «dieser Text». Das ist unerwünscht, wenn der Auftrag klar lautete, eine formale Anpassung vorzunehmen.
  • Die eingerückten Passagen – die im ursprünglichen Blogpost Bildlegenden waren, ohne das Bild, aber als eine Art Zitat oder Zwischenbemerkung fungieren – werden nicht mehr speziell ausgezeichnet, sondern erscheinen als normaler Fliesstext.
  • Es werden nur zwei Drittel des Dokuments bereinigt. Copilots Version hört mitten im Satz auf. Der Ursprungstext ist knapp 10’000 Zeichen lang, die bearbeitete Variante 6600. Eine Seminararbeit oder ein Buchmanuskript müssten wir in mehreren Etappen verarbeiten.
  • Zwischen den Abschnitten sind Trennlinien vorhanden, die auch die anderen Sprachmodelle irgendwie toll finden, die ich indes nur selten benutzen würde.
  • Schliesslich verwendet auch Copilot Direktformatierungen. Alle Passagen haben das Absatzformat Standard. Meine Erwartung wäre natürlich gewesen, dass der Haupttitel mit Titel oder Überschrift 1 formatiert wird, die Titel vor den Absätzen mit Überschrift 2.

Fazit 1 zu Microsoft: Absolut unbrauchbar. Bei so einer banalen Aufgabe zu scheitern, und dennoch die hohle Hand zu machen, ist eine Dreistigkeit sondergleichen.

2) Gemini in Google Docs: Bis auf Details gelungen

Bleibt die Frage, ob es Gemini besser macht. Ich importiere mein Demodok via Google Drive, öffne es und verwende den gleichen Prompt.

Gemini liefert eine solide Überarbeitung und weist sogar darauf hin, dass die eingerückten Textzeilen (im Original-Blogpost die Bildlegenden) eine Spezialbehandlung erfahren haben.

Auf den ersten Blick wirkt Googles Resultat deutlich besser:

  • Gemini liefert seine Verbesserungen nicht in der Seitenleiste, sondern direkt im Dokument im Überarbeitungsmodus: Die Änderungen sind erstens klar ersichtlich und können einzeln akzeptiert oder verworfen werden.
  • Google verwendet die richtigen Absatzformate Heading 1 und Heading 2 (ich betreibe mein geschäftliches Workspace-Konto auf Englisch).
  • Die eingerückten Passagen (Bildlegenden) formatiert Gemini konsistent kursiv und blau. Das ist einwandfrei.
  • Die Tabelle ist einwandfrei.
  • Google belässt die zwei Leerzeilen am Ende, die inhaltlich keine Bedeutung haben, ebenso die unmotivierte falsche Schrift im letzten Absatz. Die hätten bereinigt werden dürfen – aber es ist vertretbar, zu vermuten, dass sie absichtlich so gesetzt wurden und darum nicht verändert werden.
  • Bei der Typografie versagt Gemini: Die Anführungszeichen werden nicht vereinheitlicht, die Auslassungszeichen nicht typografisch gesetzt und die aus zwei Bindestrichen bestehenden Gedankenstriche nicht korrigiert.

Fazit 2 zu Google: Auch nach eingehender Betrachtung ist klar, dass Gemini in dieser Disziplin Copilot um Längen schlägt. Diese Bearbeitung wäre effektiv brauchbar. Und Googles künstliche Intelligenz begeht nicht das Sakrileg, am Text herumzudoktern, obwohl das eindeutig nicht der Auftrag war.

Ich komme schliesslich zum Schluss, dass diese direkt integrierten KIs sinnvoll sein können. Es bleibt aber dabei, dass ich gut verstehe, wenn jemand sie nicht nutzen will oder muss. Weder Gemini noch Copilot sollten ein integraler Bestandteil sein. Wir Nutzerinnen und Nutzer sollten sie jederzeit ein- und ausschalten können.

Fussnoten

1) Das ist der Prompt:

Bereinige diesen Text formal, d. h. was die Typografie, Zeichensetzung, Formatierung und den Aufbau des Dokuments angeht. ↩

Beitragsbild: Wer ein Dokument digital verfasst, ist nicht nur Autor, sondern gleichzeitig auch Setzer (Nationaal Archief, Unsplash-Lizenz).

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'Objekte die mit "F" beginnen oder so aussehen ...' #FotoVorschlag

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Sollte #Typografie in überregionalen Zeitungen weiter eine Rolle spielen?

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Das Lösungsvideo Nr. 923: Gedankenstrich ganz einfach in allen Office-Anwendungen nutzen – DEROUTLOOKER365 | Profiwissen zu Azure, Microsoft 365, SharePoint, Teams, Power Platform (Automate & App), Security, OneNote & Outlook | Seminare – Tipps & Tricks – Videos – Blog – Newsletter – Service |

Und erst im Nachhinein fällt mir auf: Oben fehlt ein P. Da soll nämlich eigentlich “Lokschuppen“ stehen.
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Kaum schreibe ich was übers r bei Handschrift-Fonts, muss ich diesen Unfall hier sehen.

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RE: https://typo.social/@rosaliewagner/116449444207266288

Gefällt mir sehr!
Dennoch sei hier stellvertretend für alle Handschriften gefragt: Geht es eigentlich nur mir so, dass das r so rein gar nichts mit einem r zu tun hat? Erinnert eher an ein ⊓ oder Π.

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Typo-Fundstück in Halle/Saale

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