Die “Autismus”-Pandemie

Eine gefährliche Falle für die bürgerliche Demokratie

Gestern korrespondierte ich mal wieder mit einem guten politischen Freund über die grassierende sinkende Medienqualität. Ich erwähnte einen US-Korrespondenten der SZ, und zwar einen Gutwilligen, der eine landesweite Mobilisierung für millionenstarke Anti-Trump-Demos nicht bemerkt hatte, und eine Woche vorher von einem gemeinsamen Freund darauf hingewiesen werden musste. Hier in Beuel kannte ich das Thema schon einen Monat lang. Ich mache dem Kollegen keinen Vorwurf – obwohl: objektiv ist es schon einer. Die Arbeitsverdichtung ist weit fortgeschritten, die Verlegerclans sparen die Redaktionen nieder, die Allgemeinbildung wird nicht besser … Und der Gute ist ja kein Einzelfall, sondern Repräsentant eines verbreiteten Problems. Die Kolleg*inn*en beim MDR-Altpapier protokollieren es jeden Werktag. Und machen das immerhin gut. Aber wer kennt die?

Beginnen wir lieber mit der guten Nachricht

Auch die ist schon fragil, denn in Spanien wollen, wie überall im EU-Europa, trumpfreundliche Faschist*inn*en Wahlen gewinnen und die aktuelle Regierung ablösen. Jedenfalls macht die Regierung offenbar fast alles anders, als der Rest der EU, wie Antón Gómez-Reino Varela/IPG-Journal schreibt: Vielfalt oder Niedergang – Gegen den europäischen Trend will Spanien eine halbe Million Migranten legalisieren. Der Schritt ist wirtschaftlich motiviert – und zukunftsweisend.” Ob das erfolgreich ist, weiss ich nicht. Richtig ist es. Freilich gibt es einen Stolperstein, den Spanien allein nicht in der Hand hat: der Klimawandel und die Wüstenbildung in Spanien. Mitverursacher: die industrielle Landwirtschaft. Das ist EU-Politik, und die macht es nicht besser sondern schlimmer. Auch das von ihm richtig beschriebene Landflucht-Problem ist keijn spanischer Sonderfall. Im herrschenden Immobilienkapitalismus ist Grunderwerb für Individuen weitgehend unmöglich geworden, und Grundbewirtschaftung wird es – überall, wo Privatbesitz an Grund und Boden grassiert.

Fast schon komisch-satirisch ein anderer Text an gleicher Stelle Emily Chamlee-Wright, die, so ihre Autorinnennotiz “klassisch liberale Ideen fördern” will: Positiv bleiben – Technische Revolutionen haben stets Arbeitsplätze vernichtet – und zugleich Fortschritt bewirkt. Auch KI wird den Menschen nicht überflüssig machen.”

An einer Stelle heisst es bei ihr: “Unzählige Einzelpersonen und Unternehmen erproben, wie man Werkzeuge, Instrumente, Fertigkeiten und Ideen neu miteinander kombinieren kann. Diese neuen Kombinationen sind nicht vorhersehbar, denn ihre Entwicklung ist in erster Linie keine technische Frage, sondern eine des Entdeckens. Welche neuen Kombinationen erfolgreich sind, erweist sich erst im Marktprozess.” Ich musste sehr lachen. Den staatsmonpolistischen Kapitalismus kennt die Frau “Präsidentin” offenbar nicht, hat sie vielleicht noch nie gehört. Ich habe sogleich Beueler Garagen überprüft, ob dort “unzählige Einzelpersonen”, jugendliche Daniel Düsentriebs, es wild mit dem Erfinden treiben, um in Kürze so reich zu werden, wie die angeblichen Idole Elon Musk und Mark Zuckerberg. Autogaragen sind die Garagen schon lange nicht mehr, die Autos parken alle auf dem Gehweg und nehmen den Rollatoren den Platz weg. Aber in den Garagen ist heute alles ruhig.

Näher an der Wirklichkeit ist da “Der neue Davos Man” von Cord Jakobeit – “Nach der neoliberalen Globalisierung kommt die ‘Tech-Brobalisierung’. Auch hier offenbart sich Europas massive Abhängigkeit von den USA.” In seinem gezeichneten Bild wird die Abkapselung dieser “Bro’s” von der realen Welt da draussen spürbar.

Sind die Herrschenden nun “krank” oder “normal”?

Der Kampf um diese Deifinition bringt uns dem Kern der Sache schon näher. Krankheiten – fragen Sie nach bei Friedrich Merz und seinen “Wirtschaftsräten” und “Familienunternehmen” – angebliche und wirkliche, rücken ins Zentrum der gesellschaftspolitischen Machtkämpfe. Mann kann darüber zwar sachlich argumentieren – aber die Instrumentalisierungsoptionen liegen quasi alle vor der Haustür von Parteien, Medien und Lobbys.

Für die Analyse ist nicht ganz nebensächlich, ob zuerst die Henne oder das Ei da war. Mein Vorschlag: versuchen wirs mal mit der aussterbenden Dialektik.

Im Wissenschaftsteil der oft allzu doktrinären Jungen Welt fand ich diese Orchidee von Felix Bartels, die in einigen Tagen in einem “linksradikalen” Paywallarchiv beerdigt wird: Psychiatrie: Gib ihm das Tablet – Virtueller Autismus. Digitale Medien und ihre Wirkung auf die Kindesentwicklung”. Im Prinzip richtig beobachtet und nicht zu bestreiten. In Rechnung zu stellen ist, dass Körper und Gehirne von Kindern noch mitten in der Konstruktion und Verdrahtung, also im Guten wie im Schlechten beeinflussbarer sind, als bei uns erwachsenen Geriatrie-Patient*inn*en. Die Neuimplementierung von Informations- und Kommunikationstechniken gefährdet uns Erwachsene dennoch in gleicher Weise und ähnlichem Ausmass. Zeigen Sie mir den allseitig gebildeten Erwachsenen, dessen Medienkompetenz perfekt-medienkritisch und spielerisch-souverän mit den asozialen Netzwerken und den bestehenden KI/AI-Konsumangeboten umzugehen weiss. Ich kenne noch keinen.

So kommt es dann, wie es kommen muss. Wie erwähnt: das können Sie hier weiterlesen, vorwärts oder rückwärts, egal.

Noch Beiträge zur Versachlichung des Krankheitsdiskurses gefällig?

Zu den modischen Klassifizierungen von Krankheiten ist Stephan Schleim der Autor meiner Wahl. Z.B. seine Textreihe zu “ADHS” halte ich für uns Laien für aussergewöhnlich aufschlussreich:

ADHS-Diagnosen: Versechsfachung bei jungen Frauen, Verdreifachung bei den Männern – Seit der COVID-Pandemie explodieren die psychiatrischen Diagnosen förmlich”

Was bedeuten die stark ansteigenden Diagnosezahlen für ADHS? – Vor allem bei erwachsenen Frauen stieg die Häufigkeit in den letzten Jahren auf bis das Sechsfache”

ADHS in den Medien: Was läuft schief? Beispiel Quarks – Die gesellschaftlichen Folgen von zu viel Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeitsstörung.”

An Schleims Argumentationsführung gefällt mir, dass er individuelle Schicksale nicht verniedlicht, aber immer den Weg zur gesellschaftlichen/sozialen Bedingtheit sucht. Das steht im einzelnen dann jedem sachlich-fachlichen Streit offen. Und unterscheidet sich damit wohltuend von PR-Moden und ideologischen Propagandafeldzügen der Herrschenden.

Mein Tipp: ziehen Sie Ihre Schlüsse selbst.

Die “Autismus”-Pandemie – Beueler-Extradienst

Ich mag ja das #Streiflicht der #SZ sehr gern. Auch nach dem traurigen Tod von Hermann Unterstöger sind da noch viele Perlen zu finden.

Aber allmählich sollten sich mal alle Glossenschreiber*innen Mühe geben, auf Trmp-Pointen zu verzichten. Das wird ja langsam zur fixen Idee mit dem Typ.

Die Fallen des Agendasetting

Einige Fragen zur Medienkompetenz derer, die das heute beruflich machen

mit Update “Hausaufgabe”

Jeden Sonntag ärgere ich mich aufs Neue, dass das Radioprogramm meiner Wahl in seinen Nachrichten das Agendasetting des zwischen CDU und AfD sich positionierenden Springerkonzerns übernimmt. Vermutlich, weil sie wie immer dpa-Meldungen vorlesen. Dabei können sie auch anders. Marc Mölders: Die Weltverbesserer: Wie Organisationen um die Lösung großer Krisen konkurrieren – Die Welt ist voller Krisen und Probleme. Zugleich gibt es zahlreiche Organisationen, die sich als Problemlöser präsentieren. Sie alle konkurrieren um Aufmerksamkeit, Ressourcen und politische Energie. Aber was tun die genau?” Sehr interessant. Einerseits.

Was dieser Autor in seinem Gesamtschau-Versuch beschreibt, das deklinierte soeben hier bei uns Stefan Streit an einem konkreten Fall durch.

Was bei Mölders noch kompliziert und unübersichtich wirkt, liesse sich an einer konkreten Frage sortieren, von der ich mich wundere, dass er sie nicht selbst stellt:

Welches ökonomische Interesse treibt welches Agendasetting/Denkpanzer/”Ideenunternehmen” etc. an?

Mann und Frau nennt es “Materialismus”. Viele der von Mölders gelisteten Organisationen versuchen die Antwort auf diese Frage zu verschleiern. Eine grosse Mehrheit der Medien verzichtet auf die Mühseligkeit, sie zu recherchieren. Warum dieser Verzicht? Weil es dem ökonomischen Interesse ihrer Besitzer*innen/Milliardär*inn*e*n entspricht. Übrigens auch, wenn darauf mal nicht verzichtet wird …

Vieles ist am Ende “einfacher”, als man/frau denkt. Die Schwierigkeit, die bei Mölders immerhin anklingt, ist, aus dieser Erkenntnis politische Strategie und Wirksamkeit zu entwickeln. In einer Demokratie ist das die vornehmste – und verfassungsrechtlich abgesicherte – Aufgabe der Parteien.

Und die? Siehe Stefan Streit. Dä.

Update “Hausaufgabe”

Die Süddeutsche Zeitung meldet heute vor ihrer allgegenwärtigen Paywall: “Sturm in Italien: Ausgerechnet die Populistin Meloni, so weit weg vom Volk – Süditalien erlebt einen verheerenden Zyklon – und die Ministerpräsidentin schaut nur kurz im Helikopter vorbei. Der Bevölkerung gefällt das gar nicht.” Von den katastrophalen Sturmschäden in Sizilien habe ich in Beuel bei meinem italienischen Gastwirt erfahren. Glatte drei Tage vor der Tagesschau (ab Minute 11). Die, bzw. das Kamerateam, dem sie das abgekauft hat, flog im gleichen Hubschrauber wie Signora Meloni. Warum wohl?

Wenn Sie diese Aufgabe gelöst haben, steigere ich den Schwierigkeitsgrad wie folgt:

Kürzlich war Bundeskanzler Merz auf Staatsbesuch bei seinem Gesinnungsfreund Narendra Modi. Sein Flieger war mit “Hauptstadtjournalist*inn*en” gefüllt, die das als Privileg empfinden, weil das Rumsitzen auf der “Hauptstadttoilette” (zit. Friedrich Nowottny) ihnen auf die Dauer zu langweilig ist. Mir persönlich geht es so, dass ich von Extradienst-Autor Gilbert Kolonko, der mir übrigens seine Texte komplett unentgeltlich aus reiner Sympathie liefert, mehr über das grösste Land der Welt erfahre, als aus allen anderen deutschen Medien zusammen.

Ist das eine persönliche Macke von mir? Oder geht das auch Anderen so?

Ich erfahre übrigens in einem Beueler Edeka (oder wahlweise einer Fussballkneipe) von landesweit geplanten Anti-Trump-Demos in den USA zwischen einer Woche und einem Monat früher, als die oben zitierte, digital vermauerte und nicht ganz billige Süddeutsche Zeitung. Warum wohl?

Die Fallen des Agendasetting – Beueler-Extradienst

Faktenbasierte Kommunikation zur Arbeitsmoral

Der Bundeskanzler sieht in der Telefon-AU den Grund für zu viele Tage der Arbeitsunfähigkeit, an denen die dringend benötigen Produktivkräfte nicht produzieren. Auch der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung pflichtet bei: „Merz hat völlig recht: Deutschland hat im internationalen Vergleich einen sehr hohen Erkrankungsstand.“ So ist die Ausgangslage. Im Raum steht die Vorstellung, viele Arbeitnehmer in Deutschland blieben der Arbeit fern, ohne Rechtfertigung, die Ärzte schrieben zu schnell und zu viel krank und die telefonische Arbeitsunfähigkeitsmeldung sei der relevante Treiber dieser Situation.

Es reichte offensichtlich nur eine kurze journalistische Recherche der Süddeutschen Zeitung, um diese Kommunikation der politischen und der ärztlich-standespolitischen Spitze als populistische Kommunikation zu entlarven. Der Anteil der Telefon-AU liegt bei 1,4% von 26,4 Millionen Erkrankungsepisoden. Ein Experte bewertet es auf Grund des geringen Anteils als unmöglich, dass die Telefon-AU hier einen relevanten Einfluss auf den Krankenstand in Deutschland haben könnte. Außerdem gaben nur sieben bis acht Prozent der Menschen an, sie wären im vergangenen Jahr einmal ohne triftigen Grund nicht zur Arbeit gegangen. (Ob sie dabei eine Arbeitsunfähigkeit vorlegten oder ohne Arztkontakt ein oder zwei Tage der Arbeit fern blieben, weil ihr Arbeitsvertrag erst ab dem dritten Tag eine AU fordert, bliebt außerdem unklar.) Gleichzeitig gingen 24% der Menschen gegen den ausdrücklichen Rat zur Arbeit.

Internationale Studien zeigen, dass dieses ungesunde-zur-Arbeit gehen, auch Präsentismus genannt, die Zahl der Fehltage durch Krankheit insgesamt erhöht. Dazu kommen „erhöhte Unfallrisiken, mehr Fehler und nachlassenden Produktivität, mal abgesehen von dem Risiko, mit einem Infekt auch noch Kollegen anzustecken“. Aber das sind alles nur Nebenschauplätze.

Der Stein des Anstoßes, ist die Zahl von 14,5 Krankheitstagen pro Arbeitnehmer und Jahr.

Diese Zahl wird im internationalen Vergleich, aber vor allem durch den plötzlichen Anstieg von 11,5 Tagen im Jahr 2021, auf 14,8 Tage im Jahr 2022 als alarmierend gedeutet. Der Kanzler dazu: „Ist das wirklich notwendig?“

Kleiner Grundkurs Wissenschaftstheorie: Gleichzeitigkeit bedeutet nicht Ursächlichkeit. Klar, die Telefon-AU wurde in der Corona-Pandemie im Verlauf des Jahres 2021 eingeführt. Wie wir oben gesehen haben, spielt die Telefon-AU mit einem Anteil von 1,4% jedoch eine unbedeutenden Rolle an der Gesamtzahl. Zu einem Massenphänomen wäre sie sowieso nicht geworden, weil ein Patient, der persönlich in die ärztliche Sprechstunde kommt, in der Arztpraxis ein höheres Honorar auslöst, als einer der eine Telefon-AU bekommt. Im Klartext: Stellt der Arzt eine Telefon-AU aus, agiert er ökonomisch gegen sich selbst.

Der Anstieg der Arbeitsunfähigkeitstage in Deutschland geht nicht auf die telefonischen AU zurück, sondern auf die Einführung der elektronischen-AU (e-AU).

Die besagten drei AU-Tage mehr, sind das Ergebnis der vollständigeren Erfassung durch die neue, elektronische AU, die direkt über die Krankenkassen läuft. Mit der Anwendung der elektronischen Krankschreibung, wurden nun plötzlich auch alle kurzen Krankmeldungen erfasst, für die bisher keine Meldung bei den Krankenkassen erfolgte. Die drei Tage mehr sind also ein Erfassungsartefakt durch eine andere, genauere Zählung, das bewertet auch ein Experte so.

Alle die im Thema drin sind, wissen das, auch Herr Merz weiß das. So eine schmutzige, politische Kommunikation ist jedoch kein Ausrutscher, kein Einzelfall. Just bei den sogenannten „falschen Diagnosen“ in der elektronischen Patientenakte (ePA) wird in gleicher Weise interessengeleitet und maligne kommuniziert. Auch die „falschen Diagnosen“ sind vor allem Artefakte, durch den neuen digitalen Prozess. Alle Beteiligten, mit einem Hauch von Kompetenz bei der elektronischen Patientenakte (ePA), wussten das diese Fragestellung aufkommen würde. Sowohl bei der e-AU, als auch bei der ePA, handelt es sich um die Folgen eines übereilten und erzwungenen technischen Systemwechsels. Wie bei der elektronischen AU, ergeben sich bei der elektronischen Patientenakte (ePA) Probleme, weil in beiden Fällen Daten plötzlich in neuen Kontexten verwendet werden, für die sie nie erhoben worden waren. Plötzlich entsteht eine schlechte Außenwirkung. Die Lösung sieht die Politik darin, die ärztlichen Anwender der digitalen Anwendung und die Patienten eines Fehlverhaltens zu beschuldigen, obwohl hier die Planer und die Politik ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben.

Die Planer hätten diese Effekte im Vorfeld kommunizieren und die Politik hätte für die erwarteten Probleme Lösungen finden müssen. Beides hat nicht stattgefunden. So eine Umsetzung von Digitalisierung und so eine politische Kommunikation sind keine vertrauensbildenden Maßnahmen.

In Kürze wird das gleiche Spiel bei den ärztliche Haftungsfragen wieder stattfinden. Auch da werden wir feststellen: Bei mehr digitaler Erfassung, werden mehr Ereignisse erfasst, die als ärztliche Behandlungsfehler interpretiert werden können. Allerdings hätten auch hier die politisch Verantwortlichen informieren müssen, was am Ende dabei herauskommt. Glaubt man wirklich an die erwartet-kommunizierten 800.000 ärztlichen Behandlungsfehler pro Jahr (1), dann bedeutete das, dass jeder der 400.000 Ärztinnen und Ärzte in der Patientenbehandlung pro Jahr zukünftig ziemlich genau zwei Behandlungsfehlerprozesse durchstehen muss. Da die Prozesse meist über mehrere Jahre laufen, schleppt dann also jeder Arzt ständig etwa 4-8 Gerichtsverfahren mit sich. Ginge man zusätzlich von 20.000 beklagbaren Todesfällen (1) durch ärztliche Behandlungsfehler aus, dann verursachte jeder 20. Arzt einen Todesfall pro Jahr, zu dem vor Gericht verhandelt werden müsste.

Das Problem dabei: wenn ein Arzt 40 Jahre lang Patienten behandelt, dann verursacht er statistisch zwei Todesfälle. Da in solchen Fällen von fahrlässiger Tötung aktuell von einer 10-monatigen Bewährungsstrafe auszugehen ist, verliert das Gesundheitssystem allein wegen dieser Todesfälle konstant pro Jahr 20.000 Ärzte. Diese 20.000 Ärzte werden nicht in der Patientenbehandlung arbeiten, damit sie durch einen weiteren, schweren Behandlungsfehlervorwurf nicht gegen ihre Bewährungsauflagen verstoßen. Dazu kämen dann noch 4 bis 8 Gerichtsprozesse im Jahr pro Arzt, bei Behandlungsfehlervorwürfen ohne Todesfolge. Auch wenn diese Zahlen nicht wirklich erreicht werden, führt die Digitalisierung in der Medizin, zukünftig und erwartbar zu mehr ärztlichen Behandlungsfehler-Vorwürfen. Abermals gibt es einen Mehr-Erfassungseffekt.

Die individuelle Bestrafung der Ärzte mag dem allgemeinen Gerechtigkeitsbestreben genüge tun, aber im aktuellen Kontext verhindert sie keine zukünftigen Behandlungsfehler. Und darüber hinaus muss man erwarten, dass es abermals politisch-toxische Kommunikation geben wird, wie bei der Telefon-AU und den Fehldiagnosen in der ePA.

Dazu kommt die aktuelle Initiative des Patientenbeauftragten der Bundesregierung, zur Veränderung der Grenze für schuldhaftes ärztliches Verhalten nach sich ziehen wird. „„Ich will das Beweismaß senken und künftig zu einer überwiegenden Wahrscheinlichkeit bei möglichen Behandlungsfehlern kommen“, sagte Schwartze heute in Berlin. … Künftig müsse es ausreichen, dass der Beweis der Kausalität zwischen Fehler und Schaden als geführt gelte, wenn der Ursachenzusammenhang mit mehr als 50 Prozent überwiegend wahrscheinlich sei.“ Auch das wird die Zahl der angeklagten und verurteilten Ärzte in die Höhe treiben.

Natürlich ist eine Entschädigung für Behandlungsfehler erforderlich. Um es ganz klar zu sagen, jeder ärztliche Behandlungsfehler ist ein Fehler zu viel. Jeder unnötige Tag in Krankheit, jeder bleibende Schaden und jeder Tod, der eigentlich vermeidbar gewesen wären, bedeutet ein individuell-furchtbares Ereignis und/oder einen persönlichen Leidensweg. Es sei dennoch daran erinnert, dass ärztliches Handeln meist nicht in einer Komfortzone stattfindet.

Was genau das meint, kann man am besten in der grandiosen BBC-Serie „This is going to hurt“, sehen. Hier wird – unter vielem anderem – dem ärztlichen Behandlungsfehler ein überaus großer Raum eingeräumt. Schauen Sie rein, dann wissen Sie, was ich meine. Ben Whishaw, der „Q“ aus der James Bond-Reihe, ist der Hauptdarsteller. Großes Kino!

Bleibt die Frage, wie gleicht man Behandlungsfehler für den Patienten aus? Wenn wir in die nordischen Nachbarländer schauen, die bei der Digitalisierung in der Medizin am weitesten fortgeschritten sind, dann fällt auf, dass es dort keine verschuldensabhängige Arzthaftung, sondern eine staatliche Systemhaftung gibt. Die Digitalisierung verändert die soziale Statik im Gesundheitswesen und deshalb muss hier neu austariert werden. Wenn das nicht geschieht und die Politik, bei der Haftung so non-chalant verfährt, wie beim „zu hohen Krankenstand“ durch die Telefon-AU und den „falschen Diagnosen“ bei der elektronischen Patientenakte (ePA), dann werden die jungen Ärztinnen und Ärzte ihren Beruf nicht in Deutschland ausüben.

Die Ärzte in Deutschland, die versuchen die Patientenbehandlung aufrecht zu erhalten, werden zwischen Ärztemangel und laufenden Haftpflichtprozessen zermahlen. Die Zahl der zur Verfügung stehenden Arztminuten wird sinken, weil immer weniger Ärzte tatsächlich arbeiten. Das passiert ganz einfach deshalb, weil die Ärzte nur so verhindern können, dass sie bei einer zweiten Klage endgültig ihren Berufshaftpflichtversicherungsschutz verlieren, als second-victim krank oder im burn-out, nicht mehr berufsfähig sind.

Digitalisierung in der Medizin: kurzsichtiges Agendasetting

Daraus ergeben sich drei Feststellungen. Erstens, es steht schlecht um die faktenbasierte Kommunikation bei der Arbeitsmoral. Zweitens, die viel zu arglose Digitalisierung in der Medizin hat unerwünschte Nebenwirkungen. Digitalisierung in der Medizin ist derzeit für die Ärztinnen und Ärzte schon eine Mühsal in Alltag, wird aber zukünftig auch zu einem persönlichen Damoklesschwert.

Dysfunktionale Anwendungen wurden halbfertig in die Routine eingebracht und verbrauchen viel zusätzliche Arztzeit. Alles musste schnell gehen, weil die Politik den digitalen Fortschritt präsentieren wollte. Keine Erprobung, keine Einbeziehung der ärztlichen Anwender bei der Planung. Von Anfang an fehlten die vertrauensbildenden Maßnahmen. Herr Kelber, der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte nannte diese medizinischen Digitalprojekte „grüne Schrumpelbananen, die in der Praxis reifen sollten.“ Und zur Belohnung, weil sich die Ärzteschaft trotz aller Widernisse darauf eingelassen hat, kommt die Politik und betreibt wider besseren Wissens auf Kosten der Ärzteschaft und der Patienten ein kurzsichtiges Agendasetting.

Und damit kommen wir zum dritten Punkt. So eine politische Kommunikation ist lausig. Es geht enorm viel Vertrauen verloren. Deshalb ist an der Zeit, dass wir, die Bürger, selbst Fakten schaffen. Auf diese Kommunikation zur fehlenden Arbeitsmoral und zur fehlerhaften Krankschreibung gibt es eigentlich nur eine Antwort. Wir senken – ganz der politischen Kommunikation folgend – effektiv den Krankenstand. Liebe Patienten, bitten Sie bei ihrem nächsten Arztbesuch Ihren Arzt, auf die elektronische Krankschreibung zu verzichten. Lassen Sie sich den „gelben Zettel“ in dreifacher Ausfertigung ausdrucken, so wie früher, und lassen Sie diesen, wie früher Ihrem Arbeitgeber zukommen. Setzen Sie damit ein Zeichen. Liebe ärztlichen Kolleginnen und Kollegen, lasst uns der Politik zeigen, was wir von solchen Spielchen halten. Pausieren Sie ab dem 1. Februar 2026 die elektronische Arbeitsunfähigsmeldung und drucken das Attest wieder auf Papier aus, so wie früher. Treten Sie für sich selbst und für unseren Beruf ein. Fordern Sie redliche Kommunikation von der Politik.

Dazu geben Sie diese Mail gerne weiter. Mit diesem Vorgehen schaden wir keinem Patienten, der Krankenstand in der Statistik erreicht in einigen Monaten den gewünschten Wert und die Politik wird sich zukünftig sehr genau überlegen, ob sie nochmal mit so halbseidenen Sprüchen daherkommt.

In diesem Kontext ergeben sich, dann auch bestimmt kluge Antworten auf die aktuellen Überlegung zum Ende des Rechts auf „Lifestyle-Teilzeitarbeit“. Das ist nunmehr der vierte kommunikative, politische Fehltritt zur Arbeitsmoral in kürzester Folge. In der Medizin ist „Teilzeitarbeit“ sehr häufig die einzige Möglichkeit, um die Arbeitszeit (inclusive Nachtdienst) von 60 und mehr Stunden die Woche, auf 40 bis 45 Stunden runter zu bringen. Dabei ist die Begrenzung der ärztlichen Arbeitszeit die einzige relevante Möglichkeit, um Ärztinnen und Ärzte vor burn-out und Suizid zu schützen. Auch Ärzte im burn-out oder nach ihrem Suizid behandeln keine Patienten mehr!

Auch wenn nicht sofort jede politische Ankündigung zu einem Gesetz oder einer Verordnung wird, erkennt man deutlich, wie mit der Verschiebung der „Grenze des Sagbaren“ geschliffen wird und das von Akteuren, die sich dem demokratischen Spektrum zuordnen. Diese problematische Entwicklung bedarf einer aufmerksamen Beobachtung. Und wenn es wie jetzt, einmal die seltene Möglichkeit zu einer passenden Antwort gibt, die keine Nachteile für die Patienten mit sich bringt – das Aussetzen der elektronischen AU – dann sollten die Patientinnen und Patienten, sowie die Ärztinnen und Ärzte von dieser Möglichkeit Gebrauch machen.

Bei katastrophalen Entwicklungen wird nicht geklingelt. Da muss jeder selbst aufwachen und überlegen, was er wann, selbst tun kann, um sich und andere in Sicherheit zu bringen. Die Verweigerung der elektronischen AU ist ein starkes Zeichen.

(1) Meldepflicht von Christina Berndt in Süddeutsche Zeitung vom 31.10.2025 auf Seite 33

Stefan Streit ist seit über 20 Jahren Hausarzt in Köln-Mülheim, er schreibt zu gesundheitspolitschen Themen im weitesten Sinne. Neben seiner ärztlichen Tatigkeit ist er Delegierter der Ärztekammer Nordrhein, hält regelmäßig Vorträge über die Digitalsieriung in der Medizin beim Choas Computer Club und betrachtet immer wieder Tagesaktuelles in seinen STREITSCHRIFTEN.  In seinem Buch die “Prinzipien der Heilkunst” (http://www.prinzipien-der-heilkunst.de/PdH_Auszug_092017.pdf) beschrieb er den Maschinenraum des Gesundheitswesens. Im Fediverse https://mastodon.social/@digitalgesund

Fussnoten mit Quellenhinweisen wurden, soweit möglich, als Links in den Text eingefügt.

Faktenbasierte Kommunikation zur Arbeitsmoral – Beueler-Extradienst

Also Süddeutsche Mundart zu suchen finde ich, auch wenn es im Duden steht, nicht fein.

#SZ #Wordle #de

Am Wochenende gehts

Aktuelle Probleme meiner Mediendiät

Linda Bresonik, Fussballweltmeisterin 2003 und 2007, ist in ihrer alten Heimat Essen öffentlich aufgetreten. Und mein Paywallbohrer funktionierte wieder nicht. Ihre grössten sportichen Erfolge errang sie, als die Mehrheit des Publikums noch gar nicht wusste, dass es leistungsstarken Frauenfussball gibt. Ich dagegen verehrte sie schon, als sie im Mittelfeld Regie führte. Erst später wurde sie zur offensivstarken Aussenverteidigerin umgeschult, scheiterte aber bei der Heim-WM 2011, die erstmals komplett im TV lief, an den späteren Weltmeisterinnen aus Japan. Keine Ahnung also, was die Gute heute zu erzählen hat. Die Funke-Mediengruppe hält es verborgen. Immerhin höchstens halb so schlimm, wie der Springerkonzern – der zog mehrere Jahre ihr Liebes- und Beziehungsleben durch seine Jauche.

Wiekommichdrauf? Paywalls. Die FAZ und die SZ haben eine missratene öffentliche Aktion von Max Schafroth/extra3/NDR digital vermauert. Dabei ist hier alles offen nachzulesen. Hier stellen sich die wesentlichen Fragen an den NDR, die Heimat der Wegmoderierer und quälend nervenden “Presenter”-Reportagen. Schafroth ist so ein “Presenter”, und sogar gelegentlich lustig, mit zweifellos starken Formschwankungen. Und darüber sind sie nun alle spektakulär gestolpert. Gibt es im NDR noch irgendjemand, die/der fachlich recherchiert, kulturelle Kompetenz und minimales Allgemeinwissen besitzt? Offenbar sind alle, die das mal hatten, schon in Rente. Nicht nur im NDR.

Womit ich beim eigentlichen Thema bin. Weil mittlerweile fast alle ARD-Radiowellen niedergebügelt (“formatiert”) sind und irritierende – also Gedanken auslösende“Ausschaltimpulse” dort total verboten sind, bin ich seit Jahrzehnten Deutschlandfunk-Hörer. Es aber mittlerweile auch leid. Am meisten quält mich neben der rechten – und da, wo sie nicht rechts sondern “grün” ist, umso kriegs- und aufrüstungslüsternen – aktuellen Politikberichterstattung das vormittägliche Call-In-Geschwätz. Das Billigste, was Radio machen kann: das Publikum, das weder Sprechen noch Radiomachen gelernt hat, auf sich selbst loslassen. Gecastet, wenn überhaupt, dann nur von billigen studentischen Hilfskräften im sendereigenen Callcenter. Nein danke, ich bin raus.

Stattdessen höre ich neuerdings alte Musikcharts auf YouTube, definitiv musikalisch und kulturell diverser als irgendwas, was im deutschen Formatradio noch durchgelassen wird. Gestern war ich bei den “Billboard Hot100” von 1971. Und siehe, diese Tina-Turner- und diese Aretha-Franklin-Version kannte ich noch gar nicht (ich war 14). Entdeckungen, die in deutschen Radioprogrammen illegalisiert wurden. Aus purer Ignoranz.

Gut, es gibt im DLF noch von Fachredaktionen gestaltete Programme. Das Medienmagazin @mediasres arbeitet journalistisch seriös. Wo gibt es das heute noch? Die Wissenschaftsredaktion ebenfalls, sie wurde aber gekürzt, und arbeitet nicht mehr jeden Wochentag aktuell, sondern muss, ähnlich wie die “Lange Nacht” oder “Essay & Diskurs” vermehrt Archivware wiederholen. Das verdanken wir den inkompetenten 16 deutschen Minsterpräsident*inn*en, die sich – ganz anders als beim “Deutschlandticket” – im AfD-Ähnlichkeitswettbewerb engagieren, und öffentlich-rechtliche Qualitätsprogramme, also solche, die journalistische Arbeit machen und also Geld kosten, offensiv bekämpfen. Denn sie könnten ja selbst Opfer davon werden. Wer will so aus dem Amt scheiden, wie Josefine Paul?

Aber ich schweife ab. Heute morgen war der DLF gut hörbar. Das Wochenendjournal von Vivien Leue, Klassik-Pop-etcetera von Tricia Tuttle, und Zeitzeugen im Gespräch mit Ulrich Schneider, direkt bei mir nebenan in Oberhausen aufgewachsen – alles tippi-toppi. Und morgen ist er es auch. Ich freue mich samstags schon auf “Essay & Diskurs” und den “Sonntagsspaziergang”. Jetzt müsste nur noch eine Programmdirektion die Onlineredaktion ihre Arbeit machen und die Manuskripte nachlesbar stellen lassen. Aber das werden wohl erst kommende Generationen gegen die Lobby der 3-4 Zeitungsmilliardärsclans (“Familienunternehmen”) durchsetzen …

Am Wochenende gehts – Beueler-Extradienst

"Drei „ziemlich geile Länder“ gegen den Rest" schreibt die #SZ über einen Artikel, in dem es darum geht dass der Wurstesser und der Kollege aus Hessen den Kandidaten aus BaWü in Berlin bekannt machen.
Machen wir es konkret: die bilden auch eine ziemlich geile Strompreiszone tät ich mal sagen... mit der mangelhaften Windkraft.
#Energiewende #Strompreisszonen #KlimaGerechtigkeit

Mal wieder #SZ, #DB, #Palla, #Timmler. Steht viel Richtiges drin. Nicht mehr aktuell ist wohl die Herauslösung des #Navigators aus dem Moloch Fernverkehr.

https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/deutsche-bahn-evelyn-palla-personal-verspaetung-zuege-e353234/

Evelyn Palla: Was die neue Bahn-Chefin vorhat - mit den Zügen und beim Personal

Die Erwartungen an die Deutsche Bahn sind ja nicht mehr hoch, die an die neue Bahn-Chefin Evelyn Palla dafür umso höher. Sie räumt jetzt erst mal in der Führungsetage auf: Pünktlicher wird so kein einziger Zug, aber immerhin sie ist voller Zuversicht.

Süddeutsche Zeitung
Der Spitzenkandidat der #CDU für die #ltwahlbw2026, Manuel Hagel, gibt der #SZ ein Interview, in dem er sich als Posterboy des radikalisierten Konservatismus, wie ihn @Natascha_Strobl analysiert, zeigt: kultische Autoverehrung, nassforsche Aggressivität, eine Phrasenstrickmaschine, die nur Desaster im Plan hat. Die vorgeschlagenen Sonderwirtschaftszonen z.B. funktionieren immer nur für eine Sache bestens: Finanz- und Wirtschaftskrminalität. Dafür richtet man sie ein, so wie free ports auch.