re:publica 2025 Rückblick
Am 26.-28. Mai 2025 war ich wie jedes Jahr auf der re:publica, die dieses Jahr angenehmerweise von einem Feiertag und einem beweglichen Ferien- bzw. Urlaubstag gefolgt ist. Der Sohn ist bei den Großeltern zu Besuch und ich habe etwas mehr Zeit als in den letzten Jahren, meine Eindrücke Revue passieren zu lassen, hier aufzuschreiben und an der einen oder anderen Stelle sogar noch zu ergänzen.
Nach drei Tagen re:publica laufe ich über vor Lernlust und Neugierde, was ich sonst noch so im Leben tun könnte … Gestern Abend kam ich kaum zur Ruhe. In der Nacht kreisten die Gedanken. Solche Veranstaltungen sind kräftezehrend und tun mir gleichzeitig unheimlich gut. Die re:publica, so kommerziell sie auch ist und so sehr deutlich wird, wie sie sich den öffentlichen und privatwirtschaftlichen Sponsoren anbiedert, populäre Themen popularisiert und die großen Namen für Medienpräsenz benötigt, ist dennoch thematisch breit gefächert und ein zumindest teilweise dennoch ein nerdiges Event. Natürlich scheitert der Anspruch an Vielfalt und Inklusivität bereits beim Ticketpreis. Ich wünschte mir, es gäbe mehr Anstrengungen, Aktionen umsonst und außerhalb des Veranstaltungsgeländes zu initiieren und damit zumindest etwas Durchlässigkeit ins Stadtleben zu ermöglichen, so wie das mal mit dem Netzfest versucht wurde.
Mit einem Bein stehe ich voll drin im re:publica-Trubel und genieße ihn. Mit dem anderen Bein stehe ich daneben und blicke verwundert auf den Spagat zwischen Techhype und imaginierter Gegenkultur, der von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.
Auch dieses Jahr habe ich wieder versucht, meine Zeit den Workshops vor Ort zu widmen, weil ich das Ideenspinnen und den strukturierten Austausch bei den in der Vergangenheit erlebten re:publica-Workshops sehr schätzte und ich die Vorträgen auch im Nachgang als Aufzeichnung ansehen kann (… oder könnte, wäre da die Zeit …). Leider wurden dieses Mal nicht viele interessante Workshops angeboten, was vielleicht am KI-Hype lag, dem mittlerweile viele Workshops verfallen sind. Contentcreation mit generativer KI ist halt nicht so mein Ding … . Vielleicht ist die Verlagerung von Workshops in das neue, separate und kostspielige Format „re:publica x srh CAMPUS Berlin“ im September eine bewusste Entscheidung der Veranstalter. Vielleicht ließ auch der kleiner gewordene Veranstaltungsort nicht mehr Workshops zu.
Ich trauere immer noch der ARENA und ganz besonders dem dortigen Flutgraben-Gebäude hinterher, in der ich 2022 und 2023 großartige Workshops in ruhiger und konzentrierter Atmosphäre erlebt habe. In der STATION ist in den meisten Bereichen zu trubelig, dichtgedrängt und laut, um sich gut längerer gemeinsamer Arbeit zu widmen. Grausam ist die Reizüberflutung im „Community Garden“, in dem durch Meet Up, Speak Up, Makerspace und Bar eine Trubeligkeit erzeugt wird, die Austausch fast unmöglich machen. Dass sich genau in diesem Bereich eine winzige Ecke namens „The Pause – ein ruhiger Ort für alle“ befindet, ist für mich unverständlich. Stattdessen hätte es einen separaten reizgedämmten Raum benötigt … oder zumindest einen Gartenbereich, den es 2021 und 2024 im angenehm abgelegenen, wunderschönen und dieses Jahr schmerzlich vermissten Technikmuseum-Areal gab.
Dieses Jahr hat mich die Teilnahme an einer Makerspace-Session und einem Meet Up mitten im Lärm so erschöpft, dass ich danach erst einmal ‚Pause‘ an der frischen Luft bzw. in einem regulären Vortrags-Saal brauchte. Rätselhaft ist mir auch, wie die Veranstaltenden auf die Idee kommen können, den Ton von Makerspace-Sessions und Meet-Ups über Kopfhörer übertragen zu wollen, denn das sorgt für monodirektionale Beschallung und verhindert spontane Interaktion in der Gruppe. In der von mir besuchten Makerspace-Session haben die Hosts versucht, ohne Mikrofon und Kopfhörer zu arbeiten, weil der Austausch untereinander sonst schlicht nicht möglich gewesen wäre. Resultat waren strapazierte Nerven und Stimmbänder. Liebe re:publica, ihr habt ein im Vergleich zu anderen Veranstaltung ambitioniertes Inklusionskonzept – aber an der Minderung der Reizlast könnt ihr noch arbeiten.
Die Schlangen vor Einlass und Taschenkontrolle ziehen sich morgens durch die gesamte Straße …Das diesjähriges Motto der re:publica war nicht sehr produktiv: „Generation XYZ“. Warum die Schubladensortiererei in „Generationen“ problematisch ist, brachten Holm Friebe und Claudia Kefer in ihrem Talk „Fuck Generations! Wider den Generationalismus“ auf den Punkt. Mehr dazu unten …. In mehreren Sessions wurde oft unbeholfen versucht, auf Teufel komm raus das „Generationen“-Thema zu integrieren. Damit wurden teilweise Gräben imaginiert, die so gar nicht existieren. „Das Konzept Generationen ist ein Brandbeschleuniger für Polarisierung“ betonte Holm Friebe zu Recht.
Wirklich fremd fühle ich mich in der zunehmenden Menge an „AI for good“ oder „Ethical AI“ Bullshit, der sich an den Aussteller-Ständen, aber auch in Talks ausbreitet. Teilweise habe ich das Gefühl, die Veranstaltung hat gegenüber den Narrativen großer Technologiekonzerne kapituliert oder verstärkt sie. Viele Talks verloren sich in reinen Abwehrkämpfen (gegenüber Meta, TikTok und Faschismus) oder fügten sich in nostalgisierende Lamenti über den Verlust früherer Dialogräume, ohne überhaupt den Versuch zu wagen, gesellschaftliche Alternativen zu imaginieren. (Ausnahmsweise sehe ich den Verlust von etwas nämlich mal als Chance … 😀 Ich bin froh, dass Twitter Vergangenheit ist und ich dadurch den Weg zu Mastodon gefunden habe!) Eine wohltuende Ausnahme dieser durchgehenden Visionslosigkeit war der Vortrag „Die Anti-Dystopie als Widerstand gegen negative Zukünfte“ von Isabella Hermann, auf den ich unten noch detaillierter eingehe.
Jetzt, wo ich mir einige Kritikpunkte von der Seele geschrieben und mir den Termin für die #rp26 (18.-20. Mai 2026) im Kalender notiert habe, darf ich mich den vielen inspirierenden Talks und Workshops widmen, die ich dieses Jahr erlebt habe. Ich gehe zunächst die Sessions durch, an denen ich vor Ort teilgenommen habe. Einzelnen Talks werde ich vielleicht noch separate Beiträge widmen … . Anschließend werde ich, als Watchlist für mich selbst, weitere Sessions sammeln, die ich noch in der Aufzeichnung nachsehen möchte.
Übrigens nahm Markus Beckedahl in der Closing-Session die oft geäußerte Kritik auf, warum die Aufzeichnungen nur auf YouTube verfügbar wären, und kündigte an, die re:publica würde an einer eigenen Infrastruktur arbeiten. So etwas wie media.ccc.de oder eine Peertube-Instanz für alle re:publica-Talks? Das wäre wirklich fantastisch!
GenerationXYZ: Digitale Heimaten, digitale Zukünfte (Patricia Cammarata, Theresia Crone, Oğuz Yılmaz, Johnny Haeusler)
Nach der Eröffnung war das die erste von mir besuchte Session, und vielleicht die ernüchterndste. In gewisser Weise schloss sie an eine ähnliche Paneldiskussion „Verloren auf Plattformen“ vom letzten Jahr an (Patricia Cammarata und Johnny Haeusler waren auf beiden vertreten), in der das Jammern über den schmerzhaften Verlust von Twitter oder „Reichweite“ groß war. Auch dieses Jahr lamentierten alle Teilnehmenden des Panels über die Problematiken der großen, kommerziellen Plattformen, ohne auch nur den Hauch einer Alternative in digital souveräneren Alternativen in Betracht zu ziehen. Gefühlter Heimatverlust? Ja, sofern sie damit das nostalgische, verklärte Beklagen einer „Heimat“ meinen, die immer verloren scheint. Digitale Zukünfte? Dazu kam das Panel wegen zu viel Jammerei nicht mehr …
Auf den großen kommerzielle Plattformen ist es ungemütlich geworden? Dann geht’s halt zurück ins analoge Gartenleben … . Der politische Alltag wird von Nazis bestimmt? Blöd, aber wir gehen dennoch auf die Plattformen der Nazis, unterwerfen uns Konflikte-schürenden Algorithmen und spielen ein Spiel mit, das wir nicht gewinnen können. Lang und breit spricht das Panel, und verstärkt sich im Wehklagen gegenseitig, wie geschäftsschädigend die Algorithmen von Meta sind.
Als Patricia richtigerweise beschreibt, welche negativen Auswirkungen die Algorithmen auf die Art ihres Schreibens haben, indem sie z. B. das Verlinken zu anderen Initiativen ‚abstrafen‘ und so gegenseitige Unterstützung erschweren, heult Oğuz, das sei „nicht fair“, dadurch sei ihm ein wichtiger Geldhahn abgedreht worden, als er deshalb seine YouTube-Videos nicht mehr auf Facebook verlinken konnte. 🤦
Kein Wort von Gegenöffentlichkeiten, die bereits existieren, die geschaffen oder die zumindest angestrebt werden können. Kein Zweifeln am Geschäftsmodell „Content Creation“. Das große, traurige Motto dieser Session war: Früher war leichter Geld zu verdienen, aber there is no alternative. Oğuz: „Die machen viel Scheiße, aber trotzdem sind wir alle noch auf Meta.“ (Tatsächlich scheint das frustrierenderweise auf viele der re:publica-Besucher:innen zuzutreffen, denn auf der Tafel, auf die man einen Klebepunkt auf die eigene „Main Platform“ kleben sollte, war Instagram schon nach wenigen Stunden komplett zugeklebt.)
Ein Fazit schien dann, dann die physischen Räumen die heimeligeren sind. Johnny betonte, „wie wichtig es ist, dass wir uns physisch treffen.“ Dass wir nicht mehr zu Instagram gehen, würde wohl nicht klappen, kapituliert auch Johnny (der, der am 24.5.2025 im Tagesspiegel-Interview offenbarte, er sei nach dem Verlassen von Twitter jetzt mehr auf Instagram unterwegs, was er da alles tolles gefunden habe und dass er zu faul sei, seinen Gmail-Account zu löschen …). Stattdessen sollten wir die „kleinen echten Räume“ gründen.
Aber das ist doch kein Entweder-Oder! Wir müssen uns doch deshalb nicht aus der digitalen Welt zurückziehen … die ja außerdem für viele Menschen auch die bessere und sichere sein kann, in der sie sich selbst neu erfinden und auf eine Weise ausleben können, die ihnen anderweitig erschwert ist, wie z. B. Legacy Russel sehr gut in „Glitch Feminism“ beschreibt. Wir brauchen selbstbestimmte, sichere und souveräne digitale UND physische Räume! Beides ist möglich! Beides gibt es bereits! Es gibt das Fediverse. Es gibt unzählige Kulturzentren, Vereine, Dritte Orte … Natürlich zu wenige und in zu prekären Situationen, klar, aber dagegen lässt sich konkret angehen! Wir können uns von Instagram und YouTube verabschieden und uns in die existierenden Alternativräume, Gegenöffentlichkeiten und -kulturen begeben und sie und uns gegenseitig unterstützen. Mir ist bewusst, dass damit Einnahmequellen versiegen. Aber die Session trug „Zukünfte“ im Titel und hätte damit zum Imaginieren, Träumen, Neuerfinden eingeladen! In der gesamten Session wurden Alternativen zum Verloren-Geglaubten kein einziges Mal erwähnt.
Ich bin froh, dass ich durch die Zerstörung Twitters das Fediverse entdeckt habe. Das Fediverse bietet so viel mehr an digitalen Heimaten UND Zukünften, als es kommerzielle Plattformen jemals tun können.
Enter the Kingdom of Shrimp Jesus: Philosophische Perspektiven über das Ende des Internets (Thomas Sommerer)
https://youtu.be/5Ry7MqABDxk?feature=shared
Thomas Sommerer nimmt das Paradebeispiel von AI Slop, den „Shrimp Jesus“, als Aufhänger für eine Betrachtung, wie kulturelle Zeichen ihren Link zu ihrem kulturellen Ursprung verlieren. In einem schnellen englischsprachigen und für mich nicht immer zu folgendem Ritt kommt er von Marx‘ Gebrauchs- und Tauschwert über Baudrillards Simulationstheorie zum neuen „Sign Value“, der in der digitalen Welt dominiere.
AI als pure Simulation beschleunige diesen Prozess: „It finally cuts the ties between a digital culture and its creators“. Das Internet werde so zum Friedhof der von ihren ursprünglichen Bedeutungen verlassenen kulturellen Zeichen (wenn ich das richtig verstanden habe). Wir geben den „heiligen Gral“ von Kreativität und der Produktion von Bedeutung an die Maschinen ab, die aber selbst keine soziale Bedeutung schaffen, sondern diese nur simulieren … ? Deshalb könne man AI Slop als epistemische Gewalt bezeichnen (so meine vielleicht etwas zu flinken und verkürzten Notizen … ich möchte das auf jeden Fall noch einmal in Ruhe nachsehen, in Thomas Sommerers Paper „Baudrillard and the Dead Internet Theory. Revisiting Baudrillard’s (dis)trust in Artificial Intelligence“ nachlesen und mit den Thesen von Roland Meyer vergleichen, der die Ästhetik des digitalen Faschismus in Generativer KI beschrieben hat (siehe unten).
Map the Generations! (Offray Luna, Daniela Marzavan, Lydia Taban)
Ein kreativer und interaktiver Workshop, der leider durch die Dialog-erschwerende Atmosphäre in der furchtbar lauten und trubeligen Makerspace Area beeinträchtigt wurde. Wir sammelten, wo wir uns gerne aufhalten und wohlfühlen, welche Qualitäten dieses Wohlfühlen besitzt, welche Orte Potenzial für alters- und klassenübergreifendes Zusammenkommen haben und wie wir sie zugänglich und erkundbar machen.
Als wir gleich zu Beginn feststellten, dass mündlicher Austausch im Lärm schwer möglich sein wird, nahm uns Daniela aus der Halle mit ins Freie und führte die Einstiegs-Aufstellungsübung dort durch, wo andere re:publica-Besucher:innen an Esständen anstehen: An welchen Orten haben wir uns als Kind willkommen gefühlt? Und welche Orte sind uns heute gefühlte Heimat? Was können wir an diesen Orten alles tun, und für wen sind sie potenziell geeignet? Diese Frage beantworteten wir für uns gedanklich und stellten uns so auf, wie diese Orte auf einer imaginierten Weltkarte verteilt sind.
Nach der Einstiegsübung erfassten wir die Erinnerungen an solche Orte zunächst analog auf Sticky Notes und teilten sie dann mit der Gruppe. In einem nächsten Schritt erfassten wir sie in einem digitalen Tool:
Anfang der Eingabemaske, auf der wir unsere Erinnerungsorte erfassen solltenWas die Hosts mit den von uns vertrauensvoll in ihre Hände gegebenen Informationen weiter tun werden, habe ich allerdings nicht so genau mitbekommen … und genau das hat mich auch daran gehindert, zu detaillierte Angaben zu machen. Denn der von mir gemappte Ort der Erinnerung aus meiner Kindheit war gerade deshalb gut, weil es ein von Erwachsenen freier und unbeobachteter Rückzugsort war. Solche Orte möchte ich vielleicht nicht formal und altersübergreifend zugänglich kartographiert haben …. 😉 Über diese Thematik hätte ich mich gerne noch weiter ausgetauscht.
Die Grundidee des Workshops fand ich wunderschön! In Erinnerungen an Orte steckt viel verbindendes, das nicht nur Dialoganlässe schafft, sondern Gräben überwinden, Unterstützungsbereitschaft wecken, Gestaltungsideen fördern und grundsätzlich Bewusstsein für Räume und den darin wirkenden Machtstrukturen wecken kann.
Hier ist der Ablauf des Workshops im Detail beschrieben.
Abschließend tauschten wir uns noch kurz über die im Workshop verwendeten Tools aus. Mit Open Street Map waren alle Beteiligten vertraut. Mit TiddlyWiki habe ich mich bisher nicht beschäftigt, bin nach einer schnellen Suche aber erstaunt, was für unterschiedliche Sachen Menschen damit machen. Werde ich mir demnächst mal genauer ansehen …
Fediverse-Meetup – Celebration of the Fediverse (Melanie Bartos, Henning Krause)
Das Fediverse war ein (hidden …) Champion auf der re:publica. Auf kein anderes Netzwerk (geschweige denn Plattform) wurde so viel Hoffnung projiziert. Auch wenn es viele Sessions gab, die die Existenz des Fediverse völlig ignorierten (Aus Unwissenheit? Aus kommerziellen Interessen bzw. der Bewertung des Fediverse als für „Influencer“ kommerziell unattraktiven Option?) gab es andererseits viele Sessions, in denen das Fediverse quasi als Synonym für das zukünftige dezentrale, souverän zu gestaltende und deshalb besonders zu förderndes Netzwerk genannt wurde.
Auf dem Fediverse-Meetup trafen wir uns (digital verbunden unter dem begleitenden Hashtag #rp25fedi), um Fragen zum Fediverse zu stellen und zu beantworten und gegenseitig Tipps auszutauschen. Es war schön, dort viele Menschen leibhaftig zu sehen, die ich nur aus dem Fediverse kenne … aber wie so oft merkte ich auch hier wieder, dass mir das Überwinden der Digital > Physisch Barriere immer wieder schwer fällt: Oft empfinde ich es ganz angenehm, mit Menschen ausschließlich online Kontakt zu haben, und ich ‚traue‘ mich nicht, sie auf einem Meetup physisch anzusprechen, erst recht, wenn ich nicht weiß, ob sie mit mir ähnlich vertraut sind wie ich mit ihnen.
Allein die Erkenntnis, dass sich so viele Menschen verschiedener Professionen und nicht nur aus dem reinen Tech-Nerd-Spektrum zum Fediverse-Meetup versammelt haben, gibt mir Hoffnung für die zukünftige Entwicklung des Fediverse. Ganz grundsätzlich hat mich die re:publica motiviert, mich zukünftig noch intensiver damit auseinanderzusetzen, über Mastodon hinaus.
Folgende Fragen und Tipps wurden u. a. auf dem Meetup besprochen:
Welche Formate funktionieren im Fediverse gut für Unternehmen?
Frag besser umgekehrt: Welche Formate funktionieren nicht gut auf BigTech-Plattformen? Das sind z. B. externe Links, die auf quasi allen kommerziellen Plattformen abgestraft werden. Im Fediverse ist es anders: Es gibt nicht das Backrezept für einen Post, der dem Algorithmus gefällt, sondern ihr müsst ein Verständnis dafür aufbauen, was eurem Netzwerk gefällt und was sie lesen/sehen/hören wollen. Das ist anfangs vielleicht schwieriger, irgendwann aber umso befriedigender.
Wie kann ich als kleine NGO eine eigene Instanz aufsetzen?
Es wurden verschiedene Hosting-Anbieter erwähnt. Thomas Riedel wies auf den einfachen Einstieg hin, eine WordPress-Instanz mit dem ActivityPub-Plugin zu einer kleinen Mastodon-Instanz aufzubohren. (Das habe ich ja auch, aber ich habe mich tatsächlich noch gar nicht damit beschäftigt, was ich damit noch alles machen kann außer nur meine Beiträge über das Fediverse erreichbar zu machen … ToDo!)
Wie begegne ich als Social Media Verantwortlicher der Anforderungen meines Arbeitgebers nach „Reichweite“ und KPIs?
Die Metrik „Reichweite“ ist eine Vanity-Metric und sagt wenig über die tatsächliche Wirksamkeit von Online-Engagement aus. Das Thema wurde an vielen Stellen, auch außerhalb des #rp25fedi diskutiert. Thomas Riedel berichtete, dass Mastodon ein sehr effizientes Netzwerk sei, wenn man sein Publikum versteht. Er erreiche besonders viele Leser:innen seiner Artikel über Mastodon. Dort sei die Anklick-Quote seiner Artikel deutlich höher als über andere Plattformen.
Padeluun wies darauf hin, dass im Fediverse die Schnittstellen zum Messen der gewünschten Metriken offen liegen. Jede:r könne (ggf. mit professioneller Beratung) alles auswerten, was benötigt werde.
Grundsätzlich muss es für die meisten SocialMedia-Verantwortlichen doch eigentlich befriedigend sein (wenn auch anfangs vielleicht aufwendiger), ein Verständnis des Publikums aufzubauen und nicht nach den intransparenten und sich permanent ändernden Regeln eines BigTech-Filteralgorithmus tanzen zu müssen.
Welche Fediverse-Angebote nutzt ihr außer Mastodon?
Ich habe mir nur die mir noch nicht bekannten Äußerungen notiert:
goblin.band sei ein „Langformat für Touren durch das Internet“.
gancio.org sei ein Eventkalender, mit dem man Kalender anlegen, anderen Kalendern folgen und zu einem gemeinsamen Kalender föderieren könne. Ich selbst habe bisher nur mobilizon genutzt, das aber einen anderen Ansatz zu verfolgen scheint. Ein weiteres Projekt zur Termin- und Eventplanung scheint gath.io zu sein.
Sascha Foerster von Bonn.Digital regte an, mehr lokale Fediverse-Meetups zu veranstalten, um den Bekanntheitsgrad zu steigern. Darauf hätte ich persönlich richtig Lust und freue mich jetzt schon auf den 2. Berliner Fediverse Tag am 4. Oktober 2025. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Talks des 1. Fediverse Tags über Peertube abrufbar sind. Die habe ich leider nicht gefunden, nur den Livestream auf YouTube. Eine fantastische Recherchequelle ist ich die digitale Bibliothek mit Literatur zum Fediverse, in die ich mich auf jeden Fall noch einlesen möchte. Auch das Programm des Fediverse Tag 2024 bietet einiges an Inspiration.
Bei der Suche nach den Videos vom Berliner Fediverse Tag bin ich auf das mir bisher nicht bekannte FediForum-Event gestoßen, das bereits kommende Woche stattfindet. Leider kriege ich das zeitlich diesmal nicht eingerichtet, aber vielleicht beim nächsten Mal? ToDo: Mir einen Überblick über das Event verschaffen und in den auf Peertube vorhandenen Sessionvideos stöbern.
Sehr schön war, dass mehrere Repräsentantinnen des öffentlich-rechtlicher Rundfunks auf dem Meetup waren, die Mastodon in ihrer Kommunikationsstrategie berücksichtigen wollen, obwohl es nicht ihr originärer Auftrag sei … zum Beispiel im SWR X LAB.
Gedanklich beschäftigte mich das Meetup so sehr, dass ich direkt nach Ende der re:publica … aus gewissem Trotz, den LinkedIn immer wieder bei mir weckt … einen kurzen Bericht mit LinkedIn-Diss auf dieser Plattform schrieb. Ich bin erstaunt, dass der LinkedIn-Post eine für meine Verhältnisse außergewöhnlich hohe Zahl an „Likes“ erhielt. Nicht, dass mich das groß jucken würde …. aber, ja, irgendwie befriedigend ist DAS dann doch 😉
Das Meetup war für mich eine äußerst motivierende Zusammenkunft. Damit bin ich nicht allein: „Empowerment!“ „Banden bilden!“ riefen andere Teilgebende. So soll es sein!
Generative KI und die Ästhetik des digitalen Faschismus (Roland Meyer)
https://www.youtube.com/watch?v=JZpi6Irzvd0
Roland Meyer teilt seine Arbeit zu digitalen Bildwelten und speziell zu maschinell synthetisierten Bildern regelmäßig auf Mastodon. Ich habe die meisten seiner Artikel gelesen und war deshalb schon vor seinem Talk recht vertraut mit dem, was er dort präsentierte. Allerdings habe ich es nie in dermaßen intensiven und bedrückenden 30 Minuten zusammengefasst präsentiert bekommen.
Roland Meyer stellt der Behauptung, „generative KI“ sei an sich „neutral“ und „nur ein Werkzeug“ und könne mit guten wie mit schlechten Absichten und Ergebnissen genutzt werden, folgende Argumente und viele eindrückliche Beispiele synthetisierter aktueller faschistischer Bildwelten entgegen:
- „generative KI“ ist auf Bilder aus der Vergangenheit angewiesen
- Sie repliziert eine Vergangenheit, die so primär in der Vorstellung existiert
- Produkt von „Feedbackschleifen ästhetischer Optimierung“ (Bsp: Generierte MidJourney-Bilder werden auf Discord von Nutzenden bewertet … meistens durch weiße, männliche, tech-affine Poweruser aus Nordamerika)
- „KI-Bildgenerierung als umgekehrte Mustererkennung: Aus Labels werden Bilder“
- Googles Versuch, bei Gemini mit Shadow Prompting (bei dem die von den Anwender:innen eingegebenen Prompts im Hintergrund verändert werden, z. B. mit „Black“ oder „female“ ergänzt) gegenzusteuern, führt zu u. a. zu der Synthese von Bildern schwarzer Wikinger oder weiblicher Päpstinnen: Rechte Accounts haben das aufgegriffen, um sich über Zensurmaßnahmen „woker KI“ zu empören, denen Google die statistische Neutralität über Shadow Prompting genommen habe. Google hat das Angebot vom Markt genommen. Roland Meyer fragt: Wer darf sich die Bilder der Macht aneignen?
- KI verleiht Ressentiments Logik der Objektivität. Rechte Accounts nutzen das aus, indem sie triumphierend entsprechend bias-belastete Bildvergleiche mit dem Hinweis teilen, der ’nicht-woke‘ Algorithmus habe diesen Beweis ihrer Weltsicht generiert.
- „KI-Bilder schaffen alternative Realitätskonstruktionen auf Basis eingängiger Slogans, massenhaft vorhandener Bilder und unausgesprochener Muster und Erwartungen“. Es geht um die „Bewirtschaftung gefühlter Realitäten“.
- Als Fazit der vorher gezeigten Beispiele und Erkenntnisse betont Roland Meyer: KI ist nicht nur ein Werkzeug, sondern ein politisches Projekt!
- Als Beispiel zeigt er u. a. den durch OpenAI angestoßenen Trend, Bilder im Studio Ghibli Stil zu generieren. Die Trump-Regierung hat sich den Trend zu Nutze gemacht und menschenverachtende, höhnische Bilder als Machtdemonstration synthetisiert und in sozialen Netzwerken geteilt.
- Auch wenn Sam Altman sein Profilbild im Ghibli-Stil abändert, ist das nichts weiter als eine Machtdemonstration: Wir nutzen eure Arbeit aus und ihr könnt nichts dagegen tun (Jürgen Geuter hat das in einem sehr lesenswerten Artikel beschrieben!)
- Die KI-Unternehmen können sich der Unterstützung durch die Trump-Administration sicher sein
- KI bedeutet Ausbeutung und massenhafte Entwertung kreativer Arbeit, politisch unterstützt u. a. massiv durch die Trump-Administration (Bsp: Trump feuert Chefin des US Copyright Office Shira Perlmutter, die einen Tag vorher ein Paper veröffentlichte, in dem angezweifelt wurde, die Nutzung urheberrechtlich geschützter Werke zum LLM-Training sei durch „Fair Use“ gedeckt)
- „KI ist ein neokoloniales Projekt der schrankenlosen Expansion!“ und hemmungsloser Ausbeutung menschlicher und natürlicher Ressourcen (Bsp: Luftaufnahme von Musks Rechenzentren, die mit illegalen, luftverschmutzenden und krankmachenden Gasturbinen betrieben werden)
Roland Meyer hat die Inhalte seines Talks in mehreren guten Artikeln zusammengefasst, u. a. in Geschichte der Gegenwart.
Eine Sammlung weiterer Artikel von ihm sind hier zu finden.
(Re)Imagining Digital Fairness: Ein generationenübergreifender Zukünfteworkshop (Lisa Ama Schrade, Nandita Vasanta)
Ich habe das Gefühl, der Begriff „Zukünfte“ hat sich in den letzten Monaten nicht nur etabliert, sondern ist zu einem gewissen Trend geworden. Neun Sessions mit „Zukünfte“ oder „Futures“ im Titel habe ich auf der re:publica gezählt. Manchmal als Hype-Label ohne Bedeutung (wie in oben beschriebener Paneldiskussion), manchmal als kritische Erweiterung des Blicks in imaginierbare Zeiten.
Den Zukünfteworkshop „(Re)Imagining Digital Fairness“ ordne ich letzter Kategorie zu. Zwar waren die wie im Flug vergehenden gut zwei Stunden viel zu kurz, um die Möglichkeiten kritischer Zukünftearbeit auszuloten, aber sie gaben einen guten ersten Eindruck, welche Themen und Fragen darin berücksichtigt bzw. nicht vergessen werden.
Die Leute von SUPERRR hatte ich zwar schon vor einiger Zeit entdeckt, mich aber nie wirklich ausführlicher mit ihrer Arbeit beschäftigt. Das werde ich nun nachholen, denn ihr Ansatz, Futures Literacy mit politischem Aktivismus zu verbinden, resoniert sehr in mir (siehe dazu auch den exzellenten Grundlagenartikel „Futures Literacy – Zukünftekompetenz als politische Praxis“ von Nandita Vasanta). Eingang genannte Stichworte waren „Kritische Zukünftearbeit“ und „Politische Imagination“.
Wie gesagt: In gut zwei Stunden bleibt nicht viel mehr Zeit, als eine Vielzahl an Vorgehensweisen kurz anzureißen, und dementsprechend schnell war der Ritt durch das, was wir vorhatten … aber der Teaser weckte mein Interesse, mich auch im Nachgang mit einigen der Methoden auseinanderzusetzen, die ich noch nicht kannte. SUPERR hat die Werkzeuge als „Political Imagination Toolkit“ zur freien Nutzung veröffentlicht. (Dort lese ich auch, dass SUPERRR mit Mushon Zer-Aviv zusammenarbeitet, der auf früheren re:publicas einer meiner ersten Kontakte zur Zukünftearbeit war.)
Da wir so tief im Arbeiten waren, habe ich nicht alle Schritte mitnotiert … deshalb hier nur sehr grob zusammengefasst:
- Aufteilung in 4er-Gruppen
- Aufwärmung: Wir schreiben ein Haiku zum Thema „Digitale Fairness“
- Jede Gruppe erhält ein wünschenswertes Szenario (unseres: „Szenario 2: Design für Gerechtigkeit – Verbraucher:innenschutz wird intersektional“)
- Auf dem „Futures Wheel“ sammeln wir zunächst direkte Auswirkungen, die dieses Szenario hat
- Im nächsten Schritt leiten wir daraus indirekte Auswirkungen ab
- Mit drei Fragen aus den Reflection Cards gehen wir in Dialog zu Annahmen und Machtstrukturen unseres Szenarios. Das fand ich besonders inspirierend, weil die drei Fragen so wichtig sind: „Welche Annahmen und Werte liegen eurem Zukunftsszenario zugrunde? Für wen ist euer Zukunftsszenario konzipiert und für wen ist es nicht konzipiert? Wer hat Macht in eurem Zukunftszenario und wie wird sie ausgeübt?“
- Mit der Backcasting Methode skizzieren wir in 5-Jahres-Schritten rückwärts, wie die Entwicklung hin zu diesem wünschenswerten Szenario stattgefunden haben könnte (diese Übung fiel uns am schwersten).
- Abschließend erstellen wir das imaginäre Titelblatt einer Zeitung, das über Ereignisse im Kontext unseres wünschenswerten Szenarios berichtet.
Meine Erkenntnisse aus dem Workshop:
- Arbeit mit Zukünften braucht Zeit. Wenn diese nicht ausreichend vorhanden ist, besteht die Gefahr, dass ein Workshop zum gehetzten Methodenhopping wird. Sofern das primäre Ziel des Workshop ist, den grundlegenden Ansatz und eine Methoden daraus anzuteasern, ist das okay. Für eine sinnvolle Auseinandersetzung mit Zukünften digitaler Fairness waren die gut zwei Stunden viel zu knapp.
- In Zukünftelaboren, wie ich sie schon verschiedentlich erlebt oder selbst moderiert habe, ist mir die Beschäftigung mit den hinter unseren Vorstellungen wahrscheinlicher und wünschenswerter Zukünfte stehenden Annahmen und den daraus abgeleiteten „starken Fragen“ (bzw. den Fragen hinter den Fragen) besonders wichtig. In unserer Workshopgruppe wurde schnell deutlich, dass wir zu einer wichtigen Frage in dem uns zur Verfügung gestellten Rahmen keine gemeinsame Antwort finden: Ist der Kapitalismus alternativlos? Obwohl (oder weil?) wir das entdeckten und unsere unterschiedlichen Annahmen thematisierten, drehten wir Schleifen und imaginierten auf unterschiedlichen Pfaden, ohne wirklich zusammenzukommen.
- Das ausdrücklich politische und agitatorische Element, dass mir in Zukünftelaboren manchmal fehlt, kann bewusst hinzugefügt werden. Vielleicht sind die Fragekarten aus dem Workshop ein Mittel dazu …?
- Das Futures Wheel hingegen ist mir viel zu steuernd. Wenn überhaupt würde ich es wahrscheinlich erst zu einer späteren Phase eines Zukünfteworkshops einführen. Nein, eigentlich hat es mir nicht gefallen, da es das spielerische, freie Imaginieren zu sehr einhegt.
- Nach diesem Workshop schätze ich die Offenheit und den gedanklichen Freiraum, den Zukünftelabore bieten, umso mehr. Diese Offenheit birgt manchmal die Gefahr, dass wir uns in scheinbaren Klischees verlieren … die aber, sofern wir uns die Zeit nehmen, die Annahmen hinter diesen scheinbaren Klischees aufzuspüren, umso größeres Potenzial haben können.
So baut man ein nachhaltiges Open Source Unternehmen (Frank Karlitschek)
https://youtu.be/MykWi0Bmr_Y?feature=shared
Frank Karlitschek beschreibt Aufbau, Ziele und Geschäftsmodell seines Unternehmens Nextcloud. Vieles davon greift in die klassische Geschäftsführungs- und Vertriebstoolbox, manches scheint spezifisch für ein Unternehmen, dass ein Open Source Produkt entwickelt und anbietet.
Ich selbst habe eine eigene Nextcloud-Instanz auf meinem Webspace installiert und bin theoretisch begeistert von dessen Möglichkeiten. Vieles davon scheint mir viel besser und logischer integriert als in M365. Praktisch fehlen mir die Gelegenheiten, die Möglichkeiten auch nur ansatzweise auszutesten, denn privat arbeite ich primär alleine … . Meine Frau hat für ihre Arbeit eine Nextcloud-Instanz bei Hetzner gehostet und nutzt dort schon einige Features mehr. Dennoch ist das Nextcloud-Universum für mich immer noch ein Universum vieler unerprobter Verheißungen.
Passend zum Thema „Wirtschaft & Innovation“, in das der Vortrag eingeordnet war, widmete Frank sich weniger den theoretischen Möglichkeiten von Nextcloud, sondern dem dahinterstehenden Geschäftsmodell. Folgende Punkte habe ich notiert:
- USP ist, dass eine komplette Suite für Files, Talk, Groupware und Office als on premise gehostete Open Source Lösung angeboten wird.
- Über 500.000 Server laufen mit einer Nextcloud-Instanz (Schätzung über Update-Anfragen, weil nichts darüber hinaus getrackt wird), über 2000 Kontributor:innen tragen zur Weiterentwicklung auf Github bei und es gibt über 400 3rd-party-apps, die integriert werden können.
- Zwei Büros (Berlin, Stuttgart), 140 Mitarbeitende in 23 Ländern, keine externen Investoren, profitabel, 100% Open Source.
- Dezentralisierung ist einer der Grundsätze, deshalb werden keine eigenen Server gehostet, sondern das Drittanbietern überlassen.
- Standard-Angebot ist ohne Support. Die „Enterprise Subskription“ bietet Support, Einfluss auf die Weiterentwicklung, Compliance-Zertifizierungen, Zusammenarbeit im Bereich Sicherheit etc.
- Marketing und Sales arbeiten mit dem Sales-Funnel-Ansatz, den ich auch von meiner Arbeit kenne. Der Unterschied in einem Open Source Unternehmen sei allerdings: „Wir bekommen hunderte Anfragen pro Tag, die sich über die Community für die Software interessieren …. Das hat man als reguläres Softwareunternehmen nicht, wo man um jeden Lead kämpfen muss“.
- Erweiterungen laufen über den Appstore, der durch die vielen externen Kontributionen einen Quelle von Innovation sei.
- Die Community ist ein großer Wettbewerbsvorteil für ein Open Source Unternehmen.
Besonders interessant für mich war die Beschreibung des Federation-Prinzips, das mir so noch nicht vertraut war: Damit können sich verschiedene Nextcloud-Instanzen zusammenschalten und so gemeinsam Dienste wie Talk und Filesharing über verschiedene Unternehmen/Unis o. ä. hinweg nutzen, ohne dass es eine zentrale Instanz braucht! So kann man sich über ActivityPub sogar ins Fediverse einklinken. Das sei ein Differenzierungsmerkmal, das Nextcloud von anderen Anbietern unterscheidet. (Ich bin sehr interessiert! Alle Welt redet über unternehmensübergreifende Zusammenarbeit. Ist das hier auf technischer Ebene schon vorgedacht?)
Mastodon: Offene Infrastrukturen für alle (Philip Schroepel, Leonhard Dobusch)
https://youtu.be/URmr3HcQgFI?feature=shared
Nach Frank Karlitscheks Nextcloud Talk blieb ich im „Wirtschaft & Innovation“-Track für den nun folgenden Programmpunkt, dessen Frage „Wie können offene und dezentrale Social-Media Strukturen wie Mastodon oder das Fediverse Mainstream werden?“ in mehreren Sessions auf der re:publica aufgegriffen wurde. Entsprechend gut besucht war der Talk.
Da wir uns im Wirtschafts-Track befanden, ist es nachvollziehbar, dass der heutige Mastodon „Chief of Staff“ und davor mit den Aufgaben Fundraising, Finance, Operations und Partnerschaften beauftragte Philip Schroepel eingeladen war. Überzeugend fand ich ihn nicht. Seine initiale Vorstellung von Mastodon als „Social Media App“ ohne Werbung und Algorithmen, die die Privacy der Nutzenden ins Zentrum setzt, klang wie ein x-beliebiges me-too-Produkt, das der besonderen, souveränen Struktur von Mastodon nicht ansatzweise gerecht wird. Grundsätzlich nehme ich Leonhard als deutlich präsenteren Mastodon-Advokaten war als Philip und empfand die Rollenverteilung des Talks deshalb als etwas seltsam. Es ging viel um die Aufteilung von nicht klar abgegrenzten Geschäftsbereichen (Mastodon entwickelt zum einen die Software und betreibt weiterhin die mit Abstand größte Instanz mastodon.social), Vorteile und Risiken der Geschäftsform gGmbH und das Operieren mit sehr geringem Budget (insb. im Vergleich zu großen amerikanischen Techplayern wie Bluesky, die ein Vielfaches an Budget haben). Ein blasser, für mich nicht sonderlich interessanter Talk.
Politik. Wirtschaft. Verantwortung: Wer schützt die Demokratie? (Virginie Briand, Jeannette Gusko, Laura Himmelreich)
https://www.youtube.com/watch?v=zTvBNsdvrm8
Wie sollten sich Wirtschaftsunternehmen politisch positionieren? Bei dieser Frage besteht immer die Gefahr, in ausweichendes CEO-Blabla zu verfallen. In diesem Talk passierte das nur selten. Jeannette Gusko (Strategin, Ex-Correctiv, Wahlkampfteam Habeck) und Virginie Briand (Lead Partner Strategic Communication, Deloitte) waren eine wirklich gute Besetzung und hatten beide einiges zu sagen!
Laura Himmelreich (Stellv. Chefredakteurin des Tagespiegels) führte die beiden Panel-Gästinnen strukturiert durch eine Reihe an Fragen, von denen ich für mich besonders interessante Antworten hier (sinngemäß) festhalte:
Jeannette Gusko wünscht sich, Unternehmen würden mehr „strategisch corporate politically responsible sein – innen wie außen“. Sie betont einen Punkt, der mir auch immer wieder durch den Kopf geht: Allein aufgrund ihrer schieren Größe … ja, man könnte es „Reichweite“ nennen 😉 … sind Unternehmen im politischen Diskurs faszinierende Gebilde, weil sie (fast immer) nicht demokratisch organisiert sind, Menschen hier aber oft milieuübergreifend aufeinandertreffen. Das mache diese Räume bei Auseinandersetzungen und Diskurskultur so interessant.
Ich muss hier an ein Zitat aus einem Handelsblatt-Artikel (leider hinter der Paywall) der Columbia-Rechtswissenschaftlicherin Katharina Pistor denken, das ich neulich im Neue Zwanziger Salon Podcast hörte. Auf die Frage, warum sich an Universitäten und auch sonst im Land so wenig Widerstand gegen die Repressionen der US-Politik rege, bemerkte sie (zitiert nach Neue Zwanziger Salon, ebenfalls Paywall, die jeden Cent wert ist, ab Stunde 4:44:00) „Die breite Mehrheit im Land erkennt das neue Ausmaß der Attacke auf die Demokratie gar nicht. Der Großteil der Amerikaner verbringt neun Stunden am Tag in autoritären Systemen, nämlich am Arbeitsplatz. Wer in den USA als einfacher Angestellter arbeitet, ist im Prinzip ohne Rechte. Für diese Menschen ist es zum einen nicht sonderlich neu, wenn dann auch der Rest des Lebens autoritär geprägt wird.„
Virginie Briand berät bei Deloitte Unternehmen im politischen Auftritt. Die Unsicherheit, wie lokal oder global sich ein Unternehmen politisch positionieren solle, welche Rolle vertretbar sei und ab wann eine Positionierung gegenüber der eigenen Belegschaft übergriffig werde, sei eine zentrale Fragestellung. Briands Aussage, dass Unternehmen teilweise die Räume einnehmen müssten, die gesellschaftlich verloren seien (Stammtische, Kirchen, Vereine), irritiert mich, da die Abhängigkeitsverhältnisse und Partiziationsmöglichkeiten dieser Räume nicht vergleichbar sind. Virginie Briand betonte auch, dass das Thema der Corporate Political Responsibility oft zunächst an PR-/Kommunikationsabteilungen übertragen werde, dort aber nicht bleiben durfte. Ihre Betonung der Führungsrolle scheint mir nicht nur zu einfach und formelhaft, sondern auch problematisch, weil „Führung“, wie auch immer sie legitimiert wird, ja selbst immer autoritäre und undemokratische Tendenzen in sich trägt (dazu empfehle ich Johann Chapoutot: Gehorsam macht frei. Eine kurze Geschichte des Managements – von Hitler bis heute, Sonderausgabe der Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn, 2022 … und bin gespannt auf die Lektüre von Stefan Kühl: Führung und Gefolgschaft. Management im Nationalsozialismus und in der Demokratie, Suhrkamp, 2025)
Die Frage, ob die Glaubwürdigkeit einer unternehmerischen politischen Positionierung mit den eingesetzten Kosten und Risiken verbunden sei, bejaht Virginie Briand: „Haltung muss etwas kosten, sonst ist es nur ein LinkedIn-Post oder eine schöne Kampagne. (…) Es lohnt sich, sich damit auseinanderzusetzen, was es kosten könnte.“ Auf den wichtigen Einwand von Jeannette Gusko, dass das doch Standardprozess jedes unternehmerischen Risikomanagements sei („Themen, die ich bearbeiten möchte, packe ich in meine betriebliche Gewinnfunktion. das ist, wie Unternehmen seit Jahrzehnten funktionieren.“) betont Virginie Briand, der Unterschied sei, sich bewusst und aktiv in das Risiko zu begeben … was meines Erachtens den Einwand von Jeannette Gusko nicht entkräftet.
Abschließend wurden beide Gästinnen nach drei Dingen gefragt, die Unternehmen morgen konkret tun könnten. Genannt wurden u. a:
- Die falsche Ausflucht zu verlassen, dass Unternehmen nicht politisch sein (sollten), sondern die eigene politische Position zu erarbeiten und zu verdeutlichen.
- Die Finanzierung gesellschaftlicher Akteure übernehmen.
- Mitarbeitende ermutigen, Ämter zu übernehmen (Wie soll das konkret aussehen? Hier muss ich an das für mich unverständliche Beispiel von „Corporate Volunteering“ aus der unten kurz beschriebenen Paneldiskussion „Teile dein Wissen! – Warum digitale Bildung unsere gemeinsame Aufgabe ist?“ denken)
- Debattenräume (das Nahumfeld) in Unternehmen so gestalten, dass Debatte, Dialog, aber auch Konflikt und das Ziehen roter Linien möglich wird
Vielfalt leben: Inklusion und Generationenvielfalt im Arbeitsumfeld (Kay Schumacher, Verena Bentele, Maureen Ekizoglu, Sebastian Geßler)
https://youtu.be/hJgDa2Y0YQ4?feature=shared
In diesem Podiumsgespräch teilten die Beteiligten Ansätze und Arbeitsfelder, um Inklusion in Unternehmen zu erhöhen. Meine Notizen geben nicht viel Konkretes her.
Maureen Ekizoglu berichtete von ihren Erfahrungen in der Leitung des Dialogmuseums in Frankfurt, einem Inklusionsbetrieb, in dem über 50% Menschen mit Schwerbehinderung arbeiten, und brachte den Begriff der „Caring-Hierarchie“ ein. Ich habe ihn so verstanden, dass Führungskräfte sehr individuell auf die Bedürfnisse individueller Mitarbeitender eingehen sollen und können. Außerdem berichtete sie davon, dass die Art, wie diese Zusammenarbeit konkret ausgestaltet werde, nicht einmal, sondern wiederkehrend jede Woche geprüft und justiert werde. Auf Details, wie dies genau passiert, ging sie leider nicht ein.
Verena Bentele, Präsidentin des VdK, betonte dass die Anwendung leichter Sprache in allen Verwaltungs-Angeboten und auch im Alltag die Möglichkeit demokratischer Mitbestimmung für alle Menschen erhöht.
Kay Schumacher, Hauptgeschäftsführer der VBG, beschrieb den notwendigen Spagat zwischen rechtlichen und kulturellen Rahmenbedingungen, um Menschen mit psychischen Erkrankungen ein sicheres Arbeitsumfeld zu ermöglichen. Wenn sich Mitarbeitende nicht offenbaren, können sie vom Unternehmen schwerer unterstützt werden. Wenn sie sich offenbaren, gehen sie damit ein Risiko ein. Ich finde das zu einfach gedacht, denn es gibt genug Ansätze, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass z. B. Neurodiversität berücksichtigt und allen Mitarbeitenden ein gesunderes Arbeitsklima geschaffen wird, ohne dass es individuelles Outing der Einzelnen braucht.
Engagement braucht Orte. Berlin hat sie. Oder? Wie eine digitale Lösung zukünftig Räume für Engagement öffnet. (Melisa Karakuş, Danny Tuấn Anh Schuster, Anna-Stephanie Gurt)
„Orte“ und „Räume“ sind Themen, das mich schon seit meinem Studium begleiten. Was sind Orte und Räume? Welche Arten gibt es? Was sind ihre Charakteristiken und Ausprägungen? Welchen Einfluss haben sie auf unser Lernen? Wie verändern und beeinflussen wir sie durch Lernen … oder kreieren gänzlich neue? Das Thema begeistert mich … insbesondere dann, wenn es über die klassischen Themen der Goodfeel-Einrichtung hinaus (gerne auch theoretisch und kritisch) bearbeitet wird.
Da ich außerdem gemeinsam mit derzeit sechs weiteren geschätzten Menschen an einem LernOS-Leitfaden zu „Gesellschaftliches Engagement und Beteiligung“ arbeite und immer wieder feststelle, dass der Mangel an leicht zugänglichen Orten eine große Barriere für Engagement ist, wollte ich unbedingt in diesem Workshop mitwirken.
Die Workshop-Leitenden kamen mit sehr konkreten Aufgaben in den Workshop. (Für die Adressierung meiner persönlichen Interesse zu konkret. Dennoch entstanden im Prozess gute Gespräche.) Für den Aufbau der Plattform „engagiertes.berlin“ (wie geil ist diese Domain?!), über die Raumgebende und -nutzende vermittelt werden sollen, benötigten sie unsere Ideen.
Wir wurden in drei Gruppen aufgeteilt, um aus Raumgebendenperspektive Lösungen für folgende Problemfelder zu erarbeiten: 1. Wie kann Vertrauen zwischen Raumnutzenden und und -gebenden aufgebaut werden? 2. Wie kann die Organisation vereinfacht werden? 3. Wie wird die Kontaktaufnahme verbessert?
Im offenen Gespräch sammelten wir unsere Ansätze auf einem Poster und stellten sie reihum vor.
Was mich beschäftigt:
- Die Anmerkung einer Teilgeberin, dass Räume nie unabhängig von Raumgebenden und -nutzenden sind.
- Warum es eine neue zentrale Plattform braucht, oder man so etwas nicht auch im Fediverse abbilden könnte (z. B. wie bei mobilizon)
- Der Spagat zwischen dem Wunsch der Raumgebenden, Kontakt und Kontrakt mit einer zentralen Person zu haben vs. dem Bedarf eines Kollektivs, Verantwortung auf mehrere Personen zu verteilen
- Wie mit unterschiedlichen finanziellen Rahmenbedingungen umgehen?
- In welchen komplizierten Verhältnissen stehen Sicherheit und Anonymität zueinander?
- Welche rechtlichen Rahmenbedingungen bei Raumüberlassungen gibt es eigentlich?
Mich lässt das Gefühl nicht los, dass der Workshop auch dazu diente, schöne Fotos für Instagram zu erzeugen, denn die ganze Zeit über schoss eine professionelle Fotografin Fotos (bis hin zum gemeinsamen Gruppenfoto am Ende). Manchmal ist Partizipation und ein Community-basierter Ansatz auch Marketing …. 😉
Hassfrei mit PSI: ARD und ZDF gestalten Safe Spaces für Online-Diskussionen (Eva Witte, Anna Kulczycka)
(… ab hier liegen leider mehrere Wochen Pause zwischen der re:publica und meinen weiteren Einträgen … dann war die Frei-Zeit vorbei und das Arbeitsleben hatte mich wieder. Dennoch möchte ich diesmal meine Reflektion unbedingt zum Ende bringen.)
Im Workshop „Hassfrei mit PSI“ haben Eva Witte und Anna Kulczycka den „Public Spaces Incubator“ vorgestellt: Ein Projekt, um … so habe ich es zumindest verstanden … Interaktionen unter Artikeln der Öffentlich Rechtlichen Medien weniger konfliktträchtig fördern möchte. Der Ansatz hat mich nicht recht überzeugt, weil ich den Eindruck hatte, das die vorgestellten Mechanismen mehr der Erhöhung von reinen Interaktionen als der Förderung eines echten Dialogs dienen. Slider, die eine Abstimmung unter einem Artikel ermöglichen, fördern noch keinen konstruktiven Austausch.
Auch stand, wie bei vielen Sessions, für mich die Frage im Raum: Warum dafür nicht das Fediverse nutzen? Es ist doch alles da. Warum sollten die Öffentlich Rechtlichen hier erneut ein eigenes System aufbauen?
Teile dein Wissen! – Warum digitale Bildung unsere gemeinsame Aufgabe ist? (Anna Seidel, Stefan Düll, Leonie Schöler, Charlotte Lohmann)
https://youtu.be/Hggwqs7NaYI?feature=shared
Zu dieser Podiumsdiskussion habe ich wenig Notizen. Aus der Beschreibung hatte ich mir eine breitere Betrachtung erhofft, was das Teilen von Wissen in der Gesellschaft bedeutet und wie wir es organisieren können (ich muss dabei immer und immer wieder an Ivan Illichs „Deschooling Society“ denken, das schon so viel vorbereitet hat). Leider kreisten die Gäste:innen hauptsächlich um ihr eigenes Wirkungsfeld. Ein verbindender Dialog kam selten zustande.
Anna Seidel ist „Corporate Volunteer“ bei der Deutschen Telekom“. Vielleicht habe ich etwas wichtig überhört, aber für mich kam es so rüber, als würde sie sich ehrenamtlich in ihrer Freizeit (also nicht in bezahlter oder anderweitig belohnter Arbeitszeit) in Schulen gehen und dort zu technischen Themen schulen? Das ist super. Was mir allerdings unklar blieb: Warum ist ihre Aktivität so eng mit der Telekom verbunden und gebrandet, dass Anna Seidel sogar im magentafarbenen Anzug auf der Bühne erscheint und das gesamte Panel von der Telekom gesponsert wird? Wie geht das zusammen: Ehrenamtliches Engagement, das aber primär auf die Marke eines Konzerns einzahlt?
Ein sehr ernüchternder Moment gleich bei der Warmup-Frage der Moderatorin: Auf die Frage „Was macht ihr, wenn ihr was wissen wollt?“ antworteten Anna Seidel und Stefan Düll „Handy zücken und eine KI fragen“. Das Raunen im Saal ist auf der Videoaufzeichnung kaum zu hören.
Etwas wirr mit viel KI, Vorstellungen von Nürnberger Trichtern etc. ging es dann weiter. Mein Eindruck zu dieser Session: Thema verfehlt. Von gesellschaftlich übergreifendem Wissen-Teilen keine Spur. Nachvollziehbare Forderungen nach besserer Finanzierung für Schulen und mehr Zeit für Lehrpersonal. Die übliche ‚Auf TikTok ist alles an Wissen verfügbar‘ Leier. Die wichtigste Frage kam am Ende aus dem Publikum: Eine Zuhörerin machte auf die Dritten Orte aufmerksam, und welchen Stellenwert öffentliche Bibliotheken für echten gesellschaftlichen Austausch von Wissen einnehmen könnten.
Die Anti-Dystopie als Widerstand gegen negative Zukünfte (Isabella Hermann)
https://www.youtube.com/watch?v=nXUnXeSftI0
„Anti-Dystopien lassen uns in Alternativen denken – und geben Inspiration und Motivation für das Handeln im Hier und Jetzt“.
Der Talk „Die Anti-Dystopie als Widerstand gegen negative Zukünfte“ von Isabella Hermann war eines meiner Highlights auf der re:publica. Entgegen dem lähmenden Trend zu Tech-Solutionismen oder Verteidigungsmechanismen hat Isabella als eine der wenigen Speaker:innen die Möglichkeiten neuer gesellschaftlicher Vorstellungsräume eröffnet und mit literarischen Beispielen belebt. Zukünfte sind offen, gestaltbar … und Anti-Dystopien deshalb die verbindende und ermächtigende Erprobung anderer gesellschaftlicher Narrative!
Ich hatte Isabellas Buch „Zukunft ohne Angst. Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen. Science-, Social- und Climate-Fiction als Mutmacher für Veränderung und gesellschaftlichen Wandel.“ direkt zum Erscheinungstermin gelesen. In ihrem re:publica-Vortrag hat Isabella die Kernthesen des Buchs anschaulich und mit inspirierenden, über die im Buch erwähnten Referenzen hinausgehend zusammengefasst.
Über Definitionen von „Dystopie“ und „Utopie“ leitete Isabella schließlich den alternativen Ansatz von „Anti-Dystopien“ ab.
Dystopie sind meist in einer Zukunft spielende negative Gesellschaftsentwürfe. Als populärer Ausdruck aktueller gesellschaftlicher Ängste und Sorgen senden sie Warnsignale/Weckrufe, sind nach Ansicht von Isabella Hermann aber problematisch, weil sie darüber Hoffnungslosigkeit und Fatalismus transportieren.
Utopische Schilderungen seien nach Ansicht Isabella Hermanns wenig populär, weil die große utopische Erzählung in unserer, ihrer Sicht nach fragmentierten Gesellschaft, kaum noch möglich sei. Als künstlerisches, literarisches Genre transportierten sie Bedürfnisse, aber tatsächlich politisch umgesetzte „Utopien“ hätten sich demaskiert (als Beispiele nennt sie tatsächlich in einem Atemzug Nationalsozialismus, Kommunismus und Neoliberalismus .. problematisch, wie ich finde!). Letztlich seien Utopien elitär und würden in ihrer Tendenz zur Zwangsbeglückung diejenigen ausschließen, die nicht Teil davon sein wollen.
Isabellas Kritik an Utopien teile ich nicht. In Zukünftelaboren beispielsweise scheinen Utopien immer wieder auf: gemeinsam sprachlich und bildlich konkretisiert durch die Labor-Beteiligten. Ich bin überzeugt davon, dass die meisten Menschen utopische Sehnsüchte in sich tragen und bereit sind, Fragmente daraus durch eigenes Tun im Alltag Wirklichkeit werden zu lassen.
Anti-Dystopien starten in den katastrophalen Zuständen unserer Zeit und schildern das gemeinsame, solidarische, bisweilen widersprüchliche und sicher nicht perfekte Handeln von Menschen auf dem Weg zu gewünschter Veränderung. Deshalb sind sie weniger lähmend und mehr empowernd, betont Isabella.
Besonders stark sprach mich an, wie Isabella lebenswerte Zukünfte über fiktionale Stoffe konkret, erlebbar und erreichbar werden ließ. Sie widmete sich dem Genre der Anti-Dystopien in Romanen sowie einer Fernsehserie. Ein eigentlich naheliegender Ansatz, den ja auch viele Menschen verfolgen, die sich mit Zukünften auseinandersetzen … aber selten habe ich eine so konsequente Konzentration und Ernsthaftigkeit in der Reflexion darüber erlebt wie in Isabellas Buch und Vortrag.
Als anti-dystopisches Referenzwerk nennt Isabella Kim Stanley Robinsons gut siebenhundertseitigen Roman „Das Ministerium für die Zukunft“ von 2020. Der Roman schildert eine Hitzekatastrophe in Indien in naher Zukunft (2025) und vielen verschiedenen Initiativen zum Stoppen der Klimakatastrophe, konzentriert auf das Wirken einer UN-Behörde, die sich das „Zukunftsministerium“ nennt. Isabella Hermann beschreibt „Das Ministerium für die Zukunft“ als ein Buch, das unser zerstörerisches Handeln neu denke und verschiedene Akteur:innen Lösungsansätze präsentieren lasse, die teils widersprüchlich und nicht perfekt umgesetzt, aber durch Gerechtigkeitsempfinden, Gemeinschaft und Veränderungswillen geprägt seien.
Ich kann nachvollziehen, dass das erzählerische Konzept das Buch zum einem typischen Vertreter der Genres „Anti-Dystopie“ macht. Empfehlen kann ich es dennoch nicht. Nach der re:publica habe ich „Das Ministerium für die Zukunft“ endlich gelesen und bin erstaunt, wie stark sich meine Wahrnehmung des Buches von den vielen begeisterten Stimmen unterscheidet, die ich im Vorfeld dazu vernommen habe. Ich habe mich Seite für Seite durch den chauvinistischen, ultrakapitalistischen, technosolutionistischen, utilitaristischen und stellenweise rassistischen Wälzer gequält, der auch literarisch nicht die geringste Qualität besitzt (zumindest in der deutschen Übersetzung). Gleichzeitig ist der Roman Ausdruck des 2020 aufgeheizten Crypto- und Bitcoin-Hypes. Das viel bessere Leseerlebnis als der Roman ist die sehr treffende Kritik von alxd, der „Das Ministerium für die Zukunft“ sarkastisch als „The Ministry for the Tourism in Zurich“ umdeutet und sich die Mühe macht, einen alternativen Roman zu beschreiben, der „Das Ministerium für die Zukunft“ sein könnte, wenn er die Klimakatastrophe und menschliches Handeln darin ernst nehmen würde. Gleichzeitig ist alxds Text ein lehrreicher, mit vielen Referenzen auf tatsächlich existierende Gemeinschaftsprojekte angereicherter Text, der sich zu lesen lohnt, selbst wenn man sich „Das Ministerium für die Zukunft“ selbst nicht antun will.
Ich lasse mich davon allerdings nicht entmutigen und werde weiteren Buchempfehlungen aus dem Vortrag folgen, von denen ich mir deutlich mehr verspreche. Isabella erwähnt u. a. Cory Doctorows „Walkaway“ als Behandlung der Frage, für welche alternativen Wege sich Menschen nach der Katastrophe entscheiden. Zugegeben: Cory Doctorows „Wie man einen Toaster überlistet“ habe ich als bissigen, aber auch ein bisschen plakativ-albernen Schmöker in Erinnerung und „Little Brother: Aufstand“ habe ich nicht zu Ende gelesen … kann mich allerdings nicht mehr erinnern, wieso nicht.
Ich freue mich schon sehr auf die Lektüre der Bücher von Aiki Mira. Von Aiki Mira kenne ich bisher nur die wunderschöne Kurzgeschichte „Ein Schritt ins Leere“, die mich sehr begeistert und berührt hat, sowie ihr Radiofeature „Körper und Utopie“. Beides sind ganz wunderschöne, queere, spielerische und optimistische Experimente mit Körperlichkeit. Seit dem Hören dieser beiden Beiträge liegen Aikis Romane Neurobiest, Proxi und Neongrau ganz oben auf meinen Lesestapeln. Isabella beschreibt „Proxi“ als diverses, buntes Bild einer möglichen Zukunft, „in der wir es miteinander aushalten“ … als „PolyWelt“ … und das erfüllt mich mit Hoffnung. Als „Queer Science-Fiction“ komme der Roman weg von der Heldenerzählung und widme sich stattdessen Teams und Gemeinschaften.
Bereichernd sind darüber hinaus die anregenden Papiercollagen der Künstlerin und Wissenschaftsmanagerin Laura Voss, die die Präsentation unterstützen und sich auch auf dem Cover des Buchs wiederfinden (hier allerdings mit einer Motivwahl, die mir assoziativ bis heute Kopfschmerzen bereitet).
Collective Ownership: Wie der Staat von morgen aussehen sollte und wo wir ihn bereits jetzt finden (Arne Treves, Tiaji Sio)
https://www.youtube.com/watch?v=aYoFn5hMs_o
Die mit großem Abstand ärgerlichste Session, die ich besucht habe. Arne Treves und Tiaji Sio wollen ein neues Verwaltungsverständnis beschreiben, das gemeinsames Handeln in den Mittelpunkt stellt, bleiben aber im Bullshit.
Der geschichtliche Rückblick zu Organisationsweisen der Verwaltung war noch interessant und schlüssig zusammengefasst:
- Bis zum 1. Weltkrieg: Professionalisierungswelle, die Akte als zentrale Errungenschaft, Verwaltungsbeamte als Profession, Rathäuser im Zentrum der Stadt
- 50er/60er-Jahre: „Der Vater Staat“, Bau von Schwimmbädern als gesellschaftlicher Treffpunkt, körperliche Ertüchtigung, Vermögenssteuer, Daseinsversorgung, patriarchal ….
- 70er/80er Jahre: New Public Management; Der Staat als Maschine; mehr Steuerung, Menschen rücken in den Hintergrund; Der Staat als Dienstleister; Effizienz! … mit den neoliberalen und libertären Strömungen bis zu heutigen Situationen wie DOGE, Schreddern des Staates …
… ging es dann über zu einer Spiral Dynamics entlehnten Esoterik mit neun „Prinzipien“, die sich in meinen Ohren kaum von neoliberal angestrichenen Staat-als-Startup-Narrativen unterschieden.
Völlig verloren hatten mich die beiden Referent:innen beim Checkout, bei dem das Publikum aufgefordert war, über ein Webformular die eigene „Vision der Zukunft“ bildhaft zu beschreiben. Über generative KI werde dann „eine möglichst positive und demokratische Interpretation des Inputs“ als Bild synthetisiert. Die Ergebnisse waren die bekannten Bildwelten des digitalen Faschismus, die Roland Meyer uns in seinem Vortrag so eindrücklich auseinandergenommen hatte.
Psychische Gesundheit in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie (Laura Wiesböck)
https://www.youtube.com/watch?v=FMB15LkZ-CE
Unbedingt ansehen! Laura Wiesböcks Buch „Digitale Diagnosen. Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend“ habe ich nach dem Talk gleich erstanden und hoffe, ihre Untersuchungen zur Kapitalisierung von „Mental Health“ bald noch einmal in aller Ausführlichkeit nachlesen zu können … denn ihr Vortrag war ein dicht-gepackter Schnelldurchlauf durch alle Ekelhaftigkeiten leid- und nervositätsgetriebener Social Media Suchtmechanismen und neoliberalem „Healing“-Marketing.
Laura Wiesböck beschrieb „Mental Health“ auf Social Media als Vermengung von klinischen und menschlichen Leidenszuständen und Optimierungsanforderungen, die sich primär auf marginalisierte Gruppen ausrichten. „Selfcare“ werde zu „konsumzentrierter Schönheitsarbeit“ (Ernährung, Training, Pflege, ästhetische Eingriffe …) heteronormativer Disziplinierung. Selfcare werde als selbstermächtigender Akt verkauft, diene damit aber natürlich nur der Profitmaximierung von Lösungsanbietern und Influencern.
Laura Wiesböck zeigte viele Beispiele von Norm-attraktiven und wirtschaftlich erfolgreichen Influencer:innen, die psychisches Leiden als Personal Brand aufbauen und damit, entgegen vieler betroffener Menschen, kein Risiko eingehen, sondern ein Geschäftsfeld erschließen: „Die Orte und zentrale Akteur:innen von digitalen Mental Health Diskursen sind von aufmerksamkeitsökonomischen Geschäftsmodellen geleitet. Soziale Medien sind keine neutralen Räume des Austauschs, sondern Räume der Selektion, Inszenierung und Algorithmisierung von Wissen und Erfahrungen.“
Zwar nicht folgen möchte ich Laura Wiesböcks pauschaler Forderung, soziale Medien als Suchtmittel im Sinne des Jugendschutzes zu regulieren … denn dafür kenne ich genug Beispiele, in denen Internet-Netzwerke (Foren, Mastodon und …. ja, ein sicher maximal verklärender Rückblick auf Teile des IRC, die ich in meiner Jugend geliebt habe ….) eine enorme Hilfe und Stärkung für Menschen sein können, die ein Miteinander suchen, sich gegenseitig unterstützen und sich organisieren. Umso wichtiger ist ihr abschließender Appell, gegen die durch algorithmisierte Plattformen und die „Mental Health“-Industrie vorangetriebene Individualisierung, Ökonomierung und Kapitalisierung von Innenwelten mit einer Politisierung von Innenwelten anzugehen. Psychische Krisen sind politisch!
Happy! (Marcus John Henry Brown)
https://www.youtube.com/watch?v=WPOOnCoTg7U
(Fast) jeder re:publica-Auftritt von Marcus John Henry Brown ist (war bisher) ein Kunstwerk. Ich kenne nur wenige Redner:innen, die so durchdacht choreografiert, dramatisch und mit ihrer Rolle spielend um sich selbst tanzend ihre Bühnenshow darbieten. Mit „Happy!“, so Marcus, habe er „the best and most important thing I have ever said“ erreicht (warum muss ich bei diesen Worten wohl an Tim Cook Apple-Keynotes denken? ;)) … und werde so selbst abtreten und von nun an zukünftige Speaker:innen der re:public in ihrem Auftritt unterstützen. Nun … seine diesjährige Präsentation unterschied sich deutlich von seinen früheren.
Beim Hineinklicken in die Aufzeichnung seines Vortrags stelle ich auch fest, wie viel Energie seines Vortrags in der Atmosphäre vor Ort steckt und über die Aufzeichnung verloren geht. Manche Formulierungen, die ich vor Ort als mitreißend erlebte, wirken in der Aufzeichnung lauwarm. Und so sehr ich das neue Lob der Einfachheit und Prägnanz in seiner Rolle als Speaker-Coach nachvollziehen kann, umso sehr liebe ich das Verspielte, Verrückte und Musische, das Auftritte wie z. B. „The Hustle Royale“ von 2022 auszeichnet.
Gerade im Vergleich mit den oft als Vortragsreferenz genannten TED-Talks, die aber schnell uniform wirken, bin ich zuversichtlich, dass Marcus es schaffen wird, die Eigenheiten und Absonderheiten zukünftiger re:publica-Talks nicht auszubügeln, sondern zu besonderem Glanz zu verhelfen.
Sein Talk sei das Onboarding-Video zukünftiger Präsentierender auf der re:publica, betonte er. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass er darin die Do’s und Don’ts überzeugender Präsentationen als Regelwerk verkündete. Vielleicht nicht so kreativ und erzählerisch wie seine früheren re:publica-Vorträge, aber eben … nutz- und umsetzbar.
Die von ihm erwähnten und als Broschüre herunterladbaren „Speakery Protocols“ werde ich mir bei Gelegenheit durchlesen. Schon im Vorfeld stelle ich fest: Eine Präsentation nach den Regeln von Marcus vorzubereiten und durchzuführen ist harte und äußerst aufwendige Arbeit! Sie wird genau geplant und durch beharrliches Üben verfestigt. So entsteht der Once-in-a-lifetime-pitch …
Die folgenden Gliederungspunkte (die sich so ähnlich auch in den verlinkten Speaker Protocols finden) nutzte Marcus zur Gliederung seiner Kernaussagen:
- Be audience-obsessed (Die Wichtigkeit, das Publikum zu verstehen, wieso sie da sind, was sie hören sollten … nicht wollen, und zu was du sie bewegen möchtest)
- Your presentation must have a purpose
- Do the work and prioritize practice
- Commit to continouos improvement (auch hier betonte er erneut, wie wichtig das Üben ist!)
- Simple stories („clear not clever“ und kein „bubble speak“ … was ich bisweilen sehr bedauere 😉
- We focus on helping (anstatt „toxic winning“)
- Know and own yourself (als Alternative zur oft geforderten „Authentizität“ .. was möchte und brauche ICH wirklich?)
Marcus hat wie immer eine handwerklich brillante Präsentation abgeliefert. Eine Darstellung seines Regelwerks, Showcase seines Könnens, Onboarding für Speaker:innen auf der re:publica. Und gleichzeitig bleibe ich mit einem etwas flauen Gefühl zurück, ob der dadurch offenbarten Ehrlichkeit, was Bühnenpräsentation ist: Ein Showevent, ein Spektakel. Was mir vielleicht fehlt? Queerness. Vieldeutigkeit. Pluralität.
Monopole, Finanzen und KI: Die Macht der Tech-Konzerne und wie wir sie bremsen können (Carolina Melches, Uli Müller)
https://youtu.be/b700_P-s4T4?feature=shared
Die beiden separierten Vorträge von Carolina Melches (Finanzwende Recherche) und Uli Müller (Mitbegründer von LobbyControl und jetziger Vorstand des Vereins rebalance now, der sich für vielfältige und nicht durch Konzerne dominierte Wirtschaft einsetzt) hätten durch ein Speaker-Coaching von Marcus John Henry Brown vielleicht noch gewonnen … ? … vielleicht aber auch nicht, denn jede Minute war dicht gefüllt mit Beispielen, wie die großen Tech-Konzerne ihre Einflusssphäre ausweiten und große Teile unseres täglichen Lebens (und der Bezahlvorgänge darin) dominieren … und Forderungen, wie dagegen strukturell vorzugehen sei. Es lohnt sich, beide Vorträge noch einmal nachzuschauen!
Uli Müller betonte, dass die expansive Logik, nach der die GAFA-Anbieter immer größere Teile wichtiger Infrastruktur dominieren, nicht nur als Wirtschafts-, sondern als Demokratiefrage behandelt werden muss. „KI“ ist nur ein weiterer Spielball in dieser Einflusssphäre: Es gibt keine „KI“, in der die großen Technologiekonzerne keinen Einfluss haben (auf die eine oder andere Art .. wenn nicht durch die Modelle selbst, dann durch Rechenzentren, als Datensammler o. ä.).
Konkreter wurde Carolina Melches, die sich auf den Finanz-Einfluss der Tech-Riesen konzentrierte. Augenöffnend war ihre Aufzählung, wie umfassend die Konzerne bereits ihren Einfluss vom Tech-Sektor auf alle relevanten Bereiche des Finanz-Sektors ausgeweitet haben … nicht nur im bekannten und populären Zahlungsverkehr (Apple Pay, Google Pay, Amazon Pay …), sondern außerhalb von Europa auch in der Kreditvergabe, Vermögensverwaltung, Bankkonten und Versicherungen.
Carolina Melches geht auf die Gefahren ein, die diese Tech-Finanz-Einflussspäre hervorruft, u. a. für die politische Souveränität und Demokratie, die Finanzstabilität, Wettbewerb, Daten- und Verbraucherschutz, Cybersicherheit und kritische Infrastruktur.
Das größte Problem sei, so betont Melches, dass durch die gesetzlich bislang nicht ausreichend abgebildete Verschmelzung von Tech und Finanz existierende Regulierungen schwer greifen: weder die Finanzregulierung noch die Digitalgesetze im ausreichenden Maß. Das Geschäftsmodell der großen Akteure bleibe unter Anwendung der existierenden Instrumente eine Black Box.
Wie könnte eine europäische Antwort aussehen? Carolina Melches schlägt vor:
- Bessere Aufsicht (Kooperation Wettbewerbsbehörden, Finanzaufsicht, Verbraucherschutz, Datenschutz etc.)
- Strikte Trennung der Finanzsparte von anderen Sparten im BigTech-Unternehmen (kein Austausch von Daten, keine gemeinsame Technologienutzung, keine Finanzflüsse)
- Zerschlagung ermöglichen (Eigentumsrechtliche Abspaltung der Finanzsparte durch Reform des Wettbewerbsrechts)
- Öffentliche Infrastrukturen im Finanzbereich schaffen (z. B. Digitaler Euro … dazu möchte ich mich auch noch genauer informieren)
Fuck Generations! Wider den Generationalismus (Claudia Kefer, Holm Friebe)
https://www.youtube.com/watch?v=LngnqwmdkvE
Ich bin Claudia Kefer und Holm Friebe sehr dankbar, dass sie diesen Talk platziert haben! Denn die gesamte re:publica über begleitete mich ein konstantes Störgefühl: Wieso dieses Schubladen-„Generationen“-Motto? Wieso greifen es so viele Sessions auf und versuchen auf Teufel komm raus, völlig konträr zum eigentlichen Thema, diesem irgendeinen „Generationen“-Konflikt anzudichten, den ich so nicht erkennen kann oder der zwar auf den unsauberen Blick naheliegend scheint, bei genauerem Hinsehen aber nichts mit „Generationen“ oder Geburtsjahrgängen zu tun hat, sondern z. B. sozioökonomische Ursachen hat?
Claudia Kefer und Holm Friebe haben das gerade gerückt: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Generationen“ reden? Was muss passieren, damit die, die ähnlich alt sind, auch ähnlich ticken?
Dazu bezogen sie sich auf einen Klassiker der Generationenforschung: Karl Mannheims „Das Problem der Generationen“ von 1928, in dem der Autor dafür plädiert, nicht Jahrgänge zu „Generationen“ zu bündeln, sondern einschneidende, sie prägende Ereignisse und Lebensumstände in den Blick zu nehmen. Aber welche Ereignisse sind wirklich prägend, fragen Kefer und Holm? Die Studierenden der 68er waren eine vergleichsweise überschaubare Gruppe. Das Internet wurde eigentlich aus der Wissenschaft heraus geprägt. Das Smartphone habe sich schnell durch alle Altersstufen verbreitet. Und: Corona hat zwar alle Jugendlichen betroffen, aber das individuelle Empfinden unterschied sich je nach Kontext, Lebensumständen und familiärer Situation sehr.
Das „Generationen“-Label, betonen die beiden Redner:innen, sei eine „sinnlose Schubladisierung, die ablenkt, wovon wir eigentlich reden sollen“!
Mit den Untersuchungen des Soziologen Martin Schröder werden die Erkenntnisse von Karl Mannheim in die aktuelle Zeit übertragen. Schröder hat empirisch Einstellungen verschiedener Jahrgänge untersucht und festgestellt, dass es zwar unterschiedliche Einstellungen und Vorlieben unterschiedlicher Altersstufen gibt, das aber eben nur ein Alterseffekt sei: Wir sehen die Welt je nach Lebensphase anders. Das habe nichts mit „Generationen“ zu tun sondern mit der Phase, in der man im Leben stehe (und allem, was damit oft verbunden ist …). Das beschreibt er in „Der Generationenmythos“ (2018), einem Artikel, den ich nach Karl Mannheim noch lesen möchte: „Die Ergebnisse zeigen, dass von der Literatur postulierte Generationsunterschiede zwischen der sogenannten Generation Y, X, den Babyboomern, den ’68ern sowie der sogenannten Skeptischen Nachkriegsgeneration in Wirklichkeit
kaum existieren. Weithin verbreitete Vorstellungen, wie Generationen sich in ihren
Einstellungen unterscheiden, finden sich somit empirisch nicht bestätigt. Angesichts
dessen sind Umfragen wie die Shell Jugendstudie wenig sinnvoll, ebenso wie eine
Managementliteratur, die Ratschläge zum Umgang mit Generationenunterschieden
gibt, welche empirisch nicht feststellbar sind.“ (Martin Schröder: Der Generationenmythos)
Cui bono, fragen Kefer und Friebe? Natürlich Autor:innen der immer erfolgreichen „Generationen“-Bücher, Trendforscher:innen, HR-Berater:innen (LinkedIn, ick hör Dir trapsen …): „Generationen“ sind ein Geschäftsmodell und vergleichbar mit Sternzeichen: Schubladen, in die man Menschen stecke oder in die sie sich selbst stecken, um irgendwann etwas aus den ihnen zugeschriebenen Beschreibungen wiederzufinden.
Noch schlimmer: Die Gräben, die durch „Generationalismus“ aufgemacht werden, führe zu Spaltung und Verhärtung und wiegele Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen gegeneinander auf: „Das Konzept Generationen ist ein Brandbeschleuniger für Polarisierung.“ Es gibt kaum noch Räume, in denen sich ganz unterschiedliche Menschen treffen, aus unterschiedlichen Schichten, Klassen, Milieus … und eben Altersstufen.
Im zweiten Teil franste der Vortrag thematisch ein bisschen aus und endete irritierenderweise mit Werbung für Friebes Kunsthandel-Projekt … aber bis dahin lieferte er genug Ansätze und mit den beiden Texten von Mannheim und Schröder zwei Quellen, die mir helfen werden, mein „Generationen“-Unbehagen zu konkretisieren.
Offenheit von Technologie und Gesellschaft – Midlife-Crisis eines populären Begriffs? (Henriette Litta, Peter Bihr, Markus Beckedahl, Lea Gimpel, Carla Hustedt)
https://www.youtube.com/watch?v=J9Zv4mrSC1c
Spätestens mit „OpenAI“, „Open Source KI“ und weiteren „offenen“ Absurditäten scheint „Offenheit“ sämtliche Bedeutung verloren zu haben. „Ist Openness als Konzept überholt oder relevanter denn je?“ besprachen Henriette Litta von der Open Knowledge Foundation, Peter Bihr (Gemeinsam mit Henriette Litta Mitautor der Studie „From Software to Society. Openness in a changing world“), dem re:publica-Mitbegründer Markus Beckedahl und Lea Gimpel von der Digital Public Goods Alliance, moderiert von Carla Hustedt.
Die Autor:innen der Studie „From Software to Society. Openness in a changing world“ betonten gleich zu Beginn, dass der Begriff „Open“ an Unschärfe gewonnen habe. „Offenheit“ gehe über die ursprüngliche Frage von Software und Lizenzen mittlerweile weit hinaus, sondern beziehe Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens ein und werde dadurch umfassend: Wollen wir als Gesellschaft kollaborativ und interoperabel agieren, und wie schaffen wir dadurch Gerechtigkeit?
In der Studie haben sie versucht, diese Unschärfe des Begriffs fassbarer zu machen, beschrieb Henriette Litta.
Auf die Frage, was „offene Bewegungen“ vereine, ging Markus Beckedahl historisch zurück zu den Anfängen der US-amerikanischen Computerkulturen, die zunächst vom Miteinander Teilen und Aufeinander Aufbauen geprägt gewesen sei, bevor Bill Gates damit begonnen habe, geschlossene und kommerzielle Software einzuführen. Beckedahl schlägt seinen interessant vorgetragenen geschichtlichen Bogen über:
- Richard Stallmans Free Software Foundation und dessen vier Freiheiten Verwenden, Verstehen, Verbreiten und Verbessern,
- die Erstveröffentlichung von Linux durch Linus Thorwald im Jahr 1991,
- die zunehmende Popularität freier Software in den 1990er Jahren,
- die Ausdifferenzierung der Openness-Bewegung Ende der 1990er Jahre,
- Creative Commons Lizenzen und wie Wikipedia davon profitiert hat
- die Open Data – und die Open Education Bewegungen.
Die offenen Lizenzen haben es möglich gemacht, einfach Wissen zu teilen und weiterverwendbar zu machen, beschreibt Beckedahl.
Besonders interessant waren für mich die Hinweise von Lea Gimpel (Digital Public Goods Alliance) auf die Kernfaktoren von „Digital Public Goods“, einem Ansatz, der mir bis dahin unbekannt war und der auf dem im Wikipedia-Artikel verlinkten UN-Paper „Roadmap for Digital Cooperation“ folgendermaßen beschrieben wird: „open-source software, open data, open artificial intelligence models, open standards and open content that adhere to privacy and other applicable international and domestic laws, standards and best practices and do no harm.“ Digital Public Goods seien relevant für die Erreichung der SDGs, betont Lea Gimpel: Sie bezeichne das als „Open Source Plus“, weil zu Open Source noch ein Purpose ergänzt werde. Ich fühle mich an die Kritik von Jürgen Geuter an Open Source erinnert, in der er die Abwesenheit von Werten in offenen Lizenzen bzw. Open Source anspricht … und das auch in seinem weiter unten beschriebenen Talk auf der re:publica erneut aufgreift.
Im weiteren Verlauf besprechen die Panelist:innen, wie der Begriff der Openness immer unschärfer und beliebiger geworden sei. Durch den Erfolg von „Open“-Modellen in allen gesellschaftlichen Bereichen sei ein Mainstream entstanden, bis hin zu Fragen des guten Regierens mit der „Open Government“-Strategie u. a. durch Barack Obama.
Dabei sei die Kritik und Mehrdeutigkeit von Openness schon zu Zeiten der „Free Software“ akut gewesen, betont Beckedahl. „Free Software“ klang eher nach Freibier als nach den vier Freiheiten, und „Open Source“ war ursprünglich ein Marketingbegriff, damit Unternehmen auf dieses Entwicklungsmodell setzten. Daraus entstand das Paradox der Openness (beschrieben von Open Future im Essay „The Paradox of Open“): Einerseits war Openness ein Mittel, um gegen die Machtkonzentration der großen Konzerne zu arbeiten, andererseits ein Mittel, mit dem diese Konzerne erst ihre Macht erlangt haben. Initiativen, die bisher unter offenen CC-0-Lizenzen veröffentlichen, werden mittlerweile vorsichtiger. Als Reaktion u. a. auf Datascraping von Firmen wie „OpenAI“, schließen sie ihre Lizenzen.
Lea Gimpel betont: Wie können wir weiterhin frei veröffentlichen, aber gleichzeitig sicherzustellen, dass die, die mitgewirkt haben, etwas zurückerhalten? Wie adressieren wir die Machtfrage, die in Openness immanent ist?
Auch Peter Bihr erwähnt, dass die großen Versprechen von Openness nicht eingelöst wurden. Die Big Tech Player hätten sich dadurch ihren Wettbewerbsvorteil verschafft, z. B. indem LLMs mit offenen Daten trainiert wurden. Auch er fragt, wie Openness mit einem Purpose von Souveränität, Partizipation, Public Interest etc verbunden werden und sichergestellt werden kann, dass die damit verbundenen Werkzeuge auf diesen Purpose einzahlen.
Auch Open Government habe mit großen Umsetzungsproblemen zu kämpfen. Ehrenamtlich arbeitende Civic Tech Aktivist:innen sind frustriert: Sie liefern dem Staat kostenfrei gute Ideen, die dann aber in Ausschreibungen übernommen, an hochbezahlte Beratungshäuser vergeben und nicht im Sinne der Erfinder eher halbgar umgesetzt würden. Besser wäre, mit den Ideengeber:innen zusammenzuarbeiten und sie zu finanzieren.
Es wird immer wieder betont, wie wichtig es jetzt sei, bereichsübergreifende Allianzen zu schmieden, um den Begriff der Offenheit für die Gesellschaft neu zu definieren und zu schärfen.
Einige konkrete Beispiele:
- „Öffentliche Finanzierung, öffentliches Gut“ (habe dazu eben die gleichnamige Rubrik auf netzpolitik.org gefunden)
- Im staatlichen Beschaffungswesen muss Open Source der Default sein
- In Ökosystemen denken (Bsp: Mediatheken des Öffentlich Rechtlichen Rundfunks, die sich jetzt endlich von ihren Insellösungen verabschieden und unter dem Begriff Streaming OS ein eigenes, gemeinsames Ökosystem aufbauen)
- Öffentliche, öffentlich finanzierte Kommunikationsräume … dafür könnte das Fediverse als Grundlage genutzt werden
Auch die abschließende Fragerunde mit dem Publikum war sehr interessant. Eine der Autor:innen des Comics „We need to talk AI“ berichtet, dass sie das Comic zunächst unter offener Lizenz veröffentlichten, diese dann aber restriktiver abändern mussten, als sie feststellten, dass plötzlich viele Konzerne das Comic kostenfrei zu Schulungszwecken nutzten. Darunter hätten die bisher beschäftigten Trainer:innen gelitten. Dieses Beispiel zeige, wie wichtig es sei, die direkten und indirekten Implikationen zu berücksichtigen, die das Veröffentlichen unter offenen Lizenzen hätten.
Reject US Tech. Embrace Digital Sovereignty. (Paris Marx)
https://www.youtube.com/watch?v=mYqxBzHS9W8
Ich bin ein Fan von Paris Marx, höre regelmäßig seine Podcasts „Tech Won’t Save Us“ und „System Crash“ (mit Brian Merchant) und fand auch seine letzten Talks auf der re:publica 24 und 23 über die katastrophalen Auswirkungen des Rechenzentren-Baubooms und die Proteste dagegen bzw. über das falsche Verständnis im Silicon Valley über Bedarfe der Gesellschaft nach Mobilität äußerst sehenswert. Deshalb stand auch Paris Marx‘ diesjähriger Talk als einer der ersten in meinen Favoriten.
Wie auch viele andere Beiträge (z. B. der nachfolgende mit Jürgen Geuter) versuchte dieser Talk, einen Blick darauf zu werfen, wie es zu den heutigen Verwerfungen in der digitalen Gesellschaft kommen konnte. Der Titel „Reject US Tech. Embrace Digital Sovereignty.“ hätte so wahrscheinlich über der Hälfte aller diesjährigen re:publica-Sessions stehen können.
Wie konnte es dazu kommen, dass die Tech-Elite Amerikas geschlossen hinter Donald Trump steht, fragt auch Paris Marx, und geht historisch zurück in die späten Achtziger und frühen Neunziger des vergangenen Jahrhunderts … zu Al Gore und dessen Aussage von 1989, dass die Nation mit der höchsten Adoption von high-perfomance computing den zukünftigen intellektuellen, ökonomischen und technologischen Diskurs dominieren werde. Dieser Weg wurde mit der Wahl von Clinton und Al Gore 1993 vorbereitet.
Während des folgenden Nasdaq-Booms formierte sich die neue Techbillionaire-Klasse mit Thiel, Musk, Bezos und Zuckerberg, die demonstrativ ihren Anspruch auf politische Mitbestimmung zeigen.
In den 2010er Jahren wurde der Schaden, den die Tech-Geschäftsmodelle anrichten, immer offensichtlicher. Es kam vermehrt zu öffentlichen Protesten, z. B. gegen Amazon und Uber. Die Tech-Milliardäre waren nicht erfreut darüber, dass sie plötzlich mit den durch ihre Firmen verursachten Schäden konfrontiert, mit Regulierungsversuchen belegt oder in Anhörungen zitiert wurden.
Die engen Beziehungen, die das Silicon Valley von Anfang an zur Politik aufgebaut hatten, halfen bei dessen Taktik-Änderung. Peter Thiel und Eric Schmidt bauen China als neues Feindbild auf (in Form von Huawei, TikTok etc.). Das daraus abgeleitete Argument sei, dass eine Regulierung US-amerikanischer Technologiefirmen das notwendige Bollwerk gegen die chinesische Bedrohung gefährde. Entsprechende Anti-Regulierungs-Narrative habe mittlerweile auch J. D. Vance z. B. in seiner Rede auf dem AI Summit in Paris übernommen.
Paris Marx erläuterte, wie eng die Verflechtungen des Silicon Valley zum US-Militär sind, zeigt eine entsprechende Folie von Palantir und erwähnt deren Forderungen. dass Budgets von ziviler Technologie in militärische Nutzung geshifted werden müssen. (Sehr detailliert sind diese Argumente vor einiger Zeit Stefan Schulz und Wolfgang M. Schmitt in ihrer Besprechung des Buchs „The Technological Republic“ des Palantir-Mitbegründers und Geschäftsführers Alex Karp im Salon-Podcast durchgegangen).
Paris Marx fasst zusammen: Das Internet war immer schon ein Projekt US-amerikanischen Machtbestrebens. Die Einhegung Chinas ist ein geopolitisches Projekt, das gleichzeitig die Vorherrschaft des Silicon Valley schützt. Um den Einfluss des Silicon Valley aufzubrechen, benötigt es staatliche Macht.
Das führt in zum zweiten Teil seines Vortrags: „What do we do instead?“
Auch Marx schließt sich den vielen anderen Redner:innen auf der re:publica an: Zum einen benötigen wir Regulierung! Von Seiten der EU könne z. B. die Datennutzung der us-amerikanischen Tech-Konzerne reguliert werden (Digital Services Taxes, Arbeitsgesetzgebungen etc.). Zum weiteren sei es an der Zeit, ein eigenständiges, souveränes Angebot aufzubauen.
Paris Marx referenziert auf drei Paper, über die ich mir noch einen Überblick verschaffen möchte:
- „Reclaiming Digital Sovereignty: A roadmap to build a digital stack for people and the planet“, an dem er selbst mitgeschrieben hat
- Das EuroStack-Konzept, dessen Analyse der verschiedenen Stack-Ebenen/-Bereiche ich zwar erhellend und für eine weitere Auseinandersetzung brauchbar finde, das aber einen Techno-Nationalismus durch einen neuen zu ersetzen scheint … zumindest klingt das so im Artikel von Markus Reuter auf netzpolitik.org an. Den re:publica-Vortrag dazu (siehe unten) möchte ich mir noch ansehen.
- Der „British Digital Cooperative: A New Model Public Sector Institution“-Report von 2019, dessen Kernfrage interessant klingt: Wie können wir technologische Infrastrukturen von den kommerziellen Interessen großer Tech-Firmen entkoppeln und näher an gesellschaftlich-dienliche und demokratisch-verfügbare öffentliche Strukturen heranbringen, vergleichbar z. B. mit dem öffentlichen Bibliothekssystem? (Oder, wie im Report ohne Scheu betitelt wird: Eine „Socialist Agenda for Digital Technology“)
Paris Marx schien seine Zeit in Berlin für einen Rundgang zu öffentlichen Alternativen auf private Märkte genutzt zu haben und zeigte Fotos von Fassaden der Staatsbibliothek zu Berlin, dem ARD Hauptstadtstudio und der Berliner Sparkasse. „Maybe it’s time to think of a German Digital Cooperative?“
Einfach mal das Erbe ausschlagen – Neue Wege fürs Digitale (tante / Jürgen Geuter)
https://www.youtube.com/watch?v=GgbvN6kIW2U
Jürgen Geuters (tante) viel beachtete re:publica-Vorträge der letzten Jahre waren für mich immer eine Referenz an Technologie-Kritik … sei es gegen den Web3- und Crypto-Hype von 2022 (meine Güte, wie schnell hat sich das Thema trotz immer mal wiederkehrender Untoter erledigt!), „Künstliche Intelligenz“ von 2023 oder der leere Ruf nach „Innovation“ von 2024.
So wie letztes Jahr mit „Empty Innovation“ widmete tante sich auch dieses Jahr keiner einzelnen, spezifischen Technologie-Narration (um konkrete Technologie geht es in diesen Zeiten ja sowieso immer nur über Bande von AKWs, Gasturbinen oder Grafikkarten …). Stattdessen untersuchte er ein ganzes Bündel an Narrativen, die auch gerade Veranstaltungen wie die re:publica von Beginn an durchziehen, auf denen viele Glaubenssätze anderer re:publica-Talks fußen und die auch ich oft nicht reflektiert genug übernommen habe. Warum nicht „einfach mal das Erbe ausschlagen“, schlägt tante provokant vor, und meint mit dem Erbe eben diese zu wenig hinterfragten Dogmen und Ideologien, die sich auch und gerade im Publikum der re:publica finden lassen. Sein Vortrag enthielt ähnliche Kritik an „Openness“ wie der oben beschriebene Talk „Offenheit von Technologie und Gesellschaft – Midlife-Crisis eines populären Begriffs?“, ging darüber aber hinaus.
Jürgen Geuter bezog sich in seiner Kritik immer wieder auf David Golumbias Ansatz des „Cyberlibertarianism“, den dieser in seinem Buch „Cyberlibertarianism. The Right-Wing Politics of Digital Technology“ beschreibt. Geuter bezeichnet den kürzlich verstorbenen Golumbia als einen der radikalsten Denker, der digitale Vorurteile in Frage stellt. Golumbias Cyberlibertarianism-Buch sei eines der wichtigsten Bücher über das Digitale in den letzten Jahrzehnten und schmerzhaft zu lesen, weil es vieles in Frage stelle, das wir verinnerlicht haben.
Als weitere Referenz nennt tante den kurzen Text „Cyberlibertarian Myth and the Prospekts for Community“ von Langdon Winner, der damit den Begriff Cyberlibertarianism geprägt habe.
Über marktlibertäre Privatstädte oder Mikronationen hatte ich in den vergangenen Monaten einiges gelesen, z. B. in Quinn Slobodians sehr eingängigem Buch „Kapitalismus ohne Demokratie. Wie Marktradikale die Welt in Mikronationen, Privatstädte und Steueroasen zerlegen“ oder Andreas Kempers etwas sperrigerem „Privatstädte. Labore für einen neuen Manchesterkapitalismus“. Aus letzterem ist mir Kempers Kritik an der falschen bzw. irreführenden Verwendung des Begriffs „Libertarismus“ hängengeblieben. Er plädiert stattdessen für die Verwendung des Begriffs „Proprietarismus“, weil es den entsprechenden Akteuren nicht um Freiheit, sondern um eine Anwendung von Markt- und Besitzlogiken auf alles in der Welt gehe. Auch tante betont: Libertarismus sei ein Marktradikalismus und Transaktionalismus („ich habe keine Verantwortung für irgendetwas, sondern ich mache Deals“). Darauf wies er auch schon in früheren Vorträgen und anderen Zusammenhängen hin, z. B. ganz besonders zutreffend zur proprietaristischen Agenda von Web3.
Cyberlibertarianism, eine Unterart des Libertären, habe heute großen Einfluss in Unternehmen, betont tante … sei aber auch die Grundlage des Handelns vieler NGOs, die wir eigentlich zu ‚den Guten‘ zählen. Die Electronic Frontier Foundation (EFF) sei z. B. eine cyberlibertäre Vereinigung.
tante beschreibt drei Glaubenssätze des Cyberlibertären:
Schon an dieser Stelle war ich stark ertappt und verunsichert. Ja, aber … . Ich verstehe tantes Kritik an den Glaubenssätzen des Cyberlibertären und verspüre dennoch einen starken Wunsch, sie zu verteidigen. Weil ich sie ebenfalls so sehr verinnerlicht habe? Weil ich tantes Kritik als unfair empfinde, als ein gezieltes Missverstehen? Oder ist es die gezielte Irritation, die wir dringend brauchen, gerade auf der re:publica? Weil ich den digital Raum in seinen Anfangszeiten und meiner Jugend selbst als die große, umregulierte Freiheit empfunden habe, die es zu entdecken und zu formen galt … mit dem Aufblühen vieler neuer, emanzipatorischer, digitaler Subkulturen, aber auch auf Kosten vieler, die unter der Abwesenheit von Schutzeinrichtungen zu Grunde gegangen sind? Weil ich staatliche Überwachungsaktivitäten als Gefahr sehe, gegen die es sich zu verteidigen gilt? Weil ich die größten Hoffnungen ins Fediverse lege?
„Welche Traditionen haben wir uns da eingetreten?“ fragt tante.
tante konkretisiert seine Kritik mit drei Begriffen, die er als zentral für dieses digitale Erbe sieht:
Gegen Ende fasst Jürgen Geuter zusammen: Cyberlibertarismus ist antidemokratisch und technikdeterministisch. Antidemokratisch, weil Regeln höchstens als technische Regeln verstanden werden und nicht dazu dienen sollen, gesellschaftliche Wertvorstellungen zu schützen und durchzusetzen. Es reiche eben nicht, als Rechte das zu verstehen, was Google und Microsoft technisch implementiert haben. Technikdeterministisch, weil das Argument sich mittlerweile etabliert habe, die Technik sei eben so und Regeln müssten sich dem fügen. (Auch hier wieder zu sehen an dem immer wieder zu hörenden Lamento oder Gespotte, deutsche Gesetzgebung habe digitale Technologie nicht verstanden …)
Auch wenn ich einige Zuspitzungen im Vortrag nicht ganz mitgehen kann, nehme ich sie als inspirative Provokationen. Ja, kein anderer Talk auf der re:publica hat mich so sehr in meinen eigenen Glaubenssätzen erschüttert wie dieser. Und tantes abschließende Forderungen teile ich überzeugt:
- Wir brauchen eine Repolitisierung von Technologie! Zuerst treffen wir politische Entscheidungen. Erst danach kann eine technologische Umsetzung kommen. Technologische Umsetzungen dürfen uns nicht die Möglichkeit nehmen, unsere Rechte und Werte umzusetzen, sondern müssen uns ermöglichen, diese ins Digitale zu übersetzen … und die Möglichkeit der Ausgestaltung dieser Regeln nicht an Unternehmen abzutreten. Letztlich geht es um eine Vergesellschaftung von Digitalunternehmen. Und wie gehen wir mit den Widersprüchen bei diesen Forderungen um …. denn wir leben in einer komplexen, widersprüchlichen Welt!
- Technologien sind Mittel, keine Ziele. Nicht wir müssen uns technologischen Möglichkeiten unterordnen, sondern umgekehrt. Technologie ist nie alternativlos oder so ‚einfach so‘. Wir müssen nicht ‚damit umgehen lernen‘!
- Binäres Denken überwinden … also den Reflex, alles, was berechenbar ist, als richtig anzunehmen (hier ein Verweis auf David Golumbias „The Cultural Logic of Computation“, das ebenfalls noch ungelesen auf einem meiner Bücherstapel liegt)
Diese Talks möchte ich ’nachschauen‘ … und werde meine Notizen ergänzen:
… und wahrscheinlich brauche ich damit so lange, bis die nächste re:publica am 18.-20. Mai 2026 vor der Tür steht 🙂
Am I Not Human? Data workers behind our AI systems and social media platforms speak out (Joan Kinyua , Andreas Hänisch, Rim Melake)
Das neue Geld der europäischen Öffentlichkeit: Wie gestalten wir den digitalen Euro? (Sebastian Gießmann, Petra Gehring)
Call of Duty – Eine Jugend wird gemustert (Philipp Türmer, Kerry Hoppe, Pascal Reddig Victoria Reichelt)
Kriegstüchtig? Friedensfähig? Deutschland nach der Zeitenwende (Olaf Müller, Priska Daphi, Johannes Varwick Sabine Scholt)
The Cosmology of Internet Infrastructure (Esther Mwema)
The battle for your brain: economics of information disorder (Harriet Kingaby)
https://www.youtube.com/watch?v=_N7YAdp7DDM
Hören. Verstehen. Gestalten. Smarteres Policy Making durch Social Listening (Jana Marleen Walter, Sophie-Helén Franz)
Gut genug ist perfekt: So gelingen kollektive Abstimmungsprozesse (Nicole Ebber)
Save Social – Wie bekommen wir ein besseres Netz? (Markus Beckedahl, Franziska Heine, Marc-Uwe Kling, Geraldine de Bastion)
https://www.youtube.com/watch?v=2Inkp4LjFck
Das Ende unserer Illusionen: Vom Post-Post-Materialismus zum Post-Post-Militarismus (Albrecht von Lucke)
Is Reality Outpacing Fiction? A fireside chat with author Chen Qiufan (Chen Qiufan, Geraldine de Bastion, Uri Aviv)
Regieren ohne Geldsorgen? (Maurice Höfgen)
DeepL Dive – Vom Hidden Champion zum deutschen KI-Aushängeschild (Jaroslaw Kutylowski Katharina Meyer)
https://www.youtube.com/watch?v=YT1ZiymGS9M
Ein Märchen über Innovation für jung und alt (Marina Schakarian, Jannis Schakarian)
Was jetzt zu ändern ist: Regulierung im KI-Zeitalter (Ulrich Kelber, Axel Voss)
Ungeschützter Verkehr mit Robotern – Wie leben mit autonomen Lieferfahrzeugen im öffentlichen Raum? (Lena Fiedler, Paul Schweidler)
https://www.youtube.com/watch?v=bNPg6ugf_vY
Gesellschaftliche Kipppunkte: Die Spirale aus Aufmerksamkeit und Plattformmacht und wie wir da noch rauskommen (Philipp Lorenz-Spreen)
https://www.youtube.com/watch?v=7j4QIayjAaY
(Dis)connected – Einfluss digitaler Technologien auf Einsamkeit (Hannes-Vincent Krause, Dagmar Hirche, Katharina Roth Martin Gibson-Kunze)
https://www.youtube.com/watch?v=WhiQFBvxdkk
Der Mythos „gezielter Tötungen“: Über Verantwortung bei KI-gestützten Kriegssystemen am Beispiel von „Lavender“ und Co. in Gaza. (Rainer Rehak)
https://www.youtube.com/watch?v=hx3ywFRdFo4
Europe’s digital future: How to build the EuroStack! (Francesca Bria, Robert Peter)
https://www.youtube.com/watch?v=1dKYk1an7xc
How We Can Finally Make The Digital World Democratic: Starting With Social Media (Robin Berjon)
https://www.youtube.com/watch?v=BbqZvp7D_nY
404: Bildung not found – Wie Lernen wieder berühren kann (Bob Blume)
https://www.youtube.com/watch?v=j3efgKaks9o
Die erfolgreichsten Lobbyisten – wie wir alle an Öl, Kohle und Gas hängen bleiben (Annika Joeres, Susanne Götze)
https://www.youtube.com/watch?v=SB4xEDaV81c
Unabhängige soziale Netzwerke: Wie können sie massentauglich werden? (Felix Hlatky, Merve Kayikci, Pia Maria Lexa)
https://www.youtube.com/watch?v=6ceMDPJBqHE
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