Hat Gott nur zwei Geschlechter geschaffen?
«Es gibt nur zwei Geschlechter!» – dieser Satz begegnet mir in letzter Zeit ständig. Auf Social Media wird er wie ein Glaubensbekenntnis gepostet. Radikale Christ:innen berufen sich auf die Bibel. Und auch politisch wird er zur Parole – etwa wenn Donald Trump erklärt, es gebe nur «Mann und Frau». Aber was, wenn die Bibel selbst einen Raum eröffnet, in dem Vielfalt keine Störung, sondern gottgewollt ist?
Eine demokratisierte Würde
In den antiken Kulturen des vorderasiatischen Raums waren Könige und Pharaonen «Bilder der Götter». Sie galten als lebendige Repräsentanten des Göttlichen – Träger übernatürlich legitimierter Macht. «Bild Gottes» zu sein bedeutete: Ort göttlicher Präsenz auf Erden zu sein.
Auch Kultstatuen wurden so verstanden. In einem Ritual «stieg» die Gottheit in das Bild herab und erfüllte es. Das Bild war nicht bloß Symbol – es war Wohnort des Göttlichen. Und dann kommt Genesis 1 – das erste Kapitel der Bibel:
«Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich schuf er sie.» (Gen 1,27)
Was zuvor einem Herrscher vorbehalten war, wird hier jedem Menschen zugesprochen. Das ist nichts weniger als eine Demokratisierung königlicher Würde. Nicht der Mächtige allein, nicht der Mann allein, sondern jeder Mensch ist ein Bild Gottes.
Männlich und weiblich
Nicht «Mann und Frau», sondern «männlich und weiblich»
Oft wird dieser Vers wie eine göttliche Geschlechterordnung gelesen: Gott schuf «Mann und Frau» – Punkt. Alles andere sei Abweichung. Und damit Sünde. Doch im Hebräischen steht hier nicht isch (Mann) und ischah (Frau). Es steht zakar und neqevah – «männlich» und «weiblich».
Das ist keine Beschreibung sozialer Rollen, keine kulturelle Zuschreibung, keine Identitätsdefinition im modernen Sinn. Der Text beschreibt leibliche Differenz – er normiert keine gesellschaftliche Hierarchie. «Männlich und weiblich» markiert Pole. Aber Pole sind nicht dasselbe wie ein geschlossenes Entweder-oder-System.
Pole spannen einen Raum auf. Und genau das scheint mir entscheidend.
Die Logik der Pole
Das erste Kapitel der Genesis arbeitet durchgehend mit Polaritäten:
Licht und Finsternis.
Wasser und Land.
Tag und Nacht.
Himmel, Meer und Erde.
Aber zwischen Wasser und Land gibt es Sümpfe, Moore, Mangroven.
Zwischen Tag und Nacht liegt die Dämmerung.
Zwischen Meer und Erde leben Amphibien, Otter, Schildkröten.
Der Text nennt die Pole. Er verschweigt die Zwischenräume. Hat Gott sie deshalb nicht geschaffen? Warum sollte ausgerechnet beim Menschen gelten, was sonst in der Schöpfung offenkundig nicht gilt?
Grösser denken als unsere Kategorien
Genesis 1 scheint mir keine enge Schablone zu liefern, sondern eine poetische Struktur. Eine Ordnung, die durch Polaritäten Orientierung gibt, aber die Wirklichkeit nicht erschöpft.
Wenn Gott Wasser und Land schafft, wird dadurch nicht die Existenz von Mangroven oder Sümpfen negiert. Wenn Gott Tag und Nacht schafft, ist die Dämmerung kein Irrtum. Wenn Gott Tiere des Landes oder Tiere des Wasser schafft, ist der Biber, der beide Lebensräume bewohnt, trotzdem real von Gott so geschaffen.
Warum also sollte menschliche Vielfalt ein Problem sein? Wer sind wir, dass wir die Wirklichkeit enger machen wollen als der Schöpfer selbst?
Für mich liegt die Pointe dieses Textes nicht in der Einengung, sondern in der Weitung: Jeder Mensch ist Bild Gottes. Wirklich jeder. Und vielleicht ehrt Gott nichts mehr, als wenn wir lernen, seine Schöpfung ebenso grosszügig zu betrachten wie er selbst.
Martin Thoms ist ein Theologe, Autor und Dozent aus Bochum. In seinem neuen Buch «Urgeschichte – Spiegel der Menschheit» schreibt er über die ersten Kapitel der Bibel. Dieser Blogbeitrag ist an das Buch thematisch angelehnt. Überdies bietet Martin Coaching und Online-Kurse zu Gott & Glaube an, z. B. ab 28. April 2026 zur Urgeschichte und Themen dieser Blogserie. Mehr dazu auf seiner Homepage.
Foto Alex Shuper für Unsplash
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