Von Spotify gibt es 2026 keine Lohnerhöhung

Wie fair geht Spotify mit den Künstlerinnen und Künstlern um? Diese Frage stellt sich mir nicht zum ersten Mal. Ich thematisierte sie seinerzeit beim Vergleich mit Apple Music. Und sie stellte sich mir erneut Ende des letzten Jahres. Der Streaminganbieter erhöhte kräftig die Preise; hierzulande um zwei Franken für das Premium-Abo. In der Medienmitteilung verwendete er die gängigen Floskeln. Er schrieb, man wolle «bei sich ändernden Marktbedingungen weiterhin innovativ» sein.

Dabei liegt es auf der Hand, was Spotify hätte schreiben müssen, um mich und viele andere vom Aufschlag zu überzeugen: «Wir ermöglichen eine Lohnerhöhung für die Musikschaffenden.» Mit dem Argument hätte ich diese Neuerung begrüsst, statt (wieder einmal) über die Abokündigung nachzudenken.

Spotify wird nicht plötzlich zum Philanthrop

Ich gehe nicht davon aus, dass die Musikerinnen und Musiker versehentlich vergessen wurden. Trotzdem will ich herausfinden, ob sie sich im (nicht mehr ganz) neuen Jahr auf mehr Geld freuen dürfen. Beim Distributor Rebel Music heisst es dazu lapidar:

Spotify wird 2026 nicht plötzlich zu einer gut bezahlenden Plattform mutieren, doch dessen ungeachtet weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Leicht verbesserte Auszahlungen in Kombination mit strengeren Inhaltsrichtlinien begünstigen Künstlerinnen und Künstler, die eine treue Zuhörerschaft aufbauen und Musik strategisch veröffentlichen.

Man könnte sich an dieser Stelle fragen, wie man Musik «strategisch veröffentlicht». Ich versuche, das mit altmodischen Begriffen auszudeutschen. Ich glaube, dass man besser häufig einzelne Singles statt alle zwei Jahre ein grosses Album veröffentlicht. Das ist gemäss der Ökonomie der Aufmerksamkeit einleuchtend. Es ist keine neue Erkenntnis, dass die Monetarisierungsmechanismen einen direkten Einfluss auf die Musik selbst haben. Trotzdem spüre ich Bedauern über die Dinge, die deswegen auf der Strecke bleiben. Halten wir an dieser Stelle eine Schweigeminute für das Konzeptalbum ab.

«Das könnten manche als Ungerechtigkeit empfinden»

Zurück zur Frage, ob Musikerinnen und Musiker eine Lohnerhöhung erwarten dürfen. Bei der Antwortsuche stossen wir auf ein altes Problem: Spotifys Methode zur Tantiemenberechnung ist ein Mysterium für sich. Wie eine britische Marketingagentur schreibt:

Streamshare, das verwendete Berechnungssystem, verteilt die Einnahmen auf der Grundlage der proportionalen Nutzung und nicht pro Stream, was manche als ungerecht empfinden.

Promoly deutet ausserdem an, dass der effektive Lohn immer auch Verhandlungssache sei und von der Grösse des beteiligten Musikvertriebs beeinflusst werde:

Spotify bevorzuge grosse Labels, da diese günstigere Konditionen aushandeln können als unabhängige Künstler oder kleinere Labels. Diese unfaire Dynamik verstärkt die Einkommensunterschiede.

Man tut Spotify kein Unrecht, wenn man das als intransparent bezeichnet. Spotify stellt sich als Wohltäter für die Künstlerinnen und Künstler dar. Doch beim Selbstlob bleibt der Straminganbieter so wolkig, dass man die Aussagen ebenso gut andersherum interpretieren kann. Wenn wir Spotify nicht an den Worten, sondern an den Taten messen, fällt der Blick auf eine Änderung beim Abrechnungsmechanismus, die schon etwas älter, aber für die kleinen Acts weiterhin massiv ungerecht ist.

Kleinvieh macht bei Spotify keinen Mist

Seit April 2024 gilt die Anpassung, mit der Spotify, Zitat, «unser Musiklizenzgebühren-Ökosystem für aufstrebende und professionelle Künstler schützen und stärken» will. Sie gestaltet sich wie folgt:

Ab April 2024 müssen Titel während Monaten mindestens 1000 Streams erreichen, um sich für die Ausschüttung des Tantiemenpools zu qualifizieren. Ausserdem muss ein Titel eine Mindestanzahl an eindeutigen Hörern haben, um teilnahmeberechtigt zu sein. Das schützt vor Manipulationen, bei denen einzelne User Titel hunderte Male streamen. Wir geben diese Zahl nicht öffentlich bekannt, um Manipulationen durch böswillige Akteure zu verhindern.

Wenn das nicht intransparent ist, dann weiss ich gar nichts mehr. Es gab eine Petition, die nichts half. Was mich angeht, finde ich es zynisch, dass Spotify mit dieser Begründung sagt, dass jene Künstlerinnen und Künstler, die wenig Umsatz generieren, weder Schutz noch Stärkung verdienen. Nicht nur das – Leute, die wenige, jedoch sehr treue Fans haben, werden generell unter Betrugsverdacht gestellt. Das ist die Arroganz, die man von anderen Konzernen aus der Branche kennt. Sie zeugt davon, dass bei der globalen Gewinnmaximierungsstrategie das Verständnis dafür verloren ging, dass Kunst und Kultur oft in kleinen und kleinsten Nischen blühen und dort gehegt und gepflegt werden müssen.

Unter dem Strich kann ich meine Vermutung nicht erhärten, dass die potenziellen Mehreinnahmen nicht denjenigen zugutekommen, die sie am ehesten verdienen. Aber die Anzeichen sind vorhanden, dass Spotify die Kleinverdiener in den Reihen der eigenen Schützlinge komplett egal sind.

Beitragsbild: Dafür braucht es drei bis bis sechs Streams. Aber nur, wenn innerhalb eines Jahres weitere 994 bis 997 Streams dazugekommen sind (Elijah Mears, Unsplash-Lizenz).

#Enshittification #Medienschelte #Musik #Spotify

Wer ist heute noch so dumm und fällt auf «Teile und Herrsche» herein?

Der Medienkonsum birgt Risiken. Es kann passieren, dass ein Artikel, ein Film, Podcast oder auch ein Buch uns die Augen öffnet. Die Rezeption liefert uns eine Information, die uns eine neue und überraschende Sichtweise auf einen bestimmten Sachverhalt erlaubt.

Zugegebenermassen habe ich im letzten Jahr einen Blogpost mit dem genau gleichen Absatz angefangen. Aber da ich wieder einen solchen Aha-Moment erlebte, entschied ich mich zu dreierlei. Erstens zu der textmässigen Rezyklierung. Zweitens zu der Vergabe des Stichworts Augenöffner für derlei unerwartete Einsichten.

Eine Anspielung an den Spruch «Wenn die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie gross sind, gib ihnen Flügel», nehme ich an.

Und drittens bespreche ich hier den fraglichen Podcast. Es handelt sich um Wind und Wurzeln (RSS, iTunes, Spotify) von Marina Weisband, die ihr vielleicht, wie ich, aus den sozialen Medien (früher Twitter, heute Bluesky) kennt. Sie ist Diplompsychologin und Publizistin, in der Politik aktiv (früher Piratenpartei, heute Bündnis 90/Die Grünen), und sie hat eine bewegte Biografie. Seit April 2025 betreibt sie den Podcast, der per Crowdfunding finanziert und seit Oktober von Perspective daily unterstützt wird. Das wiederum ist ein Online-Magazin, das seit 2016 den konstruktiven Journalismus pflegt.

Tribalismus? Doch nicht bei uns!

Also, die Augenöffner-Folge stammt vom 24. Dezember und hat den länglichen Titel Gegen die gesellschaftliche Spaltung: Wie wir Scheindebatten und Tribalismus stoppen. Ich bin am Wort Tribalismus hängen geblieben, aber auch das Stichwort aus der Beschreibung hat meine Neugierde geweckt. Es handelt sich um das Prinzip «Teile und Herrsche» (Divide et impera), das auf den guten alten Machiavelli zurückgeht (oder auch nicht). Es handelt sich um ein Herrschaftsprinzip, das mittels Fragmentierung operiert. Gruppen, die dem Machtanspruch des Regenten gefährlich werden könnten, werden in Teilgruppen aufgespalten, die gegeneinander agieren. Die Wirksamkeit liegt auf der Hand: Wer sich bekämpft, statt sich zu verbünden, kommt nicht auf die Idee, den Potentaten um einen Kopf kürzer zu machen.

Das Prinzip war mir bekannt, aber ich war der irrigen Meinung, eine aufgeklärte, mündige Gesellschaft müsse es längst überwunden haben. Natürlich, wenn man darüber nachdenkt, ist das eine geradezu lächerliche Annahme. Es gibt unzählige Anzeichen dafür, dass viele Zeitgenossinnen und -genossen noch so gern den Rückwärtsgang einlegen, um sich von der Aufklärung zurück ins Mittelalter zu bewegen. Das schmälert die Leistung des Podcasts jedoch nicht. Im Gegenteil: Es ist besonders effektiv, wenn wir dazu gebracht werden, vermeintliche Gewissheiten zu hinterfragen. (Weswegen ich auch Jörg Kachelmann mit seiner Social-Media-Standardfrage in die erlauchte Gruppe der Augenöffner aufgenommen habe.)

Alle gegen alle

Marina Weisband legt eindrücklich dar, dass dieses Prinzip nicht nur nicht veraltet ist, sondern in unserer Medienlandschaft hervorragend funktioniert. Wir lassen uns noch so gern auf die sogenannten Scheindebatten ein. Diese suggerieren einen realen Konflikt, lenken aber vom eigentlichen Problem ab. Sie formulieren Probleme als Kampf bestimmter Gruppen und hetzen Junge gegen Alte, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gegen Arbeitslose und Einheimische gegen Zugewanderte. Dadurch wird der wahre Verteilkampf verdeckt. Der besteht oft darin, dass sich Superreiche oder Unternehmen in der Digitalindustrie nicht besteuern lassen wollen.

Ein eindrückliches Beispiel aus dem Podcast dreht sich um die Lobbyingmaschine der Koch-Brüder, die es seinerzeit geschafft haben, den US-Kongress kaufen:

Wie eine investigative Recherche im Juli 2025 aufzeigte, erhalten 80 Prozent der Antitrans-Initiativen in den USA ihr Geld von der Fossillobby. Klingt komisch, ist aber so. Die fossile Lobby macht mobil gegen Menschen, die weniger als ein Prozent der Bevölkerung ausmachen und die nichts mit dem Klimawandel zu tun haben. Wieso ist das so? Vivian Taylor, eine Klimapolitexpertin und Mitautorin der Analyse, sagt dazu, die fossile Brennstoffindustrie habe deshalb ein Interesse daran, Panikmache um Transgender-Personen zu finanzieren, weil das die Öffentlichkeit von den sehr realen und anhaltenden Risiken ablenkt, die der Klimawandel mit sich bringt.

Der Podcast, als Meme zusammengefasst.

Im Podcast kommt Chris Vielhaus von «Perspective daily» zu Wort, der das Prinzip anhand der Rentendebatte erklärt, die in Deutschland im letzten Jahr einen schmerzhaften Konflikt zwischen Jungen und Alten auslöste, der mir mit der Distanz des Nachbarlands schon einige Sorgen bereitete. Aber was tun? Im zweiten Teil des Podcasts kommt Bernhard Pörksen zu Wort, der ein verblüffend einfaches Rezept gegen derlei verfahrene Situationen hat. Das heisst Zuhören¹. Er plädiert für das «Prinzip der nicht-egozentrischen Aufmerksamkeit»; etwas verkürzt wiedergegeben:

Der dialogische Tanz kann ja erst beginnen, wenn man fragt: In welcher Welt ist das, was der andere sagt, wahr, plausibel und schön?

Fazit: Ich halte dem Podcast zugute, dass er etwas auf den Punkt bringt, das mir schon lange hätte klar sein müssen, es aus unerfindlichen Gründen nicht war. Wir Menschen sind – das haben wir bei Corona gelernt – schlecht darin, Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen. Wir haben auch kein Talent dafür, Prioritäten richtig zu setzen. Denn was das angeht, sind wir in der Schweiz keinen Deut besser als die Deutschen oder die EU, weil auch unser Bundesgericht fand, ein vegetarisches Produkt dürfe nicht «planted chicken» heissen.

Tugenden nicht nur predigen

Mir gefällt der Podcast nicht nur aus inhaltlichen Gründen. Er pflegt das, was er selbst predigt: Er kritisiert die Medien für ihre aufgeregte Berichterstattung, die viel zu oft die PR-Botschaften der Lobbyisten unhinterfragt transportiert – und er macht das auf eine unaufgeregte, hintergründige Weise. Er exerziert gleichzeitig vor, dass es selbst bei vertrackten Themen immer eine Lösungsperspektive gibt – und der Weg aus der Bredouille tatsächlich in einer so banalen (aber in den sozialen Medien kaum jemals aktiv gepflegten) Handlung wie Zuhören bestehen könnte.

Und ja, irgendwie steckt in dieser Botschaft der eine oder andere Neujahrsvorsatz drin.

Fussnoten

1) Er legt dieses Prinzip auch in Buchform dar: «Zuhören – Die Kunst, sich der Welt zu öffnen» bei Hanser oder Amazon. ↩

Beitragsbild: Der Mann mit der Hand am Griff trägt auch die goldene Krone (David Popkov, Unsplash-Lizenz).

#Augenöffner #Medienschelte #Politik
Liebe Läuse von der ARD. "Selenensky sagt Russland muß für seine Vergehen ... " und original "Russland muß für Russdlands Vergehen ... "
Das ist das Gegenteil...
#Medienschelte

Wo journalistische Kardinalstugenden täglich zur Schau getragen werden

Als Blogger nehme ich meinen Informationsauftrag ernst. Dennoch frage ich mich, ob der auch die offensichtlichen Fälle umfasst. Sprich: Muss ich einen Podcast vorstellen, der schon jeder kennt?

Nicht das originellste Coverbild aller Zeiten.

Der Anlass für diese Introspektion liefert mir The Daily von der New York Times (RSS, iTunes, Spotify). Es gibt den Podcast seit acht Jahren, und er darf als Goldstandard im News-Bereich gelten.

Das Konzept, täglich die wichtigste Nachricht mit Journalisten aus dem eigenen Haus zu behandeln, gibt es inzwischen von diversen Medienhäusern: Auf dieser Übersicht finden sich u. a. Today, Explained von Vox, Today in Focus von «The Guardian» und The Intelligence von «The Economist». Es existieren einheimische Beispiele, namentlich Apropos von meinem Arbeitgeber. Ich tue niemandem Unrecht, wenn ich gewisse Ähnlichkeiten bei der Machart konstatiere: charismatische Hosts, geschickt eingesetzte O-Töne und Atmo, Kompetenz aus dem eigenen Haus und ein aktuelles Thema, das zum Kerngebiet der auftretenden Journalistin oder des Reporters zählt.

Die Antithese zu den sozialen Medien

Also, wer sich für US-amerikanische Politik interessiert, des Englischen mächtig ist und der journalistischen Perspektive der «New York Times» etwas abgewinnen kann, der kennt «The Daily» längst. Darum nehme ich diese Besprechung zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass dieser Podcast der lebendige Beweis für eine wichtige Tatsache ist:

Der traditionelle Journalismus ist nicht tot und nicht brutal altmodisch. In diesem Podcast gibt es gestandene Reporterinnen und Rechercheure zu hören, die Fakten vermitteln und selbst bei unglaublichen Sachverhalten distanziert bleiben. Eine akustische Antithese zu den sozialen Medien: Man braucht nicht ständig in Superlative, Zuspitzungen und eine überbordende Rhetorik zu verfallen. Im Gegenteil: Eine differenzierte Darstellung wirkt beruhigend. Sie ruft in Erinnerung, dass die meisten Dinge des Lebens aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden können und sollen. Nicht jeder ist ein Idiot oder ein Bösewicht, wenn er eine bestimmte Meinung nicht teilt. Es ist Balsam auf die Seele, wenn wir feststellen dürfen, dass die Schreihälse selbst in den USA nicht alle niederbrüllen.

Der Einwand liegt auf der Hand: Dieser Tage berichtet «The Daily» oft über Themen, bei denen es keine zwei Meinungen geben sollte. Der menschenfeindliche Einschlag der Politik des Herrn Trump wirft die Frage auf, ob nicht die Zeit für einen anwaltschaftlichen oder gar anklagenden Journalismus gekommen ist. Diese Ansicht ist legitim. Doch in den letzten Wochen, in denen ich viel «The Daily» gehört habe, empfand ich es stets als wohltuend, dass hier die eigenen Tugenden auf demonstrative Weise hochgehalten werden¹.

Der (nicht so) heimliche Star: die Musik

So weit, so klar. Lasst mich mit einer interessanten formalen Betrachtung schliessen: Bemerkenswert ist, wie dieser Podcast die Musik als Erzählmittel einsetzt (neudeutsch: Storytelling). Für «moderne» Podcasts in der Tradition von «Serial» ist das nicht ungewöhnlich, auch in vielen deutschsprachigen Produktionen kommt sie zum Zug. Allerdings greifen die typischerweise auf ein Archiv mit einigen wenigen Stücken mit einem gewissen Wiedererkennungswert zurück. Bei «The Daily» wird die Musik bei gewissen Themen angepasst oder speziell komponiert. Hier gibt es eine Erklärung dazu:

Von Anfang an haben wir unsere Titelmusik gelegentlich umarrangiert, um zu signalisieren, dass eine Folge aus dem Rahmen fällt. Als wir 2017 eine Sonderfolge für Kinder produzierten, in der es um zwei Schwestern ging, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie bei den Pfadfinderinnen bleiben oder zu den Pfadfindern wechseln sollten, schuf unser technischer Leiter Brad Fisher eine neue Version unserer Titelmusik mit einem Spielzeugklavier. (…)

Woran erinnert uns das bloss?

Die Titelmelodie sei meistens unverändert, aber nicht immer. Mir ist nicht klar, wie sehr die musikalische Untermalung während der Folge auf das Thema adaptiert wird. Sie passt auf alle Fälle oft so gut, dass der Fundus an Musik beträchtlich sein muss und mit viel Fingerspitzengefühl eingesetzt wird. Ein Aufwand, den sich nicht jeder Podcast leisten kann – schon gar kein täglicher.

Wie erwähnt, ist die Musik typisch für die Erzählweise in Podcasts. In «The Daily» erinnert sie mich daran, dass sie gleichzeitig auch ein uraltes Stilmittel ist. Die Filmwochenschauen in Deutschland und in der Schweiz setzten oft dramatische Orchestermusik ein. Im Beitrag Ursprung und Entwicklung der Musik in der Wochenschau wird erklärt:

Es gab z. B. «Katastrophenmusik», «Sportmusik», «Maschinenmusik» sowie Tanzmusik und ernste klassische Musik. Es waren offenbar eingängige Musikmuster, die Generationen von Kinogängern geprägt haben. Und es ist ausserdem davon auszugehen, dass diese auf Zuschauerakzeptanz stiessen, sodass sie zu einer kontinuierlichen Praxis avancierten.

Und siehe da: Plötzlich wirkt ein uraltes Stilmittel so, als sei es eben erst erfunden worden.

Fussnoten

1) Die Regeln der «New York Times», als ethical journalism bezeichnet, sind zwar strikt, unterscheiden sich in ihrer Stossrichtung aber nicht radikal von ähnlichen Regelwerken in anderen Ländern, z. B. den Regeln und Pflichten der Journalisten in der Schweiz. Das im Detail zu diskutieren, wäre ein Thema fürs Publizistikseminar. Jedenfalls braucht es nicht nur die Regeln, sondern auch den redaktionellen und wirtschaftlichen Freiraum, sie umzusetzen. ↩

Beitragsbild: So geht in New York die Sonne auf (Tomasz Brengos, Unsplash-Lizenz).

#medienschelte #politik

Ist Wissen wem zu schwer
Quatscht er einfach quer.

Dann setzt er noch ein Meme darunter
Macht's nicht besser, aber bunter.

#spott #gedicht #medienschelte #zeitungeist

DER REICHWEITENGEIER (lat. Gyps Reichweitii)
Die #Medienschelte am Samstag: Zu der durchaus spannenden Frage, wie sich das aktuelle Vorgehen der israelischen Regierung in #Gaza auf das Meinungsbild der deutschen Öffentlichkeit zu #Israel auswirkt, lud sich #KonstantinSchreiber in seine #LateNight am 29. Mai ausgerechnet #JensSpahn ein, unseren Masken-#Dealmaker, der sich gedanklich schon auf den Weg zur #GroßenKoalition mit der #AfD gemacht hat.
⬇️ Weiter geht’s in der Antwort!

@FR_de Vielleicht war das Auto übermütig oder unkonzentriert, vielleicht auch betrunken. Schade, dass die*der Fahrer*in absolut keine Möglichkeit gehabt zu haben scheint, auf das ausßer Rand und Band geratene Auto einzuwirken. Wirklich tragisch der Unfall, den offenbar ein Auto vollkommen selbst verschuldet hat! Man sollte dem Schrott wohl seine Fahrerlaubnis entziehen.

#Medienschelte #Carbrain

Aber wenn sie darum bitten - wo ist denn die Berichterstattung über die alltägliche Diskriminierung des mündigen Bürgers, der Rabattkarten ablehnt, Cookies widerspricht, Skripte unterbindet, Zahlungsmethoden hinterfragt, AGBs in Ruhe ganz durchliest, "ohne Kundenkonto" einkauft, Leihräder, Mietwagen, Flugreisen lieber ablehnt?
Wo werden denn die Architekten dieser asozialen Geschäftspraktiken benannt, ins Licht der medialen Öffentlichkeit gezerrt, im Talk gegrillt?
#medienschelte

Wie das «Nidwaldner Tagblatt» 1987 eine grobe Unterlassungssünde beging

Steve Jobs erster Auftritt in der Schweizer Medienlandschaft war nicht sonderlich spektakulär. Aber wie steht es um Bill Gates?

Ein Studienabbrecher wie Jobs, begann er seine Karriere, indem er 1975 mit Paul Allen Microsoft gründete. Ab wann hätten die Schweizer Medien auf diesen Mann aufmerksam werden müssen, der von manchen (meines Erachtens zu Unrecht) als Programmiergenie gesehen wird, seine wahren Talente indes im geschäftlichen Bereich entfaltet hat? Gates hat Gelegenheiten erkannt und vor allem wusste er sie strategisch geschickt auszunutzen. Ich attestiere ihm ausserdem Hartnäckigkeit und ein Talent zum Schwadronieren. (Ich bin noch unschlüssig, ob ich mir seine Biografie Source Code antun soll – werde aber vermutlich nicht darum herumkommen.)

Der entscheidende erste Unternehmenserfolg gelang Gates 1981: Er kaufte dem Entwickler Tim Paterson für 50’000 US-Dollar das Betriebssystem 86-DOS ab, verfeinerte es ein bisschen zu MS-DOS und lizenzierte es als PC DOS an IBM. Zusammen mit dem legendären IBM-PC eroberte dieses Gespann die Geschäftswelt und wurde für Jahrzehnte zur dominanten Plattform für das klassische Computing.

Damit ist die Ausgangslage klar: Es gibt eine hervorragende Note für die Schweizer Presse, falls Gates vor 1981 vorgestellt wurde. Sollte es deutlich später gewesen sein, müssen wir ein Versäumnis anprangern. Wie üblich gilt, dass ich für meine Nachforschungen nur auf öffentliche elektronische Archive zurückgreife.

Zu Besuch in Hergiswil

Tja, und was soll ich sagen? Bei E-Newspaperarchives finden sich für die Achtzigerjahre gerade mal sechs Treffer zu Gates. Der erste Artikel erschien am 4. Februar 1987. Das «Nidwaldner Tagblatt» verkündete, dass Bill Gates bei Also-Chef Bruno Gabriel zu Besuch gewesen war:

Zwar sind die Umsatzzahlen unterschiedlich, doch die Wachstumsverhältnisse dürften in etwa übereinstimmen. Bill Gates (32), Gründer und Chef der heute weltgrössten Softwarefirma – der Microsoft –, besuchte zu Beginn dieser Woche die Also-Gruppe in Hergiswil. Den Schweizer Spezialisten für Mikrocomputer Also, der seit der Gründung 1984 durch Bruno Gabriel (41) ebenfalls eine ungewöhnliche Erfolgsstory und ein mehr als nur rasantes Wachstum vorweisen kann.

Autsch!

1987 war Microsoft bereits führend im PC-Softwaremarkt. MS-DOS dominierte die PC-Landschaft und wie ich einer SDA-Meldung vom 14. Oktober 1986 entnehme, war Gates mit dreissig Jahren und 315 Millionen US-Dollar auf dem Sparbuch als eines der jüngsten Mitglieder in den Club der 400 reichsten Amerikaner aufgenommen worden. Ein guter Monat nach dem Besuch in Hergiswil, am 21. März 1987, war Gates der erste Computer-Milliardär. Allein dieser raketenhafte Aufstieg hätte sich in den Medien widerspiegeln müssen.

Der etwas zu kurz geratene «Wunderknabe»

Aber das Verdikt fällt noch vernichtender aus: Wir kommen nicht um die Feststellung herum, dass sich das «Nidwaldner Tagblatt» die Chance auf einen historischen Primeur hat entgehen lassen: Man hätte mit diesem, Zitat im Artikel, «Wunderknaben» ein Interview führen können, ohne in die USA fliegen zu müssen. Stattdessen ist man aus lauter Lokalpatriotismus auf die Idee verfallen, Gates mit einem Schweizer Unternehmer auf die gleiche Stufe zu stellen. Die Überheblichkeit ging so weit, dass man ihn als Nachwuchstalent neben dem Hergiswiler Tech-Tycoon Bruno Gabriel positionierte.

Dieser Vergleich war schon damals an den Haaren herbeigezogen, was den globalen Einfluss angeht. Wenn wir Also und Microsoft nach dem aktuellen Stand der Dinge gegenüberstellen, dann erkennen wir, dass Also 2021 immerhin 12,8 Milliarden Franken Umsatz erzielte, Microsoft allerdings 168 Milliarden US-Dollar. Und die Biografie welches Gründers sich besser verkauft, darüber müssen wir nicht lange spekulieren.

Stattdessen kommt Gates in dem Artikel naiv rüber:

Bill Gates, der erstmals in der Schweiz weilte, zeigte sich über die Wachstumsaussichten des Computermarktes in Europa überrascht: «Ich wusste gar nicht, wie stark sich hier der PC-Markt entwickelt.»

Und das war es auch fast schon, was gemäss den elektronischen Archiven die Schweizer Presse in den gesamten 1980er-Jahren über Bill Gates zu schreiben hatte¹.

Das lässt sich auf unterschiedliche Weise deuten:

Eine wohlwollende Interpretation wäre, dass die Schweizer Presse sich damals lieber mit den Unternehmen und Produkten als mit den Köpfen befasste. Das lasse ich zu einem gewissen Grad gelten: Der heutige Drang, Themen wann immer möglich zu personifizieren, geht mir gehörig auf den Wecker. Doch Bill Gates hatte schon in den 1980er-Jahren alles, was ein Interview oder ein ausführliches Porträt gerechtfertigt hätte.

Ein Totalversagen

Das führt uns zur zweiten möglichen und deutlich weniger gnädigen Deutung: Die Journalisten nahmen die aufstrebende Computerbranche nicht ernst. Das Wort Nerd war damals nicht gebräuchlich (den Beleg zu dieser Behauptung findet ihr hier), aber wenn das «Nidwaldner Tagblatt» von «Wunderknabe» schreibt, enthält dieses Wort die genau gleiche Mischung aus Bewunderung, Unverständnis und Missachtung. Subtext: Dieser Gates ist reich und erfolgreich, aber im Vergleich zu einem richtigen Geschäftsmann wie Also-Chef Bruno Gabriel grün hinter den Ohren. Das Foto ist von einer Bildlegende begleitet, die das sogar explizit formuliert: Sie nimmt nämlich Bezug auf den Unterschied bei der Körpergrösse und auf die Tatsache, dass Gabriel Gates um einen Kopf überragt.

Die These steht: Die Schweizer Presseleute haben die digitale Entwicklung brutal verkannt. Dominik Landwehr, seines Zeichens gestandener Computer-Journalist, hat sie während einer Diskussionsrunde am Vintage Computer Festival in Zürich eindrücklich bestätigt.

Fazit: ein Totalversagen. Dass es keinen Nagel² setzt, ist «FAN – L’express» zu verdanken. Diese Zeitung hat am 15. Januar 1988 einen Blick auf das Personal der Computerrevolution geworfen und im Artikel Pionniers légendaires anerkannt, dass Leute am Werk sind, die Besonderes leisten.

Legendäre Pioniere aus der seltsamen Welt der Computer. PS: Es gebe eine Sache zu verstehen, erklärt der Artikel – gefolgt von zwei Aufzählungszeichen. Ist das keinem aufgefallen?

Allen voran wird Steve Wozniak genannt, gefolgt von Steve Jobs, der hier noch Steven Jobs heisst. Und als Dritter im Bunde taucht Ken Olsen als Gründer der Computerfirma Digital Equipment Corporation (DEC) auf. Die Frage, ob dieser Podestplatz aus heutiger Sicht gerechtfertigt ist, gäbe einen separaten Blogpost her. Ironisch jedenfalls, dass Olsen inzwischen fast nur noch für seine Aussage von 1977 berühmt ist, es gebe keinen Grund, warum jemand einen Computer zu Hause haben sollte. Natürlich lustig; auch wenn man unter den Tisch fallen lassen muss, dass er von Heimserver und nicht von Heimcomputern sprach.

Gates wird in diesem Artikel genannt, darf aber nicht den Status eines Pioniers für sich in Anspruch nehmen. Falls ich diesen seltsamen Satz richtig verstehe, wird er als Steigbügelhalter für Jobs dargestellt:

Jobs, einer der ersten, der von der grundlegenden Bedeutung der Software überzeugt war, hatte das «Glück», das Microsoft von Bill Gates und Paul Allen zu adaptieren: eine Annäherung, eine Synchronisierung der Alltagssprache und des Computers, die Architekten eines so schwindelerregenden Erfolgs, dass er die ohnehin schon fabelhaften Massstäbe von Silicon Valley bei weitem übertraf.

Ob die Leserschaft damals kapiert hat, was man ihr damit hatte sagen wollen?

Erst in den 1990er-Jahren von Interesse

Was Bill Gates angeht, kam die Schweizer Öffentlichkeit im Lauf der 1990er-Jahre nicht darum herum, von diesem Mann Notiz zu nehmen. 1990 gab es drei Artikel, 1991 17, 1992 14, 1993 vierzig, 1994 56 und 1996 dann 111. Wenn ich nichts übersehen habe, schaffte es der Microsoft-Gründer am 21. November 1990 zum ersten Mal in eine Schlagzeile: Die Visionen von Microsoft-Gründer Bill Gates: Der PC liest Handschrift.

Es sei das Ziel, Informationen transparent über alle Grenzen von Computern und Programmen verwenden zu können, erklärte Gates. Nach seinen Worten muss die Benutzung eines Personalcomputers so einfach werden wie diejenige eines Autos oder eines Fernsehgerätes. (…) Bill Gates beschrieb den Anwesenden die Idee eines 25 Zentimeter dicken Notebook-Rechners einem druckempfindlichen Bildschirm und einem Stift, mit dem man auf dem Bildschirm schreiben kann.

Und was sehen wir heute? Statt einfacher PCs bekamen wir komplizierte Fernseher. Und wegen der Fixierung auf die Handschrift vermasselte Microsoft das Handy-Geschäft.

Fussnoten

1) Folgende Artikel sind in «E-Newspaperarchives» noch verzeichnet:

  • Gates erste Milliarde war dem «Bund» am 23. März 1987 eine Kurzmeldung wert.
  • Am 29. September 1987 erwähnte wiederum der «Bund» Gates nebenbei in einem Artikel zum Desktop Publishing. Im «Journal du Jura» gab es am 13. Oktober 1989 einen Hinweis auf eine Fernsehreportage auf France 1 unter dem schönen Titel «Die Neureichen der Neuen Welt» («Les nouveaux riches du Nouveau-Monde»), in der auch Bill Gates erwähnt wird.
  • Und am 21. November 1989 nannte wiederum «Der Bund» Gates’ Namen in einem Artikel, in dem es um (aus heutiger Sicht irrelevante) technische Details bei der PC-Architektur ging. ↩

2) Schweizer Schulslang für die Note 1, die in Deutschland der 6 entspricht. ↩

Beitragsbild: Wenn Also die ungebremste Rakete ist, was ist dann Bill Gates? Der Kampfstern Galactica?

#BillGates #Medienschelte #TechPremiere

Warum erhitzt der UKW-Abschied die Gemüter bloss sosehr?

Die UKW-Abschaltung hat in mir zwei komplett widersprüchliche Gefühle ausgelöst.

Einerseits Nostalgie: Ich war in meiner Jugend ein Dauergast auf der Ultrakurzwelle. Als DRS3 1983 auf Sendung ging, war das ein radiofoner Urknall für mich. Ich hatte eine innige parasoziale Beziehung zu vielen der Moderatoren der ersten Stunde. François Mürner wird immer eine Art schräger Onkel für mich bleiben und viele der anderen Namen von wecken Erinnerungen, wie per Funkwellen die grosse weite Welt – oder zumindest ein Hauch der urbanen Schweiz in das Kaff im Züricher Weinland wehte, in dem ich damals wohnte: Jasmin Kienast, Martin Eggenschwyler, Ernst Buchmüller, Christoph Schwegler «am Regler», Christoph Alispach und natürlich der unvergessene Musikredaktor Urs Musfeld.

Radio ist auch meine Herzensangelegenheit

Überhaupt war Radio in meiner Jugend das coolste Medium überhaupt. Fernsehen – das ich in Ermangelung eines Empfangsgeräts bei der Familie nur bei meinen Freunden und Grosseltern geniessen konnte – zwar bunter und abwechslungsreicher, aber doch irgendwie biederer und viel zu erwachsen. Noch heute wundere ich mich manchmal darüber, dass meine berufliche Karriere mich zur Zeitung und nicht zum Rundfunk geführt hat. Weil ich seit 2009 ehrenamtlich für Radio Stadtfilter in Winterthur arbeite, habe ich doch eine Ahnung, dass die Wahl meiner Karriere nicht völlig verkehrt war. Ich bin zwar, so hoffe ich, nicht der allerschlechteste Sendungsmacher der Welt. Aber das geschriebene Wort entspricht meinen Talenten etwas besser als das gesprochene.

Leider haben wir uns auseinandergelebt, DRS3 – bzw. SRF3, wie der Sender seit 2011 heisst – und ich. Vielleicht liegt es daran, dass das Rauschen und Knacksen im analogen Äther mich etwas nostalgisch stimmen und an die damals so heile Radiowelt erinnern.

Zugegeben: Die meisten DAB-Radios sehen vergleichsweise hässlich aus.

Die Umstellung auf DAB+ ist nicht gut gelaufen. Aber war sie deswegen falsch?

Trotzdem gibt es auch das andere Gefühl: Das des Digitalfans, der überzeugt ist, dass die technischen Möglichkeiten selbstverständlich auch beim linearen Radio ausgeschöpft werden müssen. Ich habe vor vier Jahren konstatiert, dass Roger Schawinski den falschen Kampf kämpft. Bei dieser Umstellung von UKW auf DAB+ sehen die meisten Akteure, wie kürzlich beim Tagesanzeiger dargelegt, nicht gut aus: weder die SRG noch die Zuhörer und schon gar nicht die Autoindustrie.

Auf diesen Beitrag gab es einen wahnsinnigen Haufen Kommentare. Mich haben auch diverse Mails und Messenger-Nachrichten direkt erreicht. Heinz W. warf mir vor, die «Tagi-Brille» aufzuhaben. Das soll wahrscheinlich heissen, dass ich Kritik bloss um der Kritik willen übe. Das ist, wie dieser Blogpost hier sicherlich deutlich gemacht hat, nicht der Fall: Ich will, dass die SRG sich Mühe gibt, verflixt noch eins!

Stefan monierte meinen «Tunnelblick». Er meinte, das Tempo der Veränderung sei zu hoch, viele seien überfordert und dem typischen SRF-Publikum im Pensionsalter sei es im Grunde egal, «welche Sau gerade durchs Dorf getrieben wird».

«Unser Publikum ist tot»

Ist dieses Argument («Unser Publikum ist alt») wirklich geeignet, sich gegen Veränderungen zu stellen? Nein, natürlich nicht. Denn dann wird die Feststellung in ein paar Jahren lauten: «Unser Publikum ist tot». Trotzdem gebe ich Stefan in vielen Belangen recht. Er meinte, unser Umgang mit den technischen Entwicklungen sei «generell verbesserungswürdig». Ich teile diese Ansicht: Bei der KI fände ich eine Drosselung des Tempos angebracht, und der ständigen Disruption fast allen Lebensbereichen sollte der Menschheit regelmässig eine Verschnaufpause gewährt werden.

Stefan kritisiert meine Pro-DAB+-Haltung auch, weil bei der Umstellung die Nachhaltigkeit auf der Strecke bleibe: Stichwort Elektroschrott, wenn noch funktionierende Empfangsgeräte auf dem Müll landen. Das ist ein valider Punkt, auch wenn die meisten von uns ihr ökologisches Gewissen gern vergessen, wenn ein bei Handys, Fernsehern und Computern ein neues Modell lockt.

Trotzdem ist das ein Punkt, den ich bei der Umstellung aufs Digitalradio auf jeden Fall bemängle. Er ist im Text der Längenbeschränkung zum Opfer gefallen, aber dass 2012 DAB durch den inkompatiblen Standard DAB+ ersetzt wurde, war ein veritables «Dabakel». Es führte dazu, dass die digitalen Radiogeräte der ersten Stunde nicht mehr funktionierten. Und ich bin überzeugt, dass das dem Digitalradio massiv geschadet hat.

Verbogene Antenne – dafür treffen die Erinnerung fadegrad ins Herz des Radiofans.

Lieber gleich Internet?

Ich habe auch Verständnis für Leute, die DAB als Brückentechnologie ansehen. Die Frage ist erlaubt, ob man die auch hätte überspringen können. Wenn das Internet und das Streaming als Zukunft des Radios betrachtet wird, hätte UKW für den Radioempfang über die Luft noch auf längere Frist den Zweck erfüllen können. Das Bakom hat sich seinerzeit anders entschieden, wofür es auch gute Gründe gab – nicht zuletzt die Programmvielfalt. Die halte ich für wichtig. Uner den Voraussetzungen halte ich es nicht für sinnvoll, die Umstellung auf DAB+ unendlich rauszuzögern. Ich verstehe, dass sich Gruppen wie die «Mittelalterlichen» (die Bezeichnung für ältere Radiohörerinnen und -hörer stammt nicht von mir, sondern aus Stefans Mail) überfordert fühlen – zu Recht.

Es gibt jedoch auch die Leute, die derartige Neuerungen generell anzweifeln oder für überflüssig halten – weil es «früher auch ohne ging». Man kann daher die Zukunftsstrategien nicht an den Zweiflern und Bremsern ausrichten; weil Fortschritt sonst niemals stattfindet.

Auch in fünf Jahren wäre Roger Schawinski kein DAB+-Fan

Im Fall von DAB liesse sich darüber streiten, wie sinnvoll der Zeitplan war. Roger Schawinski hat dazu bekanntlich eine klare Meinung. Allerdings hat sich die Branche auf den Zeitplan verständigt, der jetzt durchgezogen wird – und dass die Leute, die den Technologiewechsel heute anzweifeln, ihn morgen für sinnvoll erachten, glaube ich auch nicht.

Kurz und gut: Im Gegensatz zu Stefan glaube ich nicht, dass die Umstellung auf DAB+ bloss eine absatzfördernde Massnahme zugunsten des Elektronikhandels und der Autogaragen ist. Ich habe auch grosses Verständnis dafür, dass sich Leute überfahren und genötigt fühlen. Leider passiert das andauernd. Denken wir daran, dass in zehn Jahren sich Bahnbilletts nur noch übers Smartphone lösen lassen. Das Verschwinden der Billettautomaten ist ein grösseres Problem als DAB+, davon bin ich überzeugt.

Sollen wir deswegen technische Entwicklungen verzögern? Nein. Vielmehr halte ich flankierende Massnahmen für empfehlenswert: gute, persönliche Hilfestellung für Leute, die sich vom technischen Fortschritt überfahren fühlen. Das wäre ein hervorragender Service Public. Ich werde mich sofort melden, um als professioneller Erklärbär den Seniorinnen und Senioren DAB+ oder auch die SBB-App zu erklären …

Beitragsbild: Die alte Antenne kann auch neues Digitalradio (Alexander Fox | PlaNet Fox, Pixabay-Lizenz).

#Medienschelte #SRF #Stadtfilter

Radio SRF 3 – Wikipedia