Von Spotify gibt es 2026 keine Lohnerhöhung
Wie fair geht Spotify mit den Künstlerinnen und Künstlern um? Diese Frage stellt sich mir nicht zum ersten Mal. Ich thematisierte sie seinerzeit beim Vergleich mit Apple Music. Und sie stellte sich mir erneut Ende des letzten Jahres. Der Streaminganbieter erhöhte kräftig die Preise; hierzulande um zwei Franken für das Premium-Abo. In der Medienmitteilung verwendete er die gängigen Floskeln. Er schrieb, man wolle «bei sich ändernden Marktbedingungen weiterhin innovativ» sein.
Dabei liegt es auf der Hand, was Spotify hätte schreiben müssen, um mich und viele andere vom Aufschlag zu überzeugen: «Wir ermöglichen eine Lohnerhöhung für die Musikschaffenden.» Mit dem Argument hätte ich diese Neuerung begrüsst, statt (wieder einmal) über die Abokündigung nachzudenken.
Spotify wird nicht plötzlich zum Philanthrop
Ich gehe nicht davon aus, dass die Musikerinnen und Musiker versehentlich vergessen wurden. Trotzdem will ich herausfinden, ob sie sich im (nicht mehr ganz) neuen Jahr auf mehr Geld freuen dürfen. Beim Distributor Rebel Music heisst es dazu lapidar:
Spotify wird 2026 nicht plötzlich zu einer gut bezahlenden Plattform mutieren, doch dessen ungeachtet weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Leicht verbesserte Auszahlungen in Kombination mit strengeren Inhaltsrichtlinien begünstigen Künstlerinnen und Künstler, die eine treue Zuhörerschaft aufbauen und Musik strategisch veröffentlichen.
Man könnte sich an dieser Stelle fragen, wie man Musik «strategisch veröffentlicht». Ich versuche, das mit altmodischen Begriffen auszudeutschen. Ich glaube, dass man besser häufig einzelne Singles statt alle zwei Jahre ein grosses Album veröffentlicht. Das ist gemäss der Ökonomie der Aufmerksamkeit einleuchtend. Es ist keine neue Erkenntnis, dass die Monetarisierungsmechanismen einen direkten Einfluss auf die Musik selbst haben. Trotzdem spüre ich Bedauern über die Dinge, die deswegen auf der Strecke bleiben. Halten wir an dieser Stelle eine Schweigeminute für das Konzeptalbum ab.
«Das könnten manche als Ungerechtigkeit empfinden»
Zurück zur Frage, ob Musikerinnen und Musiker eine Lohnerhöhung erwarten dürfen. Bei der Antwortsuche stossen wir auf ein altes Problem: Spotifys Methode zur Tantiemenberechnung ist ein Mysterium für sich. Wie eine britische Marketingagentur schreibt:
Streamshare, das verwendete Berechnungssystem, verteilt die Einnahmen auf der Grundlage der proportionalen Nutzung und nicht pro Stream, was manche als ungerecht empfinden.
Promoly deutet ausserdem an, dass der effektive Lohn immer auch Verhandlungssache sei und von der Grösse des beteiligten Musikvertriebs beeinflusst werde:
Spotify bevorzuge grosse Labels, da diese günstigere Konditionen aushandeln können als unabhängige Künstler oder kleinere Labels. Diese unfaire Dynamik verstärkt die Einkommensunterschiede.
Man tut Spotify kein Unrecht, wenn man das als intransparent bezeichnet. Spotify stellt sich als Wohltäter für die Künstlerinnen und Künstler dar. Doch beim Selbstlob bleibt der Straminganbieter so wolkig, dass man die Aussagen ebenso gut andersherum interpretieren kann. Wenn wir Spotify nicht an den Worten, sondern an den Taten messen, fällt der Blick auf eine Änderung beim Abrechnungsmechanismus, die schon etwas älter, aber für die kleinen Acts weiterhin massiv ungerecht ist.
Kleinvieh macht bei Spotify keinen Mist
Seit April 2024 gilt die Anpassung, mit der Spotify, Zitat, «unser Musiklizenzgebühren-Ökosystem für aufstrebende und professionelle Künstler schützen und stärken» will. Sie gestaltet sich wie folgt:
Ab April 2024 müssen Titel während Monaten mindestens 1000 Streams erreichen, um sich für die Ausschüttung des Tantiemenpools zu qualifizieren. Ausserdem muss ein Titel eine Mindestanzahl an eindeutigen Hörern haben, um teilnahmeberechtigt zu sein. Das schützt vor Manipulationen, bei denen einzelne User Titel hunderte Male streamen. Wir geben diese Zahl nicht öffentlich bekannt, um Manipulationen durch böswillige Akteure zu verhindern.
Wenn das nicht intransparent ist, dann weiss ich gar nichts mehr. Es gab eine Petition, die nichts half. Was mich angeht, finde ich es zynisch, dass Spotify mit dieser Begründung sagt, dass jene Künstlerinnen und Künstler, die wenig Umsatz generieren, weder Schutz noch Stärkung verdienen. Nicht nur das – Leute, die wenige, jedoch sehr treue Fans haben, werden generell unter Betrugsverdacht gestellt. Das ist die Arroganz, die man von anderen Konzernen aus der Branche kennt. Sie zeugt davon, dass bei der globalen Gewinnmaximierungsstrategie das Verständnis dafür verloren ging, dass Kunst und Kultur oft in kleinen und kleinsten Nischen blühen und dort gehegt und gepflegt werden müssen.
Unter dem Strich kann ich meine Vermutung nicht erhärten, dass die potenziellen Mehreinnahmen nicht denjenigen zugutekommen, die sie am ehesten verdienen. Aber die Anzeichen sind vorhanden, dass Spotify die Kleinverdiener in den Reihen der eigenen Schützlinge komplett egal sind.
Beitragsbild: Dafür braucht es drei bis bis sechs Streams. Aber nur, wenn innerhalb eines Jahres weitere 994 bis 997 Streams dazugekommen sind (Elijah Mears, Unsplash-Lizenz).
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