Wer hat mehr Tech-Verstand: Der Schweizer oder der Österreicher?

Digitale Archive sind grossartig. Seit einigen Jahren durchstöbere ich sie, um herauszufinden, wann Schweizer Journalistinnen und Journalisten die Bedeutung bestimmter technischer Errungenschaften erkannten. Die Befunde sind ernüchternd. Der Fortschritt bei den Computern und der digitalen Kommunikation wurde meist verkannt und unterschätzt. Viele Medienschaffende wollten oder konnten sich nicht vorstellen, dass virtuelle Dinge reale Auswirkungen haben.

Gilt das auch für die Berufskollegen in Österreich? Dank eines Podcasts eröffnet sich mir die Möglichkeit, das zu überprüfen. Schliesslich hat die Rivalität Tradition – wenngleich es normalerweise ums Skifahren und um die Witze geht.

Bei Grüezi, Servus und Hallo stellte Florian Gasser neulich Anno vor. Das ist das Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek, das wie das Schweizer Pendant Faksimiles von Zeitungen und Zeitschriften zugänglich macht. Was die zeitliche Dimension angeht, gewinnt unser Nachbarland um mehr als ein Jahrhundert. In Österreich reicht der Bestand bis zum Jahr 1568, in der Schweiz bloss bis 1692.

Aber wie sieht es bei den Themen aus? Machen wir zehn Stichproben!

10) 🇦🇹 Das Elektronenhirn

Während der Anfänge verwendeten die Medien das Wort Computer sparsam und schrieben lieber vom Elektronengehirn oder -hirn. Die metaphorische Umschreibung sollte dem Publikum das Verständnis erleichtern. Der erste Treffer findet sich am 23. August 1951 in der NZZ.

Österreich war früher. Die «Arbeiter Zeitung» vom 3. November 1946 vermeldete eine wichtige Entwicklung, konnte am Ende des Beitrags «Das Elektronengehirn kommt» die Trennung von Meldung und Meinung nicht aufrechterhalten, wie es gute Sitte wäre:

Die Wissenschaft steht vor einer neuen grossen Entdeckung, der Konstruktion eines «Elektronengehirnes». Lord Mountbatten hat das am Freitag in einer Sitzung des Verbandes der britischen Rundfunkingenieure so bekannt gegeben, als ob es was ganz Landläufiges wäre. Lord Mountbatten sagte, es handle sich um einen 18’000-Röhrenapparat, der in wenigen Sekunden mathematische Probleme lösen könne, für deren Lösung Mathematiker sonst zehn Tage brauchen würden. Andere bereits in Gebrauch befindliche Apparate ersetzen bis zu einem gewissen Grad die Funktionen des menschlichen Gedächtnisses und wieder ein anderer Apparat kann Schachspielen. Wozu der Mensch überhaupt noch geboren wird, ist unverständlich. Die Maschinen besorgen ja ohnedies alles von selbst.

Der Zuse Z4-Computer, fotografiert im deutschen Museum (Dasbloeckendeschaf, CC BY-SA 3.0 Deed).

Als Zugabe zitiere ich die Zeitung «Arbeiterwille» vom 8. Januar 1950. Sie warf einen «Blick in die Zukunft» auf den «elektronisch-automatischen Amtsschimmel»:

In den ersten Tagen von 1950 ein Blick in eine nicht mehr weite Zukunft: das Zeitalter der Maschinenmenschen ist im Kommen! Keiner der anwesenden Journalisten konnte daran zweifeln, als der Londoner Nervenspezialist Dr. Walter seine «Elsie» vorführte. Zugegeben, es war kein Maschinenmensch, sondern eine Maschinenschildkröte, aber das war nur eine Frage körperbaulicher Zweckmässigkeit. Alles andere war wahrhaft gespensterhaft.

Hier heisst es:

Trotzdem sagt der berühmte Radarerfinder Sir Robert Watson Watt: «Es besteht keine Gefahr, dass das Elektronenhirn mit dem menschlichen Hirn in Konkurrenz treten kann, denn seine Möglichkeiten sind wohl gross, aber äusserst beschränkt und entsprechen ungefähr dem Denken eines sechsjährigen Kindes.»

Eine waghalsige Behauptung. Trotzdem geht der Punkt an Österreich.

9) 🇨🇭 Computerfreak

In der Schweiz hatte der Computerfreak erstmalig in der NZZ vom 25. Januar 1984 einen Auftritt. In Österreich geschah das am 25. März 1987 in der «Burgenländischen Freiheit»:

Seit Donnerstag sind auf diesem Fernsehgerät jene 60 offenen Stellen abzulesen, die derzeit von Betrieben im Bezirk Oberpullendorf angeboten werden. Der Leiter des  Arbeitsamtes in Oberpullendorf, Erwin Faymann, selbst ein Computerfreak, kam auf die Idee, ein praxisbezogenes Programm zu erstellen.

8) 🇨🇭 World Wide Web

Gerade schnell waren die Schweizer Medien bei der Würdigung des World Wide Webs nicht, obschon das in der Schweiz erfunden wurde. Am 5. August 1994 stand das Wort erstmals in  «L’Agefi». In Österreich dauerte es bis ins Jahr 1995. Ein Medium namens «Soziale Sicherheit» besprach das Buch «Electronic Data Interchange (EDI) — aus ökonomischer und juristischer Sicht»:

Insgesamt kann dieses Buch als gelungene Darstellung eines ambitionierten Forschungsprojekts bezeichnet werden. Einziger Kritikpunkt ist die Vernachlässigung der Behandlung von Verknüpfungsmöglichkeiten von EDI mit neueren Netzwerksdiensten (Telnet, E-Mail, World wide web, etc.).

Eine Nominalkette, ob der es den Teufel graust!

7) 🇨🇭 Multimedia

Archive halten Überraschungen bereit. Bei der Spurensuche zu Multimedia stellte ich fest, dass dieses Wort in den 1970ern beliebt war – noch bevor es DVDs, digitales Video oder interaktive Medien gab, die wir heute so betiteln würden. Damals war es das Theater, das mit analogen Effekten experimentierte. Die NZZ druckte das Wort am 26. März 1970 in der Kulturberichterstattung.

Die «Burgenländische Freiheit» tat es ein Jahr später, am 25. März 1971:

Die Exposition, die am 1. April mit einer Multimedia-Schau, in der moderne Dichtung, moderne Musik und Lichtbilder sakraler Arbeiten von Edgar Schenk zu einer Einheit verschmolzen werden sollen, eröffnet wird, wird die bisher umfangreichste Ausstellung von Werken des Künstlers sein und mit rund 200 Exponaten einen repräsentativen Querschnitt durch das Schaffen Edgar Schenks darstellen.

6) 🇨🇭 Silicon Valley

Das Epizentrum der Computerrevolution fand in der Schweiz am 28. November 1974 erstmalige Erwähnung. In Österreich erst 1983 im Magazin «Europäische Rundschau»:

Die Kohleindustrie ist in keiner guten Verfassung, Öl und Stahl haben Schwierigkeiten, und je weniger über die meiste Konsumgüterindustrie gesagt wird, desto besser. Indessen werden moderne Technologien aus dem Silicon Valley (Kalifornien) eingeführt, die in vielen Fällen nichts kosten. Es gibt Schwierigkeiten bei der Integration westlicher Methoden, aber auch diese werden schliesslich überwunden. Der langen Rede kurzer Sinn ist, dass sich die sowjetische Wirtschaft schon irgendwie durchwursteln wird.

Verwirrend. Welche neuen Technologien, die in den 1980er-Jahren aus dem Silicon Valley kamen, waren kostenlos?

5) 🇨🇭 Cybersex

Der grösste Triumph der Schweizer Medien bezieht sich ausgerechnet auf die virtuelle Erotik. Am 29. April 1972 berichtete «L’Impartial» über das, was auf uns zukommen sollte. Im Anno-Archiv gibt es zu diesem Stichwort nur einen Treffer von 2014. Im Text «To be or not to be – Online-Gedanken einer Sozialpsychologin zur virtuellen Kommunikation» schreibt Angela Moré:

Das Internet-Universum vermag sich mit dem unbewussten Triebgeschehen zu verbinden, den Fantasien von Grenzenlosigkeit, Grössenwahn. Kontrollmöglichkeiten, Voyeurismus, Exhibitionismus etc. Der Cybersex sprengt alle Grenzen – der Kontinente, der Generationen, der Perversionen.

Tja, da waren die Schweizer schon 42 Jahre früher weniger verklemmt.

KI-Illustration zum Thema Cybersex.

4) 🇨🇭 Desktop Publishing

Die Schweizer Medien verkannten die Revolution in der Druckindustrie. Der «Bund» war am 19. November 1986 nicht spät mit dem Thema dran, aber er beging den Fehler, die neue Technologie als Amateurkram abzutun. Die Österreicher waren später dran. Am 23. August 1989 erschien in der «Burgenländischen Freiheit» ein Inserat zum DTP; einen Bericht habe ich erst am 27. Februar 1991 in der gleichen Publikation gefunden. Auch das war eine Art Kleininserat für Computerkurse, u.a. auch für DOS, Windows 3.0, Word 5.0, Pagemaker und Lotus Symphony.

3) 🇨🇭 Cursor

Die Nachforschungen zum Cursor waren nicht ergiebig; aber immerhin hatte der «Bildschirmläufer» schon am 29. März 1974 in der NZZ seine Premiere. Im Nachbarland findet sich erst am 15. April 1987 ein Treffer, und zwar im Regionalblatt «Burgenländische Freiheit», dem ich bei meinen Recherchen öfter begegnete. Vermutlich, weil es zu den wenigen tagesaktuellen Quellen in Anno zählt – was uns zum Schluss bringt, dass manche Resultate anders ausgefallen wären, wenn im Archiv auch die überregionalen Titel vertreten wären. Es ging um den M15«Olivettis Neuer zum Mitnehmen»:-

Ganze fünf Kilogramm wiegt der Portable PC von Olivetti und rundet die Produktfamilie der Olivetti-Personal-Computer aufs angenehmste ab. (…) Sein Betriebssystem ist das Neueste: MS DOS 3.2. Serielle und parallele Schnittstelle hat er von Haus aus. Er ist mit 10 Funktionstasten ausgestattet, der Cursor wird von vier separaten Tasten gesteuert. Sein Preis ist die absolute Sensation: Mit 26’600 Schilling ist der M 15 der preiswerteste unter seinesgleichen.

Das ITT Terminal 3210 brachte die NZZ dazu, zum ersten Mal den Cursor in gedruckter Form erscheinen zu lassen.

2) 🇨🇭 Bill Gates

Der Gründer und langjährige Chef von Microsoft wurde am 4. Februar 1987 vom «Nidwaldner Tagblatt» vom hohen Ross herab abgehandelt. In Österreich fand er nicht statt. Im Verzeichnis «Österreichische Bibliographie» wurde 1994 das Buch «Der Computerkrieg: IBM gegen Bill Gates Microsoft – ein Kampf ums Überleben» von Paul Carrol gelistet (noch erhältlich).

Ich gehe davon aus, dass auch die österreichischen Medien schon früher von diesem Mann Wind bekamen, ebenso vom DTP. Anno widmet sich den historischen Zeitungen. Wo genau die Schwelle zu den modernen Medien liegt, die nicht im Archiv zu finden sind, konnte ich nicht feststellen. Darum sollten sich die Eidgenossen auf diesen Treffer nicht allzu viel einbilden.

1) 🇦🇹  KI

Schon im 17. Jahrhundert war die künstliche Intelligenz in Österreich ein Thema.

Hier und hier fand ich heraus, dass (im durchsuchbaren Bestand) in der Schweiz zum ersten Mal am 5. Dezember 1957 über die künstliche Intelligenz berichtet wurde.

In Österreich passierte das am Samstag, den 11. September 1830. Und nein, es ist nicht bloss ein Fehler bei der Texterkennung. Ich zitiere aus dem «Laibacher Wochenblatt zum Nutzen und Vergnügen»:

Der Mensch ist hier durchaus nichts als der Oberaufseher der Maschinen; er arbeitet nicht, aber er geht traurig in einer Wüste auf und ab, die er sich selbst geschaffen hat und in welcher die allgemeine Bewegung und die künstliche Intelligenz die Gegenwart des wirklichen Lebens kaum mutmassen lässt.

Ein Herr Eüstine berichtete aus England über die industrielle Revolution. Die Dampfmaschinen brachten eine Automatisierung in der Textilproduktion. Eüstine war skeptisch, aber die Leistungsfähigkeit und Präzision der Maschinen beeindruckten ihn so sehr, dass er nicht nur einen zentralen Begriff aus dem Computerzeitalter vorwegnimmt, sondern auch die damit verbundene Angst: dass wir uns mit unseren Erfindungen die eigene Arbeit, Kreativität und Schaffenskraft wegnehmen und zur passiven Rolle des Aufpassers verdammen.

Fazit: Die Schweiz war meistens schneller. Aber dank des Kantersiegs bei der künstlichen Intelligenz mit einem Vorsprung von 127 Jahren gewinnt die Republik Österreich dieses Duell mit uneinholbarem Vorsprung¹.

Fussnoten

1) Damit man mir keine Willkür vorwirft, habe ich natürlich eine Methode entwickelt, den Sieger nach einem klaren Berechnungsprinzip zu bestimmen. Dazu addierte ich die Differenz der jeweiligen Daten in Tagen. Dabei stiess ich auf ein Excel-Problem: Bei dieser Tabellenkalkulation ist das früheste Datum, mit dem wir rechnen können, der 1. Januar 1900 – es entspricht intern dem Wert 1. Der 11. September 1830 lässt sich nicht abbilden. Ich habe diese Differenz daher näherungsweise berechnet, indem ich die Zahl der Jahre mal 365 nahm – man möge mir diese kleine Unsauberkeit bitte verzeihen.

Jedenfalls schenkt der KI-Vorsprung mit einem Plus von 46’355 Tagen ein, sodass sich ein Endresultat von einem Plus von 18805 Tagen für Österreich ergibt.

CHATElektronenhirn23. Aug 5108. Jan 50592Computerfreak25. Jan 8425. Mär 87-1155World Wide Web05. Aug 9401.01.1995-149Multimedia26. Mär 7025. Mär 71-364Silicon Valley28. Nov 7401.01.1983-2956Cybersex29. Apr 7201.01.2014-15222Desktop Publishing19. Nov 8623. Aug 89-1008Cursor29. Mär 7415. Apr 87-4765Bill Gates04. Feb 8701.01.1994-2523KI05. Dez 5711. September 18304635518805

Beitragsbild: Er muss Österreicher sein! (Andrea Piacquadio, Pexels-Lizenz)

#Longread #TechPremiere

Der Schlepptop eroberte die Schweizer Herzen im Sturm

Oft enden meine Ausflüge ins Archiv antiklimaktisch. Meine Hoffnung wäre, dass ein Journalist oder eine Journalistin sich in einem Essay über eine herannahende technologische Revolution auslässt und sich ausmalt, was die Folgen für Gesellschaft, Wirtschaft und den Lauf der Geschichte sein werden. Dann könnte ich diese Zukunftsvision genüsslich zerpflücken und analysieren, warum alles ganz anders gekommen ist.

Die Realität sieht anders aus: Die erste Erwähnung einer technischen Errungenschaft ist häufig banal. Sie erfolgt in einem Nebensatz oder auf eine Weise, die es mir nicht erlaubt, mich aufs hohe Ross zu schwingen. Stattdessen konstatiere ich Desinteresse: Die Zeitungsleute damals nahmen diese Erfindungen rund um Computer und Telekommunikation nicht sonderlich ernst. Auch das Personal rief keine Ehrfurcht hervor: exemplarisch dafür die erste Erwähnung Bill Gates’ 1987 in einer Schweizer Zeitung.

Das heutige Thema ist eine erfreuliche Ausnahme: Es steht im Zentrum eines ausführlichen Artikels, der geeignet ist, ein leichtes, retrofuturistisches Gruseln auszulösen.

Der Aufstieg des Laptops dauert von 1981 bis 2007

Es geht um den Laptop. Das ist der tragbare Computer, der 2007 die klassische, stationäre Rechenmaschine überholte. Wie Wikipedia weiss, beginnt dessen Geschichte in den 1970er-Jahren. Bis er in der breiten Öffentlichkeit ankommt, dauert es bis in die 1980er-Jahre. Der Ngram Viewer widerspiegelt die Entwicklung eindrücklich: Ab 1981 geht die Kurve der Nennungen in den in Google Books gespeicherten Werken steil nach oben¹. 1989 flacht sie ab, hat ihren Peak 2007 und stabilisiert sich auf einem etwas tieferen Plafond: Der Laptop ist etabliert. Ich vermute, dass ab diesem Zeitpunkt häufig ein tragbares Modell gemeint ist, wenn von «Computer» gesprochen wird.

Die Karriere des Laptops im Ngram-Viewer von Google.

In der Schweiz kommt der Laptop am 28. Januar 1987 an. Die NZZ beschreibt die Revolution der «Portables» und beginnt bei Adam Osborne². Das ist der Erfinder des Osborne 1, der als erster Vertreter seiner Art gilt und mit elf Kilogramm noch ein echter Schlepptop war. Die NZZ liefert die passende Einordnung:

Er [Osborne] ahnte wohl nicht, dass er mit dem nähmaschinengrossen (…) Gerät eine Revolution auslösen würde. Die Idee, die Leistung eines vollwertigen PC in einen Koffer zu verpacken, war zweifellos genial. Das «Richtige» wurde aber anfänglich mit den falschen Mitteln realisiert. Zu sehr war Osborne noch vom Image des konventionellen PC mit Tastatur, Prozessor mit Diskettenlaufwerken und Kathodenstrahl-Bildschirm geprägt.

«Erregt kein Aufsehen mehr»

Eine Revolution also. Die NZZ erweckt ausserdem den Eindruck, dass vor 39 Jahren der Anblick solch tragbarer Computer alltäglich war:

Es findet auf jedem Arbeitstisch Platz, und auch auf dem Kaffeetisch zu Hause erregt er kein Aufsehen mehr. Und mit einem Griff verstaut man seinen «Laptop-Computer» in der Aktentasche, um überall damit arbeiten (oder spielen) zu können, sei es im Taxi, in der Bahn, im Flugzeug oder im Hotel. Mit dem neuen und doch vertraut aussehenden Gerät verschwindet die «Schwellenangst» vor dem Computer. Man lernt innert Minuten, damit zu schreiben, Tabellen und Graphiken zu gestalten sowie weltweit zu kommunizieren.

Bemerkenswert, dass noch vor der Erfindung des World Wide Web die Kommunikation dieser mobilen Geräte als zentrale Funktion beschrieben wird. Die damaligen Laptops hatten keine entsprechenden Verbindungsmittel eingebaut. Für die «weltweite Kommunikation» benötigte man ein externes Modem oder einen Akustikkoppler und einen Zugang zu VTX, Minitel, Compuserve oder einem Firmennetzwerk.

Es gab ihn doch, den Schweizer Computerfreak

Die Schilderung dieser schönen, neuen Möglichkeiten erscheint reichlich salopp. Ich werte sie als Ausdruck der persönlichen Hoffnung des Autors, der sich offensichtlich auf diese neue Ära freut und dem Fortschritt positiv gegenübersteht. Das freut mich ungemein. Bisher waren die Schilderungen immer distanziert, betont nüchtern oder von einer unterschwelligen Skepsis geprägt. Wie eingangs erwähnt: Man nahm diese Entwicklung nicht ernst oder traute ihr nicht.

Der Autor, der den Artikel nur mit dem Kürzel tr. zeichnete, hat einen anderen Zugang. Ich gehe davon aus, dass der Laptop auf dem Kaffeetisch bei ihm selbst zuhause kein Aufsehen mehr erregte. Für die «normalen» Leute war ein solches Gerät zweifellos eine exotische Sache.

Der Artikel endet mit einer Prognose. Das heisst: Ich kann unter der Prämisse, dass man es hinterher immer besser weiss, die seherischen Fähigkeiten der NZZ auf den Prüfstand stellen:

Die ersten Farbbildschirme für Portables werden nicht lange auf sich warten lassen, 10-MByte-Festplatten dürften auch bei den billigeren Modellen bald zur Routine werden. Der heutige, zehn Prozent betragende Anteil der Portables am gesamten PC-Markt dürfte konservativ extrapoliert bis 1991 die 25-Prozent-Hürde spielend nehmen. Wenn der zu erwartende technische Fortschritt einkalkuliert wird, könnten es auch fünfzig Prozent werden.

Der Faktencheck:

Farbbildschirme: ✔️
Wikipedia bestätigt die Aussage: «Um 1991 herum eroberten zwei neue Farb-LCD-Technologien den Mainstream-Markt im Sturm: Dual STN und TFT.» Apple lancierte 1993 den ersten Laptop mit Farbdisplay, das PowerBook 180c.

10-MB-Festplatten: ✔️
Das war eine konservative Voraussage. Ich erinnere mich, dass das Laptop meines Onkels – an die Marke erinnere ich mich nicht mehr – am Anfang der 1990er-Jahre vierzig Megabyte Speicher hatte.

Ein Viertel Marktanteil bis 1991:
Wikipedia schreibt, dass der Laptop bis 1994 einen Sechstel der Verkäufe ausmachte. Der Preisunterschied gegenüber einem stationären Computer war für viele zu hoch. Das galt für mich. Ich zog einen mobilen Computer nicht einmal in Erwägung. Nebst dem Geld lag das ferner daran, dass die Arbeit am kleinen Röhrenmonitor komfortabler war als an dem noch kleineren LCD-Display.

Fünfzig Prozent Marktanteil:
Nein. Wie anfangs angemerkt, mussten sich die Laptop-Fans bis zum Jahr 2007 gedulden, bis diese Marke überschritten wurde. Ab dann waren die tragbaren Computer tonangebend.

Vermutlich war nicht allein die Euphorie des Journalisten schuld an der zu positiven Einschätzung. Auch «Der Bund» prognostizierte am 29. September 1987 «ein Drittel Tragbare» bis 1990. Es liegt auf der Hand, dass diese Prognose von der Branche selbst stammte, die die Laptop-Begeisterung anfeuern wollte. Nicht uneigennützig. Denn wie erwähnt war und ist bei dieser Bauart die Marge deutlich höher.

Trotzdem ist das eine erfreuliche Recherche: Endlich eine Berichterstattung, die nicht so tut, als ginge uns das alles nichts an, sondern aus der Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer – so, wie ich sie seit ungefähr 1996 betreibe. Ich verstehe zwar, dass man sich in den 1980er-Jahren auf den Standpunkt stellen konnte, diese Computersache sei ignorierbar. Spätestens im nächsten Jahrzehnt hätte man verstehen sollen, dass diese Entwicklung indirekt jeden einzelnen betrifft – so wenig er auch mit Mikrochips und Floppydisks zu tun haben wollte. Forschung der ETH zeigt, dass die Computerisierung in den frühen 1990ern zu einem unausweichlichen Trend wurde. Der PC war nicht mehr optional. Fähigkeiten als Anwenderin und Anwender wurden unverzichtbar und die gesellschaftlichen Auswirkungen unverkennbar.

In Burgdorf traute man der Sache nicht

Abschliessend komme ich nicht um die Bemerkung herum, dass selbst in diesem Fall die Skeptiker nicht weit waren. Auch zum Laptop findet sich ein technologiekritischer Beitrag. Dieser erschien am 4. August 1989 im «Burgdorfer Tagblatt». Reporter Kay Bieri sprach mit Bernhard Steiner, dem Experten eines lokalen Computerhändlers namens Alisys.

Titel: Computer: Zukunft oder nur Zeiterscheinung?

Jetzt wissen wir endlich, was Sache ist!

Bieri fragte solche Dinge wie: «Was ist das, ein Computer?» (Antwort: «Der Computer ist eine Maschine, die sehr schnell verschiedenste Abläufe durchführen kann, aber selber keine Intelligenz besitzt.») Erklärt wurden auch Dinge wie Prozessor, Schnittstellen, Speichermedien, Nadeldrucker, Modem und eben – Laptop:

Wo überall trifft man Computer an?

Seitdem es das Laptop (tragbarer PC) gibt, fast überall auf der Welt.

Die Frage im Titel bleibt – und das ist echt schlechtes Handwerk – unbeantwortet. Das Foto verrät immerhin, dass Interviewer Kay Bieri bei seiner Recherche höchstens 13, 14 Jahre alt gewesen sein kann. So sei ihm dieser Ausrutscher verziehen. Und wir können an dieser Stelle die Antwort geben:

Nein, Computer sind nicht nur eine Zeiterscheinung, und diese Laptops sind es auch nicht.

Fussnoten

1) Das gilt für den englischsprachigen Corpus. In den deutschsprachigen Werken dauerte es bis 2004, bis der Graph nicht bloss sanft ansteigen wollte. ↩

2) Zum Stichwort Osborne haben die Schweizer Medien auch anfangs der 1980er-Jahre einiges zu bieten: Der «Courrier de Genève» vermeldet am 8. September 1982, das Unternehmen habe seinen europäischen Hauptsitz in Genf eingerichtet:

Die Muttergesellschaft dieses amerikanischen Unternehmens, die sich für einen Standort in Genf entschieden hat, plant für ihr erstes Geschäftsjahr einen Umsatz von 100 Millionen Dollar. Adam Osborne, Autor von Büchern über Mikrocomputer, gründete im Januar 1981 die Osborne Computer Corporation. Der erste tragbare Personalcomputer Osborne 1 wurde im Juli 1981 verkauft

Die Zeitung verwendet die Bezeichnung «ordinateur individuel portable», d. h. «tragbarer Personalcomputer». Das zeigt, dass das Konzept dieser Computerbauform älter ist als die Bezeichnung «Laptop».

Die Erfolgsgeschichte von Osborne war schon zwei Jahre später zu Ende. Am 15. September 1983 berichtete die NZZ vom Konkurs des Unternehmens:

Die einst höchst erfolgreiche Firma, die vor zweieinhalb Jahren den Markt mit einem tragbaren Mikrocomputer revolutionierte, ist tief verschuldet und musste letzte Woche sämtliche Arbeiter entlassen und die Produktion einstellen. Der Gerichtsschutz vor Gläubigerklagen soll es Osborne ermöglichen, entweder neue Geldgeber zu finden, die Firma zu verkaufen oder auf ordentlichem Wege zu liquidieren.

Das war ein Vorbote der Krise von Amerikas Computerindustrie. Die NZZ berichtete am 1. November 1983:

Der von Branchenbeobachtern seit einiger Zeit vorausgesagte «Shakeout» in der übervölkerten amerikanischen Computerindustrie hat mit dem Rückzug der Texas Instruments aus dem Markt für Heimcomputer konkretere Formen angenommen. Erst kürzlich hatte ein anderer prominenter Vertreter, die Osborne Computer Corp. – ein Pionier der tragbaren Mikrocomputer –, ein Konkursbegehren gestellt, und zahlreiche andere Branchenvertreter kämpfen mit Schwierigkeiten und hohen Verlusten. ↩

Beitragsbild: Der Urvater aller Laptops, der Osborne 1 (Tomislav Medak/Flickr.com, CC BY 2.0).

#Longread #TechPremiere

Der Pocket-Computer, ein vergessener Pionier

Eine retrofuturistische Perle: Im «Usborne Guide to Computers» wurde 1981 die Möglichkeiten zukünftiger Pocket-Computer beschrieben.

Der Pocket-Computer hat es in die Wikipedia geschafft – genauso, wie der tasmanische Beutelwolf und Stellers Seekuh, mit denen er das Schicksal teilt, ausgestorben zu sein. Oder wie der Neandertaler: Von dem hat der moderne Mensch ein paar Gene mitbekommen, doch mehr blieb nicht von ihm übrig. Und um noch kurz bei der Analogie zu bleiben: Die Sache mit den geringen Überbleibseln gilt ebenfalls für das Objekt der heutigen Folge der Tech-Premieren. Mit viel gutem Willen können wir die Softkeys moderner Eingabegeräte als Relikt dieser Geräteklasse ansehen.

Dessen Geschichte fängt 1980 mit dem Sharp PC-1210 an: dem ersten Taschenrechner-Modell, das nicht nur fixe Funktionen ausführen, sondern mittels Basic programmiert werden konnte. Ich hatte das Vergnügen, Mitte dieses Jahrzehnts am Gymnasium mit einem seiner Nachfahren in Kontakt zu kommen: Am Sharp PC-1403 machte ich mich mit der Programmiersprache Basic vertraut. Das war kein Erweckungserlebnis im eigentlichen Sinn, aber ein erster Schritt auf dem Weg zu meiner Computernerdwerdung.

Das Ende kam bereits zehn Jahre später. Die Rechner im Taschenformat wurden durch leistungsfähigere Minirechner abgelöst, die eine breitere Funktionspalette anboten: erst die Organiser (Electronic Organizer), die Adressen, Aufgaben und Termine verwalten konnten, dann bald die PDAs (Personal Digital Assistant), die mit Programmen ausgestattet und dem Computer synchronisiert werden konnten. Ich schaffte mir 1999 den Psion 5mx an, den ich in gleich zwei Artikeln würdigte.

Zu Unrecht verkannt

Ist der Pocket-Computer bloss ein bedeutungsloses Zwischenspiel in der rasanten Evolution der programmierbaren Rechenmaschinen? Oder verdient er ein eigenes Kapitel in dieser Historie?

Unbedingt letzteres trifft zu: Ein schlauer Taschenrechner war vor 45 Jahren die preisgünstigste Möglichkeit, Basic und die Softwareprogrammierung kennenzulernen und Spass daran zu finden. Falls ich mich nicht irre, haben wir 200 Franken bezahlt. An diesem Gerät schrieb man seinen Code selbst, und die eigenen Ideen und Fähigkeiten entschieden darüber, wie nützlich oder sinnlos es war. Beim Organiser und dem PDA arbeiteten wir mit den eingebauten Applikationen. Diese Entwicklung vom Entwickler zum Anwender war in gewisser Weise ein Rückschritt.

Damit zur eigentlichen Frage dieser Rubrik: Haben die Schweizer Medien die Bedeutung des Pocket-Computers erkannt?

Im elektronischen Zeitungsarchiv finden sich 64 Treffer zum Stichwort. Allerdings, und das ist überraschend, sind 63 davon Anzeigen. Wenn wir uns den einzigen Artikel ansehen, stellen wir fest, dass es sich dabei um eine falsch klassifizierte Anzeige handelt. Mit anderen Worten: Diese Entwicklung (zumindest gemessen an diesem Archiv, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt) komplett an den Schweizer Zeitungen vorbei.

Eine missverständliche Modellbezeichnung

429 Franken für den programmierbaren Taschenrechner von Tandy. Der Drucker kostete 359 Franken.

Das früheste Inserat erschien am 16. April 1982 in «La Liberté» und simultan auch im «Journal du Jura» und dem «Courrier de Genève», und es bewarb den Tandy TRS-80. Unter dieser Bezeichnung brachte Tandy, der Vorläufer von Radioshack, 1977 einen der ersten Heimcomputer auf den Markt. Unter der gleichen Markenbezeichnung lancierte der Hersteller 1980 auch den programmierbaren Rechner, der, wie Wikipedia erklärt, inkompatibel zum Desktop-Computer war und keinen Zilog Z80-Prozessor enthielt. Ab 1987 gab es ausserdem einige Inserate zu einem Pocket-Computer für astrologische Zwecke, der vom Institut d’Astrologie in Lausanne angeboten wurde.

Fazit: Ein Totalversagen unserer Medienschaffenden. Es gibt ferner keine Treffer zum Sharp PC-1210, zum PC-1403 oder zu Basic-Taschenrechnern. Das Stichwort «Handheld» wurde erst in den 1990er-Jahren aufgegriffen¹. Immerhin: Dem Begriff des «Taschen-Computers» begegnen wir in den Achtzigern. Am 8. April 1987 widmeten die «Freiburger Nachrichten» dem Psion Organiser II/CM ein paar Zeilen:

Personal-Computer, die man im Aktenkoffer mitschleppen kann, gibt es schon lange, aber ein Gerät, das in der Westentasche Platz findet und trotzdem fast die Leistung eines ausgewachsenen PC erbringt, ist neu. Der «Psion Organiser II/CM» ist nur 14×8×3 cm gross, wiegt 250 Gramm und ist schlicht gesagt ein kleines techlogisches Wunderwerk. Eine eingebaute Uhr mit Datum und Alarmsystem ist heute ja schon fast Standard, dass man jedoch bei einem Termin eine Stunde vorher gemahnt wird und das «Wann», «Wo» und «Wer» am Bildschirmfenster aufleuchtet, ist ungewöhnlich. Eingebaute Rechen-, Datenbank- und Terminprogramme gehören zur Grundausrüstung: zusätzliche Software (zum Beispiel Geschäftsapplikationen) ist als Steckmodul erhältlich.

Streng genommen ist ein Taschen-Computer kein Pocket-Computer – aber wir wollen nicht päpstlicher als der Papst sein. Stattdessen freuen wir uns über die Begegnung mit diesem britischen Unternehmen.

Einer auf Reddit hat den alten Taschenrechner vor drei Jahren zum Laufen bekommen.

Der britische Fuss in der Smartphone-Welt

Psion kommt die Rolle eines Pioniers bei den Kleincomputern zu; das erste Organiser-Modell von 1984 gilt als einer der ersten echten Taschencomputer im Taschenformat. Das EPOC-Betriebssystem war ein Vorbild an Stabilität und überlebte mit seinem Nachfolger Symbian bis in die Smartphone-Ära. Der Entscheid von Nokia, zu Windows Phone 7 zu wechseln, bedeutete 2011 den Todesstoss. Aus heutiger Sicht ein gravierender Fehler. Hätte Symbian weiterexistiert, bestünde heute zur Freude vieler nebst Android und iOS eine dritte Wahlmöglichkeit …

Fussnoten

1) Die erste Erwähnung findet sich am 28. März 1990 in der NZZ im Beitrag Der Konsument als «König und Bauer», in dem es um die «Akzeptanzprobleme beim elektronischen Zahlungsverkehr» ging. Der Autor erklärte die RSA-Verschlüsselung und dessen Einsatz beim elektronischen Zahlungsverkehr:

Jeder Händler kann überprüfen, ob es sich tatsächlich um echtes Geld handelt, indem er den öffentlichen Schlüssel der Bank anwendet und prüft, ob das Ergebnis bestimmten, vorher festgelegten Kriterien genügt. Dieser Algorithmus läuft heute noch auf Handheld-PCs, ist jedoch auch auf Chipkarten zu implementieren. ↩

Beitragsbild: Der Psion Organiser war zwar kein Pocket-Computer im strengen Sinn, aber dennoch ein Pionier der 1980er-Jahre (Nic Wood, Pexels-Lizenz).

#TechPremiere

«Kollege Computer» macht die Gesellschaft kaputt

Neulich hat einer auf Threads erzählt, ein anderer habe in einem Podcast behauptet, bereits 1999 Online-Banking betrieben zu haben – und das müsse eine Lüge sein: E-Banking in der digitalen Steinzeit? Unmöglich!

Der Mann wurde umgehend auf seine Bildungslücke aufmerksam gemacht und des Ragebaitings beschuldigt. Das ist eine erfolgreiche Methode, die sozialen Medien mittels Empörung zu bewirtschaften: Wenn einer im Brustton der Überzeugung etwas Absurdes behauptet, hat das geharnischte Reaktionen und eine gute «Einschaltquote» für das Posting zur Folge. Dass der Ragebaiter dumm dasteht, ist Nebensache.

Der Vorwurf scheint im vorliegenden Fall begründet: Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass Bankgeschäfte eine der Ur-Anwendungsformen im elektronischen Datenverkehr sind. Sie waren schon möglich, als das World Wide Web längst nicht erfunden war. Ein Artikel bei «Heise» datiert den Start in Deutschland auf den 12. November 1980. Die Kommunikation mit der Bank erfolgte über Bildschirmtext (BTX), ein Datenübertragungssystem der Post, das in der Schweiz Videotex (VTX) hiess. Das Einkaufen und Bezahlen waren Kernfunktionen dieses Systems.

Lasst mich den Online-Shit-der-Woche-Aspekt dieses Themas mit einem kritischen Einschub beenden: Wenn eine einzige Google-Suche ausreicht, um einen Sachverhalt zu überprüfen, dann ist es ein klares Zeichen für den desolaten Zustand der sozialen Medien, dass das so oft unterlassen wird. Nicht aus Faulheit, sondern absichtlich: weil der Algorithmus derlei Troglodytentum befördert.

1996 war Online-Banking in der Schweiz schon fast normal

Kommen wir damit zum historischen Teil und zur Tech-Premiere: Wann wurden in der Schweiz Online-Bankgeschäfte möglich?

Der Begriff «Online-Banking» taucht zum ersten Mal am 2. Oktober 1996 in einem hiesigen Medium auf. Die Zeitschrift «Wir Brückenbauer» (heute: Migros-Magazin) empfahl damals, die Rechnungen am PC zu erfassen, statt am Bankschalter anzustehen:

Voraussetzung für Online-Bankgeschäfte ist die entsprechende Ausrüstung: Personalcomputer mit Modem, Videotex-Abonnement von der Swiss Online AG, Zugangssoftware und Telebanking-Vertrag mit der Bank. Das Online-Banking erlaubt dem Kunden, via Computer jederzeit über sein Bankkonto zu verfügen, den aktuellen Stand abzurufen, Zahlungen und weitere Bankgeschäfte zu tätigen.

Die Segnungen der Technik!

Die Zeitschrift informierte in eigener Sache. Die Herausgeberin war die Migros, die schon damals eine Bank betrieb und die augenscheinlich grosses Interesse daran hatte, die Kundinnen und Kunden vom Gang in die Filiale abzuhalten:

Sie [die Software CC-WinPay] kostet 68 Franken und ist in allen grösseren Migros-Filialen mit Software-Angebot erhältlich. Zwanzig Franken werden zurückerstattet, wenn man ein Konto bei der Migros Bank eröffnet. Migros-Bank-Kunden zahlen fünfzig Franken. Die Migros Bank offeriert die Software auch als Paket mit einem Faxmodem¹ 14400 bps für 170 Franken oder einem Faxmodem 28800 bps für 300 Franken.

Zurück zur Frage: Wann ging es in der Schweiz damit los?

Bankkarte, bargeldloses Zahlen und elektronisches Banking

Zu einer ähnlichen Zeit wie in Deutschland. Das «Electronic Banking», wie es in der Anfangsphase genannt wurde, war Thema einer tollen «Near Future»-Vision, die am 4. Oktober 1982 von der Zeitung Neue Zürcher Nachrichten ausgerollt wurde. Sie drehte sich im ersten Teil ausführlich um die elektronische Bankkarte². Dann hatte VTX seinen Auftritt:

Darüber hinaus sind aber auch Dialogsysteme (Zweiwegkommunikation) – in Deutschland unter der Bezeichnung Bildschirmtext, in der Schweiz als Videotex – in Erprobung beziehungsweise in Vorbereitung. Diese Systeme wiederum werden dem Bankkunden erlauben, via Telefonleitung einen Dialog, der auf dem Fernsehgerät sichtbar wird, mit seiner Bank zu führen, sei es für

  • Durchführung von Kontotransaktionen (inklusive Kontostandabfragen) und Zahlungsanweisungen,
  • bankspezifische Informationen, zum Beispiel aktuelle Zinssätze, Anlagevorschläge, Kreditangebote, oder für
  • generelle Wirtschaftsinformationen. Ähnlich wie in der BRD fängt man in der Schweiz 1983/84 mit einem Versuchsbetrieb an, das heisst mit einer begrenzten Anzahl von Privatpersonen und einem beschränkten Anbieterkreis, um dann allenfalls gegen das Jahr 1985/86 diese Dienstleistungsmöglichkeiten auf breiterer Basis einzuführen.

Die Schweizer Medien behandelten Tech-Themen damals stiefmütterlich. Doch diese Neuerung war im Land der Banken eine grosse Sache. In fünf Dutzend Artikeln beschäftigten sich die Zeitungen in den 1980er-Jahren mit den Banking-Möglichkeiten von VTX³.

Eine düstere Prognose über den Schaden, den der Computer in der Gesellschaft anrichten wird.

Die Homeoffice-Horror-Vision aus dem Oktober 1984

Wie üblich in der Schweiz waren auch die Bedenkenträger nicht weit. Die Christlich-soziale Gewerkschaftszeitung «Aktiv» unkte am 10. Oktober 1984 im Artikel Kollege Computer klopft auf die Schulter:

Gegen die allzu rasche Einführung von Videotex – wie der neuen Technologien überhaupt – ist von Gewerkschaftsvertretern Kritik laut geworden. Diese stossen sich vor allem daran, dass die neue Technik die Arbeitslosenzahl durch vermehrte Rationalisierung noch wesentlich erhöhen könnte, sowie – vor allem wenn der Hauptteil der Arbeit in der eigenen Wohnung zu erledigen ist – an den noch ungeregelten Arbeits- und Lohnverhältnissen und einem möglichen Verlust an Solidarität unter den einzelnen Gewerkschaftsmitgliedern.

Lustigerweise diskutieren die Gewerkschaften heute darüber, ob es ein Recht aufs Homeoffice braucht. Doch der Autor, Max-Peter Stüssi, stilisierte die neue Technik nicht nur zu einer Gefahr für Arbeiterinnen und Arbeiter im Land, sondern zur Bedrohung für die ganze Gesellschaft:

Wenn man zu Hause fast die gesamte Geschäftskorrespondenz erledigen kann, so ist man in der Tat innerhalb der eigenen vier Wände völlig isoliert. (…) Vielmehr wird dadurch unsere gesamtgesellschaftliche Solidarität – die Kontaktfähigkeit zwischen den einzelnen Mitgliedern unserer gesamten Gesellschaft schlechthin – gefährdet.

Speziell bedroht waren die Jugend und die Schulen:

Nicht zuletzt könnten solche Systeme unsere Schulen verändern. So dürfte die leibliche Präsenz des Lehrers – wie es beispielsweise in den USA und in Holland beim Gebrauch des Fernsehens oder des Videos für manche Klassenzimmer bereits zutrifft – erst recht überflüssig gemacht werden: Per Video erschiene das Gesicht des Lehrers, der per Telefon Antwort gäbe auf die ihm ebenfalls telefonisch übermittelten Fragen eines Schülers. Es scheint undenkbar, dass das Fehlen der physischen Präsenz des Lehrers im Klassenzimmer ohne gravierende Auswirkungen bliebe auf die Fähigkeit dieses Schülers, direkte persönliche Kontakte – sowohl auf geistiger wie auf gefühlsmässiger Ebene – anzuknüpfen.

Und nicht zuletzt sah Max-Peter Stüssi diese neue Technologie als Herrschaftsinstrument:

Gerade hierin scheint eine sehr grosse Gefahr zu liegen: dass nämlich die «Technologen» – jene, welche das Funktionieren, die Programmierung des Systems wirklich beherrschen – durch eine geschickte Auswahl der Software (der ins System einzufütternden Daten) eine herrschaftliche, «technokratische» Kontrolle über die ganz grosse Masse der Technologie-Unkundigen – der Tastendrücker – und deren Wünsche ausüben könnten.

Uff! Die harmlose Recherche nach den Anfängen des Online-Bankings mit einem nostalgischen Exkurs zum Videotex⁴ führt uns unvermittelt zu einer bitteren Frage, die schon beantwortet schien: Warum wirkt die Schweiz oft derart technologie- und fortschrittsfeindlich?

Links wie rechts hatte man Schiss vor der Maschine

Nach Max-Peter Stüssis Ausführungen kommen wir zum Schluss, dass sich bei den Bedenken alle verblüffend einig waren: die konservativen Kreise wie die Linken. Die NZZ sah «intelligente Maschinen» als Gefahr für die Freiheit und den menschlichen Geist. Die Befürchtungen im Gewerkschaftsblatt klangen ähnlich. Ein Unterschied liegt darin, dass wir uns bei Stüssis Auslassungen lebhaft vorstellen können, dass ein «böser Kapitalist» diese «technokratische Kontrolle» ausübt, während bei der NZZ die Bedrohung eher als Entwicklung dargestellt wird, die generell in die falsche Richtung läuft.

Was den Grad der ideologischen Verbohrtheit angeht, schmerzt es mich, feststellen zu müssen, dass er in «Aktiv» deutlich grösser war als in der NZZ. Zugegeben, die Grusel-Prognosen Stüssis wurden teilweise wahr: Der Distanzunterricht an den Schulen während der Corona-Pandemie hatte einen Wust von negativen Folgen. Wir müssen es als erwiesen betrachten, dass Leute wie Elon Musk und Mark Zuckerberg eine Art «herrschaftliche technokratische Kontrolle» über die Gesellschaft anstreben.

Doch es wäre übertrieben zu behaupten, dass die Einführung von Videotex und Online-Banking uns in direkter Linie an diesen Punkt geführt hätte. Nein, in dieser Entwicklung gab es viele, viele Zwischenstufen. Und, wer weiss, vielleicht wäre es anders gekommen, wenn sich die Zukunftserwartungen nicht in Fortschrittsverweigerung, sondern in kritischem Optimismus manifestiert hätten.

Fussnoten

1) Wahrscheinlich war ein DFÜ-Modem gemeint, das auch faxen kann – wäre meine Vermutung. Und wo wir bei den Ungereimtheiten sind: Wir könnten uns darüber wundern, wieso ein Videotex-Abonnement notwendig war, wo doch ein PC fürs Online-Banking zum Einsatz kam – denn Videotex wurde typischerweise über ein separates Terminal benutzt. Ab Ende der 1980er-Jahre war es auch möglich, Videotex an einem normalen PC zu verwenden. ↩

2) Diese elektronische Bankkarte wurde wie folgt beschrieben:

Die Schalterhalle der Bank verliert rasch ihren Nimbus. In nicht allzu ferner Zukunft verkehrt der Kunde mit seiner Bank, ohne einen Schritt ausser Hauses zu tun.

In den Entwicklungsabteilungen der Elektronikindustrie und der Banken, wird emsig darauf hingearbeitet, dass verschiedene Funktionen in ein und derselben Plastikkarte vereinigt werden können, ohne gleichzeitig die Sicherheitsprobleme, wie Verlust oder Fälschung der Karten und Identifizierung des rechtmässigen Karteninhabers, zu vernachlässigen. So gibt es bereits heute Zukunftsvarianten, im Rahmen deren der Bankkunde eine einzige Plastikkarte besitzt, die als Legitimationsausweis quasi als Schlüssel zum eigenen Konto und den bankeigenen Automaten zu benutzen ist, zusätzlich aber auch den Zugang zu den gesamtschweizerischen Automatenketten und zur Bezahlung von Einkäufen im Detailhandel an sogenannten Point-of-sale-Terminals, erlaubt.

Bei letzteren handelt es sich um elektronische Kassenmaschinen, die nach Hineinstecken der Plastikkarten durch den Kunden automatisch den Rechnungsbetrag vom Bankkonto des Kunden (sogenannte Online-Version) oder von einem im Mikroprozessor der Karte gespeicherten Geldbetrag (sogenannte Speicherkarte) abziehen.

Siehe da – genauso ist es gekommen. ↩

3) Ein weiteres Beispiel von mehreren: Die Zeitung «Der Bund» beschrieb am 5. August 1983 das Geschäften vom Lehrstuhl aus:

Bereits laufen aber auch Vorbereitungen für das «Home Shopping» und «Home Banking». Dabei kann der Kunde von seiner Wohnung aus über Videotex einkaufen und Bankgeschäfte erledigen. Technisch durchaus denkbar wäre der Einsatz ein und derselben Karte als allgemeine Identitätskarte und als Notfallausweis.

Nein, E-ID haben wir noch immer nicht. Aber bald! ↩

4) Im Rahmen dieses nostalgischen Exkurses fragte ich mich auch, was aus der Swiss Online AG wurde – jenem Unternehmen, das Ende 1994 gegründet worden war, um das Videotex-Geschäft der Schweizer PTT zu betreiben. Es nahm am 18. Januar 1996 auch Aktivitäten im Internet auf. Die NZZ berichtete:

Mit der Kombination der Angebote im Videotex und im Internet werde Swiss Online in Zukunft zu einem der grössten elektronischen Marktplätze der Schweiz, wie die Gesellschaft weiter bekanntgab. Das Unternehmen tritt damit in Konkurrenz zu bestehenden Internet-Zugangsfirmen wie Eunet oder CompuServe.

Die Swiss Online AG wurde zum Internetprovider, der die Videotex-Angebote auch via Internet zugänglich machte. Und auch interessant zu wissen, ist, wie breit die Swiss Online AG abgestützt war:

Die Swiss Online war im Dezember 1994 gegründet worden und hatte von den Telecom PTT den Dienst Videotex übernommen. Aktionäre der Gesellschaft sind der Verband Schweizer Telematik-Anbieter, die drei Grossbanken SBG, SKA und SBV, die Zürcher Kantonalbank, der Schweizer Verband der Raiffeisenbanken, Grand Magasins Jelmoli, Publicitas, Swissair, Teledata sowie die Post und die Telecom PTT.

Mit Videotex war am Anfang der Nullerjahre Schluss. Die NZZ vermeldete am 6. Oktober 2000 das Ende:

Letzten Samstag ging in der Geschichte der Informationsgesellschaft Schweiz eine Epoche zu Ende: Swiss Online hat den Videotex-Dienst, den sie 1996 von den PTT übernommen hatte, abgeschaltet. Dieser Dienst verzeichnete zu seinen besten Zeiten über 120 000 Teilnehmer. Gegen das Netz der Netze konnte sich das geschlossene, zentralistisch organisierte, von einem Staatsbetrieb kontrollierte Videotex nicht behaupten.

Damit war auch das Ende der Swiss Online AG besiegelt. Sie war per Ende Juni 1998 von einem Konkurrenten übernommen worden, der mir hier im Blog anfänglich oft Stoff für bittere Tiraden bot: der Cablecom. Nach dem Ende von VTX gab es für den Kabelnetzbetreiber, der später UPC hiess und seinerseits 2019 von Sunrise übernommen wurde, keinen Grund mehr, an dieser geschichtsträchtigen Schweizer Marke festzuhalten. Sie verschwand sang- und klanglos aus der Berichterstattung und aus dem Schweizer Wirtschaftsbetrieb. ↩

Beitragsbild: Dieses Gerät ersparte seinem Nutzer das Anstehen am Bankschalter (Videotex-Telefon Comtel 3210 von Siemens-Albis, Comet Photo AG, Bildarchiv der ETH-Bibliothek Zürich, CC BY-SA 4.0).

#DerOnlineShitDerWoche #Geld #Longread #TechPremiere #UPC

1995, als Bill Gates die Düse ging

Ich habe wieder einmal erfolgreich ein Jubiläum verpasst – nämlich den dreissigsten Geburtstag von Windows 95. Dieses Betriebssystem kam am 24. August 1995 auf den Markt, und es ist nicht übertrieben, von einem Meilenstein zu sprechen.

Der Vorgänger mit dem Programm-Manager, den kurzen Dateinamen und dem primitiven (kooperativen) Multitasking war ein Kind der DOS-Ära. Windows 95 hingegen hatte viele der Merkmale eines «modernen» Betriebssystems. Das Startmenü, die Taskleiste und der Desktop hielten Einzug, Plug-and-Play vereinfachte den Umgang mit externer Hardware und bei der Dateiverwaltung war der Explorer gegenüber dem alten Dateimanager ein deutlicher Fortschritt¹.

Bedeutsam ist allerdings auch, dass in Windows 95 weit und breit nichts von einer Erfindung namens «Internet» zu sehen war. Es gab keinen Browser und keinen TCP/IP-Stack². Stattdessen war Bill Gates auf die Idee verfallen, The Microsoft Network (MSN) in sein Betriebssystem hineinzubasteln. Das war ein proprietärer Einwähldienst wie Compuserve oder AOL, der kein freies Inhaltsangebot erlaubte, sondern nur ein kuratiertes bzw. kontrolliertes Angebot.

«The Microsoft Network» – auch in der Schweiz zugänglich, mit Einwahlnummern in Bern, Zürich und Genf (hier zum Leben erweckt via PCjs Machines).

Nein, Gates hat das Internet nicht verschlafen

Dieser Umstand wurde in den 1990er-Jahren oft so interpretiert, Microsoft hätte das Internet verschlafen. Doch aus allem, was wir über diesen Konzern wissen, drängt sich eine andere Sichtweise auf: Natürlich hatte Bill Gates dieses Internet auf dem Schirm, und er war sich dessen Potenzial sehr wohl bewusst. Er erkannte es als Bedrohung für das Geschäftsmodell seines Unternehmens. Deswegen kam MSN zusammen mit dem neuen Betriebssystem auf den Markt. Geklappt hat dieser Powermove bekanntlich nicht – zumindest nicht bei der Online-Plattform. Beim Internet Explorer war die Bündelung hingegen so erfolgreich, dass dieser lausige Browser für mehr als zehn Jahre (ungefähr 2000 bis 2012) der Dominator war.

Gates wusste schon vor der Veröffentlichung von Windows 95, dass es MSN nicht gelingen würde, das Internet aufzuhalten. Das ist nicht bloss Spekulation: Bereits im Mai 1995 schrieb er ein ellenlanges Traktat an seine Führungsriege, das als «The Internet Tidal Wave»-Memo in die Geschichte eingehen sollte. In dem hielt er fest:

Eine Kombination aus erweitertem Internetzugang, ISDN, neuen Breitbandnetzen, die sich durch Video-Anwendungen ihre Daseinsberechtigung erhalten, wird innerhalb des nächsten Jahrzehnts kostengünstige Kommunikation für die meisten Unternehmen und Haushalte ermöglichen. Das Internet steht dabei an vorderster Front, und die Entwicklungen im Internet in den nächsten Jahren werden den Kurs unserer Branche für lange Zeit bestimmen.

Noch prägnanter:

Das Internet ist die wichtigste Einzel-Erfindung seit der Einführung des IBM-PCs im Jahr 1981.

Und als Beweis, dass Gates zumindest in der internen Kommunikation zu unerwarteter Selbstkritik fähig war, hielt er fest:

Erstaunlicherweise ist es einfacher, Informationen im Internet zu finden als im Microsoft-Unternehmensnetzwerk.

Gates ist in Panik, weil er im Internet keine Worddateien findet

Die Angst, dass Microsoft die Felle davonschwimmen könnten, ist mit Händen zu greifen:

Beim Surfen im Internet findet man fast keine Microsoft-Dateiformate. Nach zehn Stunden Surfen hatte ich keine einzige Word-DOC-Datei, AVI-Datei, Windows-EXE-Datei (ausser Content Viewern) oder ein anderes Microsoft-Dateiformat gesehen. Ich habe jedoch eine grosse Anzahl von Quicktime-Dateien gesehen.

Vor meinem inneren Auge sehe ich das Bälkchen unten wandern…

Nebst Apple werden Netscape und Adobe mit PDF als direkte Konkurrenten genannt. Wenig überraschend finde ich die technische Perspektive, mit der er sich an den Dateiformaten abarbeitet, statt die gesellschaftliche Dimension des freien Informationsflusses zu sehen.

Nach der Lektüre (bzw. dem Querlesen) des «Tidal Wave»-Memos stellt sich die Frage, wie viel früher Gates hätte merken können oder müssen, dass er mit seinem Microsoft Network nicht gegen das Internet würde anstinken können. Die Vertreter der «Gates hat verpennt»-These könnten an dieser Stelle genüsslich darauf hinweisen, dass es eine zehnstündige Surf-Session brauchte, damit der Chef auf den Trichter kam.

War Gates ein Spätzünder? Es gibt Argumente für diese Annahme: Man hätte es am 30. April 1993 kapieren können, als das World Wide Web für die Öffentlichkeit freigegeben wurde. Doch da Windows 95 schon seit Dezember 1992 in Entwicklung war, habe ich Verständnis, wenn wichtige Weichenstellungen bereits früher erfolgten. Die Konkurrenten, die Microsoft mit MSN aus dem Weg kegeln wollte, waren deutlich älter: AOLs Vorläufer startete 1985, Compuserve sogar bereits 1969.

Schon beim Start veraltet

Immerhin, am 26. Mai 1995 erkannte Gates den Sachverhalt – und damit, so würde ich behaupten, deutlich früher als die meisten von uns. Nicht nur das: Die Erkenntnis versetzte ihn regelrecht in Panik. Der Microsoft-Chef ordnete eine Latte von Massnahmen an, u. a.:

Zunächst müssen wir einen geeigneten Client anbieten, der Windows 95-Features nutzt. Das allein wird die Nutzer jedoch nicht dazu bewegen, von Netscape zu wechseln. Wir müssen herausfinden, wie wir Blackbird integrieren und das Surfen in unseren Internet-Client einbinden können. Wir haben uns entschieden, Blackbird-Funktionen offen anzubieten, anstatt sie an MSN zu binden.

«Blackbird» war der Codename von Microsofts Software zur Erstellung von Online-Inhalten. Sie sollte ursprünglich das Publishing-Werkzeug für MSN sein, aber wie Gates hier andeutet, wollte er sie als universelles Werkzeug positionieren.

Gates spricht in seinem Memo viel von Chancen. Doch es bleibt dabei, dass erst der Rückstand auf wichtige Konkurrenten ihn zum Handeln brachte. Damit war Windows 95 – das in einem Düsseldorfer Hühnerhof heute noch Eier sortiert – zwar ein Meilenstein. Doch massiv getrübt wird diese historische Bedeutung durch die Tatsache, dass das Produkt aus Sicht der rasanten Internet-Entwicklung schon beim Erscheinen veraltet war.

Ein Aspekt, der in der Computerhistorie unbedeutend ist, der mich hier dennoch interessiert, ist die Frage: Haben die Schweizer Medien von Windows 95 Wind bekommen und angemessen berichtet?

Die ersten Zeitungen berichteten mit neun Monaten Vorlauf. Schon am 16. November 1994 verkündeten «Der Bund» und «La Liberté» Microsofts Pläne. Die Zeitung aus Freiburg erwähnte als Neuerung sogar besagtes MSN. Dieses Update war in den Schweizer Medien ein so grosses Thema, wie ich es mir bei meinen Archivrecherchen kaum gewohnt bin: Für 1995 verzeichnet E-Newspaperarchives die untypisch hohe Menge von 226 Artikeln.

Windows 95, der Vampir?

Einer stammt von «L’impartial». Claudio Personeni besprach am 20. Juni 1995 das Betriebssystem unter dem Titel «Der Vampir hat sich angekündigt». Der Blutsauger im Titel rührt vom französischen Verb «vampiriser», das die Erwartung ausdrückt, Windows werde sich um die vierzig Millionen PCs «hörig machen». Eine nachvollziehbare Begründung für diese harte Formulierung liefert Personeni nicht. Dafür erfahren wir, dass schon zum Start angekündigt war, Windows fürs Internet zu öffnen – wenngleich erst mit Verzögerung und nur indirekt via MSN:

Für eingefleischte «Surfer» ist zu erwähnen, dass Microsoft Network – MSN für Insider – auch die Möglichkeit bietet, auf das Internet, das Netz der Netze, zuzugreifen, zunächst allerdings nur teilweise, da nur die «Newsgroups» zugänglich sind. In der Schweiz stehen vier Zugangsleitungen zu MSN in Bern, Zürich und Genf zur Verfügung. Im Ausland wird MSN in nicht weniger als 35 Ländern in zwanzig verschiedenen Sprachen zugänglich sein.

Doch Gates’ Sofortmassnahme zur Beherrschung des Internets warf bereits ihre Schatten voraus. Die sich anbahnenden Justiz-Probleme schilderte Personeni in Überstrapazierung seiner Metapher als Gefahr für die Schwingen des Flattermanns:

Vorausgesetzt, die amerikanische Justiz schneidet Microsoft in diesem Punkt nicht die Flügel ab. Angesichts der überaus dominanten Stellung des amerikanischen Giganten auf dem IT-Markt und gemäss den im Land geltenden Kartellgesetzen haben die Richter der Vereinigten Staaten kürzlich beschlossen, sich mit dem Fall des weltweiten Telekommunikationsnetzwerks von Microsoft zu befassen.

Immer eine halbe Länge Rückstand auf den nächsten Trend

Fazit: Ich verbrachte 1995 in gespannter Erwartung auf das neue System und habe es bei der ersten Gelegenheit gekauft und installiert. Ich glaube sogar, mich zu erinnern, dass ich vorab für sechzig Franken die Beta-Version gekauft hatte, weil ich so ungeduldig war. Aus heutiger Sicht ist Windows 95 ein eindrückliches Beispiel dafür, wie Microsoft selten echte Innovationen geschaffen hat, sondern vor allem den Trends hinterherhechelte, die als entscheidend fürs eigene Geschäft identifiziert worden waren.

Was die Schweizer Presse angeht, hat die für einmal ein wichtiges Thema nicht verschlafen. Inhaltlich gibt es dennoch nur eine genügende Note: Die Artikel waren vor allem beschreibender Natur. Wir vermissen eine klare Einordnung, prägnante Analyse und scharfe Kritik.

Fussnoten

1) Auch wenn es Leute geben soll, die noch heute dem damaligen Prinzip nachtrauern, die Ordner als Kinderfenster in einem einzigen Hauptfenster anzuzeigen, weil es so möglich war, die über das Fenster-Menü nebeneinander anzuordnen. ↩

2) Daniel weist auf Bluesky darauf hin, dass in Windows 95 ein TCP/IP-Stack vorhanden und tatsächlich schon für Windows for Workgroups 3.11 von 1993 als Add-on kostenlos erhältlich war, während auf Hackernews darüber gestritten wird, ob man dieses Feature separat installieren oder bloss aktivieren musste. ↩

Beitragsbild: Ein Fähnchen im Wind (Windows 95 launch memorabilia von Marcin Wichary/Flickr.com, CC BY 2.0).

#BillGates #Longread #TechPremiere

Der erste Auftritt des Bildschirmläufers in der Schweiz

Die heutige Nachforschung führt uns so weit in die Vergangenheit zurück, wie es selten passiert, wenn ich meine Computer-Tech-Brille anziehe und herausfinden möchte, wann ein Begriff aus der digitalen Welt seine mediale Premiere erlebte. Das erste Vorkommen verzeichnen wir am 15. Juli 1855 im «Der Bund».

Ihr werdet jetzt sicherlich vermuten, dass die Bedeutung vor 170 Jahren eine andere war als heute. Damals war die Welt zu hundert Prozent analog. Erst ganz am Ende des 19. Jahrhunderts begegnen wir den ersten Anzeichen kommender Veränderungen. 1896 gründete Herman Hollerith das Lochkartenunternehmen, aus dem später IBM werden sollte.

Ihr habt recht: Der Begriff wurde damals im ursprünglichen Sinn angewandt. Doch charmanterweise passt dieses alte lateinische Wort wunderbar in die heutige Zeit. In Deutsch heisst es Läufer oder Kurier: Und das beschreibt perfekt, was diese kleine Marke tut, wenn sie geschäftig von einer Ecke des Bildschirms zur anderen eilt.

Seit August 1967 patentiert

Der Cursor: Er läuft auf den grafischen Benutzeroberflächen zur Höchstform auf und ist der Software-Zwilling der Hardware-Maus. Aber es gab ihn schon bei den textbasierten Systemen, weil auch dort irgendwie sichtbar sein musste, an welcher Stelle die Buchstaben eingefügt werden, die man auf der Tastatur tippt. Der Cursor als blinkender Punkt auf dem Bildschirm wurde am 24. August 1967 von Charles A Kiesling in Namen des Unternehmens Sperry Rand zum Patent angemeldet:

Bei Anzeigen mittels alphanumerischer Kathodenstrahlröhren ist der Cursor schwer zu erkennen, wenn er über einem bereits angezeigten Zeichen liegt. Daher wird der Cursor und das überdeckte Zeichen abwechselnd angezeigt, wodurch eine Blinkwirkung entsteht. Technik: Ein Vergleicher (Comparator) erkennt, wenn der Cursor dieselbe Position wie ein Zeichen hat. Ein bistabiler Multivibrator (Flip-Flop) steuert das abwechselnde Zeichnen von Cursor und Zeichen. Die Frequenz des Blinkens wird so reduziert, dass beide Symbole mit normaler Helligkeit erscheinen und das Blinken für das Auge gut wahrnehmbar ist (typisch 7,5 Hz statt 60 Hz). Falls kein Zeichen vorhanden ist, wird der Cursor kontinuierlich angezeigt.

Den nicht blinkenden Cursor gab es entsprechend schon vorher. Der dürfte entstanden sein, als die ersten Computer Informationen an Bildschirmen anzeigen und mittels Tastatur interagieren konnten. Das waren Grossrechner im militärischen und wissenschaftlichen Einsatz (Sage, MIT TX-2, IBM 740), sodass sich seine Spuren irgendwo in den 1950er-Jahren verlieren …

Ein Kind des Grossrechners

Der Cursor von 1855 hat, soweit ich die Fraktur entziffern konnte, etwas mit den Vorlesungen am theologischen Seminar an der Universität Basel zu tun. Es ging ums neue Testament. Im modernen Sinn begegnet uns der Cursor zum ersten Mal am 29. März 1974 in der NZZ in einem Bericht zu den Neuerungen an der Basler Mustermesse. Immerhin: Seit der Patentierung in den USA sind nur sieben Jahre verflossen. Wir erfahren:

Unter dem Motto «Computer-Zugriff über das Telefon» zeigt die Standard Telephon und Radio AG, Zürich, zum ersten Mal in der Schweiz das Bildschirmterminal ITT 3210. Dieses ermöglicht, auf bequeme Weise mittels einer Tastatur (ähnlich einer Schreibmaschine) Daten in den Computer einzugeben und/oder Daten aus dem Computer in lesbarer Form darzustellen und wenn nötig via separaten Drucker auf Papier festzuhalten.

Im Internet ist über dieses Terminal nicht sehr viel vorzufinden. Das dürfte daran liegen, dass es kein sonderlich spektakuläres Gerät war, sondern eines, wie es zur Verwendung mit Grossrechnern nötig war – ursprünglich waren Fernschreiber benutzt worden.

Die Anzeige des Terminals – auf der leider weit und breit kein Cursor zu sehen ist.Endlich günstiger – aber wie viel das Wunderwerk gekostet hat, steht in der Anzeige leider nicht.

Redestoff für die Datenverarbeiter in den Siebzigerjahren

Doch «in der Schweizer Datenverarbeitung gab es zu reden», wie ein ganzseitiges Inserat in der NZZ vom 20. November 1974 verkündete. Und immerhin bot das ITT 3210 dem Cursor die Gelegenheit für den allerersten Auftritt in einer (elektronisch archivierten) Schweizer Zeitung:

Speziell für kommerzielle Anwendung mit Formular- und Tabellendarstellungen gibt es die adressierte Positionierungsmarke (Cursor).

Das war leider schon alles, was die NZZ über diese technische Errungenschaft zu berichten hatte. Die Schweizer Leserinnen und Leser mussten sich weitere 14 Jahre gedulden, bis ihnen eine Zeitung das grundlegende Prinzip erklären würde. Diese Aufgabe übernahm «Der Bund» am 22. März 1988 in einer Erklärung, wie die Maus funktioniert:

Eine Maus ist ein handliches Zusatzgerät zum Computer, das dem Benützer (sic) erlaubt, den Lichtpunktzeiger (Cursor) auf dem Bildschirm fernzusteuern. Jede Bewegung, die der Benützer mit der Maus auf dem Schreibtisch ausführt, wird durch eine Kugel am Mausbauch registriert und – bei der Logitech-Maus: optomechanisch – auf den Bildschirm übertragen wo sich der Cursor synchron mitbewegt. Der Benützer, der beispielsweise eine Textstelle verändern will, kann mit der Maus seinen Cursor blitzschnell zur gewünschten Stelle führen. Die Maus hat die Handhabung des Cursors sehr vereinfacht. Zuvor mussten die nötigen Programmschritte in die Tastatur eingetippt und der Cursor schrittweise an die gewünschte Stelle geführt werden.

Auf den Spuren des Griffels

Das ist schlüssig und leicht verständlich. Sodass uns zum Abschluss nur bleibt, den Lateinern zu danken, dass sie uns mit dem «Bildschirmläufer» ein so prägnantes Wort für dieses blinkende Etwas schenkten. Denn wie es in Deutsch heissen könnte, darüber herrschte in den Schweizer Zeitungen in den 1970er- und 1980er-Jahren maximale Uneinigkeit:

Beitragsbild: Das ITT Terminal 3210 brachte die NZZ dazu, zum ersten Mal den Cursor in gedruckter Form erscheinen zu lassen.

#Evergreen #TechPremiere

Tech und Popkultur: Wie der «Affengriff» Allgemeingut wurde

Einen Aspekt bei der Computerhistorie fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Das ist die Wandlung, die manche Begriffe und Konzepte durchlaufen. Das heutige Wort ist ein anschaulicher Beleg. Es geht um den Klammer- oder Affengriff, den PC-Nutzerinnen als Control, Alt, Delete kennen und (vielleicht) lieben gelernt haben.

Die Tastenkombination war ursprünglich eine rein technische Angelegenheit. Doch im Schlepptau der Revolution des Personal Computers entwickelte sie sich zu einer Metapher für eine Notbremsung oder Flucht. Heute ist der Affengriff ein popkulturelles Phänomen. Wikipedia erwähnt den Billy Talent-Song «Perfect World», in dem sich der Sänger mit dem Dreifingergriff «das Gedächtnis zurücksetzen» lässt.

Wie neue Technologien «domestiziert» werden

Es gibt einige weitere Fälle von popkultureller Vereinnahmung. Die Sanduhr von Windows und der Strandball des Todes beim Mac als ihr Gegenstück gehören ohne Zweifel dazu. Undo, Copy-Paste, der Fortschrittsbalken und the bluescreen of death zählten ursprünglich ebenfalls zum Insiderwissen, das nur computeraffine Leute besassen und das auf alle anderen Menschen seltsam oder sogar bedrohlich gewirkt haben muss.

Doch wie spielt sich diese Entwicklung ab? In welchen Stationen verwandelt sich ein Ding wie der Affengriff zum Allgemeingut?

Ich war voller Hoffnung, dass die Domestizierungstheorie von Professor Roger Silverstone¹ eine anschauliche Erklärung liefern würde. Leider gibt sie einen für meinen Geschmack zu technoiden Ansatz. Ich würde sie volkstümlich so zusammenfassen, dass sich die User und Anbieter in mehreren Schritten gegenseitig in die breite Öffentlichkeit schubsen.

Mit Control, Alt, Delete geschah das wie folgt:

David J. Bradley gehörte bei IBM zum Kern des Entwicklerteams, das 1981 den ersten IBM-PC zur Marktreife brachte. Der Google Books Ngram Viewer zeigt die Entwicklung auf schlüssige Weise auf: Es dauerte ungefähr vier Jahre, bis Ctrl, Alt, Delete überhaupt nennenswerte Spuren hinterliess. Ab 1985 sorgten vermutlich vor allem Fachpublikationen für moderate Ausschläge.

Der PC verliert an Bedeutung, doch «Ctrl, Alt, Delete» gewinnt weiter dazu.

Endgültig zur Chiffre geworden

Ab 2004 stieg die Kurve an. Den Höhepunkt erreicht sie am Ende (2022). Das ist bemerkenswert, weil der Personal Computer seine Rolle als Innovationstreiber längst an das Smartphone abgeben musste. Über den Daumen gepeilt fand diese Ablösung in der ersten Hälfte der 2010er-Jahre statt. Seitdem ist Ctrl, Alt und Delete mehr Chiffre als Aktion bei der Computerbedienung.

Auch die Schweizer Medien folgten exakt diesem Pfad².

Die erste Erwähnung erfolgte gemäss dem Datenbestand im elektronischen Archiv am 5. September 1995 in den «Luzerner Neuste Nachrichten». In einer Besprechung von Windows 95 erzählt der Journalist von der Installation der neuen Betriebssystemversion und erwähnt nebenbei den «Affengriff» als nicht empfehlenswert, wenn die Sache zu lange dauere. Das passt ins Bild: Der Journalist erzählt lieber seine persönlichen Erlebnisse, als auf die neuen Funktionen einzugehen. Der «Affengriff» ist eine Insiderfloskel, die seine Kompetenz unterstreichen soll.

Eine erste Bedeutungsverlagerung ist zwei Jahre später, am 23. Juli 1997, erkennbar. Eine Kurzmeldung in der Zeitung «Der Bund» verwendet das Tastaturkürzel als Synonym für Neustart. Es geht um die Marssonde «Pathfinder» und um deren Software, die anscheinend zu Abstürzen neigt:

Während irdische PC-Benutzer nach einem Softwareabsturz oft entnervt zum erlösenden «Ctrl-Alt-Delete» greifen müssen, kann sich der Computer von Pathfinder ganz von selbst neu aufstarten.

Popkultur dank Party-People

«Blick» war einem ganz heissen Ding auf der Spur.

Die Ankunft im Alltag erfolgt am 13. Januar 2003: Die Boulevardzeitung «Blick» dokumentiert diesen historischen Moment in einem Artikel, in dem es nicht um Computer geht, sondern um Partynamen. Für Leute, die sich darunter (wie ich) nicht sogleich etwas vorstellen können: Es scheint sich dabei um ein Label zu handeln, das der Feier auch ein Motto gibt. Der Autor behauptet in seinem Aufklärungsstück, sie seien «die Verpackung einer Party. Je origineller, desto besser», schreibt Thomas Wyss.

Um die Tragweite dieses Sachverhalts zu unterstreichen, kommt ein Experte zu Wort:

Was sollen sich die Partypeople etwa unter «Club», «Mega-Party» oder «Superheavyfunkysexy» vorstellen? «Die Namen müssen kurz und prägnant sein und sollten einen Bezug zum Event herstellen», sagt Eventveranstalter Joko Vogel (organisiert die Al-Capone-Nights). «Und der Name muss dem Produkt Party zu einer hohen Bekanntheit verhelfen.»

Der «Blick» lieferte uns auch je eine Aufzählung mit an- und abgesagten Partynamen. Und siehe da, an der Spitze der Top-Liste finden wir Ctrl, Alt, Delete.

Wir dürfen konstatieren: Dank des Zürcher Feiervolks hat es David Bradleys unscheinbare Technik-Erfindung nach 22 Jahren in den helvetischen Alltag geschafft!

Fussnoten

1) Der Ablauf der Entwicklung, gemäss der Domestizierungstheorie und anhand von Wikipedia zusammengefasst:

  • Technologien finden Eingang in den Alltag. Sie werden an die täglichen Gewohnheiten adaptiert.
  • Nutzerinnen und Nutzer gewöhnen sich daran und passen sich und ihr Umfeld entsprechend an.
  • Dann fliessen diese Veränderungen in Entwicklungsprozesse in der Industrie ein und prägen die nächste Generation der Technologien und Dienstleistungen.
  • Schliesslich findet dieser Wandel seinen Abschluss, indem und greifbar wird, wie und auf welche Weise die Technologie in der Lage ist, die Kultur eines Haushalts widerzuspiegeln. ↩
  • 2) Ich habe nicht nur nach «Ctrl Alt Delete» gesucht, sondern auch nach «Control Alt Delete», nach «Klammergriff» und «Affengriff». Wie nicht anders zu erwarten, kommt der Klammergriff vor allem im übertragenen Sinn vor. Den «Affengriff» gab es schon in der Zeit vor dem IBM-Computer. Der erste Treffer dazu stammt vom 24. November 1975, als in der Schweiz im Auto die Gurtenpflicht diskutiert wurde, die demnächst eingeführt werden sollte – hierzulande bekannt unter dem sperrigen Begriff des Gurtentragobligatoriums. Die «Schweizer Illustrierte» berichtete und wies auf eine weitere Gesetzesänderung hin:

    Mit dem Gurtentragobligatorium kommt auch ein neues Gesetz zum Schutze der Kinder: Kinder bis zu zwölf Jahren dürfen nur noch hinten sitzen. Die meisten Mütter waren bis heute der Meinung, einem im «Affengriff» auf dem Schoss transportierten Buben oder Mädchen könne nicht viel passieren, besonders wenn der Erwachsene korrekt angegurtet sei.

    In Tat und Wahrheit bedarf es bloss einer verhältnismässig leichten Kollision, damit einem das Kind aus den Armen gerissen und gegen die Frontscheibe geworfen wird. Weder allein noch «unter dem Schutz» einer Begleitperson dürfen also kleine Passagiere künftig vorne befördert werden. ↩

    Beitragsbild: Das hätte David Bradley 1981 nicht für möglich gehalten (dramitkarkare, Pixabay-Lizenz).

    #TechPremiere

    Per Tastendruck füdliblutt

    Die Escape-Taste feiert dieses Jahr ihren 65 Geburtstag, doch in Rente geschickt wird sie noch lange nicht. Die «New York Times» erzählte 2012 deren Entstehungsgeschichte: IBM-Mitarbeiter Bob Bemer versuchte, die Funktionsweise der Computer zu vereinheitlichen. Dabei dachte er sich den Escape-Knopf aus, der den Computer dazu bringen sollte, seine laufende Arbeit – was auch immer das sein mochte – abzubrechen.

    Heute geniesst Esc einen ikonischen Status: Die Taste ist entscheidend bei der Computerbedienung. Sie hilft uns Anwenderinnen und Anwendern, unsere Interessen durchzusetzen: Wir bringen unerwünschte Dialoge zum Verschwinden, brechen langfädige Rechenoperationen ab und kehren zu einem berechenbaren Ursprungszustand zurück. Diese Taste ist ein Disziplinierungsinstrument für Software, das der Maschine zeigt, wo der Hammer hängt. Wie wichtig Esc ist, zeigte sich an der Empörung, die Apple 2016 verursachte: Anstelle der obersten Reihe mit den Funktionstasten gab es bei den teuren Modellen des Macbook Pro einen schmalen, berührungsempfindlichen Bildschirm. Die Touchbar ermöglichte neue Bedienkonzepte, führte aber auch dazu, dass die gewohnte Flucht («Escape») nicht mehr ausreichend zuverlässig gelang.

    Die Freiburger mit dem Tipp-Ex auf dem Bildschirm

    Wann wurde die Schweizer Öffentlichkeit dieser wichtigen Taste gewahr? Welche Zeitung erkannte hierzulande die Bedeutung dieses wichtigen Elements in der Mensch-Maschinen-Interaktion?

    Mit der üblichen Einschränkung, dass die elektronischen Archive nicht vollständig sind, darf ich einen klaren Sieger küren: Es ist eine sozialdemokratische Zeitung, die Berner Tagwacht, die uns einen einzigen Treffer für die 1980er-Jahre liefert – fast zehn Jahre vor dem nächsten ernsthaften Beitrag zum Thema¹. Mit Chips statt Kugelschreiber heisst der Artikel, in dem der Autor (mutmasslich Peter Anliker) am 25. November 1988 darlegte, wie sich sein Arbeitsplatz durch den Einsatz eines Personal-Computers verändert hat.

    Ein Journalist versucht, dem Publikum die Segnungen des Personal Computers zu vermitteln.

    An diesem Text sind diverse Dinge bemerkenswert:

    • Erstens wird gegendert, was das Zeug hält – und offenbar ohne, dass deswegen das Abendland untergegangen wäre.
    • Zweitens glaubt der Autor, mit einem Witz ins Thema einsteigen zu müssen: «‹Woran merkt man, dass ein Freiburger am Computer gearbeitet hat?› – ‹?› – ‹An den Tipp-Ex-Spuren auf dem Bildschirm!›»
    • Und drittens erklärt er mit einer penetranten Ausführlichkeit, wie ihm der Computer hilft, die Längenvorgaben für seine Artikel einzuhalten.

    Dabei war das schon im Schreibmaschinen-Zeitalter kein Problem – und ich spreche aus Erfahrung: Man brauchte bloss den rechten und linken Einzug richtig einzustellen und konnte so mit ausreichender Präzision sicherstellen, dass man etwa so viele Zeilen mit der gewünschten Zahl Anschläge pro Zeile ablieferte. Zugegeben, man musste die Zeilen von Hand auszählen. Trotzdem interessiert dieser Aspekt wirklich nur Journalistinnen und Journalisten.

    Telefonkoppler? Please explain!

    Für alle anderen User ist die Tatsache viel entscheidender, dass wir am Computer unsere Texte jederzeit abändern können. Per Maschine getippt, sind (für Freiburger und alle anderen, die ein Fläschchen Tipp-Ex besitzen) nur kleine Änderungen möglich. Für grössere Änderungen kommt man um eine saubere Abschrift nicht herum.

    Dieser revolutionäre Aspekt kommt im Text zwar zum Ausdruck, aber auf eine etwas gar Ich-bezogene Weise. Es wäre fürs Verständnis förderlich gewesen, wenn Peter Anliker technische Details wie die Diskette und den Telefonkoppler (Akustikkoppler) nicht als bekannt vorausgesetzt hätte. Man sollte sich als Journalist und Journalistin nicht zu schade sein, solche Dinge zu erklären:

    Wenn’s trotzdem mal zu kurz oder zu lang wird, verzweifle ich deshalb nicht: am Bildschirm werden zu kurze Artikel aufgefüllt, zu lange werden gekürzt, und erst wenn der Artikel die vorgeschriebene Länge hat, drücke ich «Print!» Dann druckt mir der Drucker den Artikel aus, ohne dass noch eine Korrektur nötig wäre.

    Freilich ist nicht immer ein Ausdruck nötig: wo ich selber redaktionell verantwortlich bin, kann ich den Artikel direkt in den Satzcomputer der Setzerei eingeben; dieser liest die Diskette meines PC, oder die Daten werden mit einem Telefonkoppler übermittelt. (So funktioniert zum Beispiel auch die Übertragung der meisten «Tagwacht»-Texte nach Basel.)

    Auch hier steht die grosse Neuerung zwischen den Zeilen: Texte werden nicht mehr auf Papier oder als Fax übermittelt, sondern gelangen in digitaler Form vom Journalisten ins Zeitungslayout. Hier im Text klingt das nach einer Verbesserung, die dem Journalisten das Leben angenehmer gestaltet. Aber in Tat und Wahrheit war es eine riesige und andauernde Umwälzung für die ganze Branche. Das Schweizer Fernsehen wird in seinem Beitrag vom 2. November 1976 der Bedeutung des Technologiewandels deutlich besser gerecht.

    Am Schluss liefert der Autor – vielleicht, weil er die vereinbarte Zeilenzahl bislang nicht erreicht hatte – einige Erklärungen zu der «Computersprache»:

    «Ctrl» heisst es auf einer Taste, ausgeschrieben bedeutet das «control», Kontrolle: auch beim Computer steckt dahinter ein Mensch! «Esc» steht auf einer zweiten: «escape» bedeutet das und auf deutsch «Hau ab», «Mach, dass du wegkommst!» – ja warum denn nicht! «Shift» fordert eine dritte: «die Ebene wechseln», «hinübergehen», aber auch «die Kleider ausziehen» (!) steht dazu im Wörterbuch – so bekommt der Computer fast menschliche Züge!

    Wenn die Leserinnen und Leser bisher nicht verwirrt waren, dann brummte ihnen spätestens jetzt der Kopf. Warum sollte man seinem Computer eine «Abhauen»-Taste haben wollen? Um die Maschine in die Wüste zu jagen oder selbst einen Abgang zu machen?

    Menschlich-schrullig?

    Die Behauptungen, die am Ende zur harmlosen Umschalttaste aufgestellt werden, sind komplett abstrus. Ich habe versucht nachzuvollziehen, wie Peter Anliker zu diesen Behauptungen kam. Gemäss alten Wörterbüchern kann «Shift» einen Kleiderwechsel bezeichnen, steht jedoch nicht für Exhibitionismus². Und warum diese Taste den Computer menschlich machen soll, ist sogar ChatGPT ein Rätsel, obwohl er als künstliche Intelligenz das eigentlich wissen müsste. Jedenfalls gibt er sich alle Mühe, dieser Schlusspointe – die noch schlimmer ist als der Einstiegswitz –, einen Sinn abzugewinnen:

    Der Autor nutzt die Bedeutung aus früherem Sprachgebrauch humorvoll aus, um zu zeigen, wie weit weg die Tastaturbefehle manchmal von der Alltagssprache entfernt sind – oder umgekehrt, wie menschlich-schrullig die Sprache der Technik wirken kann.

    Fussnoten

    1) Der Beitrag Abgestürzt erschien am 4. Dezember 1996 in der «Basler Zeitung», geschrieben von Hans-Peter Hammel, vor allem bekannt unter seinem Kürzel minu. Er beschäftigt sich ebenfalls mit der Art und Weise, wie Texte geschrieben, an die Zeitung übermittelt und gesetzt werden. Bei dem Satz wäre mir um ein Haar das Augenwasser gekommen – weil der Beruf des Journalisten früher anscheinend einmal so schön gewesen ist:

    Die Zeit hat den Redaktor von einst, der Pfeifen schmauchend im Ledersessel sass und über die Übel der Welt nachdachte, zum Allrounder gemacht: vom Schreiber bis zum Setzer, vom Korrektor bis zum Computerfachmann.

    Was die Escape-Taste angeht, spielt sie auch in diesem Text nur eine Nebenrolle:

    Nun ist es für die meisten mit dem Computer so: sie wissen, wie man ihn einschaltet. Sie kennen die «Esc»-Taste und den Mausklick. Im Übrigen hält man sich an das schöne Lied aus dem Land des Lächelns: «Und wie’s da drinnen aussieht, geht niemand was an». Man/frau ist also darauf angewiesen, dass alles auf den gelernten Knopfdruck hin programmässig funktioniert. ↩

    2) In einem ethymologischen Wörterbuch habe ich folgende Hinweise zur Wortentwicklung gefunden; vermutlich hat sich der Autor davon aufs Glatteis führen lassen:

    Die Bedeutung «verändern, ändern» tauchte Mitte des 13. Jahrhunderts auf (vergleiche shiftless). Ebenfalls seit Mitte des 13. Jahrhunderts im transitiven Sinne von «entfernen und durch etwas anderes ersetzen», ursprünglich insbesondere in Bezug auf Kleidung, daher «sich ankleiden und umziehen» (um 1400).

    «Körperbekleidung, Unterwäsche», 1590er Jahre, ursprünglich gleichermassen für Männer- und Frauenbekleidung verwendet, wahrscheinlich von «shift» (Nomen), das häufig im Zusammenhang mit einem Kleiderwechsel verwendet wurde. Im 17. Jahrhundert begann «shift» (Nomen) in diesem Sinne als Euphemismus für «smock» verwendet zu werden und wurde aus ähnlichen Gründen der Zurückhaltung im 19. Jahrhundert durch «chemise» ersetzt. ↩

    Beitragsbild: Wofür die 1976-Taste ist, wird ein Rätsel bleiben (Đào Hiếu, Unsplash-Lizenz).

    #TechPremiere

    «Es stellt sich die Frage nach der gesellschaftlichen Wünschbarkeit»

    Per Zufall bin ich bei meinen letzten zwei Archivrecherchen auf eine spannende Frage gestossen:

    Hat die Schweiz die historische Chance verpasst, zu einer führenden Computernation zu werden?

    Klar, die Frage ist hypothetischer Natur: Die Schweiz ist keine führende Softwarenation, und es lässt sich mit Fug und Recht argumentieren, dass unser Land zu klein ist, um mit den USA, China, Taiwan, Südkorea oder Indien mitzuhalten. Andererseits ist es in der Lage, riesige Investments zu stemmen.

    Das Geld wäre vorhanden gewesen

    Wir hatten im letzten Jahrhundert hinreichend Geld, um eine solche Entwicklung zu befeuern. Und wir waren in einer komfortablen Ausgangslage: Mit der ERMETH stand einer der ersten Computer Europas an der ETH in Zürich und wir besassen kluge Köpfe wie Niklaus Wirth. Aber irgendwie sprang der Funke nicht von der Forschung in die produktive Wirtschaft über.

    Zwei Dinge hätte es gebraucht:

  • Die Erkenntnis, dass sich hier etwas Entscheidendes tut.
  • Und der Wille, vorn mitzumischen.
  • Es gab Leute, zu beidem entschlossen waren. Doch nur vereinzelt: Logitech-Gründer Daniel Borel stiess im März 1983 einen «cri d’alarme» aus, weil fast alle seiner Landsleute auf dem Schlauch standen. Auch in der Uhrenindustrie flackerte bisweilen die Erkenntnis auf, dass sich im Silicon Valley spannende Dinge tun. Doch unter dem Strich nahm man diese Computerei zu wenig ernst.

    Das ist meine Arbeitshypothese, die ich überprüfen will. Vermutlich brauche ich mehrere Anläufe, aber für den Anfang gab ich maximal plump die drei Suchbegriffe schweiz führend software im elektronischen Zeitungsarchiv ein. Ich versuchte es auch mit computer und chip anstelle von software.

    Technologieführerschaft war nie ein ernsthaftes Ziel

    Es zeigt sich, dass es nur extrem wenige Artikel zu diesen drei Stichwörtern gibt. Ganze 29 sind es zwischen 1970 und 1999; und sie sind erstaunlich gleichmässig über die Jahre verteilt. Daraus lässt sich schliessen, dass sich keine Bewegung in diese Richtung manifestierte und der Bundesrat nie die Parole ausgab¹, das Land zu einer digitalen Hochburg zu machen.

    Das Gottlieb Duttweiler Institute, kurz GDI (Bild: gdi.ch).

    Dafür begegnen wir – wieder einmal – einem alten Bekannten: der künstlichen Intelligenz. Am 16. April 1984 berichtete die NZZ über eine zweitägige Informationstagung am Gottlieb-Duttweiler-Institut zur KI. Als erstes erhalten wir eine Definition², dann werden einige Bereiche aufgezählt, in denen sie zum Einsatz kommen könnte: In der Sensortechnik soll der Tast- oder Sehvorgang des Menschen simuliert werden. Spracheingabe und -ausgabe machen die Maschine kommunikativer. Und zur damaligen Vorstellung über die künstliche Intelligenz gehören die Expertensysteme, die für medizinische Diagnosen bereits im Einsatz seien.

    «Europa schläft noch»

    Dann kommt ein Zwischentitel, wie er auch 2024 noch in der Zeitung hätte stehen können:

    USA führend, Europa schläft noch

    Die Entwicklung finde in den USA und auch in Japan statt, heisst es. In Europa dagegen nehme man die künstliche Intelligenz erst langsam zur Kenntnis. Die Europäischen Gemeinschaften (sic) hätten im Rahmen des «Esprit»-Programms (European Strategie Programm for Research and Development in Information Technology) Mittel bereitgestellt.

    In der Schweiz dagegen sind noch kaum Aktivitäten in dieser Richtung auszumachen. Professor Zehnder von der ETH erwähnte allerdings, dass sich einige wenige Gruppen mit verwandten Gebieten beschäftigen, ohne diese aber mit dem Etikett künstliche Intelligenz zu versehen.

    Die Tagung in Rüschlikon sollte zweifellos ein Bewusstsein für die Chancen schaffen:

    Vom Referentenkreis her war es kaum überraschend, dass dem Versuch, Maschinen mit Intelligenz auszustatten, grosse Chancen eingeräumt werden.

    KI gegen Bedenkenträger: 0:1

    Warum ist nichts daraus geworden? Der letzte Abschnitt liefert eine so schlüssige Antwort, dass er es wert ist, in voller Länge zitiert zu werden:

    Scheint die grundsätzliche Machbarkeit durchaus gegeben zu sein, so stellt sich aber noch die Frage nach der Wirtschaftlichkeit und vor allem auch jene nach der gesellschaftlichen Wünschbarkeit. Gerade letztere stand in Rüschlikon kaum im Zentrum des Interesses – kaum erstaunlich bei einer so jungen Disziplin. Immerhin wurden da und dort Problembereiche angetönt. Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen (die völlig automatisierte Produktion rückt in Reichweite), die Überwachung intelligenter Maschinen durch den Menschen, die Gefahr der Verkümmerung menschlicher Fähigkeiten oder auch das Sicherheitsproblem gehören zu den Fragen, welche wohl überlegt sein müssen, wenn ein weiteres Gebiet menschlicher Errungenschaften nicht zu unerwünschten Nebeneffekten führen soll. Gedacht ist die Entwicklung künstlicher Intelligenz aber zu Nutz und Frommen des Menschen.

    Uff!

    Wenn wir uns von der antiquierten Redewendung am Ende nicht ablenken lassen, erhalten wir die Bestätigung, wie tief die Bedenkenträgerei gegenüber neuen Technologien in der Schweiz verwurzelt ist. Das ist auch heute noch so: Beim zwanzigjährigen Jubiläum des Schweizer Firmensitzes kämpfte Google fast schon verzweifelt gegen diese Haltung an.

    Als Journalist bin ich beruflich Bedenkenträger: Ich lasse mich nicht von jeder Euphorie gleich anstecken und die Move fast and break things-Mentalität gewisser Leute ist mir suspekt. In dem Fall scheint die «gesellschaftliche Wünschbarkeit» aber ein Todschlagargument gewesen zu sein, das allen Gedanken über mögliche Chancen den Garaus gemacht hat.

    Fussnoten

    1) Am 21. Juli 1983 druckte die NZZ den Beitrag von Dr. Jürg B. Winter von der Gesellschaft schweizerischer EDV-Dienstleistungsuntemehmen und Software-Hersteller, der tatsächlich eine «schweizerische Software-Politik» forderte. Auch er kam zum Schluss, dass das Land hervorragende Voraussetzungen bietet:

    Theoretisch bietet sich die Schweiz als idealer Standort für Standard-Software-Entwicklungen an. Wir verfügen über ein grosses Potential an gut ausgebildeten Technikern und Hochschulabsolventen, über eine langjährige Dienstleistungstradition sowie im internationalen Vergleich über eine überdurchschnittliche Qualitätstradition. Manche Schweizer Software-Analytiker und -Entwickler haben denn auch Systemlösungen hervorgebracht, die international als führend betrachtet werden und sich durch eine überdurchschnittliche Integration kennzeichnen. Diese Tatsache kommt den Schweizer Anwendern zugute, indem unsere zahlreichen Computer – die Schweiz verfügt über die höchste Computerdichte Europas – mit überaus anwendungsfreundlicher und leistungsfähiger Software gesteuert werden. 1982 wurde in der Schweiz Anwendungs-Software für etwa 800 Mio. Fr. entwickelt oder angeschafft.

    Aber:

    In der Schweiz besteht bis heute keine einheitliche Software-Politik. Dagegen gibt es eine Anzahl von privatwirtschaftlichen und öffentlichen, meist regionalen Initiativen, vor allem auf dem Bildungssektor (Software-Schule Schweiz, Wirtschaftsinformatikschule Schweiz).

    Das erachtet Dr. Jürg B. Winter als zu wenig zielgerichtet:

    Unter einer gesamtschweizerischen Software-Politik verstehen wir ein Konzept, das in Zusammenarbeit mit Wirtschaft und Staat entstehen sollte und welches klare Richtlinien in bezug auf die Gebiete der förderungswürdigen Software (Anwendungs-Software, CAD, CAM, Netzwerke, Standards usw.) aufstellt, die dafür möglichen Strukturhilfen umreisst und danach die Schwerpunkte der Bildungspolitik, Finanzierungs- und Förderungsmöglichkeiten sowie die Beschaffungspolitik festlegt. Es muss aber ein gesamtschweizerisches Konzept sein, damit der Nachteil unserer bescheidenen Grössen nicht zu stark ins Gewicht fällt.

    Die Politik sollte etwas tun und den Medien wäre die Aufgabe zugefallen, «Aufklärung über das Potenzial und die Zukunftsaussichten der Software ‹made in Switzerland›» zu leisten. Und was den letzten Satz angeht: Nun, genauso ist es gekommen:

    Es wäre schade, wenn die Gelegenheit zur Schaffung einer lebensfähigen Schweizer Software-Entwicklungsindustrie verpasst würde. Neben wirtschaftlichen Einbussen würde dies auch eine vermehrte Abhängigkeit vom Ausland in einem weiteren Gebiet der Spitzentechnologie mit sich bringen. ↩

    2) So erklärte die NZZ den Leserinnen und Lesern damals die KI:

    Zwar verfügen bereits die heutigen Computer über erhebliche informationsverarbeitende Fähigkeiten. Die von ihnen gelösten Probleme sind jedoch meist klar strukturiert, mathematisch erfassbar und repetitiver Natur. Computer der fünften Generation sollen dagegen mit ihrer künstlichen Intelligenz sowohl numerische Daten als auch qualitative Regeln aus dem Erfahrungswissen des Menschen zu Erkenntnissen kombinieren können, welche bisher menschlichem Geist vorbehalten waren. ↩

    Beitragsbild: Die ERMETH, die elektronische Rechenmaschine der ETH, im Technorama in Winterthur, fotografiert am 29.11.1990 (Zsolt Somorjai, ETH-Bibliothek Zürich, CC BY-SA 4.0)

    #KI #TechPremiere

    Hätte die Schweiz bloss auf Herrn Obrecht gehört!

    «Endlich ein einfacher Fall!» dachte ich, als ich mich an diese Archivrecherche machte. Ich wollte herausfinden, wann das Silicon Valley zum ersten Mal in den Schweizer Medien auftauchte. Waren die Zeitungen auf Zack – oder haben sie eine wichtige Entwicklung verschlafen?

    Um das zu beurteilen, müssen wir wissen, wann sich der Begriff etablierte. Der Google Books Ngram Viewer liefert eine klare Antwort: Ab 1968 tauchte er in Büchern auf¹. Das entspricht den Erwartungen, weil in den 1960er- und 1970er Jahren sich in dieser Region in der Bay Area von San Francisco immer mehr Unternehmen ansiedelten, die etwas mit Computern zu tun hatten. Allerdings gehört auch zur Geschichte, dass die wirtschaftliche Entwicklung dort schon früher begann: Hewlett-Packard entstand 1939 in einer Garage in Palo Alto. HP markiert in gewisser Weise den Geburtsort des Silicon Valley, auch wenn eine Werkstatt alleine noch keinen Technologiestandort begründet. Ein weiterer Meilenstein war der Stanford Industrial Park 1951.

    Damit ihr eure Tour planen könnt (Samykolon/Wikimedia, CC BY-SA 3.0).

    Er war mit ein Grund, dass sich dort so viele Technologiefirmen niedergelassen haben: Es gab dort nicht nur die Universität von Stanford, sondern auch die UC Berkeley. Es gab auch militärische Forschung, Risikokapital, relativ wenig Regulierung und ein Klima, das viele der Nerds damals offensichtlich als angenehm empfanden. Ausserdem war die Bay Area auch das Epizentrum der Hippie-Kultur. Wie sich an Steve Jobs erkennen lässt, hatten die Vertreter dieser Gegenkultur und die Tech-Utopisten viele Berührungspunkte – auch wenn das aus heutiger Sicht kaum mehr zu glauben ist, weil sich die letzten Reste von Idealismus spätestens 2024 in Luft aufgelöst haben.

    Die Romands hatten das Silicon Valley zuerst auf dem Schirm – aus gutem Grund

    Also, eine einfache Nachforschung: Es gibt mit «Silicon Valley» einen klaren Suchbegriff – anders als in vielen anderen Fällen, bei denen zuerst zu klären ist, wie die Zeitungsredaktoren das damals genannt haben könnten: Heimcomputer oder PC, E-Mail oder elektronische Post, Steve Jobs oder Steven Jobs, Internet oder Internetwork? Es ist oft verzwickt.

    Und eine Nachforschung mit einem überraschenden Treffer: Das Silicon Valley hatte seinen ersten Auftritt in einer Schweizer Zeitung am 28. November 1974. Das ist nicht avantgardistisch, aber auch nicht so spät wie bei anderen Neuerungen aus dem Computerbereich.

    Das Lob dafür gebührt den Westschweizer Medien. Fast alle Artikel aus den 1970er-Jahren stammen aus der Romandie. Die Deutschschweiz wurde erst 1978 über das Siliziumtal aufgeklärt². Das kommt nicht von Ungefähr. Die Erklärung liegt mit der Uhrenindustrie eigentlich auf der Hand: Die mechanischen Uhren bekamen damals elektronische Konkurrenz. Da Wissen über diesen technologischen Bereich in der Schweiz nicht so stark vorhanden war wie in den USA und mutmasslich in Japan, drängte sich der Blick in diese Länder auf.

    Zurück zum ersten Artikel, der sich mit dem Silicon Valley befasste. Bei dem verblüfft der Titel: Ein Ziel: Die «elektronische Unabhängigkeit», schrieb die Zeitung FAN – L’express damals. Mein erster Gedanke: Hätten wir bloss darauf gehört, dann müssten wir uns heute nicht davor fürchten, dass uns die Trump-Regierung und die Tech-Moguln mit unserer Abhängigkeit erpressen.

    Aus dem Wilden Westen in die Garage

    Der Artikel selbst ist weniger visionär, sondern … seltsam. Doch der Einstieg ist nicht nur cineastisch, sondern geradezu spektakulär:

    Als die Wohnwagen durch das Silicon Valley zogen, schenkte ihnen kaum jemand Beachtung. Als Zelte im Süden von San Francisco und im «östlichen Korridor» aufgestellt wurden, glaubte man, einige Bellen zu hören. Doch die Zeit vergeht, die Dinge verändern sich, ordnen sich neu – und die Augen öffnen sich. Die amerikanische Elektronik hatte zumindest einen Verdienst: viele Vorurteile zu überwinden …

    Eine solche szenische Schilderung weckt Erwartungen! Eine Reportage, die den Bogen vom Oregon Trail direkt zu den staubigen Garagen schlägt, in denen Weltgeschichte geschrieben wird! Womöglich sass der Journalist schon in der Garage, in der zwei Jahre später Steve Wozniak, Steve Jobs und Ron Wayne Apple gründen würden?

    Die Leute in der Uhrenindustrie hatten den richtigen Riecher

    Nein, leider nicht. Im weiteren Verlauf geht es um den Schweizer Uhrenkonzern ASUAG, der sich über die elektronischen Uhren den Kopf zerbrach. Und was Herr Obrecht angeht: Gemeint ist wahrscheinlich Karl Obrecht, der auch für die FDP im Nationalrat sass.

    Ohne zu erröten, gestand Herr Obrecht, dass die in der Schweiz entwickelte elektronische Uhr an einem entscheidenden Mangel leidet: Noch heute müssen wichtige Komponenten wie integrierte Schaltkreise und Anzeigeeinheiten im Ausland eingekauft werden. Eine Unabhängigkeit, wie sie bei der mechanischen Uhr erreicht wurde, ist daher unumgänglich.

    Wir stellen fest, dass die Berichterstattung von «FAN» dem bombastischen ersten Absatz nicht gerecht wird. Doch steckt in diesem Text visionäre Weisheit. Es wird diskutiert, was es gebraucht hätte, um die Schweiz zur führenden Elektroniknation zu machen. Das hätte unsere Ausgangslage in der digitalen Welt verbessert, zumal es auch bei der Computerentwicklung Leute gab, die die Zeichen der Zeit früh erkannten. Was wäre möglich gewesen, wenn Herrn Obrechts Erkenntnisse nicht bloss für die Uhrenindustrie, sondern universell erhört worden wären³!

    Fussnoten

    1) Die kleinen Anstiege um 1900 und 1930 dürfen wir ignorieren, weil der Begriff in diesen beiden Fällen kaum in der heutigen Bedeutung verwendet wurde. ↩

    2) «Der Bund» schrieb am 20. September 1978 Folgendes:

    Heute so betonen die Verfasser sei «das freie Spiel der Marktkräfte von Grund auf gestört» entsprechend habe der Staat einzugreifen und auch der Schweizer Wirtschaft faire Wettbewerbschancen zu ermöglichen. Als wichtigsten Ansatzpunkt wird die Forschung betont – beispielhaft seien etwa der industrielle Aufschwung der «128th Street» in Boston oder des «Silicon Valley» in Kalifornien, beides heute führende Industriestandorte der USA, die auf gezielte staatlich geförderte Forschung am Massachusetts Institut of Technology im ersten Falle, resp. die Stanfords University zurückgehen. ↩

    3) «FAN – L’express» warf am 20. September 1978 die Frage auf, ob der Jura zu einem Schweizer Silicon Valley gemacht werden könne; geschrieben übrigens vom gleichen Journalisten (Kürzel Cl.-P. Ch.):

    Noch weit entfernt ist also jenes gestern skizzierte Klischee eines amerikanisierten Daniel Jeanrichard, der seinen Vornamen gegen «John» eintauscht, vom MIT kommt und die vom Franken geschwächte Uhren-Schweiz rettet. Ist es realistisch zu hoffen, aus dem Jura eine neue «Silicon Valley» zu machen? Theoretisch steht dem nichts entgegen – die Schweiz der Uhren und der Mikrotechnik könnte durchaus ein zweites Kalifornien werden. Das ist nicht unmöglich – Ebauches S.A. hat das vor nicht allzu langer Zeit bewiesen. Aber wie soll man mit dem Meister mithalten, wenn so viele Hindernisse bestehen bleiben: der Konformismus der einen, die Mentalität der anderen – und ein Franken, der jeden Veränderungswillen im Keim erstickt hat? ↩

    Die Zeitung «L’impartial» veröffentlichte am 20. September 1978 ebenfalls einen Artikel, der auf das Silicon Valley Bezug nahm. Dank dieser Referenz wissen wir, wie die Presse in der Romandie auf den Trichter kam. Es waren die Leute in der Uhrenindustrie, die die Entwicklung in Kalifornien beobachteten:

    Die riesige industrielle Kapazität, die die Schweizer Uhrenindustrie darstellt, muss umgewandelt werden, damit sie sich neu entfalten kann – das ist das Ziel der Diversifikation, die derzeit in der gesamten Uhrenregion in grossem Stil unternommen wird. Warum diese Umstellung? Weil sich der Wettbewerb in der Uhrenbranche auf internationaler Ebene abspielt, unter regional höchst unterschiedlichen Bedingungen im globalen Sinne: Bei gleicher Geschicklichkeit kostet ein Paar Hände in Südostasien drei Franken pro Tag, in der Schweiz hingegen zehn Franken pro Stunde. (…)

    Es bleibt die Frage – das Nervenzentrum – der Investitionen! «Wir können nicht so ambitioniert sein wie im Silicon Valley», sagte Luc Tissot mit Blick auf die aussergewöhnliche Entwicklung dieser kalifornischen Region, die heute weltweit das Zentrum technischer Innovation ist. «Aber eines muss man festhalten: Es geht darum, den Elan zurückzugewinnen, den unser Sektor in gewissem Mass verloren hat.»

    Beitragsbild: Palo Alto. Was soll man hier denn anderes tun, als in der Garage ein Unternehmen zu starten? Durch eine investigative Recherche auf Google Maps – die mich viel zu viel Zeit gekostet hat – konnte ich den Aufnahmeort dieses Bildes rekonstruieren: Die Sand Hill Road überquert den Junipero Serra Freeway, links ist der Sharon Heights Golf and Country Club, etwas weiter hinten Sequoia Capital mit dem West Menlo Park. Rechts finden wir u.a. Andreessen Horowitz (ahsing888, Pixabay-Lizenz).

    #TechPremiere