Wer hat mehr Tech-Verstand: Der Schweizer oder der Österreicher?
Digitale Archive sind grossartig. Seit einigen Jahren durchstöbere ich sie, um herauszufinden, wann Schweizer Journalistinnen und Journalisten die Bedeutung bestimmter technischer Errungenschaften erkannten. Die Befunde sind ernüchternd. Der Fortschritt bei den Computern und der digitalen Kommunikation wurde meist verkannt und unterschätzt. Viele Medienschaffende wollten oder konnten sich nicht vorstellen, dass virtuelle Dinge reale Auswirkungen haben.
Gilt das auch für die Berufskollegen in Österreich? Dank eines Podcasts eröffnet sich mir die Möglichkeit, das zu überprüfen. Schliesslich hat die Rivalität Tradition – wenngleich es normalerweise ums Skifahren und um die Witze geht.
Bei Grüezi, Servus und Hallo stellte Florian Gasser neulich Anno vor. Das ist das Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek, das wie das Schweizer Pendant Faksimiles von Zeitungen und Zeitschriften zugänglich macht. Was die zeitliche Dimension angeht, gewinnt unser Nachbarland um mehr als ein Jahrhundert. In Österreich reicht der Bestand bis zum Jahr 1568, in der Schweiz bloss bis 1692.
Aber wie sieht es bei den Themen aus? Machen wir zehn Stichproben!
10) 🇦🇹 Das Elektronenhirn
Während der Anfänge verwendeten die Medien das Wort Computer sparsam und schrieben lieber vom Elektronengehirn oder -hirn. Die metaphorische Umschreibung sollte dem Publikum das Verständnis erleichtern. Der erste Treffer findet sich am 23. August 1951 in der NZZ.
Österreich war früher. Die «Arbeiter Zeitung» vom 3. November 1946 vermeldete eine wichtige Entwicklung, konnte am Ende des Beitrags «Das Elektronengehirn kommt» die Trennung von Meldung und Meinung nicht aufrechterhalten, wie es gute Sitte wäre:
Die Wissenschaft steht vor einer neuen grossen Entdeckung, der Konstruktion eines «Elektronengehirnes». Lord Mountbatten hat das am Freitag in einer Sitzung des Verbandes der britischen Rundfunkingenieure so bekannt gegeben, als ob es was ganz Landläufiges wäre. Lord Mountbatten sagte, es handle sich um einen 18’000-Röhrenapparat, der in wenigen Sekunden mathematische Probleme lösen könne, für deren Lösung Mathematiker sonst zehn Tage brauchen würden. Andere bereits in Gebrauch befindliche Apparate ersetzen bis zu einem gewissen Grad die Funktionen des menschlichen Gedächtnisses und wieder ein anderer Apparat kann Schachspielen. Wozu der Mensch überhaupt noch geboren wird, ist unverständlich. Die Maschinen besorgen ja ohnedies alles von selbst.
Der Zuse Z4-Computer, fotografiert im deutschen Museum (Dasbloeckendeschaf, CC BY-SA 3.0 Deed).Als Zugabe zitiere ich die Zeitung «Arbeiterwille» vom 8. Januar 1950. Sie warf einen «Blick in die Zukunft» auf den «elektronisch-automatischen Amtsschimmel»:
In den ersten Tagen von 1950 ein Blick in eine nicht mehr weite Zukunft: das Zeitalter der Maschinenmenschen ist im Kommen! Keiner der anwesenden Journalisten konnte daran zweifeln, als der Londoner Nervenspezialist Dr. Walter seine «Elsie» vorführte. Zugegeben, es war kein Maschinenmensch, sondern eine Maschinenschildkröte, aber das war nur eine Frage körperbaulicher Zweckmässigkeit. Alles andere war wahrhaft gespensterhaft.
Hier heisst es:
Trotzdem sagt der berühmte Radarerfinder Sir Robert Watson Watt: «Es besteht keine Gefahr, dass das Elektronenhirn mit dem menschlichen Hirn in Konkurrenz treten kann, denn seine Möglichkeiten sind wohl gross, aber äusserst beschränkt und entsprechen ungefähr dem Denken eines sechsjährigen Kindes.»
Eine waghalsige Behauptung. Trotzdem geht der Punkt an Österreich.
9) 🇨🇭 Computerfreak
In der Schweiz hatte der Computerfreak erstmalig in der NZZ vom 25. Januar 1984 einen Auftritt. In Österreich geschah das am 25. März 1987 in der «Burgenländischen Freiheit»:
Seit Donnerstag sind auf diesem Fernsehgerät jene 60 offenen Stellen abzulesen, die derzeit von Betrieben im Bezirk Oberpullendorf angeboten werden. Der Leiter des Arbeitsamtes in Oberpullendorf, Erwin Faymann, selbst ein Computerfreak, kam auf die Idee, ein praxisbezogenes Programm zu erstellen.
8) 🇨🇭 World Wide Web
Gerade schnell waren die Schweizer Medien bei der Würdigung des World Wide Webs nicht, obschon das in der Schweiz erfunden wurde. Am 5. August 1994 stand das Wort erstmals in «L’Agefi». In Österreich dauerte es bis ins Jahr 1995. Ein Medium namens «Soziale Sicherheit» besprach das Buch «Electronic Data Interchange (EDI) — aus ökonomischer und juristischer Sicht»:
Insgesamt kann dieses Buch als gelungene Darstellung eines ambitionierten Forschungsprojekts bezeichnet werden. Einziger Kritikpunkt ist die Vernachlässigung der Behandlung von Verknüpfungsmöglichkeiten von EDI mit neueren Netzwerksdiensten (Telnet, E-Mail, World wide web, etc.).
Eine Nominalkette, ob der es den Teufel graust!
7) 🇨🇭 Multimedia
Archive halten Überraschungen bereit. Bei der Spurensuche zu Multimedia stellte ich fest, dass dieses Wort in den 1970ern beliebt war – noch bevor es DVDs, digitales Video oder interaktive Medien gab, die wir heute so betiteln würden. Damals war es das Theater, das mit analogen Effekten experimentierte. Die NZZ druckte das Wort am 26. März 1970 in der Kulturberichterstattung.
Die «Burgenländische Freiheit» tat es ein Jahr später, am 25. März 1971:
Die Exposition, die am 1. April mit einer Multimedia-Schau, in der moderne Dichtung, moderne Musik und Lichtbilder sakraler Arbeiten von Edgar Schenk zu einer Einheit verschmolzen werden sollen, eröffnet wird, wird die bisher umfangreichste Ausstellung von Werken des Künstlers sein und mit rund 200 Exponaten einen repräsentativen Querschnitt durch das Schaffen Edgar Schenks darstellen.
6) 🇨🇭 Silicon Valley
Das Epizentrum der Computerrevolution fand in der Schweiz am 28. November 1974 erstmalige Erwähnung. In Österreich erst 1983 im Magazin «Europäische Rundschau»:
Die Kohleindustrie ist in keiner guten Verfassung, Öl und Stahl haben Schwierigkeiten, und je weniger über die meiste Konsumgüterindustrie gesagt wird, desto besser. Indessen werden moderne Technologien aus dem Silicon Valley (Kalifornien) eingeführt, die in vielen Fällen nichts kosten. Es gibt Schwierigkeiten bei der Integration westlicher Methoden, aber auch diese werden schliesslich überwunden. Der langen Rede kurzer Sinn ist, dass sich die sowjetische Wirtschaft schon irgendwie durchwursteln wird.
Verwirrend. Welche neuen Technologien, die in den 1980er-Jahren aus dem Silicon Valley kamen, waren kostenlos?
5) 🇨🇭 Cybersex
Der grösste Triumph der Schweizer Medien bezieht sich ausgerechnet auf die virtuelle Erotik. Am 29. April 1972 berichtete «L’Impartial» über das, was auf uns zukommen sollte. Im Anno-Archiv gibt es zu diesem Stichwort nur einen Treffer von 2014. Im Text «To be or not to be – Online-Gedanken einer Sozialpsychologin zur virtuellen Kommunikation» schreibt Angela Moré:
Das Internet-Universum vermag sich mit dem unbewussten Triebgeschehen zu verbinden, den Fantasien von Grenzenlosigkeit, Grössenwahn. Kontrollmöglichkeiten, Voyeurismus, Exhibitionismus etc. Der Cybersex sprengt alle Grenzen – der Kontinente, der Generationen, der Perversionen.
Tja, da waren die Schweizer schon 42 Jahre früher weniger verklemmt.
KI-Illustration zum Thema Cybersex.4) 🇨🇭 Desktop Publishing
Die Schweizer Medien verkannten die Revolution in der Druckindustrie. Der «Bund» war am 19. November 1986 nicht spät mit dem Thema dran, aber er beging den Fehler, die neue Technologie als Amateurkram abzutun. Die Österreicher waren später dran. Am 23. August 1989 erschien in der «Burgenländischen Freiheit» ein Inserat zum DTP; einen Bericht habe ich erst am 27. Februar 1991 in der gleichen Publikation gefunden. Auch das war eine Art Kleininserat für Computerkurse, u.a. auch für DOS, Windows 3.0, Word 5.0, Pagemaker und Lotus Symphony.
3) 🇨🇭 Cursor
Die Nachforschungen zum Cursor waren nicht ergiebig; aber immerhin hatte der «Bildschirmläufer» schon am 29. März 1974 in der NZZ seine Premiere. Im Nachbarland findet sich erst am 15. April 1987 ein Treffer, und zwar im Regionalblatt «Burgenländische Freiheit», dem ich bei meinen Recherchen öfter begegnete. Vermutlich, weil es zu den wenigen tagesaktuellen Quellen in Anno zählt – was uns zum Schluss bringt, dass manche Resultate anders ausgefallen wären, wenn im Archiv auch die überregionalen Titel vertreten wären. Es ging um den M15, «Olivettis Neuer zum Mitnehmen»:-
Ganze fünf Kilogramm wiegt der Portable PC von Olivetti und rundet die Produktfamilie der Olivetti-Personal-Computer aufs angenehmste ab. (…) Sein Betriebssystem ist das Neueste: MS DOS 3.2. Serielle und parallele Schnittstelle hat er von Haus aus. Er ist mit 10 Funktionstasten ausgestattet, der Cursor wird von vier separaten Tasten gesteuert. Sein Preis ist die absolute Sensation: Mit 26’600 Schilling ist der M 15 der preiswerteste unter seinesgleichen.
Das ITT Terminal 3210 brachte die NZZ dazu, zum ersten Mal den Cursor in gedruckter Form erscheinen zu lassen.2) 🇨🇭 Bill Gates
Der Gründer und langjährige Chef von Microsoft wurde am 4. Februar 1987 vom «Nidwaldner Tagblatt» vom hohen Ross herab abgehandelt. In Österreich fand er nicht statt. Im Verzeichnis «Österreichische Bibliographie» wurde 1994 das Buch «Der Computerkrieg: IBM gegen Bill Gates Microsoft – ein Kampf ums Überleben» von Paul Carrol gelistet (noch erhältlich).
Ich gehe davon aus, dass auch die österreichischen Medien schon früher von diesem Mann Wind bekamen, ebenso vom DTP. Anno widmet sich den historischen Zeitungen. Wo genau die Schwelle zu den modernen Medien liegt, die nicht im Archiv zu finden sind, konnte ich nicht feststellen. Darum sollten sich die Eidgenossen auf diesen Treffer nicht allzu viel einbilden.
1) 🇦🇹 KI
Schon im 17. Jahrhundert war die künstliche Intelligenz in Österreich ein Thema.Hier und hier fand ich heraus, dass (im durchsuchbaren Bestand) in der Schweiz zum ersten Mal am 5. Dezember 1957 über die künstliche Intelligenz berichtet wurde.
In Österreich passierte das am Samstag, den 11. September 1830. Und nein, es ist nicht bloss ein Fehler bei der Texterkennung. Ich zitiere aus dem «Laibacher Wochenblatt zum Nutzen und Vergnügen»:
Der Mensch ist hier durchaus nichts als der Oberaufseher der Maschinen; er arbeitet nicht, aber er geht traurig in einer Wüste auf und ab, die er sich selbst geschaffen hat und in welcher die allgemeine Bewegung und die künstliche Intelligenz die Gegenwart des wirklichen Lebens kaum mutmassen lässt.
Ein Herr Eüstine berichtete aus England über die industrielle Revolution. Die Dampfmaschinen brachten eine Automatisierung in der Textilproduktion. Eüstine war skeptisch, aber die Leistungsfähigkeit und Präzision der Maschinen beeindruckten ihn so sehr, dass er nicht nur einen zentralen Begriff aus dem Computerzeitalter vorwegnimmt, sondern auch die damit verbundene Angst: dass wir uns mit unseren Erfindungen die eigene Arbeit, Kreativität und Schaffenskraft wegnehmen und zur passiven Rolle des Aufpassers verdammen.
Fazit: Die Schweiz war meistens schneller. Aber dank des Kantersiegs bei der künstlichen Intelligenz mit einem Vorsprung von 127 Jahren gewinnt die Republik Österreich dieses Duell mit uneinholbarem Vorsprung¹.
Fussnoten
1) Damit man mir keine Willkür vorwirft, habe ich natürlich eine Methode entwickelt, den Sieger nach einem klaren Berechnungsprinzip zu bestimmen. Dazu addierte ich die Differenz der jeweiligen Daten in Tagen. Dabei stiess ich auf ein Excel-Problem: Bei dieser Tabellenkalkulation ist das früheste Datum, mit dem wir rechnen können, der 1. Januar 1900 – es entspricht intern dem Wert 1. Der 11. September 1830 lässt sich nicht abbilden. Ich habe diese Differenz daher näherungsweise berechnet, indem ich die Zahl der Jahre mal 365 nahm – man möge mir diese kleine Unsauberkeit bitte verzeihen.
Jedenfalls schenkt der KI-Vorsprung mit einem Plus von 46’355 Tagen ein, sodass sich ein Endresultat von einem Plus von 18805 Tagen für Österreich ergibt.
CHATElektronenhirn23. Aug 5108. Jan 50592Computerfreak25. Jan 8425. Mär 87-1155World Wide Web05. Aug 9401.01.1995-149Multimedia26. Mär 7025. Mär 71-364Silicon Valley28. Nov 7401.01.1983-2956Cybersex29. Apr 7201.01.2014-15222Desktop Publishing19. Nov 8623. Aug 89-1008Cursor29. Mär 7415. Apr 87-4765Bill Gates04. Feb 8701.01.1994-2523KI05. Dez 5711. September 18304635518805↩
Beitragsbild: Er muss Österreicher sein! (Andrea Piacquadio, Pexels-Lizenz)
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