Iranischer Regimegegner: USA sollten sich aus Konflikt heraushalten
Dieser Artikel stammt von CORRECTIV.Faktencheck / Zur Quelle wechseln
International
Iranischer Regimegegner: USA sollten sich aus Konflikt heraushalten
Die Lage im Iran spitzt sich zu. Kurz vor einer groĂen Demonstration in Berlin trifft CORRECTIV einen iranischen Oppositionspolitiker. Er sagt: Die USA sollten sich nicht in den Konflikt einmischen â weil das die PlĂ€ne der Exil-Politiker durchkreuzen könnte.
von Justus von Daniels
, Alexej Hock
20. Juni 2025
Der iranische Oppositionspolitiker und Regimegegner Kamran Dalir: So schwach war das Mullah-Regime im Iran noch nie. (Collage: Mohamed Anwar / CORRECTIV)
Im Iran eskaliert die Lage: Im Krieg mit Israel werden immer mehr zivile Infrastrukturen wie KrankenhĂ€user zum Ziel der gegnerischen Raketen. Politisch tobt ein Machtkampf um eine mögliche Nachfolge des greisen RevolutionsfĂŒhrers Ajatollah Ali Chamenei. Und immer noch trotzt die Widerstandsbewegung dem Regime: Frauen, junge Menschen, ethnische Minderheiten auf den StraĂen â sie alle fordern seit Monaten mehr Freiheit, trotz brutaler Repression.
Die USA fordern den Iran jetzt auf, im Krieg gegen Israel zu kapitulieren â Beobachter tippen mittlerweile darauf, dass das US-MilitĂ€r sich einmischen könnte. Wie zu erwarten, wies Chamenei den VorstoĂ zurĂŒck und sendete aus seinem Versteck Drohungen.
Widerspruch gegen eine Einmischung der USA kommt jetzt auch von der Opposition. CORRECTIV traf den iranischen Politiker und Regimekritiker Kamran Dalir vom National Council of Resistance of Iran (NCRI) kurz vor einer geplanten Demonstration der Widerstandsbewegung in Berlin zum GesprÀch. Auch seine Bewegung steht seit Jahren in der Kritik.
Dalir ist im AuĂenpolitik-Komitee des NCRI. Er versichert: Seine Bewegung hat einen konkreten Plan. Seine Organisation beansprucht eine FĂŒhrungsrolle bei einem Ăbergang nach einem möglichen Sturz des Regimes und sagt: Eine Einmischung der USA könnte der Sache der Bewegung schaden.
CORRECTIV: Gerade ist das Regime im Iran so schwach wie nie. Wie könnte es zu einem Regime-Sturz kommen?
Kamran Dalir: Der iranische Widerstand ist im Iran sehr gut organisiert. Tausende von Widerstandseinheiten sind ĂŒber das ganze Land verteilt. (âŠ) Diese Menschen bringen Transparente an, schreiben Graffiti, verteilen FlugblĂ€tter, informieren die Ăffentlichkeit darĂŒber, wie man Widerstand leistet, wie man sich gegen das Regime erhebt. Sie haben PlĂ€ne. Sie warten auf einen Funken, etwas, das einen groĂen Aufstand auslöst.
Eine weitere militĂ€rische Eskalation sieht Dalir kritisch. Er verweist im GesprĂ€ch auf seine Chefin Maryam Rajavi, die PrĂ€sidentin des NCRI, die kĂŒrzlich im Europarat eine Rede hielt. Sie poche auf den Sturz des Regimes durch das iranische Volk und seinen eigenen Widerstand.
CORRECTIV: GefÀhrden die Angriffe Israels und ein mögliches Eingreifen der USA einen Regimewechsel nach Ihren Vorstellungen?
Kamran Dalir: Krieg bringt uns nicht dorthin, wo wir hinwollen. Die einzige Lösung wĂ€re der Sturz des Regimes mit Hilfe des iranischen Volkes und des Widerstands. Jeder andere Weg fĂŒhrt nicht zu einer Lösung, mit der alle zufrieden sind. Das iranische Volk will Freiheit und Demokratie. Es will Pluralismus, SĂ€kularismus und Glechbereichtigung der Geschlechter.
Das iranische Regime steht unter wachsendem Druck. Nach dem Tod von PrĂ€sident Ebrahim Raisi tobt ein Machtkampf hinter den Kulissen, wĂ€hrend der alternde RevolutionsfĂŒhrer Ali Chamenei zunehmend angeschlagen wirkt. Die Revolutionsgarden (IRGC) dominieren nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern fĂŒhren auch regional Kriege â zuletzt unter massivem Beschuss durch israelische Luftangriffe. Gleichzeitig sinkt die LegitimitĂ€t des Regimes im Inneren: Wahlen gelten als kontrolliert, die Beteiligung ist niedrig, die Gesellschaft tief frustriert.
Die iranische Opposition ist gespalten. Zwar kommt es seit Monaten immer wieder zu landesweiten Streiks und Protesten â getragen von Arbeitern, Frauen und Studierenden â, doch eine einheitliche FĂŒhrung fehlt. Exilgruppen wie der NCRI sind umstritten: Die Bewegung wird vom MEK dominiert, die wegen frĂŒherer Gewaltaktionen, rigider interner Strukturen und NĂ€he zu westlichen Hardlinern in der Kritik stand. Dennoch erhebt das NCRI fĂŒr sich einen FĂŒhrungsanspruch in einer möglichen Ăbergangsphase.
CORRECTIV: Wenn das Regime fallen sollte, was wÀren Ihre nÀchsten Schritte?
Karman Dalir: Die Widerstandseinheiten werden lokale RĂ€te bilden. Sie werden alle Zentren der UnterdrĂŒckung durch das Regime einnehmen. Sie werden die politischen Gefangenen freilassen. Und wenn es ihnen gelingt, das Regime zu stĂŒrzen, wird der NCRI fĂŒr die Dauer von sechs Monaten die Macht ĂŒbernehmen.
CORRECTIV: Was sieht der Plan weiter vor?
Kamran Dalir: Der NCRI wĂŒrde nur sechs Monate an der Macht bleiben. Die Hauptaufgabe wĂ€re, eine verfassungsgebende und gesetzgebende Versammlung zu bilden. Auf Grundlage internationaler Standards und unter Aufsicht der Vereinten Nationen sollen direkte und verdeckte Abstimmungen abgehalten werden, so dass das iranische Volk zum ersten Mal seine Volksvertreter wĂ€hlen kann. Die Versammlung hĂ€tte dann den Auftrag zu entscheiden, welche Regierung und Verfassung das iranische Volk möchte.
Der iranische Oppositionspolitiker Kamran Dalir am 20. Juni 2025 im GesprÀch mit CORRECTIV in Berlin. (Foto: Alexej Hock / CORRECTIV)
Eine prominente Figur in der iranischen Exilopposition ist Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs des Iran, der ââ1979 nach jahrzehntelanger autoritĂ€rer Herrschaft infolge der Islamischen Revolution gestĂŒrzt worden war. Pahlavi fordert aktuell einen landesweiten Aufstand gegen die islamische Republik und kĂŒndigt ĂbergangsplĂ€ne fĂŒr eine sĂ€kulare Demokratie nach dem Sturz an. Seine UnterstĂŒtzung im Inland ist allerdings ungewiss â Kritiker wie Dalir halten ihn im Iran fĂŒr zu wenig verankert.
CORRECTIV: Es gibt keine geeinte Opposition. Wenn das Regime jetzt fallen wĂŒrde, was wĂ€re ein realistisches Szenario, wie es weitergeht?
Kamran Dalir: Wenn wir von anderen OppositionskrĂ€ften sprechen, dann mĂŒssen wir genau hinschauen, ob diese bestimmte Kriterien erfĂŒllen. Eine Opposition oder eine alternative Kraft muss eine UnterstĂŒtzerbasis im Iran haben. Da geht es nicht um Gruppen, die hauptsĂ€chlich auĂerhalb des Iran aktiv sind. Die fĂŒr sich in Anspruch nehmen, Opposition zu sein, aber in Wahrheit keine UnterstĂŒtzung im Land genieĂen. Ein Beispiel ist der Sohn des Schah, der vorgibt, ein OppositionsfĂŒhrer zu sein.
CORRECTIV: Nach Ihrer EinschĂ€tzung hat Reza Pahlavi keinen RĂŒckhalt in der iranischen Gesellschaft?
Kamran Dalir: Wir haben den Punkt ĂŒberschritten, an dem das iranische Volk sich wieder einer Diktatur der Pahlavis â oder einer Ă€hnlichen Herrschaft von Nachkommen dieser Dynastie â zuwenden wĂŒrde. Die Iraner wollen Freiheit und Demokratie.
Dalirs Aussagen spiegeln wider, wie zersplittert die iranische Opposition derzeit ist. Zwischen Shah-treuen Gruppen, sĂ€kularen Demokraten, kurdischen Aktivisten und Exilbewegungen wie dem Nationalen Widerstandsrat (NCRI) fehlt eine gemeinsame Linie. Ob seine Bewegung bei einem möglichen Zerfall des Regimes genĂŒgend RĂŒckendeckung der Bevölkerung erhĂ€lt, bleibt ungewiss.
Zur Quelle wechseln
Author: Till Eckert
#heraushalten #iranischer #konflikt #regimegegner #sollten