COVID-19 und langfristige neuropsychiatrische Folgen: Auch eine neue Studie unterstreicht die Vorteile der Impfung
DMZ – WISSENSCHAFT ¦ Sarah Koller ¦ In einer kürzlich in der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour veröffentlichten Studie untersuchten Forscher an einer großen, binationale Kohorte (n = 4.731.778) die kurz- und langfristigen neuropsychiatrischen Folgen von SARS-CoV-2-Infektionen. Mit Hilfe des „Exposure-driven Propensity Score Matching“ wurden die Ergebnisse der untersuchten Probanden mit der Allgemeinbevölkerung sowie mit Personen, die eine andere respiratorische Infektion (nicht SARS-CoV-2) durchgemacht hatten, verglichen. Die durch das schwere akute respiratorische Syndrom Coronavirus 2 (SARS-CoV-2) verursachte Pandemie der Coronavirus-Krankheit 2019 (COVID-19) zählt zu den schlimmsten Seuchenausbrüchen der jüngeren Geschichte. Weltweit wurden etwa 700 Millionen Menschen infiziert und mehr als 7 Millionen Todesfälle verzeichnet. Überlebende der Infektion leiden oft an langfristigen physischen und psychischen Gesundheitsproblemen, die als "Long-COVID" bekannt sind. Diese multisystemische Erkrankung umfasst eine Vielzahl an Symptomen und Begleiterkrankungen, die mindestens drei Monate nach der Erholung von der Primärinfektion anhalten. Long-COVID betrifft schätzungsweise 18 % bis 70 % der COVID-19-Überlebenden, wobei die dokumentierten Zahlen vermutlich nur einen Bruchteil der tatsächlichen globalen Prävalenz widerspiegeln. Trotz wachsender Forschung bleiben die langfristigen Auswirkungen von Long-COVID und deren Management weitgehend unverstanden. Frühere Studien litten oft unter kleinen Stichprobengrößen, begrenzten Beobachtungszeiträumen und verzerrten Kohorten, was die Interpretation der Ergebnisse erschwerte. Studienaufbau und Methodik Die vorliegende Studie untersuchte die relativen Risiken für neuropsychiatrische Folgeerkrankungen bei COVID-19-Überlebenden im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung und zu Überlebenden anderer respiratorischer Infektionen (ARI). Die primäre Exposition bestand aus dem Auftreten einer laborbestätigten COVID-19-Infektion (oder ARI), während das primäre Ergebnis die Diagnose einer von 13 Gruppen neuropsychiatrischer Störungen umfasste. Die Daten wurden in „Discovery“ und „Validation“ unterteilt. Der „Discovery“-Datensatz stammte aus der K-COV-N-Kohorte, einem bevölkerungsbasierten, national repräsentativen Datensatz aus Südkorea (n = 10.027.506). Der „Validation“-Datensatz wurde aus der japanischen claims-basierten Kohorte (JMDC; n = 12.218.680) gewonnen. Beide Datensätze enthielten Informationen zu Alter, Geschlecht, Einkommen, medizinischer Vorgeschichte, Wohnregion und Versicherungsdaten der Teilnehmer. Alle Ergebnisse wurden anhand der ICD-10-Codes der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erfasst. Ergebnisse Nach Ausschluss von Personen mit unvollständigen Gesundheitsdaten, einer Vorgeschichte neuropsychiatrischer Störungen, COVID-19- und ARI-Koinfektionen sowie mehrfachen bestätigten COVID-19-Reinfektionen verblieben 4.731.778 Teilnehmer. Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer betrug 48,4 Jahre, und 50,1 % waren männlich. Die kurz- (<30 Tage) und langfristigen (>30 Tage) Risikobewertungen ergaben, dass COVID-19-Überlebende ein signifikant erhöhtes Risiko für neuropsychiatrische Ereignisse hatten. Kurzfristig war das Risiko für Erkrankungen wie Enzephalitis (aHR = 12,34), Guillain-Barré-Syndrom (aHR = 11,89) und Schlaflosigkeit (aHR = 5,36) besonders hoch. Langfristig blieben viele dieser Risiken erhöht, darunter das Guillain-Barré-Syndrom (aHR, 4,63), kognitive Defizite (aHR, 2,67), Angststörungen (aHR, 2,23) und ischämische Schlaganfälle (aHR, 2,00). Implikationen der Ergebnisse Besonders ermutigend war die Feststellung, dass Impfungen die neuropsychiatrischen Folgen der Infektion abschwächen konnten. Das Risiko für neuropsychiatrische Ereignisse war zudem stark mit dem Schweregrad der Infektion und dem Impfstatus der Patienten verbunden – geringere Risiken wurden bei milden SARS-CoV-2-Infektionen und mehrfachen Impfungen beobachtet. Dies unterstreicht die Bedeutung frühzeitiger Impfmaßnahmen und einer konsequenten Impfpolitik. Schlussfolgerung Diese Studie bestätigt die Verbindung zwischen COVID-19-Infektionen und einem erhöhten Risiko für neuropsychiatrische Folgeerkrankungen bei Überlebenden in Südkorea und Japan. Zum ersten Mal wird das Risiko zwischen COVID-19-Überlebenden, der Allgemeinbevölkerung und Überlebenden anderer respiratorischer Infektionen verglichen. Die Ergebnisse können dazu beitragen, Klinikern und Gesundheitspolitikern bessere Ansätze zur Behandlung und Prävention von Long-COVID aufzuzeigen und somit diese stille globale Pandemie effektiver zu bekämpfen. > Zur Studie