Ich faste lieber nicht
Ich habe keine Lust zu fasten. Oder, anders formuliert, ich faste gerade lieber nicht. Auch wenn mich rein kognitiv nichts davon abhält, mich gänzlich den unterschiedlichsten Ausprägungen des Fastens hinzugeben.
Welcherlei Dinge das sein können, davon sei zumindest an dieser Stelle noch nicht berichtet. Trotzdem entscheide ich mich mit jedem Tag, den die Fastenzeit andauert, vehementer dagegen.
bewusster leben
Die Fastenzeit ist keine Zeit der Ausschweifungen. Die Menschen leben nicht einfach so dahin. Sie bleiben nicht in ihren alltäglichen Routinen verhaftet, ihr unsäglich langweiliges Leben fristend. Nein.
Wer sich in der Fastenzeit nicht ein hehres Ziel setzt, sich nicht konzentriert in den Entzug von Süssigkeiten, Netflix, Podcasts und anderweitig als verpönt und oder ungesund geltenden Zeitvertreibungen vertieft oder keiner neuen Sportaktivität nachkommt, der hat seine Fastenzeit verwirkt.
Endlich mal nicht mehr nur knapp am Gutmenschentum vorbeischrammen.
Wir sind nicht mehr nur die halberfolgreichen, halbkonsequenten, halbsportlichen, halbbelesenen, halbfreundlichen Menschen, die wir im Rest des Jahres zu sein verdammt sind. In der Fastenzeit gibt es keine Durchschnittsmenschen, für knapp 7 Wochen hat der Teufel keine Macht über uns.
besser sein
Wir sind die beste Version unserer selbst und kommen zumindest für diese Zeit im Jahr endlich mal der individualistischen Selbstoptimierungslogik unserer Zeit nach.
Endlich mal nicht immer an den Erwartungen Anderer scheitern. Kein schlechtes Gewissen nach Nachtisch-Eskalationen. Endlich kein Dauerstress mehr, sondern begrenzt erhöhter Druck, dafür für eine kürzere Zeitspanne. Wenn davon nicht das Dopamin gepusht wird, dann weiss ich auch nicht mehr.
Die Parole «Durchhalten» erscheint plötzlich nicht mehr so abwegig, wie in Phasen der ganz freiwilligen Aufgabe von schlechten Angewohnheiten oder dem Beginn derlei guten. Es sind ja nur 7 Wochen. Das wird schon nicht so schwer sein.
Wenn doch nur immer Fastenzeit wäre, die Welt wäre sicher kein schlechterer Ort.
danke, nein
Aber, denn ich will keine weiteren Lobeshymnen singen, ich faste gerade lieber nicht. Ich will aktuell keine optimierte Version meiner selbst sein.
Ich will weder auf Zucker noch auf Netflix verzichten, will grummeln dürfen und keinen Sport machen, wenn ich keinen Sport machen will. Ich will nicht jede Woche ein neues Buch lesen müssen, nur weil ich mir eine Fastenzeit-Lese-Challenge gesetzt habe.
Nun mag der eine oder andere über meine Worte schmunzeln. Natürlich geht es in der Fastenzeit um nicht weniger als die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Existenz und die gezielte Ausrichtung des Lebens. Aber nicht jedes Jahr passt mir diese Aufgabe in den Kram. Dieses Jahr nicht.
lieber uneingeschränkt
Denn wer meint Selbstbeschränkung täte der Seele gut, musste noch nicht bei einem offiziellen Abenddinner mit Nachdruck das Dessert verweigern: «Für mich heute lieber nicht». Nicht immer verdankt es einem der Geist und der Leib, wenn man sich allzu sehr geisselt und einschränkt.
Schnell ist aus einem Selbstoptimierungszeitvertreib vor christlichem Hintergrund ein nicht bereicherndes und doch freiwilliges Leiden geworden. Dem verweigere ich mich.
Es braucht noch ausreichend nicht intentionell lebende Menschen, die ohne jedwede Einschränkungen jenen Impulsen nachfolgen, die den urmenschlichen Bedürfnissen entspringen. Da bin ich diese Fastenzeit ganz vorne mit dabei. Manchmal darf es eben auch eine Wurst mehr sein. Besonders im reformierten Zürich.
Allen Fasten-Geistern wünsche ich hingegen noch eine gute Zeit, ihr schafft das, haltet durch, bald ist’s vorbei. Dann gibt es Dessert und Würstchen für alle, dann sind wir alle wieder gleich.
#Fasten #Fastenzeit #Gesellschaft