„Während der ersten Zeit im Heim war es dem Mädchen so vorgekommen, als versuche es, in ein Wasser einzutauchen.“ [Jenny Erpenbeck]

Sie steht da, zitternd, der Badeanzug ist zu groß, er wirft Wellen um ihren Körper herum. Sie erinnert sich, sie erinnert sich an frühere Begegnungen mit dem Wasser. Sie erinnert sich, wie ihr Cousin einmal fast untergegangen ist. Wie alle am Ufer standen und mit offenen Mündern und fassungslos zusahen, wie sein Kopf versank, wieder auftauchte, versank. Seine Mutter schrie. Die anderen schwiegen. Er wurde gerettet, ein anderer Badegast barg ihn und brachte ihn zurück ans Ufer. Das Mädchen hatte lange nicht mehr an diese Szene gedacht. Aber jetzt, als es hier steht und sieht wie alle fröhlich im Wasser planschen, während es selbst kaum bis zu den Knien ins Becken gehen kann. Welche Überwindung es sie kostet, kann niemand nachvollziehen. Ohnehin will hier niemand nachvollziehen, was dem Mädchen welchen Preis abverlangt. Jede und jeder hat hier seine eigene Geschichte. Und keine davon wiegt leicht oder schwebt über dem Wasser. Alle sind schwer und eigentlich nicht teilbar. Außer vielleicht mit dem Wasser und so versucht sie tapfer ein weiteres Mal ins Wasser einzutauchen.

#Geschichte #Wasser #Zitatgeschichten

„Sie schwankt.“ [Hélène Cixous]

Einmal zieht es sie nach rechts, dann wieder nach links. Einmal will sie unbedingt dazugehören zu den lustig lärmenden Kindern und ein anderes Mal will sie allein sein mit ihrem Teddybären und dem Blick aus dem Fenster. So schwankt sie ständig zwischen den Möglichkeiten, die dadurch abnehmen, dass sie sich nicht entscheiden kann. Denn einmal laden die Kinder sie ein, ein zweites Mal vielleicht auch. Aber dann verlieren sie das Interesse und sie wird unsichtbar. Dann steht sie, ihren Teddybären unter den Arm geklemmt, vor dem Himmel und Hölle Spiel und hüpft schwankend die Linie hinauf, trifft jedes Feld ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Am Fenster steht die Mutter und sieht zu. Sie zögert, bevor sie die Gardine zuzieht, die das Bild des Kindes ausradiert.

#Kinder #Schwanken #Spiel #Zitatgeschichten

„Nun ja, es gibt viele Möglichkeiten, gefangengehalten zu werden, denke ich, während ich durchs Moor laufe.“ [Anne Carson]

Das Moor hält sich schließlich ebenfalls selbst gefangen, so wie meine Gedanken, die immer nur im Kreis hintereinander her laufen. Fangen spielen. Aber ohne die spielerische Komponente. Immer ist alles so ernst. Es ist ein ohnehin unmögliches Fangen spielen, das sie veranstalten, meine Gedanken. Es ist ein rückwärts laufen und dabei versuchen einander zu packen. Es gelingt nicht. Meistens. Wenn es doch gelingt ist es am ärgsten. Dann ist es fast wie durchs Moor zu laufen und die Schritte falsch zu setzen, aber man ist allein. Und versinkt.

#Gedanken #Moor #Versinken #Zitatgeschichten

„Das Kind stellt keine Fragen.“

Das Mädchen ist fünf Jahre alt. Es hat dunkle Haare und einen früher neugierigen, jetzt traurigen, Blick. Es steht eigentlich immer in einer Ecke. Das erste wonach es sucht, wenn es einen Raum betritt, ist eine freie Ecke. Findet es sie, entspannt es sich ein wenig, sind alle Ecken voll gestellt, gerät es in Panik. Am Morgen klingelt es an der Tür, die Tante kommt herein, auch der Großvater, alle sind blass und tragen schwarze Kleider. Sie stehen kurz zusammen, niemand blickt sich um, niemand sieht, dass das Kind in der Ecke steht. Dann gehen sie. Und das Kind stellt keine Fragen.

#Ecken #Fragen #Kind #Zitatgeschichten

„Ich war in den Wald gegangen, um mich dort in einigen Zweigen zu verwildern.“ [Paul Adler]

Im Winter war es anders, ich konnte nicht in diesem unglaublichen Grün baden. Stattdessen knirschte der Schnee unter meinen Füßen, dieser Schnee, der den Wald in ein schwarz-weiß Bild verwandelte. So schwarz- weiß, dass ich manchmal fürchtete, das Grün wäre für immer verloren. Trotzdem war auch das besser als die Straßen mit Häusern, mit Passanten und Autolärm, mit Geschäftigkeit und Eile. Hier war ich in den allermeisten Fällen allein. Und immer fand ich früher oder später einen Ast, der mich zum verwildern einlud.

#Verwildern #Wald #Winter #Zitatgeschichten

„Das Zimmer ist geräumig.“ [Agota Kristof]

Als ich die Wohnung das erste Mal sah, war das Zimmer, das für mich vorgesehen war, leer. Es schien ungeheuer groß. Hier würde ich alles unterbringen können und dennoch ausreichend Platz haben, um nicht ständig, bei jedem Schritt an Gegenstände und Möbel zu stoßen. „Das Zimmer ist geräumig“ hatte in der Anzeige gestanden. Und das war keine Lüge gewesen. Die Fenster waren groß und gingen nach Süden hinaus. Es war ein schöner lichtdurchfluteter Raum. Aber dann kamen meine Möbel, meine Bücher, meine kleinen und großen Gegenstände. Und alles schien zu schrumpfen und sich zu verdunkeln. Ich saß auf meinem Bett und konnte es nicht fassen. Es war als hätte sich der helle Raum in eine dunkle Höhle verwandelt und als Marie später in der Tür zu meinem Zimmer stand, sagte sie mit echtem Mitgefühl in der Stimme: „Es ist wirklich so, die Dunkelheit folgt dir, wohin du auch gehst.“

#Dunkelheit #Räume #Zitatgeschichten

„Am Anfang war der Regen.“ [Valeria Narbikova]

Sie ist besessen von Reihenfolgen. Bei ihr gibt es nichts, das nicht zunächst geordnet und in Reihenfolgen gepresst wird. Also muss auch das Wetter einer Reihenfolge gehorchen. Und, hat sie entschieden, den Anfang macht der Regen. „Warum?“, frage ich sie. Sie lacht mich an, zuckt mit den Schultern, sagt: „Vielleicht wegen der Sintflut?“ „Verstehe ich nicht“, sage ich und sie wird etwas ernster. Wir schweigen eine Weile. „Warum überhaupt immer diese Reihenfolgen?“, frage ich. „Warum muss immer einer den Anfang machen, warum nicht einfach alle zusammen?“ Sie zögert, sie bleibt sogar kurz stehen, ich sehe förmlich wie sie nachdenkt. „Ja,“ sagt sie, „du hast Recht, ist eigentlich viel schöner, dann gibt es sogar einen Regenbogen, wenn Regen und Sonne gleichzeitig da sind.“ Sie macht eine Pause. Vermutlich, damit ich meinen kurzen und nur vermeintlichen Sieg ein wenig auskosten kann. „Aber“, sagt sie dann, „am Anfang war der Regen. Dann erst kam die Sonne dazu.“

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Die Decke ist schwer wie eine Grabplatte aus Marmor.“ [Ilse Aichinger]

Der Wecker hat geklingelt. Ist ausgestellt worden. Hat wieder geklingelt. Sie versucht es wirklich. Jeden Tag mit all der ihr verbliebenen Kraft. Dem Willen, den sie noch aufbringen kann. Der arme Wecker, denkt sie manchmal. Wie muss er sich fühlen? Überflüssig oder ohnmächtig. Er klingelt ja immerzu vergebens. Und sie will wirklich aufstehen, sie will den Tag zu einer vernünftigen Uhrzeit beginnen, sie will Struktur. Aber es geht nicht. „Die Decke ist schwer wie eine Grabplatte aus Marmor“, liest sie bei Ilse Aichinger, und jetzt hat diese Unfähigkeit, jetzt hat die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen, wenigstens Worte, einen Ausdruck, der nichts leichter macht, aber immerhin mitteilbar.

#Wecker #Zitatgeschichten

„Immer, wenn er im erwachsenen Alter gefragt wird, behauptet er fast monoton, dass er den Vater nicht vermisst.“ [Per Olov Enquist]

Fehlt Dir Dein Vater denn nicht?“ Immer wieder diese Frage. „Ich habe ihn ja gar nicht gekannt“, sage ich dann. Und eine Welle ungeahnter Traurigkeit überkommt mich. Kurz darauf werde ich wütend. Was geht es diese fremden Menschen an, wen ich vermisse, wer mir fehlt und mit welchen Leerstellen ich aufgewachsen bin. Trotzig recke ich das Kinn nach vorn und wechsle das Thema. Gerade weil ich weiß, dass mein Gegenüber eigentlich gerne über die eigenen Eltern sprechen möchte, dass diese Frage nur ein Türöffner sein sollte, um die eigene Geschichte zu erzählen. Aber nein, tut mir leid, denke ich, behaltet eure Geschichten für euch. Ich bin heute nicht als Zuhörerin zu haben.

#Vater #Vermissen #Zitatgeschichten #Zuhörerin

„Stimmen der Geister, der Halbtoten erklingen. Was tut man damit? Fast geht man unter.“ [Ulrike Draesner]

Ich habe verlernt, wie man Gespräche führt. Ich höre zu und nicke, ich vergesse sofort, was der andere gesagt hat. Die Stimmen der Geister sind das einzige, das mich erreicht. Mit ihnen führe ich auch keine Gespräche. Aber ich höre ihnen zu. Der Versuch, sie zu ignorieren, sie mit anderen Dingen zu übertönen ist gescheitert. Also höre ich zu. Was merkwürdig ist, unheimlich und tröstend zugleich, ist die Tatsache, dass ich kein Wort von dem verstehe, was sie sagen. Ich höre die einzelnen Worte. Vollkommen klar, auch die Sätze ergeben scheinbar und oberflächlich einen Sinn. Aber sobald ich versuche, wirklich darüber nachzudenken, in so etwas wie ein Gespräch einzutreten, stelle ich fest, dass ich wirklich überhaupt nichts verstanden habe. Dann stelle ich mir vor, wie die Geister schmunzeln, wie sie einander zuflüstern und noch ein wenig breiter grinsen. Aber auch diese Mimik kann ich nicht deuten.

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