Bosetti liefert eine sinnvolle Einordnung des Falls Collien Fernandes. Und wie soll ich es sagen, eine ihrer Diagnose würde ich so zusammenfassen: die Weltgesellschaft ist ein Heuchler, der sich bereitwillig empört, wenn er auf einen Täter zeigen kann, und systematisch nicht zuhört, wenn Betroffene Gewalt thematisieren.
Auch hier wird, wie im Fall Epstein deutlich, dass es unendlich wichtig ist, dass wir ENDLICH Betroffenen zuhören und Glauben schenken. Wir scheitern seit Jahrtausenden daran und jede und jeder einzelne von uns ist von den sozialen und psychologischen Folgen davon betroffen. Jede und jeder, der sich traut, Gewalt anzusprechen, dient uns allen und verdient den größten Respekt.
Eine Gesellschaft, die so tief in einem punitiven, d.h. auf Bestrafung abzielenden Wertesystem feststeckt, dass sie Hass und Abwertung einer Täterfigur braucht, um sich zu empören, ist der Spiegel eines zutiefst durchs Patriarchat zersetzten Gemeinschaftskörpers. Das sind wir alle.
2026 sind wir alle eingeladen, (noch mal) genau hinzuschauen: wo reproduzieren wir patriarchale Strukturen: wo hören wir Betroffenen nicht zu, weil es zu anstrengend wäre, sagen Mädchen oder Girls obwohl wir Frauen meinen oder umgekehrt, wo erwarten wir, dass Frauen selbstverständig unbezahlte Care-Arbeit leisten und: bemerken wir überhaupt, dass wir kritischer und ungläubiger zuhören, wenn wir Frauen zuhören? Wo werten wir Männer ab, wenn sie sich vulnerabel zeigen und wann passiert es uns, dass wir Täter entmenschlichen und uns in Bestrafungsphantasien flüchten? Wie können wir stattdessen alle Beteiligten in ihrem Menschsein sehen und halten und für alle Beteiligten auf Heilung hoffen?
Inwiefern verbergen wir unsere eigene Verletzlichkeit vor anderen?
Üben wir mit unseren Kindern im Kleinen Ungehorsam, damit sie, wenn die Gesellschaft dies von Ihnen verlangt, um integer bleiben zu können, sehr mutige Formen von Ungehorsam zu zeigen, darauf vorbereitet sind und das halten können? Üben wir selber regelmäßig Ungehorsam mit den herrschenden Strukturen?
Wo kaufen wir methaphorisch die günstigen Croissants an der Ecke von dem Bäcker, der in der Nachbarstadt Menschen tötet, weil die so lecker sind und halt direkt um die Ecke?
To be continued: Fallen euch noch gute Strategien ein, wie wir alle aufhören können, täglich das Patriarchat zu reproduzieren?
Miteinander, nicht gegeneinander. Achtsam, statt autoritär.
#betroffenenglauben #smashpatriarchy
#collienfernandes
Ich bin nicht immer Bosettis Meinung, hier ist jeder Satz Power aus meiner Sicht.
https://www.youtube.com/watch?v=Ez-za2OofeQ