(27)
Sinn und Form ist vor einigen Tagen angekommen, nicht nur die aktuelle Ausgabe, sondern zusätzlich eine aus dem Jahr 2013. Als hätte derjenige, der den Versand für mich vorbereitet hat, genau gewusst, warum ich jetzt doch wieder ein Abo für ein Jahr abgeschlossen habe, welcher Beitrag ausschlaggebend dafür gewesen ist, welchen ich jedenfalls mit dem allergrößten Interesse gelesen habe. Denn auch dieses Heft, das vor 13 Jahren erschienen ist, beinhaltet ein Interview mit Péter Nádas. (Ich erinnere mich, wie er, es war noch bevor die Übersetzung der Parallelgeschichten ins Deutsche abgeschlossen war, mit seiner Übersetzerin Christina Viragh in Bielefeld war. Und zwar nicht auf der großen Bühne, sondern in einem recht kleinen Raum. Ich erinnere mich wie freundlich und interessiert er gewesen ist. Und wie unbegreiflich ich es bis heute finde, dass das Publikum aus vielleicht 30 Menschen bestand. Freundlich, aber sichtlich irritiert, fragte Nádas an diesem Abend: Sind das alle?) Das ältere Interview gefällt mir besser, es ist umfangreicher. Jörg Magenau, der es damals mit Péter Nádas führte, fragt häufig nach, während das aktuelle Interview, von Ralph Schock geführt, bestimmte Themen abarbeitet, aber seltsamerweise nie nachfragt, wenn Nádas Themen anreißt, die – zumindest ich – sehr gerne weiter ausgeführt lesen würde. (beim erneuten Lesen stelle ich fest, dass das so nicht stimmt. Es war ein Thema, das nicht wieder aufgegriffen wurde von Schock, nämlich der Holocaust. Und das ist vermutlich bezeichnend. Immer noch). Aber vielleicht hat er nachgefragt und das Interview ist sehr viel umfangreicher (was wahrscheinlich ist) und es wurde dann redaktionell entschieden, was wegfällt, und was gedruckt wird. In beiden Interviews erzählt Nádas wie er sich mit dem Buch der Erinnerungen aus der Depression geschrieben hat, wie er andererseits dieses Buch nie hätte beenden können, wenn er nicht parallel dazu bereits an den Parallelgeschichten gearbeitet hätte.
Es ist ein Zufall, dennoch erscheint es logisch und konsequent, dass als Lesezeichen (in beiden Interviews spricht Nádas vom Chaos) ein Zettel mit dem Wort „orientierungslos“ dient.
Was mich immer noch stört, an dieser im Grunde wunderbaren Zeitschrift, ist der Männerüberhang, daran hat sich leider im Laufe der Jahrzehnte kaum etwas geändert. (Ich habe nachgesehen; es hat sich doch etwas geändert, in der Ausgabe von 2013 waren zwei Frauen vertreten, mittlerweile beträgt der Frauenanteil ungefähr ein Drittel) Immer wieder ist das der Grund, warum ich sie nicht länger abonniere. Immer wieder stehen dann aber Beiträge darin, die so wertvoll sind, dass ich sie doch wieder abonniere. In der aktuellen Ausgabe neben dem Interview mit Nádas, das gewissermaßen erweitert wird durch den Beitrag von Zsófia Bán, die ebenfalls viel von Nádas erzählt, ziemlich erschütternde Details, wie z.B. das, dass Nádas Vater seine Kinder ursprünglich ebenfalls erschießen wollte, bevor er sich dann doch entschied allein aus dem Leben zu gehen.
#ChristinaViragh #PéterNádas #SinnUndForm

