Henry Lindemeier steht allein, fast jeden Tag, vor dem Russischen Haus in Berlin. Die große Immobilie in der Friedrichstraße, einst kulturell geprägt, gehört nun einem sanktionierten Oligarchen. Lindemeier, ein ausgebildeter Therapeut, hat eine klare Mission: Er will erinnern. Er will konfrontieren. Er will die Wahrheit nicht verdrängt sehen. Mit einer ukrainischen Flagge in der Hand und ukrainischen Liedern im Hintergrund erinnert er die Besucher des Hauses an die Verbrechen, die von der russischen Armee in der Ukraine begangen werden.
Lindemeier weiß um die Macht der Verdrängung. Als Therapeut versteht er, wie leicht Menschen unangenehme Wahrheiten ausblenden können – doch er ist fest entschlossen, das nicht geschehen zu lassen. Sein Protest ist nicht aggressiv, sondern symbolisch, eine ständige Mahnung an diejenigen, die das Russische Haus betreten, dass sie sich nicht vor der brutalen Realität verschließen dürfen. Es sind die täglichen Morde, Plünderungen, Vergewaltigungen und Folterungen in der Ukraine, die durch diesen stillen Protest laut gemacht werden.
Doch Lindemeier hat es nicht nur auf die russischen Besucher abgesehen. Sein Protest richtet sich auch an die Berliner Politik und Gesellschaft. Während Krieg in der Ukraine tobt, bleibt das Russische Haus geöffnet und verbreitet seine Propaganda in der deutschen Hauptstadt. Politiker wie Franziska Giffey und Kai Wegner haben bisher keinen klaren Standpunkt zur Schließung dieser Institution bezogen, und Lindemeier will auch daran erinnern.
Er wählt seine Worte und Taten sorgfältig. Nichts an seinem Protest ist rechtswidrig. Er blockiert niemanden, beleidigt niemanden direkt und hält die Lautstärke seiner Musik so, dass sie dem geschäftigen Treiben auf der Straße gerecht wird, ohne zu stören. Doch eines wird stets klar: Lindemeier ist gegen die russische Regierung, gegen Putins Regime und gegen all jene, die sich von russischer Propaganda einlullen lassen. Sein „Slava Ukraini“ – oft gefolgt von „doloy raschka“ (Niederlage für das faschistoide Russland) – ist keine Kriegserklärung gegen einzelne Menschen, sondern gegen ein System, das Terror und Leid verbreitet.
Lindemeiers Protest mag klein wirken, aber er ist eine kraftvolle Geste. Er zeigt, dass auch eine einzelne Stimme, die sich dem Vergessen widersetzt, etwas bewirken kann. Solange der Krieg in der Ukraine weitergeht und russische Propaganda in Deutschland Fuß fasst, wird er nicht aufhören. Seine Botschaft ist klar: Wir dürfen nicht wegsehen. Wir müssen hinschauen – jeden Tag.
https://twitter.com/HenryLindo123/status/1839299875168727210?t=LpqW6xnYe81HMklUqj3jFw&s=19
https://god.fish/2024/09/27/berlin-vor-russischem-haus-taeglicher-protest-gegen-russlands-angriffskrieg/
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