#Medien #Verkehrssicherheit #RealZero (1/3)
Jahr für Jahr hohe Unfallzahlen – und trotzdem bleibt vieles beim Alten. 🤔
Ein Grund liegt auch darin, wie darüber berichtet wird:
Kollisionen erscheinen oft als einzelne Ereignisse statt als Teil eines Systems.
So entsteht der Eindruck von Zufall oder Pech, obwohl sich Muster wiederholen.
Bekannte Risiken geraten in den Hintergrund – ❓und damit auch die Frage, warum sie nicht konsequent angegangen werden.
https://depositonce.tu-berlin.de/items/0336eeca-3d9a-4086-839f-c4ce8ebc9849
Es geht um Leben und Tod
In dieser Arbeit wird der mediale Diskurs über tödliche Kollisionen mit Radfahrer*innen in Berlin im Zeitraum von 2016 bis 2021 untersucht. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche diskursiven Muster sich in der sprachlichen Darstellung dieser Ereignisse finden lassen und wie durch diese Diskurse gesellschaftliche und politische Verantwortlichkeiten (nicht) verhandelt werden. Die theoretische Grundlage bildet die Diskurstheorie nach Hajer (1995), ergänzt um Konzepte der Institutionalisierungsarbeit von Lawrence und Suddaby (2006). Für die empirische Analyse wurden Artikel aus fünf Berliner Tageszeitungen, Polizeimeldungen sowie Pressemitteilungen eines Vereins (Changing Cities) untersucht. Rekonstruiert wird, wie Diskurskoalitionen durch spezifische sprachliche Routinen und Praktiken reproduziert werden und welche diskursiven Verschiebungen sich im Untersuchungszeitraum abzeichnen. Den zeitlichen Hintergrund beschreibt hierbei die Entstehung des deutschlandweit ersten Mobilitätsgesetzes, welches aus einem besonderen zivilgesellschaftlichen Engagement heraus entstand. Es können zwei relevante Diskurskoalitionen beschrieben werden. Die Diskurskoalition Schicksal rahmt tödliche Kollisionen als tragische, schicksalhafte Einzelereignisse. In entsprechenden medialen und institutionellen Praktiken – insbesondere in Polizeimeldungen – werden Kollisionen vereinzelt dargestellt, ohne strukturelle Ursachen (wie mangelhafte Infrastruktur oder politische Versäumnisse) zu thematisieren. Alle Beteiligten erscheinen als Betroffene; Verantwortlichkeiten werden nicht benannt. Die Diskurskoalition Verantwortlichkeit hingegen stellt tödliche Kollisionen als vermeidbare Konsequenzen struktureller Mängel dar. Politische Akteur*innen und planerische Entscheidungen werden explizit adressiert. Eine zentrale Rolle spielen hier zivilgesellschaftliche Pressemitteilungen und Mahnwachen, die unmittelbar nach Kollisionen veröffentlicht bzw. organisiert werden. Diese Praktiken bringen neue Argumentationsstrategien in den Diskurs ein – etwa durch die Humanisierung der Getöteten, durch das Sichtbarmachen institutioneller Verantwortlichkeiten sowie durch das Einfordern konkreter Maßnahmen zur Verkehrssicherheit. Es wird aufgezeigt, wie über Sprache und Kommunikationspraktiken gesellschaftliche Verantwortlichkeiten verteilt, verschleiert oder eingefordert werden, mit dem Ziel, hier eine Veränderung herbeizuführen, die nicht länger weniger als die Einhaltung der Vision Zero (keine Schwerverletzten oder Getöteten) akzeptiert. Damit leistet die Dissertation einen Beitrag zur Diskursforschung im Kontext von Mobilität, Stadtpolitik und Verkehrssicherheit.


