Ich muss euch jetzt etwas erzÀhlen. (Das Postinc rnthÀlt 6 Bilder)
Es geht ums Thema #Erinnerung. Und wie weit kann ich meinen eigenen Erinnerungen trauen.
Das Thema beschÀftigt mich nun schon mein nahezu gesamtes Leben, also ein halbes Jahrhundert.
Als Kind, irgendwo mit 4, 5 Jahren fuhr ich - und folgendes spielt sich alles in meiner Erinnerung ab - mit meinem Vater zu einer Bahn-Haltestelle namens Auhof. Ich war unfassbar fasziniert. Denn das war eine kleine Haltstelle mit einem kurzen Ladegleis, einem gemauerten HĂŒtterl und am Gleis standen 2 Waggons. Ich glaub, mit Holz beladen.
Ich erinnere mich an das Gleis, welches auch die StraĂe querte und an die Weichenlaterne und das Gewicht des Weichenhebels.
#Gleise und #Bahntechnik haben mich schon in diesem Alter fasziniert. Es gibt eine Kinderzeichnung von mir, wo ich eine Dampflok gezeichnet habe... sehr detailreich und mit viel Phantasie... also nicht alles ganz so wie es bei einer Dampflok wirklich ist. Aber das Prinzip passte schon.
Ein paar Jahre spÀter, war dieses Gleis aber verschwunden.
Zwischen dem HaltestellenhĂ€uschen und dem verbliebenen Streckengleis ist so viel Platz, dass dort ein Gleis hĂ€tte Platz finden können. Diese HĂŒtte wurde erst vor wenigen Jahren entfernt, da die Haltestelle selbst schon vor 30 Jahren zugunsten einer gĂŒnstiger gelegenen aufgelassen wurde.
Hier ein Foto
Das wurde aus einem fahrenden Zug aufgenommen, und man sieht gut, den Platz zwischen WartehĂŒtte und Gleis und dass hier mal ein weiteres Gleis hĂ€tte Platz gehabt.
Ich habe all die Jahre immer wieder an dieses Ladegleis samt Waggons gedacht. Es kam mir bei meinem Studium im Eisenbahnwesen in den Sinn und ich erinnere mich noch, als ich lernte, was einen Bahnhof von einer Haltestelle unterscheide: Das Vorhandensein einer Weiche (stimmt nicht ganz, aber in den 1980ern als ich mit mit Modellbahn beschÀftigen begann, reichte es aus)... und mir schoà damals sofort diese #Haltestelle #Auhof in den Kopf, dass dies ja ein #Bahnhof sei und keine Haltestelle...
Und da eben der Platz fĂŒr das Gleis immer vorhanden war, stellte ich meine Erinnerung auch nie in Frage.
Bis vor kurzem. Da warf ich in einem Eisenbahnforum ein, dass Auhof ja auch dereinst ein Ladegleis besaĂ... und erntete Widerspruch.
Leute aus der Gegend, in etwa so alt wie ich meinten, sie können sich an keines erinnern. Recherchen auf einschlÀgigen Websites ergaben: Kein Gleis.
Ich kontaktierte das örtliche Museum: Keine Erinnerung an ein Gleis.
Ich kontaktierte den Besitzer des nahegelegenen Schlosses, nach dem die Haltestelle benannt ist, und wovon ich wusste, dass der Grundbesitzer zur Bauzeit der Bahn Grund abtreten musste... Ergebnis: Kein Gleis.
Aber das gibts doch nicht... so mein Gedanke. Meine Erinnerung ist so dermaĂen lebendig. Diese AusflĂŒge mit meinem Vater sind mir lebhaft in Erinnerung. Diese Waggons, das Licht, die Wolken, die Weichenlaterne, die BĂ€ume daneben,... alles zum Anfassen scharf und klar in meiner Erinnerung. Kaum eine Erinnerung ist so detailreich in meinem Kopf vorhanden, wie diese Situation.
Gestern war ich dann wieder am Ort des Geschehens. Hab im Gras gewĂŒhlt... dort wo in meiner Erinnerung das Gleis war... siehe da, es kam an mehreren Stellen Gleisschotter zum Vorschein. und einen halben Meter daneben, wo das Gleis nicht war, auch kein Gleisschotter... Vielleicht erinnere ich mich doch richtig?
Hier in der Sichtachse sollte es gewesen sein:
Der Betonklotz ist die Steuerung fĂŒr die Lichtsignalanlage und ist erst vor wenigen Jahren aufgestellt worden. Das WartehĂ€uschen vom Bild weiter oben, stand in dem GestrĂŒpp rechts der Sichtachse.
Und die Gleisschotterfunde unter dem Gras sind ein wenig rechts der Sichtachse... also gerade noch dort, wo das Gleis gewesen sein hÀtte können.
Weitere Recherchen förderten nun ein #Orthofoto von 1960 zu Tage...
Auf doris.at hat es ein Kollege entdeckt...
KEIN GLEIS!!!
DafĂŒr eine WartehĂŒtte ungefĂ€hr dort, wo heute der Steuerungsblock fĂŒr die Lichtsignalanlage vom letzten Foto steht.
Die BĂ€ume stehen auch genau dort, wo ich mich erinnere.
Es wurde also zwischen 1960 und den spĂ€ten 1970ern die WartehĂŒtte abgerissen und etwas weiter weg vom Gleis neu aufgebaut. Das belegt die Fotodokumentation.
Jetzt bin ich also wieder nicht sicher... warum hat man die WartehĂŒtte verlegt? Und zwar genau so, dass dort ein Gleis Platz finden könnte?
Der Besitzer von Schloss Auhof aber sagte mir, er könne sich an keinerlei Bauarbeiten in diesen Jahren erinnern. Das Archiv der ĂBB-Infrastruktur gibt es zwar. Dort könnte man möglicherweise Infos dazu finden... nur ist es selbst fĂŒr Mitarbeiter der ĂBB-INFRA nicht verfĂŒgbar... ein anderer Kollege arbeitet dort und hĂ€tte selbst schon beruflich einiges aus dem Archiv benötigt... und kriegt nix. Die Unterlagen dĂŒrften irgendwo in einem Keller lagern... nicht indiziert und nicht digitalisiert... und es wird von den ĂBB kein Geld ausgegeben, damit dort ein Mitarbeiter herumwĂŒhlt... Dies (und wohl einzige) Quelle ist also aktuell nicht verfĂŒgbar.
FAZIT:
Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Gleis nur in meiner Phantasie existierte ist also mit Stand heute extrem hoch. Und ich bin echt verunsichert, welche meiner Erinnerungen auch nur in meiner Phantasie existieren und nie Wirklichkeit waren. Wenn schon die klarste und plastischste Erinnerung offensichtlich bloĂ eine Phantasie ist.
Andererseits bestĂ€tigt dieses Erlebnis sehr schmerzhaft, was Hirnforscher schon lange sagen: Erinnerungen sind nicht real. Die baut sich das Gehirn jedes Mal neu zusammen. Und wenn man sich nur oft genug "falsch" an etwas erinnert (sei es weil man es absichtlich oder unabsichtlich macht, oder von jemandem dazu angeleitet wird) werden im Gehirn neue Verbindungen geschaffen sodass ĂŒber die Zeit die Erinnerung ganz real "falsch" wird sich aber extrem "richtig" anfĂŒhlt.
Ich bin wirklich ob meiner eigenen Erinnerung gerade SEHR verunsichert. Und es fÀllt mir fast unmöglich schwer, diese Erinnerung loszulassen und als Phantasie oder Traum abzulegen. Es begleitete mich mein ganzes Leben und nun soll es sich als vollkommen falsch herausstellen? Ich kann das nicht loslassen.
Und nun frag ich mich, wieviel sind Zeugenaussagen (ohne Beleg) wert, wenn etwas 40, 50 Jahre zurĂŒck liegt...



