Innovative Laserforschung: Prof. Boris Chichkov erhält den Julius-Springer-Preis 2024
Der Julius-Springer-Preis für Angewandte Physik wird seit 1998 jährlich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verliehen, die herausragende und innovative Beiträge im Bereich der angewandten Physik geleistet haben. Die Auszeichnung wird von den Fachzeitschriften Applied Physics A und Applied Physics B vergeben. Der Preis trägt den Namen von Julius Springer (1817 bis 1877), dem Gründer des renommierten Springer-Verlags, und würdigt bahnbrechende Arbeiten, die das Verständnis und die Anwendung physikalischer Prinzipien maßgeblich voranbringen.
Gewinnerinnen und Gewinner des Julius-Springer-Preises waren beispielsweise:
- Shuji Nakamura (1999 für die Entwicklung der blauen Laserdiode; er erhielt zusammen mit Isamu Akasaki und Hiroshi Amano den Nobelpreis für Physik 2014)
- Anne L’Huillier und Ferenc Krausz (2003 für Vorhersage von Attosekundenimpulsen sowie die experimentelle Erzeugung dieser extrem kurzen Lichtpulse; die beiden erhielten zusammen mit Pierre Agostini den Nobelpreis für Physik 2023)
- Stefan Walter Hell (2007 für die Entdeckung, dass Auflösungen weit unterhalb der Beugungsgrenze in einem Fluoreszenzmikroskop mit konventionell fokussiertem Licht erreicht werden können; er erhielt zusammen mit Eric Betzig und William Moerner den Nobelpreis für Chemie 2014)
Eine vollständige Liste aller bisheriger Preisträger:innen kann auf der Webseite des Springer-Verlages eingesehen werden.
Der Julius-Springer-Preis 2024: Prof. Boris Chichkov
Der Julius-Springer-Preis für Angewandte Physik 2024 geht an Prof. Boris Chichkov für seine herausragenden und bahnbrechenden Forschungen im Bereich der Laserphysik und Laseranwendungen. Besonders gewürdigt wird seine Arbeit zur Ultrakurzpuls-Laserbearbeitung von Metallen, die eine neue Richtung in der Materialbearbeitung eröffnet hat. Zudem leistete Chichkov bedeutende Beiträge zur Zwei-Photonen-Polymerisation, die vielfältige Anwendungen in der Medizin und Photonik ermöglichten. In jüngerer Zeit trieb er auch die Entwicklung des Laserdirektdrucks, insbesondere an der Schnittstelle zur Biologie, maßgeblich voran.
Boris Chichkov studierte von 1972 bis 1978 Physik am Moskauer Institut für Physik und Technologie (MIPT) und promovierte 1981 dort. Von 1978 bis 1981 war er Doktorand sowohl am MIPT als auch am P.N. Lebedev-Institut für Physik in Moskau. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann er als Forscher am P.N. Lebedev-Institut, wo er von 1981 bis 1995 tätig war. Internationale Erfahrungen sammelte er als Alexander-von-Humboldt-Stipendiat am Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching (1988–1990) sowie als Fellow der Japan Society for the Promotion of Science an der Universität Osaka (1992–1993). Anschließend forschte er an der TU Darmstadt und am Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen (1993–1994). 1994 kam er als Gastwissenschaftler an das Institut für Quantenoptik der Leibniz Universität Hannover (LUH), wo er 1997 habilitierte. Heute leitet er die Arbeitsgruppe Nanoengineering an der LUH und ist Mitglied der Exzellenzcluster QuantumFrontiers und PhoenixD.
Einen detaillierteren Blick auf die Karriere von Prof. Chichkov bietet die Webseite zum Julius-Springer-Preis 2024. Die Preisverleihung fand am 18. Oktober 2024 in Berlin statt.
Prof. Thomas Lippert (links) (Editor in Chief of Applied Physics A Journal) übergibt den Julius-Springer-Preis an Prof. Boris Chichkov (rechts) // Foto: privat
Im Interview mit Prof. Boris Chichkov
Da der diesjährige Julius-Springer-Preis an Prof. Chichkov und somit einem Mitglied der Leibniz Universität Hannover (LUH) verliehen wurde, haben wir diesen Anlass genutzt, mit ihm ins Gespräch zu kommen, um einen Einblick in seine Karriere als Forscher zu erhalten. Wir, das sind Dr. Holger Israel (Fachreferent für Mathematik) und Julia Hoffmann (Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachreferat Physik).
Forschung mit konkretem Nutzen
Im Interview bot Prof. Chichkov faszinierende Einblicke in seine wissenschaftliche Laufbahn und seine Ansichten zur Zukunft der Laserforschung. Schon während seines Studiums am renommierten Moskauer Institut für Physik und Technologie war die Laserphysik ein fester Bestandteil seiner Ausbildung.
Unter der Anleitung des Nobelpreisträgers N.G. Basov begann er zunächst theoretisch zu arbeiten, fokussierte sich aber bald auf die praktischen Anwendungen von Lasern. Da Laseranwendungen sehr vielseitig sind, blieb das Thema für Prof. Chichkov immer spannend.
Dabei war es für ihn stets wichtig, dass seine Forschung einen konkreten Nutzen hat und praktisch angewendet werden kann.
Bahnbrechende Experimente zu Kurzpuls-Lasern
Einen Wendepunkt in seiner Karriere markierten die Kurzpuls-Laser, die neu auf den Markt kamen und mit denen er in der Arbeitsgruppe von Prof. Bernd Wellegehausen und Prof. Herbert Welling (Institut für Quantenoptik) gemeinsam mit Carsten Momma, Stefan Nolte und Andreas Tünnermann bahnbrechende Experimente durchführte. Heute haben sie alle führende Positionen in Industrie und Wissenschaft. Seine weiteren Pionierarbeiten zur additiven Fertigung und zum Laserdrucken lebender Zellen mündeten in die Verleihung eines der wenigen ERC Advanced Grants an der Leibniz Universität Hannover.
Natürlich gab es auch Rückschläge: Eine Anekdote aus den 1960ern zeigt, wie skeptisch die Fachwelt damals gegenüber Laseranwendungen war. Ein von seinem Mentor eingereichtes Paper, das die Verwendung von Lasern zum Bohren von Löchern vorschlug, wurde auf einer Konferenz in den USA als „absurd“ abgelehnt, da Laser damals noch sehr teuer und ineffizient waren. Heute ist diese Technologie aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken. Aber Schwierigkeiten sind immer da. Diese Herausforderungen zu überwinden, sieht er als festen Bestandteil der wissenschaftlichen Karriere. Das ist auch heute nicht anders: Oft werden vorgeschlagene Forschungsprojekte gut bewertet und doch nicht finanziert.
Keine Angst vor neuen Forschungsgebieten
Jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern rät er, keine Angst vor neuen Forschungsgebieten zu haben und Geduld in ihrer Karriere zu bewahren.
Auf die Frage, welche Zukunft er für die Laserforschung sieht, verweist er auf die großen Möglichkeiten in der additiven Fertigung sowie im Zelldruck, und Anwendungen mit Mikroorganismen.
„Laser sind Instrumente für die Zukunft, und ich hatte das Glück, immer Zugang dazu zu haben.“
Wenn er einen Wunsch frei hätte, dann wäre es die Fähigkeit, die besten Ideen nicht nur nachts zu haben, damit man nicht immer wach liegt.
Ein gutes Team ist wichtig
Zum Schluss betonte er die Wichtigkeit eines guten Teams. Man brauche motivierte Mitarbeiter:innen, die mit ihren Fähigkeiten die Projekte vorantreiben. Es sei die Aufgabe eines Professors, eine Umgebung zu schaffen, in der solche Menschen gehalten werden können. Trotz der steigenden Konkurrenz unter Wissenschaftler:innen, die durch die steigende Zahl an Forschenden zugenommen hat, sei der technische Fortschritt heute so schnell und umfassend wie nie zuvor.
War auf der der ersten Konferenz von Prof. Chichkov in Japan die Nutzung von Mobiltelefonen noch ein Novum, das es zu der Zeit in Europa noch nicht gab, ist es heute eine Selbstverständlichkeit. So steht es auch um die Entwicklung der Lasertechnik: Wo früher die Nutzung von Lasern aufgrund hohem Energieverbrauch und schlechtem Wirkungsgrad mit Skepsis betrachtet wurde, sind Laseranwendungen heutzutage so vielseitig, dass sie aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sind.
Prof. Chichkov ist dankbar, dass er „mit dem Laser unter dem Arm“ die ganze Zeit forschen konnte und es auch weiterhin tun wird, denn für ihn bleibt es schwierig, mit der Wissenschaft aufzuhören, da noch so viele Ideen umgesetzt werden wollen.
Wir bedanken uns herzlich bei Prof. Chichkov für das inspirierende und aufschlussreiche Interview!
Lesetipps
Wenn Sie mehr über die Arbeiten von Prof. Boris Chichkov erfahren wollen, dann werfen Sie doch gern einen Blick auf dessen Veröffentlichungen.
Sie wollen noch tiefer in die faszinierende Welt der Laserphysik eintauchen? Dann finden Sie im Katalog der TIB eine Reihe von Werken zur Laserphysik.
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