Wenn die Rindswurst im Tennisverein zur Weltanschauung wird
Worum geht’s? Um einen Grill. Wirklich. In einem beschaulichen Tennisverein soll über ein neues Modell fürs Sommerfest abgestimmt werden. Routine, Formsache, Hände hoch, Prost. So hat es der Vorsitzende Heribert – grandios gespielt von Hape Kerkeling – schon immer gehandhabt. Funktioniert ja seit über 25 Jahren.
Vom zweiten Grill zur Grundsatzdebatte
Doch dann stellt plötzlich eine Spielerin die Frage im Raum, ob man für das einzige muslimische Mitglied des Clubs nicht einen zweiten Grill anschaffen sollte – damit dessen Rindswürstchen nicht mit Schweinefleisch in Berührung kommen. Ein Gedanke, der gut gemeint ist. Doch dann bricht der Kulturkampf los. Plötzlich geht es nicht mehr um Fleisch, sondern um Identität, Zugehörigkeit und die Frage, wer hier eigentlich dazugehört.
Da wird Haltung demonstriert, da wird Moral sortiert, da wird Identität verhandelt – und zwar mit einer Ernsthaftigkeit, als hinge der Weltfrieden am Rost. Der Vereinsvorsitzende Heribert versucht immer wieder, die Lage mit rheinischer Gelassenheit zu entschärfen – und tappt dabei selbst in diverse Fettnäpfchen. „So nicht, mein Lieber! Nicht in unserem Verein!“ Christoph Maria Herbst als hipper Ex-Berliner Werbetexter und Fahri Yardim als der „türkische“ Erol (der eigentlich nur Deutsch sein möchte) liefern sich Dialoge, die sich zwischen slapstickhaft und schmerzhaft bewegen.
Humor mit Holzhammer – und mit Spiegel
„Extrawurst“ ist kein subtiler Film. Es geht ganz direkt um die Wurst. Dabei nimmt der Film alle auf die Schippe: die Gutmeinenden, die Genervten, die Traditionalisten, die Empörten, die Gleichgültigen und die „Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen“-Fraktion. Auch der „türkische Deutsche“ Erol wird nicht verschont, wenn er mit erstaunlicher Vehemenz über „die Türken vom tiefsten Bauernhof in Anatolien“ lästert, die sich seiner Meinung nach nicht integrieren wollen und können.
„Extrawurst“ ist auch kein Film, der Lösungen anbietet. Er ist ein Film, der uns vorführt – und uns dabei zum Lachen bringt, weil wir uns selbst wiedererkennen. Die Wurst als Symbol gesellschaftlicher Gräben. „Extrawurst“ nimmt unsere kleine, große Welt der Political Correctness, der Empörung und Vorteile sowie der Vereinsmeiereien auf die Schippe – und trifft dabei einen Nerv, der wehtut, weil er so verdammt wahr ist.
Ein Theaterstück als Film in Comedy-Tradition
Nicht bei jeder oder jedem kommt der Film gut weg. Oberflächlich, problematisch in einigen Aussagen mit einem grauenvollen Ende, so einige Kritiker. „Extrawurst“ basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück der Comedy-Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, bekannt für Formate wie „Stromberg“, „Pastewka“ und „Ladykracher“.
Das merkt man und genau so ist der Film auch gemacht. So what? Manches vielleicht zu ernst oder sich selbst einmal bei manchen Themen und Aussagen den Spiegel vorhalten. Beim Publikum scheint er auf jeden Fall ein großer Erfolg und Kinoschlager zu sein beziehungsweise zu werden.
Mir haben die Schauspieler (exzellent) und der Film sehr gefallen, auch wenn ich in der Mitte des Films kurz den Eindruck hatte, dass sich die Gags wiederholen. Für mich war „Extrawurst“ eh ein Muss, denn als Mitglied eines Tennisvereins wollte und musste ich mir entsprechende Anregungen für die nächste Jahreshauptversammlung holen.
Auch beim TCB geht es um die Wurst
Auch bei uns beim TCB in Darmstadt geht es nämlich um die Wurst, genauer gesagt die Rindswürste, die in jedem Jahr während des Internationalen Damentennisturniers gebrüht werden. Sie sind wahrscheinlich seit 50 Jahren – so lange es das Turnier schon gibt – Tradition. Die Rindswurst muss bleiben. Und Äpplewoi gibt es erst recht nicht.
Im Ernst: Jede und jeder, der schon einmal eine Jahreshauptversammlung mitgemacht hat, erkennt bestimmte Muster im Film wieder. Der Vorsitzende, der in gewohnter Routine die Sitzung schnell ohne Widerspruch herunterspielen will. Die Mitglieder des Vorstands, die von manchen Fragen der Anwesenden nur genervt sind und ihr Ding durchziehen wollen. Die Querulanten aus der letzten Reihe – zu denen ich gehöre – die dann mal schnell die Sitzung mit der Frage aufmischen, dass doch bitte Hobbysportler auch Tennisspieler sind und ihnen auch genügend Plätze zustehen.
Anregungen für die nächste Jahreshauptversammlung?
Ich habe viele Anregungen bekommen und notiert und schwanke noch, ob mich unsere 2. Vorsitzende, mit der ich mit einigen Freunden im Kino war, von der nächsten JHV auslädt oder mir und meinem Mitstreiter eine Loge à la Waldorf und Statler aus der Muppetshow reserviert – damit alle was zu lachen haben.
Im Ernst, was sollte nach dem Film bleiben? Wir leben in einer Zeit, in der jeder Tweet, jedes Wort und jede Geste auf die Goldwaage gelegt wird. Wir leben in einer Welt, in der polarisiert und gehetzt wird. Jede und jeder ist gereizt und gleich auf der Palme. Christoph Maria Herbst hat es in einem Interview auf den Punkt gebracht: „Wenn wir uns alle etwas weniger ernst nehmen würden, wäre schon viel gewonnen.“
Etwas gelassener bleiben, aufeinander zugehen und Kompromisse schließen
„Extrawurst“ ist sicher kein perfekter Film. Aber er ist ein Film, der uns daran erinnert, dass wir uns nicht ständig selbst zerfleischen müssen. Dass es okay ist, über sich selbst zu lachen. Und dass am Ende vielleicht doch alle an einen Tisch gehören – auch wenn der eine oder andere lieber abseits am zweiten Grill steht.
Auch: Geht ins Kino. Aber vor allem: Nehmt es nicht zu ernst. Denn wie Hape Kerkeling so schön sagt: „Wer Hass sät, wird ernten, was er sät.“ Und das schmeckt bekanntlich niemandem – nicht mal mit Extra-Senf. Seien wir gelassener. Hinterfragen wir unsere Vorurteile. Gehen wir aufeinander zu und schließen Kompromisse, auch wenn man mal ein Stück abgeben oder sich zurücknehmen muss.
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