Bis zu meinem letzten Atemzug
Es war das erste Mal seit mehr als zehn Jahren, Covid ausgenommen, dass ich Weihnachten in der Schweiz verbracht habe. Ich habe mich Weihnachten mit all seinen «Verpflichtungen» stets entzogen, aus verschiedenen Gründen.
Zuerst war da ein Yogatraining, das ich unbedingt machen wollte. Dann, nach dem Tod meines Partners, schien es unmöglich, diese Tage in gewohnter Umgebung zu verbringen.
Und zuletzt war es auch einfach schlicht die Freude, Weihnachten mit meiner «selbst gewählten» Familie auf der anderen Seite der Welt zu verbringen. Wo wir uns einig sind darüber, dass wir nur das tun, was delicious ist. Was sich als Ausatmen im Körper anfühlt, weit, geräumig.
Das erste Weihnachten ohne meinen Vater
Dieses Jahr jedoch beschloss ich, zuhause zu bleiben. Dafür gibt es viele gute Gründe: Es war das erste Weihnachten ohne meinen Papi, ich habe einen wunderbaren Mann kennengelernt, wollte viel Skifahren gehen, schmiedete mit einer lieben Freundin wunderbare Pläne für den Weihnachtstag. Gestartet haben die Festtage auch sehr gut und schön.
Den Weihnachtstag erlebte ich als extrem nährend und verbunden, simpel. Meine liebe Freundin Maggie hat das feinste Weihnachtsessen gekocht, das ich seit langem essen durfte: Mit der ihr eigenen Präzision hat sie ein Menü gezaubert, das nichts anderes als das Wort «Perfektion» verdient.
Unser Beisammensein war simpel, wir haben geredet, gegessen, nichts weiter.
Was es so nährend gemacht hat war aber die Qualität des echten Zusammenseins, ohne Filter und ohne dass jemand etwas hätte sein müssen.
Im Sinn von: Mein Freund, ich, Maggie – wir konnten einfach uns selbst sein. Wunderbar.
Nicht alle unserer Weihnachtsverabredungen hatten diese Qualität.
Ich freute mich etwa darauf, mit meiner Familie Fondue Chinoise zu essen und Spiele zu spielen. Doch dann hätte ich eigentlich gehen müssen, um in meiner gewohnten und heissgeliebten und eigentlich kompromisslos gelebten Qualität des mühelosen Seins bleiben zu können.
Bloss eine Frage des Introvertiertseins?
Denn mit jedem Tag, an dem ich weitere Menschen besuchte, fand ich mich etwas mehr neben der Spur. Neben dem Moment. Begann hier ein bisschen einen Kompromiss einzugehen, da über meine Bedürfnisse hinwegzugehen.
Und am Ende, nach Neujahr, fühlte ich mich ausgelaugt. Erschöpft. Ein Gefühl, dem ich jahrelang nicht mehr begegnet bin.
Ganz ehrlich, es hat mich etwas überrascht. Denn wenn ich mich gut eingeklinkt spüre in den Fluss des Lebens, in das, was ich als «delicious» beschreiben würde, dann kann ich auch als Introvertierte durchaus mit vielen Menschen unterwegs sein. Und es als erfüllend erleben.
Klar, ich brauche mehr Pausen und mehr Stille als Extrovertierte. Doch das Grundproblem, wenn man es denn als Problem bezeichnen will, war nicht das.
Sondern diese kleinen Kompromisse, die kleinen Dinge, in denen ich mich selbst übergangen habe.
Als ich einer meiner Klientinnen davon erzählte, meinte die: «Es tut imfall so gut zu hören, dass es dir auch so geht – dass auch du in diese Fallen tappst.»
Den Geist im Auge behalten – nicht als Feind, aber als Ort von viel «Grümpel»
Ich glaube, was sie damit zum Ausdruck bringt, ist diese falsche Vorstellung, dass wir irgendwann an einem «Ziel» ankommen. An jenem Ort, wo wir nicht mehr aufmerksam sein müssen. Wo uns unsere eigenen Konditionierungen nicht mehr einholen können.
Mit Realität hat diese Vorstellung allerdings nichts zu tun.
Der spirituelle Lehrer Papaji* soll auf die Frage, ob auch er nach seiner Erleuchtung immer noch seinen Geist im Auge behalten muss, geantwortet haben: «Bis zu meinem letzten Atemzug».
Nicht dass der Geist ein Feind wäre oder gefährlich. Doch der Geist, der Kopf, unsere Gedanken sind nun mal ein Ort, an dem nichts letztlich Wahres wohnt. Der Ort, an dem unsere Konditionierungen, unsere Glaubenssätze und «Rucksäckli» wüten. Und uns gerne und oft ablenken vom Eigentlichen.
In meinem Fall etwa war es die Konditionierung «ich möchte geliebt werden und muss darum meine Bedürfnisse hintenan stellen», die mich mich selbst übergehen liess.
Daher weisen alle integren Lehrer genau auf das hin: Bleib wach, bleib aufmerksam.
Nicht mit Anstrengung oder mit deinem Verstand, sondern mit dieser mühelosen Aufmerksamkeit.
Mit deinem Bewusstsein. Das gefühlt ein Stockwerk tiefer lebt als der Verstand oder Wille.
Das eigene Üben ist und bleibt wichtig, egal wie lange und wie tief du in der Stille verankert bist. Im Moment zu sein ist in jedem Moment immer wieder von Neuem eine Entdeckung. «Beginners mind» wird das manchmal auch genannt, vielleicht so was wie «Neugier eines Anfängers». Denk nicht, du kannst dir deine «mindfulness» oder Stille in den Hosensack stecken und damit hat es sich.
Aufmerksam sein – eine grosse Freude
Was mir nach diesem etwas Verlorengegangen-Sein geholfen hat, war eine Woche lang Rückzug in Stille. Eine Art Rückbesinnung auf den Moment.
Doch was heisst das jetzt? Dass ich mich nicht frei in der Welt bewegen kann, nicht reisen oder mit Menschen unterwegs sein kann?
Doch. Aber die entscheidende Frage ist und bleibt: Ist das jetzt «in der Spur», in alignment, oder ganz es bitz näbedra Und das ist gar nicht so einfach wahrzunehmen, gerade wenn da wunderbare Personen an deiner Seite sind.
Eine abschliessende Antwort habe ich hier nicht. Nur so viel: Dieses Endziel von nicht mehr wachsam oder aufmerksam sein müssen, das existiert nicht. Und aufmerksam zu sein ist nicht harte Arbeit, sondern eine grosse Freude.
Denn nur so bin ich ja wirklich dabei, bei dem was gerade passiert – in meinem Leben. Und das möchte ich zumindest auf keinen Fall verpassen.
* Papaji oder H.W.L. Poonja war Schüler von Ramana Maharshi (den z. B. auch die Beatles aufsuchten) und später selbst spiritueller Lehrer, der Advaita (Nicht-Dualität der Wirklichkeit) lehrte.
Hilfreiche und spannende Reflektionen übers Introvertiertsein von meinen Kolleginnen findet ihr hier: Wie ich lernte, meine Introvertiertheit zu lieben und War Jesus introvertiert?
Foto von Ravi Sharma auf Unsplash
#Achtsamkeit #introvertiert