Teure Arzttermine

Bundesregierung wird auf Doctolib aufmerksam

Selbst wer auf Doctolib gezielt Kassentermine sucht, bekommt mitunter Selbstzahlertermine vorgesetzt. Nach einer Klage von Verbraucherschützer*innen will auch die Bundesregierung prüfen, ob es eine Regulierung braucht. Dahinter stehen jedoch größere Probleme.

Wer mit einem gebrochenen Zeh oder einem pulsierenden Ausschlag im Gesicht rasch einen Praxistermin sucht, landet oft bei Online-Portalen wie Doctolib. Dort lassen sich in kurzer Zeit Termine bei Hunderten Praxen recherchieren. Auf den ersten Blick sieht die Suchmaske praktisch aus. Man kann etwa anklicken, dass man „nur Termine mit gesetzlicher Versicherung“ möchte; Umkreis und Datum lassen sich eingrenzen.

Klickt man sich jedoch durch die vorgeschlagenen Termine, muss man ernüchtert feststellen: Immer wieder entpuppen sich Suchergebnisse auf Doctolib als Selbstzahlertermine. Oftmals wird das erst nach einigen Klicks sichtbar. Eine Kostenfalle?

Auch der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat das Phänomen beobachtet. Bereits im April hat der Verband am Landgericht Berlin eine Klage gegen Doctolibeingereicht. Der Grund: „Irreführung im Rahmen der Buchung von Arztterminen bei gesetzlicher Versicherung“. Die Verbraucherschützer*innen sprechen von „verbraucherschutzwidrigen Praktiken“ und verlangen Unterlassung. Inzwischen ist das Thema auch bei der Bundesregierung angekommen.

„Im Hinblick auf die Terminvermittlung durch private Anbieter beobachtet die Bundesregierung die aktuellen Entwicklungen aufmerksam“, schreibt die Regierung in ihrer jüngst veröffentlichten Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen. Sie sei demnach im Gespräch mit „relevanten Akteurinnen und Akteuren“.

Bundesregierung will „prüfen“

Wie aus der Antwort hervorgeht, wolle die Bundesregierung prüfen, ob es eine Lücke gibt. Die ambulante Versorgung möchte Schwarz-Rot ohnehin laut Koalitionsvertragreformieren. In diesem Kontext werde auch „die Regulierung von Terminvermittlungsplattformen angesichts der Gewährleistung einer qualifizierten und bedarfsgerechten Patientensteuerung geprüft werden“, schreibt die Regierung.

Doctolib hat seinen Hauptsitz in Paris, aber eine deutsche Tochter in Berlin. Auf Anfrage von netzpolitik.org versucht das Portal offenbar, die servierten Selbstzahlertermine als freundlichen Service darzustellen.

Demnach würden Doctolib-Nutzer*innen Privattermine ebenfalls angezeigt, wenn sie „schneller verfügbar oder näher gelegen“ seien. Suchmaske und Filterfunktion würden den Vorgaben aus dem Sozialgesetzbuch entsprechen, wie Doctolib mitteilt. Das Buchungssysteme stelle „alle relevanten Informationen transparent dar“. Weiter nehme man die „Bedenken zur Darstellung von Terminen sehr ernst“. Doctolib arbeite „kontinuierlich“ daran, die App im Sinne aller Beteiligten weiterzuentwickeln.

Kurzer Test zeigt: Missstände bestehen weiterhin

Viel geändert hat sich bei Doctolib anscheinend nicht. Wir haben das selbst ausprobiert und am heutigen Mittwoch per Doctolib einen Hautarzttermin in Berlin-Mitte gesucht. Eingrenzung: „nur Termine mit gesetzlicher Versicherung“. Ob das klappt?

Das erste Suchergebnis: Ein Selbstzahlertermin, ausdrücklich gekennzeichnet mit dem Wort „Privatpraxis“. Seltsam.

Das zweite Ergebnis: eine Praxis für, so Doctolib, gesetzlich Versicherte und Selbstzahlende. Klingt gut. Klickt man jedoch auf den angebotenen Termin, stellt sich heraus: Willkommen ist hier nur, wer auch Geld ausgeben möchte.

„Wählen Sie eine Kategorie für Ihren Termin“, heißt es im Online-Interface. Zur Auswahl stehen zwei Optionen: Bezahlen oder bezahlen. Genauer gesagt: „Ich bin gesetzlich versichert und zahle selbst“ oder „Ich bin privat versichert“. Die Terminsuche für Kassenpatient*innen auf Doctolib erinnert an eine Tombola mit vielen Nieten.

Wenn Nutzer*innen so etwas öfter erleben: Nach wie vielen gescheiterten Versuchen entscheiden sie sich wohl frustriert für einen Bezahltermin, obwohl sie eigentlich Anspruch auf einen kostenlosen Kassentermin hätten?

Im Jahr 2023 hat der rbb eine Datenrecherche zur Terminvergabe auf Doctolib gemacht. Auch damals ging es um die heiß begehrten Hautarzttermine in Berlin. Das Ergebnis: 76 Tage mussten Menschen üblicherweise auf einen Termin bei der Hautärztin warten. Privatversicherte warteten dagegen im Mittel 22 Tage.

vzbv: Bundesregierung muss Probleme zeitnah angehen

In Deutschland haben Menschen laut Sozialgesetzbuch einen Anspruch auf Behandlung. Privat betriebene Termin-Portale wie Doctolib sind aber nur ein Akteur in der Gesundheitsversorgung. In der Verantwortung stehen etwa Krankenkassen, Vertragsärzte und Kassenärztliche Vereinigungen.

Die Beobachtungen auf Doctolib passieren vor dem Hintergrund, dass es vielerorts an freien Terminen mangelt. Die Gründe dafür sind komplex. Trotz hoher Anzahl an Fachkräften hapert es oftmals an der sinnvollen Verteilung. Und dieses Problem besteht weiter, selbst wenn Doctolib anders mit Selbstzahlerterminen umgehen würde.

Auch aus Perspektive des vzbv reichen die Missstände über Doctolib hinaus. Thomas Moormann arbeitet für den Verband zu Gesundheit und Pflege. Auf LinkedIn ordnet er die Antwort der Bundesregierung ein. Moormann beklagt die gelebte Praxis, mit Kassenpatient*innen zusätzlich Kasse zu machen. Konkret nennt er „die Bevorzugung zahlungskräftiger Patientengruppen bei der Terminvergabe, die Verknappung der telefonischen Erreichbarkeit der Arztpraxen“ und den „Verkauf zweifelhafter Selbstzahlerleistungen ohne hinreichende Aufklärung“. Das seien keine Einzelfälle.

Deshalb müsse die Bundesregierung die Probleme bei der Terminvergabe zeitnah angehen, fordert Moormann. „Das darf nicht warten, bis etwa die geplante Regierungskommission Vorschläge für eine verbesserte Versorgungssteuerung vorlegt. Bis zu deren Umsetzung könnte es Jahre dauern.“

Was also tun, wenn der Hautausschlag im Gesicht brennt? Oftmals greifen Betroffene eben auf Terminbuchungsportale wie Doctolib oder Jameda zurück, weil sie keine sinnvolle Alternative für rasche Hilfe sehen.

Gelingt die Suche nach einer Fachärztin nicht auf eigene Faust, gibt es die Terminvermittlung der Kassenärztlichen Vereinigungen. Dafür muss man sich in der Regel vorher einen Dringlichkeitscode aus einer Hausarzt-Praxis besorgen. In solchen Fällen gibt es einen Anspruch auf Vermittlung zu Fachpraxen innerhalb von vier Wochen.

Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize. Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Sebastian Hinweise schicken | Sebastian für O-Töne anfragen | Mastodon. Dieser Beitrag ist eine Übernahme von netzpolitik, gemäss Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

Teure Arzttermine – Beueler-Extradienst

Teure Arzttermine serviert: Bundesregierung wird auf Doctolib aufmerksam

https://netzpolitik.org/2025/teure-arzttermine-serviert-bundesregierung-wird-auf-doctolib-aufmerksam/

Selbst wer auf #Doctolib gezielt Kassentermine sucht, bekommt mitunter Selbstzahlertermine vorgesetzt. Nach einer Klage von Verbraucherschützer*innen will auch die Bundesregierung prüfen, ob es eine Regulierung braucht. Dahinter stehen jedoch größere Probleme.

#doctolib #gesundheitssysteme #vzbv #netzpolitik

Credits: Alle Rechte vorbehalten IMAGO/JOKER, Bearbeitung: netzpolitik.org
Die #Schweiz hat eines der leistungsfähigsten und teuersten #Gesundheitssysteme. Wie kann es gelingen, trotz Regulationen die #Innovation nicht abzuwürgen? Dieser Frage widmete sich das #SwissGovernanceForum: https://www.uniaktuell.unibe.ch/2025/gesundheitsforschung_trifft_alltag/index_ger.html.

Taiwan und die WHA: Eine Frage der globalen Gesundheit:

🇹🇼 Taiwans Isolation in der globalen Gesundheitsgemeinschaft

#Taiwan, ein Land mit einem der fortschrittlichsten #Gesundheitssysteme der Welt, wird systematisch von der #WHA

Weiterlesen:
https://deutsch-taiwanische-gesellschaft.de/meldungen/taiwan-und-die-wha-eine-frage-der-globalen-gesundheit

Taiwan und die WHA: Eine Frage der globalen Gesundheit | Deutsch-Taiwanische Gesellschaft e.V.

Taiwans Isolation in der globalen Gesundheitsgemeinschaft 🚫Taiwan, ein Land mit einem der fortschrittlichsten Gesundheitssysteme der Welt, wird systematisch ...

@tagesschau Echt traurig! Die #USA haben eines der schlechtesten #Gesundheitssysteme der Welt. Sie sind nicht in der Lage, die eigene Bevölkerung die notwendigen Gesundheitsversorgung zur Verfügung zu stellen. Wer krank wird ist häufig allein gelassen und oft finanziell ruiniert! Sie setzten auf ein menschenverachtendes nur von Kapitalinteressen geleitetes System. Und jetzt ist Europa Schuld! Hahaha Amerika! Hahaha #theorangeman ! Welcome to facism!

Ein globales Abkommen zur #Pandemievorsorge wurde nach drei Jahren Verhandlung verabschiedet – ohne Beteiligung der #USA.

Der #Pandemievertrag soll den gerechten Zugang zu #Impfstoffen und Medikamenten sichern, #Gesundheitssysteme stärken und auf künftige Krisen vorbereiten.

Ein zentrales Element ist das „Pathogen Access and Benefit Sharing“-System (#PABS). Die Ratifizierung erfolgt 2026 nach Annahme aller Anhänge.

https://www.science.org/content/article/global-pandemic-treaty-finalized-without-us-victory-multilateralism

#WHO #COVID19 #Pandemie #Impfstoffgerechtigkeit

Der #EFN (European Federation of Nurses Associations):
„Angesichts des anhaltenden Mangels an #Pflegekräften greifen die EU Mitgliedstaaten vermehrt auf die Rekrutierung von ausgebildeten Krankenpflegepersonen aus Nicht-EU-Ländern zurück. Dieser Bericht unterstreicht die dringende Notwendigkeit nachhaltiger Lösungen und politischer Maßnahmen, um die #Pflegeberufe innerhalb Europas zu stärken, ohne andere #Gesundheitssysteme zu destabilisieren.“

#Pflegepolitik

https://oegkv.at/aktuelles/efn-tdt-bericht-ethical-recruitment/

EFN: TdT Bericht Ethical Recruitment | ÖGKV

Der EFN (European Federation of Nurses Associations) hat seinen neuesten TdT-Bericht zur ethischen Rekrutierung veröffentlicht. Dieser Bericht, basierend auf den Daten der EFN-Mitglieder, wurde im…

Internationale #Wissenschaftler schlagen Überarbeitung der Adipositas-Diagnose vor: #Gesundheitssysteme durch hohe Kosten für #Adipositas und Folgen wie Typ-2-#Diabetes belastet. https://www.diabsite.de/aktuelles/nachrichten/2025/250117.html
@medinfo @Locarna1256 @frauloop @Crypty
Internationale Wissenschaftler schlagen Überarbeitung der Adipositas-Diagnose vor

Gesundheitssysteme durch hohe Kosten für Adipositas und Folgen wie Typ-2-Diabetes belastet.

Entwarnung in #Zentralafrika: Die mysteriöse „Krankheit X“ entpuppt sich laut #WHO als #Malaria – eine bekannte, aber weiterhin gefährliche #Krankheit.

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1187489.weltgesundheitsorganisation-doch-keine-neue-krankheit-x-in-zentralafrika.html

Besonders #Kinder unter fünf Jahren sind betroffen, vor allem in abgelegenen Regionen ohne ausreichende #Gesundheitsversorgung. Der Fall zeigt, wie wichtig funktionierende #Gesundheitssysteme für die frühzeitige Erkennung und Eindämmung von Ausbrüchen sind.

#Malaria #Gesundheit #Afrika #WHO #Tropenkrankheiten

Doch keine neue »Krankheit X« in Zentralafrika

Mit Blick auf den Ausbruch einer »Krankheit X« im Kongo gibt es jetzt erst mal Entwarnung. Der Umgang mit potenziellen neuen Pathogenen lässt dennoch weiter zu wünschen übrig.

nd-aktuell.de
Vor wenigen Tagen ist der Chef einer amerikanischen Krankenkasse, United Healthcare, in Manhattan erschossen worden. Zu diesem Anlass schreibt @leogfischer in seiner Kolumne über Gegenwart und Zukunft profitgetriebener #Gesundheitssysteme. 👉 https://www.nd-aktuell.de/artikel/1187372.gesundheitssystem-delay-deny-depose-knochen-binden-im-selbstversuch.html
»delay, deny, depose«: Knochen binden im Selbstversuch

Leo Fischer über Gegenwart und Zukunft profitgetriebener Gesundheitssysteme

nd - Journalismus von links