Apokalypse ohne Weltuntergang?
KI-Systeme übernehmen Entscheidungen, Bilder aus Gaza zirkulieren in Endlosschleifen, Eliten verlieren die Bodenhaftung, Naturkatastrophen werden zur Regel, das «Ende des Westens» scheint eingeleitet und Tech-Eliten reden von Unsterblichkeit. Man muss heute nicht religiös sein, um im Modus der Apokalypse zu leben.
Apokalypse ist zur Alltagssprache der Gegenwart geworden.
Umso auffälliger war die Atmosphäre einer Berliner Tagung zum Thema Weltuntergang. Trotz greifbarer Untergangsstimmung fehlte jede Panik. Es ging ruhig zu, kontrolliert, fast nüchtern. Die Vortragenden sprachen präzise, ohne Alarmismus – und waren sich dennoch einig:
Etwas kippt. Nicht nur punktuell, sondern im grossen Massstab. Ohne dass klar wäre, was danach trägt.
Das Ende der Weltordnung?
Unter dem Titel «At the End of the World» versammelte die Tagung in der Katholischen Akademie Berlin (Organisatoren: Jayne Svenungsson und Aaron James Goldman, Lund University & und Elad Lapidot, Université de Lille) Perspektiven aus Politik, Recht, Technologie, Geisteswissenschaften und Theologie. Die Leitfrage – «Are we living through the end of a world order?» – war keine rhetorische Zuspitzung, sondern Ausdruck einer disziplinübergreifenden Erfahrung.
Die Wissenschaft verändert sich grundlegend durch KI, Biotechnologien, Klimadynamiken. Das Recht verliert zwischen Normalfall und Ausnahme, Staat und Markt, Norm und sich rasch wandelnden Infrastrukturen an Eindeutigkeit. Die Politik operiert mit Endzeitvokabular: Disruption, «death zones», Alternativlosigkeit. Die Geisteswissenschaften stehen vor der Frage, ob sie noch orientieren oder nur kommentieren. Die Autorität der Theologie wird durch KI fundamental herausgefordert – als neuer, vermeintlich oberster Schriftgelehrter. (Aufrüttelndes hierzu sagte Juval Noah Harari kürzlich am WEF Davos).
Apokalyptisch meint vor diesem Hintergrund weniger das tatsächliche Ende der Welt als den Verlust der Unterscheidungen, durch die Welt bislang überhaupt verständlich war.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob etwas endet, sondern was geschieht, wenn niemand mehr urteilsfähig ist.
Recht: Nicht Zusammenbruch, sondern Spaltung
Im Rechts-Panel wurde diese Diagnose besonders greifbar. Die Frage, ob das Recht noch regiert, führte nicht zur Diagnose von Anarchie, sondern von Spaltung. Recht bleibt für einige wirksam, wird für andere aber irrelevant oder ineffektiv. Diese Spaltung verweist auf eine tiefere Verschiebung: Normative Konflikte werden zunehmend in technisch-ökonomische Logiken übersetzt, moralische Fragen ausgelagert und entleert.
Besonders aufschlussreich war der psychoanalytische Zugriff von Przemysław Tacik. Seine Pointe widersprach gängigen Endzeitnarrativen: Apokalypse maskiert oft nicht den Bruch, sondern das eigentliche Trauma: dass es weitergeht wie gehabt.
Die Welt geht nicht unter, sie läuft fort – in einer Form, die man nicht will.
Der apokalyptische Ton entsteht auffällig häufig dort, wo ein System als «verrottet» erlebt wird, ohne dass etwas Neues in Sicht wäre.
Nicht Bruch, sondern dramatische Kontinuität.
Dazu passt die Erosion einer zentralen rechtsstaatlichen Unterscheidung: Normalrecht versus Ausnahme. In der Pandemiepolitik liess sich beobachten, wie die Ausnahmesituation zur Regel wurde. Wird diese Grenze porös, verliert das Recht seine orientierende Grammatik.
Politik: Apokalypse als Entlastung von Verantwortung
Im Politik-Panel zeigte sich eine andere Seite apokalyptischer Rede: ihre entlastende Funktion. Besonders in rechts-autoritären Kontexten wird christliche Apokalyptik strategisch reaktiviert. Erzählungen einer «unbefleckten», noch nicht feminisierten Christenheit werden einem moralisch «verdorbenen» Westen gegenübergestellt. Als Schuldige gelten Feminismus, Queerness, Liberalismus.
Der eigene Standpunkt erscheint dabei nicht als bewusste Entscheidung, sondern als Vollzug eines göttlichen Willens. Gott befiehlt!
Apokalypse dient hier nicht der Kritik der Gegenwart, sondern der Immunisierung gegen Verantwortung. Wer glaubt, dass sich Gottes Wille ohnehin durchsetzt, muss nicht urteilen – nur exekutieren.
Diese Logik findet sich auch ausserhalb religiöser Kontexte. Eine der unbequemsten Einsichten der Tagung: Apokalyptik ist selten neutral. Implizit legt sie zudem fest, wer sprechen darf und wer ausgeschlossen bleibt.
In der islamistischen Apokalyptik fehlen systematisch «intellektuelle Mütter», wie die palästinensische Forscherin Zahiye Kundos hervorhob. So reproduzieren sich Muster des Ausschlusses.
Technologie: Apokalypse ohne Transzendenz
Im Technologie-Panel wurde der Fokus von der Zerstörung der Welt hin zum Verlust von Welt verschoben. Welt verstanden als geteilter Raum von Erfahrungen und Verantwortung.
Natalie Bloch, Judaistin, brachte ein prägnantes Bild ins Spiel. Unsere Technikmetaphern sind religiös aufgeladen. Begriffe wie Cloud, Tablet oder Download lassen sich als säkulare Pendants zum Sinai-Geschehen lesen: Moses’ Empfang der Gesetzestafeln als prototypische Kommunikation zwischen materieller und immaterieller Sphäre. Während Offenbarung in der biblischen Szene asymmetrisch, selten und besonders ist, wird sie im digitalen Raum permanent und inflationär.
Nicht Informationsmangel ist das Problem, sondern Über-Offenbarung oder «permanente Offenbarung».
«Offenbarung» oder «Enthüllung» ist die wörtliche Bedeutung des Begriffs Apokalypse.
Silicon-Valley-Götter
Ein Exkurs führte ins Silicon Valley. Der Philosoph Luca Di Blasi zeigte, wie apokalyptisches Denken dort eine unerwartete Renaissance erlebt – prominent bei Peter Thiel. Ausgangspunkt ist die doppelte Nachkriegserfahrung: Fortschritt und Neubeginn auf der einen Seite, tiefe Angst auf der anderen.
Holocaust und Hiroshima markieren zwei Extreme: moralischer Zivilisationsbruch und die technologische Möglichkeit eines Endes der Menschheit durch atomare Auslöschung.
Für das Ende ohne Verheissung, ohne neue Welt, prägte der Philosoph Günther Anders den Ausdruck «nackte Apokalypse».
Das Spezifische am Silicon Valley ist die Verbindung dieser nackten Apokalyptik mit techno-utopischer Beschleunigung.
Maximale Gefahrenwahrnehmung trifft auf maximalen Fortschrittsfuror.
Erlösungslogik wird säkular umgeschrieben, Neuschöpfung und Unsterblichkeit zu technologischen Heilsversprechen. Das Heil ist nicht transzendent, sondern immanent – etwas, das gemacht werden kann. Und Thiel scheint sich selbst nicht darüber im Klaren zu sein, ob das von ihm bewunderte «prometheische Christentum» (Luca Di Blasi) noch christlich ist – oder bereits antichristlich.
Apokalypse als Modus, nicht als Datum
Ein durchgehender Befund der Tagung lautete: Apokalypse ist kein Datum auf dem Zeitstrahl, sondern ein Modus des Wahrnehmens. Gegenwart wird auf Vergangenheit und Zukunft hin durchsichtig. «Zeichen der Zeit» werden gelesen, Richtungen als notwendig oder gottgewollt gedeutet.
Apokalyptische Rede hat ihre eigene Logik und verfolgt eine paradoxe Bewegung. Sie inszeniert Dringlichkeit und suspendiert zugleich das Urteilen. Apokalypse lässt sich als Entscheidung beschreiben, nicht zu entscheiden – entweder aus Resignation oder aus dem Vertrauen, dass Gott, Geschichte oder Ordnung es schon richten werden.
Unübersehbar ist: Apokalyptische Rede aktiviert häufig traumatische Muster, statt politische Verantwortung zu initiieren.
Ordnung ist nicht ewig
Vor diesem Hintergrund wirkte ein Rückgriff überraschend produktiv: auf Maimonides. Warum ihn ins Spiel bringen inmitten von KI, Gaza, Klimarecht und Trump? Weil der Zugang des mittelalterlichen jüdischen Philosophen und Arztes die gegenwärtige Lage erhellen kann: Die Welt hat einen Anfang. Sie ist geschaffen, nicht ewig. Philosophisch bedeutet das: Existenz ist nicht naturhaft gesichert, sondern geschichtlich. Ordnung ist zufällig, umkämpft, begründungsbedürftig.
Historisierung muss nicht in Endzeitpanik führen. Sie kann im Gegenteil Verantwortung begründen.
Apokalypse erscheint dann nicht als Weltuntergang, sondern als Offenlegung der Gemachtheit von Ordnung. Sie macht sichtbar, dass nichts selbstverständlich ist. Das konfrontiert uns mit der Aufgabe, Welt immer wieder neu zu begründen – nicht nur als Feed oder digitale Infrastruktur, sondern als Raum von Urteil, Streit und Verantwortung.
«At the End of the World. Conversations in Apocalyptic Times» – öffentliche Tagung am 27. Januar 2026 in Berlin, organisiert vom Center for Intellectual Diaspora (Katholische Akademie) in Zusammenarbeit mit Apokalypse-Forschungsprogramm aus Lund.
Abbildung: Die Miniatur aus der Bamberger Apokalypse-Schrift zeigt das Meerestier aus der Johannesoffenbarung: eine monströse Figur als Verdichtung von Macht, Angst und entgrenzter Gewalt – ohne klar deutbar zu sein. (Wikimedia, Creative Commons)
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