Helium ist ein Chromium-Browser ohne Google-Ballast
Ihr erlaubt mir sicher, diesen Blogpost mit einer saloppen Metapher zu beginnen. Weil wirklich: Diese Chromium-Browser vermehren sich wie die Karnickel. Wenn ich wollte, könnte ich mindestens jede Woche eine neue Abspaltung vorstellen.
Bei Wikipedia werden knapp drei Dutzend Varianten aufgezählt. Einige davon habe ich früher besprochen¹. Heute kommt mit Helium eine dazu. Diese Variante wird für Mac, Windows und Linux entwickelt, und was mir gefällt, ist der Wille zum Weglassen. Also: kein Browser, der um eine KI herumgestrickt ist. Dafür ist uBlock von Haus aus integriert, und es gibt die Möglichkeit, den Browser konfiguratorisch auf Minimalismus zu trimmen.
Das heisst: Im normalen Chrome ist die Startseite vergoogelt und es gibt einiges an Screenclutter: den Knopf zur Profilverwaltung, Lesezeichen, das Tabs-Menü, um nur einige zu nennen. Helium hingegen verwendet eine äusserst schlichte Startseite mit Verknüpfungen zu den zuletzt verwendeten Adressen. Beim ersten Start wählen wir die Standardsuchmaschine aus, wobei die Aussenseiter (Duck Duck Go, Kagi, Ecosia, Qwant) am Anfang der Liste erscheinen und Google sowie Bing am Ende aufgeführt sind – demonstrativ bloss aus Gründen der Vollständigkeit.
Bei der Inbetriebnahme legt uns Helium nahe, nicht Google als Suchmaschine zu verwenden.Minimalismus durchs Band
Vor allem versprechen die Entwickler, die den Quellcode via Github verfügbar machen, Folgendes:
Helium nervt dich in keiner Weise, weder jetzt noch in Zukunft. Der Browser unternimmt nichts ohne deine Zustimmung: keine unerwarteten Tabs zu Updates oder Sponsoren, keine hartnäckigen Pop-ups, die dir Funktionen anpreisen, die dich nicht interessieren, keine seltsamen Neustarts.
Sinnvoll, aber auch die herkömmlichen Browser lassen sich zurückbinden.
Die Einstellungen zur Optik.In den Einstellungen bei Appearance and behaviour gibt es unter Browser Layout nebst der Standard-Einstellung Klassisch auch die Optionen Dynamic, Vertikal und Compact (ja, mit einem Mischmasch aus deutscher Übersetzung und englischem Original).
Diese letzte Option führt dazu, dass Adressfeld und geöffnete Reiter auf einer einzigen Leiste zusammenrücken. Das gibt einerseits mehr Platz für den eigentlichen Inhalt – andererseits verringert sich die Zahl der Reiter, deren Titel direkt lesbar ist. Ob das ein Problem ist oder nicht, hängt von den Umständen ab. Für Leute, die notorisch mehrere Dutzend Reiter offen haben und auch in der Standardansicht kaum mehr die Favicons zu sehen bekommen, macht es kaum einen Unterschied.
Die Startseite des Helium-Browsers als aufgeräumt zu bezeichnen, ist keine Übertreibung.Es gibt einige weitere zuschaltbare Optionen, die mir gut gefallen:
- Die Tastenkombination
CtrlTabulatorblättert die offenen Reiter nicht von links nach rechts, sondern in der Reihenfolge durch, in der wir sie geöffnet haben. - Mit Command
Shiftckopieren wir den Link der offenen Seite. - Helium erzwingt HTTPS-Verbindungen.
Schliesslich die Bangs: Das sind Kurzbefehle, die wir von der Suchmaschine Duck Duck Go kennen. Es gibt über 10’000 Stück davon, wie die Übersicht aufzeigt. Sie werden verwendet, indem in der Adressleiste erst das Ausrufezeichen und dann der Anfang des Namens eines Suchkürzels getippt wird. Beispiel: Mit !swiss erscheinen die Bangs Swiss Post, Swisscows und Swissbib. Per Pfeiltasten wird einer der Vorschläge ausgewählt und der nachfolgende Suchbegriff direkt über den entsprechenden Dienst abgewickelt.
Kein Sync, kein Passwort-Manager
Fazit: Dieser minimalistische Ansatz hat seinen Reiz. Ebenso die Tatsache, dass man via Helium analog zum Ungoogled-Projekt einen Chrome-kompatiblen Browser verwenden kann, ohne an Google Daten abliefern zu müssen. Die Abnabelung von der Cloud geht so weit, dass auch keine Browser-Synchronisierung eingebaut ist. Das verbessert automatisch den Datenschutz, reduziert allerdings auch den Komfort. Ob das willkommen ist oder stört, ist eine individuelle Sache: Für mich ist die Synchronisation wichtig, aber ich würde sie gern über einen eigenen Server abwickeln. Der Browser, der mir das anbietet, hätte grosse Chancen bei mir.
Es gibt in Helium auch keinen Passwort-Manager:
Passwörter sollten vom Webbrowser getrennt gespeichert werden, um wirklich sicher und unveränderlich zu sein.
Das stimmt, nötigt uns Usern aber wiederum die Entscheidung ab, ob wir Komfort oder Sicherheit höher gewichten. Den Datenschutz-Verfechtern und Cloud-Abstinenzlern wird die Wahl leicht fallen. Ein grundsätzliches Problem aber bleibt: Allein durch die Verbindung zum Chromium-Projekt bleibt die Abhängigkeit von Google bestehen. Eine Browser-Abspaltung, die mit Unabhängigkeit wirbt, müsste meines Erachtens auf Firefox beruhen – oder auf der kompletten Neuentwicklung Ladybird, von der wir 2026 hoffentlich eine erste Version zu sehen bekommen werden. Ich warte schon seit einem Jahr gespannt!
Fussnoten
1) Das sind die besprochenen Chromium-Varianten:
- Ja, der neue Chromium-Edge hat auch ein paar Vorteile
- Vivaldi könnte der beste mobile Browser sein
- Der neue Arc-Browser in einem ersten Augenschein
- Der König der Tiere unter den Browsern (Brave)
- Der Neo-Browser schmeckt nach der blauen Pille
- Opera stellt Microsoft und Google in den Schatten
- Die Browservielfalt täuscht (u.a. Sleipnir)
- Atlas von OpenAI ist endlich ein KI-Browser, der etwas taugt
- Der Comet-Browser von Perplexity im Test ↩
Beitragsbild: Sie alle stammen aus der gleichen Chromium-Zucht. Aber beim jüngsten Abkömmling sind die Ohren nicht ganz so lang (Viacheslav Kan, Pexels-Lizenz).
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