Mit einigen Wochen Abstand möchte ich meine Reha-Erfahrung teilen. Ich mache das, um meine Gedanken zu ordnen, aber vielleicht interessiert es jemanden.
Ich werde nicht auf Antworten reagieren und bitte dringend von Erholungswünschen abzusehen.

Der Kontext der Reha: Ich habe seit mehr als 3 Jahren ME/CFS und bin seit ca 2 3/4 Jahren arbeitsunfähig.

#mecfs #pais #postCovid

Ich habe mich lange gegen eine Reha gewehrt. Einerseits weil es eine große Belastung ist, die mich vielleicht dauerhaft schädigt, andererseits weil eine unheilbare Krankheit nicht mit ein paar Wochen Bewegungs- und Ergotherapie zu heilen ist, auch wenn genau das mein Neurologe behauptet.

#mecfs

Mein Neurologe beharrt außerdem auf dem Diagnoseschlüssel F48.0, ein Dummfug, der seinem hohen Alter geschuldet ist und den man ihm nicht mehr ausreden kann.
Ich habe nach langer Diskussion mit ihm vereinbart, dass er in seinen Teil des Reha-Antrags ausschließlich die Codes G93.3 und U09.9 verwendet.

Ich habe keinen Platz in meiner Wunschklinik gefunden, sondern bin letztendlich in einer Klinik des Mediclin-Konzerns im Schwarzwald gelandet. Ich habe bewußt keine Mühe in Widersprüche gesteckt, um das Projekt möglichst schnell abschließen zu können.

#mecfs

An- und Abreise habe ich per Bahn mit lieben Menschen gemacht.
Dank der Unterstützung habe ich es ohne Crash geschafft, was für mich wirklich eine großartige Sache war.
Und es hat richtig viel Spaß gemacht, nach 3 Jahren nochmal aus dem Zugfenster die Landschaft vorbeiziehen zu sehen.

#mecfs

In der Klinik dann der erste Schock:
Vier Sport- und Untersuchungstermine am Morgen, weitere 4 Termine am Nachmittag, insgesamt 10 Stunden Programm plus 3 Mahlzeiten.
Alleine das sah überwältigend aus.

#mecfs

Es hat sich dann aber zum Glück sehr schnell als machbar erwiesen, nicht weil ich so unglaublich fit bin, oder mich bislang unterschätzt hatte, sondern weil die Klinik gut auf PostCovid und ME/CFS eingestellt ist und oberstes Gebot die Vermeidung von Crashs ist. D.h., dass ich jederzeit abbrechen oder Termine ausfallen lassen durfte.
Die Physiotherapeuten waren alle - wirklich alle - auf dem allerneusten Stand, was Post-exertionelle Malaise (PEM) anbelangt.
Es gab Info-Veranstaltungen von einer Professorin, die aktiv an der Forschung zu ME/CFS beteiligt ist.
Es hat wirklich gut getan, von jemandem nüchtern und ohne Umschweife zu hören, was Stand der Dinge ist, woran die Forschung krankt und was in nächster Zeit zu erwarten ist.

Es gibt allerdings auch einige Dinge die dramatisch schief gelaufen sind:

- Die Klinik ist komplett softwaregesteuert, d.h. wenn ein Arzt oder Psychologe die Software falsch bedient, kommt man da nicht so schnell wieder raus. Ich habe eine Woche gebraucht, bis ich als PostCovid-Patient eingetragen war.

Die Klinik ist nicht, bzw. nur sehr eingeschränkt in der Lage auf spezielle Diätanforderungen einzugehen.
Ich leide seit ich ME/CFS habe unter Lebensmittelunverträglichkeiten, die einen Crash auslösen können. Das wurde, aufgrund vieler organisatorischer Mängel und nicht zuletzt der Software, nicht berücksichtigt und führte dazu, dass ich außer dem Frühstück in der Regel nur einen Beilagenteller, aber kein vollwertiges Essen bekam.
Und schließlich steht die großartige Leistung der Physiotherapeuten in krassem Gegensatz zu der der Ärzte und Psychologen.
Letztere waren durchweg jung, unerfahren und in Teilen der deutschen Sprache nicht mächtig.
Ich möchte hier jetzt nicht ausgiebiges Ärzte-Bashing betreiben, aber es war schon auffällig, wie Desinteresse, Standesdünkel und Unsicherheit Hand in Hand gingen.

Ich habe nach drei Wochen die Reha beendet, weil klar wurde, dass die Ernährung, wie im Vorfeld befürchtet, nicht ausreichend an meine Bedürfnisse angepasst werden kann.

#mecfs

Fazit für mich

Ich habe 3 Wochen mit nur einem leichten Crash überstanden.
Das Sportprogramm hat mir wirklich was gebracht, nicht im Sinne einer Heilung, aber im Sinne der Erhaltung des status quo.

Gelenke, die nicht bewegt werden, fangen an zu schmerzen und ein Bewegungsprogramm, das Spaß macht und innerhalb der engen Grenzen möglich ist, hilft mir im Alltag die Folgen der Krankheit etwas abzumildern.

#mecfs

Es hat gut getan zu sehen, dass sich das Wissen um ME/CFS inzwischen verbreitet hat und dass es Menschen gibt, die sich intensiv mit der Erkennung und Unterscheidung von ME/CFS zu anderen Krankheiten, insbesondere der Depression, beschäftigen.
Ich war erstaunt in einer Reha-Klinik auf so viel Wissen zu stoßen.
Ich habe viele Menschen kennen gelernt, denen es sehr ähnlich wie mir geht.
Es war, trotz Ärzten und Essen eine gute Erfahrung, die mir nicht geschadet hat.

Und am Ende noch ein Tipp für Menschen, die in einer ähnlichen Situation stecken:
Wenn Ihr ne Reha früher beendet, achtet darauf dass in den Entlassungsbriefen „auf ärztlichen Rat“ steht, das soll nachher für den Antrag auf Erwerbsminderungsrente wichtig sein.

Das wars, ich war in Reha und habe es überlebt.
Fast alle meine Befürchtungen wurden widerlegt.
Viele meiner Vorurteile ggü. Ärzten bestätigt.

#mecfs

@qwertziop
Es freut mich, dass die Reha nicht zu einer katastrophalen Verschlechterung geführt hat und du sogar ein bisschen profitieren konntest.