Das amerikanische Nationalarchiv hat die NSDAP-Mitgliederkartei zur Recherche öffentlich gemacht und ich lese allerorts gerade nur „Was interessiert mich das?“ Kann ich nicht nachvollziehen.

Ich kann nur für mich sprechen: So schnell konntet ihr gar nicht gucken, wie ich meine Familienunterlagen rausgeholt und recherchiert habe. Ich weiß, dass beide meiner Großväter im Krieg waren, aber die „Family Lore“ sagte immer: Nicht aus Überzeugung. [Thread]

Das kann ich natürlich nicht überprüfen. Aber es war für mich beruhigend, dass beide nicht in der Kartei zu finden waren. Werde ich trotzdem versuchen, mehr darüber herauszufinden, was die beiden im Krieg erlebt haben? Ganz sicher. Ich glaube schon, dass transgenerationales Trauma für viele Deutsche eine Rolle spielt, vor allem natürlich für die Nachkommen Marginalisierter.
Den Urgroßvater meiner Frau haben wir gefunden, das Beitrittsdatum im Mai 1933 legt hoffentlich nahe, dass er nicht unbedingt aus Überzeugung beitrat, sondern, weil er als Händler auf das Wohlwollen der Partei angewiesen war.
In dem Haus, das seine Tochter, die Oma meiner Frau, mit ihrem Mann gebaut hat, wohnen wir nun.
Und besagte Tochter war einer der freundlichsten und gütigsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Selbst dement, hochbetagt und trotz ihrer Eigenschaft als gläubige Katholikin, die auch regelmäßig nach Lourdes pilgerte, war ihre einzige Reaktion darauf, dass ihre Enkelin eine Frau heiratet: „Das geht jetzt? Schön!“ 💖

Wer selbst nachschauen möchte, findet hier eine Anleitung:
https://www.reddit.com/r/de/comments/1rpz0cj/suchanleitung_nsdapmitgliedskartei_oc/

Ich habe die Suche genutzt und dann die PDF-Dateien heruntergelanden, um genauer zu schauen – die grüne Hinterlegung hat nicht funktioniert.
Achtet darauf, dass Namenszusätze wie "von der" usw. hinter dem Vornamen stehen und darauf, dass die alphabetische Sortierung hier und da vielleicht fehlerhaft ist.

@carolin Puh. Da muss ich mir mal viel Zeit nehmen. Wenn man nach Schmidt suchen muss 😬
@honehe Hast Du Vornamen und Geburtsdatum? Dann gehts. :)
@carolin Den ersten von.. ich glaube 5 Vornamen kenne ich. Den Rest muss ich mal die Eltern fragen.
@carolin Ich hab jetzt 2 Doks angezeigt bekommen aber wie such ich im Dok? Nur manuell? Kann ich x seiten springen?
@oliverg Du müsstest hoch- und runterscrollen können.
@carolin Ich seh ganz viele Seitenfotos, bin ich falsch?
@oliverg Das ist richtig. Rechts sind die kleinen Vorschaubilder, links das jeweils ausgewählte Bild in groß. Meistens sind es so knapp 3.000 Bilder pro Aktenzeichen.
@carolin BIsschen viel zum manuell durchschauen ;) Zuem weiß ich dass der Großvater (RIP, Sibirien) im KRaftfahrer Corps war, weil er sonst keinen Job (als automechaniker) gekriegt hätte (so die Fama, der ich glaube)
@carolin
Vielen Dank dafür. Vor allem für den Link zu reddit, der das sehr erleichtert hat.
Relativ schnell meinen Großvater väterlicherseits gefunden, der der einzige meiner Vorfahren ist, zu dem ich Spuren rekonstruieren konnte. Wobei, ob mein Vater in der NSDAP war muss ich noch suchen.
Einiges wusste ich bereits, da ich selber suchte. Von der Familie kam nur Schweigen.
@carolin
Falls du noch Soldbücher oder Feldpostbriefe vorliegen hast, ist das Forum der Wehrmacht eine der besten Quellen um zu recherchieren und Hilfe bei der Suche zu erhalten.
https://www.forum-der-wehrmacht.de/
Forum Geschichte der Wehrmacht

Forum Geschichte der Wehrmacht
@villon Danke für den Tipp! Ich muss mal meine Mutter fragen, ob wir da was haben ...
@carolin
Oh unbedingt, das möchte ich schon wissen! Danke für den Tipp.
Das Unternehmen der Familie meiner Oma ist "gut durch diese Zeit gekommen", das klingt schon mal verdächtig...
@MagicMutti @carolin
Du kannst davon ausgehen, dass die deutsche Wirtschaft direkt vor und im II. WK zusammen gebrochen wäre, wenn es die Ausbeutung und den Vernichtungskrieg nicht gegeben hätte. Seien es sog. Fremdarbeiter oder Lebensmittel- und Rohstoffausplünderungen der besetzten und überfallenen Gebiete und Länder. Da haben sich alle Deutschen dran gesund gestoßen.
@carolin uuuuuuuh, Recherche läuft!
@carolin Opa 1 hat seine Aufnahme im Oktober 1940 beantragt
@dnddeutsch Ordentlich spät. Weißt Du , warum?
@carolin keine Ahnung, in der Familie habe ich bisher aber auch nur einen gefunden, der vor 1940 dabei war. Glaub 1940 war's einfach nicht mehr vermeidbar für Otto Normal
@dnddeutsch Ja, gut möglich. Vor allem, wenn man irgendwie Unternehmer oder sonstwie „sozial exponiert“ war, war der Druck wahrscheinlich immens.

@carolin "dass sich selbst während des stärksten Anwachsens der NSDAP nur etwa 11 Prozent der Bevölkerung für eine Parteimitgliedschaft entschieden hatten" *seufz*

https://germanhistorydocs.org/de/deutschland-nationalsozialismus-1933-1945/nsdap-membership-1929-1945.pdf

@dnddeutsch @carolin Interessant, aber bei mir sind da auch sofort Fragezeichen im Kopf: Für wieviel Prozent der Bevölkerung war in dem betrachteten Zeitraum überhaupt eine Parteimitgliedschaft üblich bzw. kam in Frage? Kinder, aber auch Frauen wären meinen Klischeevorstellungen nach typische Gegenbeispiele, aber ich kann mich natürlich täuschen. Und wie verhielten sich Parteimitgliedschaft und Mitgliedschaft in einer der verbundenen Organisationen (Reichsbund der deutschen Beamten o.ä.)?

1/x

@JonasJRichter @dnddeutsch Ich habe bei meiner Recherche tatsächlich deutlich mehr weibliche Vornamen gesehen, als ich erwartet hatte. Andererseits ist mir auch klar, dass a) Frauen einerseits halt auch rassistische Arschlöcher sein können und b) Frauen andererseits oft aus Selbstschutz vorgeben, sich mit irgendwelchen Gruppierungen zu identifizieren.
Es ist und bleibt alles kompliziert und ich würde mir wünschen, dass da insgesamt mehr Aufarbeitung stattgefunden hätte.

@dnddeutsch @carolin Ich weiß zu wenig über die Zeit, aber ein Grund für die Parteimitgliedschaft (abgesehen von nationalsozialistischer Überzeugung) könnte ja Sorge um konkrete, spürbare Nachteile gewesen sein.
Manche Berufszweige scheinen relativ flächendeckend gleichgeschaltet zu sein, weswegen die Angehörigen dieser Berufe vermutlich keinen zusätzlichen Anreiz hatten, in die NSDAP einzutreten.

Mein Opa war Lehrer (wobei er evtl. nicht oder nur wenige Monate vorm 2. Weltkrieg

2/x

@dnddeutsch @carolin
... als Lehrer gearbeitet hat. Ich hab keine Ahnung, ob er im Nationalsozialistischen Lehrerbund war, aber vielleicht gab es keine andere Möglichkeit, wenn man den Beruf ausüben wollte?

3/3

@JonasJRichter @dnddeutsch Das wird sicher oft der Grund gewesen sein. Andererseits für uns drei erschreckend oft eben auch nicht.
Es gibt ja auch Statistiken, dass deutlich mehr Deutsche annehmen, ihre Vorfahren seien im Widerstand gewesen, als realistisch ist.

„Oppa war begeisterter Hitler-Anhänger“ machte sich halt nicht gut am Abendbrottisch, da wurde die Wahrheit vermutlich oft totgeschwiegen.

@carolin @dnddeutsch Zwischen begeistertem Anhänger und aktivem Widerständler gibt es eben auch ein sehr breites Spektrum, inkl. angepasster Duckmäuser. Macht sich nicht gut am Abendbrottisch, also spekulieren sich viele sicherlich eine geschönte Familiengeschichte zurecht.
@dnddeutsch @carolin eine Mitgliedschaft in der NSDAP war zu jedem Zeitpunkt eine bewusste Entscheidung. Einen Zwang dazu gab es nie. Eine Parteimitgliedschaft war ggf. Durchaus Karrierefördernd. Die Mitgliedschaft in der Partei angegliederten Organisationen wie der NSLB waren allerdings durchaus Vorraussetzung. Bei Lehrkräften z.B. waren etwa 97% NSLb Mitglieder. Ein Drittel davon auch in der NSDAP.
@_Fuchs @dnddeutsch Ich sage mal: Jein. Unterschätze nicht die Kombination aus Angst, Gruppendruck und Propaganda, die da gewirkt hat.
Nur weil es keine formellen Zwang gibt, heißt das nicht, dass keine Mechanismen wirken. Wer bspw. beruflich abhängig von anderen Menschen oder heimlich homosexuell ist, überlegt sich ggf. doppelt, ob er die Einladung zur Partei ausschlägt und sich damit womöglich verdächtig macht.

@carolin
Danke für den Hinweis.

Ich habe vermutlich einen Großvater mit Beitritt 1937 gefunden. Noch als »cand. med.« und Adresse in einer Nachbarstadt, aber sonst passt alles. Der Name des anderen Großvaters findet sich zwar auch, aber keiner mit dem richtigen Geburtsdatum.

Ich vermute, dass sich da in der Verwandschaft der Großväter noch einiges finden wird, denn sonst ergeben manche Familiengeschichten keinen Sinn.

@carolin @sarah_ist_muede Oh, das klingt spannend. Da muss ich mal meine Vorfahren überprüfen.
@carolin Man sollte wissen, dass in Diktaturen viele Mitglieder der Partei waren, um Nachteile zu vermeiden.
Es ist also nicht, wie bei uns, immer Überzeugung gewesen. Man muß genau hinschauen und Taten sagen mehr, als nur eine Mitgliedschaft.
@Alter_Mann Siehe „das Beitrittsdatum im Mai 1933 legt hoffentlich nahe, dass er nicht unbedingt aus Überzeugung beitrat, sondern, weil er als Händler auf das Wohlwollen der Partei angewiesen war.“ , ne.
@carolin Naja, "im Krieg" war man, weil man eingezogen wurde (idR). Nicht, weil man überzuegt gewesen wäre.
@oliverg Gab auch damals schon a) Leute, für die das keine Option war und die lieber gestorben wären, als für Hitler zu kämpfen, und b) Leute, die aus Überzeugung zur Waffe griffen.
@carolin Klar, das hat aber mit der Parteizugehörigkeit wenig zu tun. Denke ich jedenfalls. Wie viele prozentual waren denn überhaupt in der Partei?
@carolin "entsprach dies einem Anteil von etwa 12 bis 15 Prozent. Die Parteidichte variierte jedoch stark nach Berufsgruppen, mit sehr hohen Anteilen unter Beamten und niedrigeren unter Arbeitern." (er war dann wohl eher Arbeiter)
@carolin
Finde ich super, dass man da recherchieren kann. Mir selbst bringt es nichts - bei meinen Großvätern weiß ich ungefähr, was die im Krieg gemacht haben (bzw. einer der beiden ist 1942 als Soldat gefallen, in Russland), aber ich kenne nicht die Namen und sonstige Daten meiner weiteren Verwandtschaft, z.B. Urgroßeltern, Großonkel etc.
Ich wollte eigentlich mal einen Familien-Stammbaum erstellen, habe meine Eltern quasi dazu "interviewt", aber sie konnten mir da nicht viel weiterhelfen.
@amalia12 Ich hab zum Glück unsere Daten, weil mein Vater hobbymäßig Ahnenforschung betrieb. Das war noch in den Neunzigern, insofern involvierte es viele Fahrten in andere Orte, um in alten Büchern zu recherchieren. Ist also echt sehr aufwendig, leider.
@carolin Oh ja, das glaube ich, dass es aufwändig ist. Wir hatten bei uns in der Familie meines Wissens keine Leute, die Ahnenforschung betrieben haben, das hätte mir bestimmt sehr weitergeholfen für diesen Stammbaum.
Alles, was ich habe, sind ein paar alte Fotos von meinen Vorfahren. Manchmal schaue ich sie mir an und frage mich, wer waren diese Leute, und was haben sie wohl so alles erlebt?
@carolin
Ich weiß ansonsten nur grob, dass ich Vorfahren in Deutschland, England, Norwegen und Russland habe. Aber das hilft mir halt auch nicht weiter. 🤔 Ich könnte da (außer vielleicht hierzulande) auch nicht gut vor Ort recherchieren.
Aber gut, ich schweife ab, es ging ja eigentlich um das amerikanische Nationalarchiv und die NSDAP Kartei.
@carolin ich war erleichtert, als ich meinen großonkel, der immer so begeistert vom russland-feldzug erzählt hat, nicht gefunden hab...
@carolin Mit einem Opa, der vor 1945 Schuldirektor war und 1946 wg Krankheit starb, und einem Opa, der in Krieg und Gefangenschaft war und über beides nie redete, werde auch ich mich in absehbarer Zeit in diese Recherche begeben. Ist doch klar.