Das amerikanische Nationalarchiv hat die NSDAP-Mitgliederkartei zur Recherche öffentlich gemacht und ich lese allerorts gerade nur „Was interessiert mich das?“ Kann ich nicht nachvollziehen.

Ich kann nur für mich sprechen: So schnell konntet ihr gar nicht gucken, wie ich meine Familienunterlagen rausgeholt und recherchiert habe. Ich weiß, dass beide meiner Großväter im Krieg waren, aber die „Family Lore“ sagte immer: Nicht aus Überzeugung. [Thread]

@carolin uuuuuuuh, Recherche läuft!
@carolin Opa 1 hat seine Aufnahme im Oktober 1940 beantragt
@dnddeutsch Ordentlich spät. Weißt Du , warum?
@carolin keine Ahnung, in der Familie habe ich bisher aber auch nur einen gefunden, der vor 1940 dabei war. Glaub 1940 war's einfach nicht mehr vermeidbar für Otto Normal
@dnddeutsch Ja, gut möglich. Vor allem, wenn man irgendwie Unternehmer oder sonstwie „sozial exponiert“ war, war der Druck wahrscheinlich immens.

@carolin "dass sich selbst während des stärksten Anwachsens der NSDAP nur etwa 11 Prozent der Bevölkerung für eine Parteimitgliedschaft entschieden hatten" *seufz*

https://germanhistorydocs.org/de/deutschland-nationalsozialismus-1933-1945/nsdap-membership-1929-1945.pdf

@dnddeutsch @carolin Interessant, aber bei mir sind da auch sofort Fragezeichen im Kopf: Für wieviel Prozent der Bevölkerung war in dem betrachteten Zeitraum überhaupt eine Parteimitgliedschaft üblich bzw. kam in Frage? Kinder, aber auch Frauen wären meinen Klischeevorstellungen nach typische Gegenbeispiele, aber ich kann mich natürlich täuschen. Und wie verhielten sich Parteimitgliedschaft und Mitgliedschaft in einer der verbundenen Organisationen (Reichsbund der deutschen Beamten o.ä.)?

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@JonasJRichter @dnddeutsch Ich habe bei meiner Recherche tatsächlich deutlich mehr weibliche Vornamen gesehen, als ich erwartet hatte. Andererseits ist mir auch klar, dass a) Frauen einerseits halt auch rassistische Arschlöcher sein können und b) Frauen andererseits oft aus Selbstschutz vorgeben, sich mit irgendwelchen Gruppierungen zu identifizieren.
Es ist und bleibt alles kompliziert und ich würde mir wünschen, dass da insgesamt mehr Aufarbeitung stattgefunden hätte.

@dnddeutsch @carolin Ich weiß zu wenig über die Zeit, aber ein Grund für die Parteimitgliedschaft (abgesehen von nationalsozialistischer Überzeugung) könnte ja Sorge um konkrete, spürbare Nachteile gewesen sein.
Manche Berufszweige scheinen relativ flächendeckend gleichgeschaltet zu sein, weswegen die Angehörigen dieser Berufe vermutlich keinen zusätzlichen Anreiz hatten, in die NSDAP einzutreten.

Mein Opa war Lehrer (wobei er evtl. nicht oder nur wenige Monate vorm 2. Weltkrieg

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@dnddeutsch @carolin
... als Lehrer gearbeitet hat. Ich hab keine Ahnung, ob er im Nationalsozialistischen Lehrerbund war, aber vielleicht gab es keine andere Möglichkeit, wenn man den Beruf ausüben wollte?

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@JonasJRichter @dnddeutsch Das wird sicher oft der Grund gewesen sein. Andererseits für uns drei erschreckend oft eben auch nicht.
Es gibt ja auch Statistiken, dass deutlich mehr Deutsche annehmen, ihre Vorfahren seien im Widerstand gewesen, als realistisch ist.

„Oppa war begeisterter Hitler-Anhänger“ machte sich halt nicht gut am Abendbrottisch, da wurde die Wahrheit vermutlich oft totgeschwiegen.

@carolin @dnddeutsch Zwischen begeistertem Anhänger und aktivem Widerständler gibt es eben auch ein sehr breites Spektrum, inkl. angepasster Duckmäuser. Macht sich nicht gut am Abendbrottisch, also spekulieren sich viele sicherlich eine geschönte Familiengeschichte zurecht.
@dnddeutsch @carolin eine Mitgliedschaft in der NSDAP war zu jedem Zeitpunkt eine bewusste Entscheidung. Einen Zwang dazu gab es nie. Eine Parteimitgliedschaft war ggf. Durchaus Karrierefördernd. Die Mitgliedschaft in der Partei angegliederten Organisationen wie der NSLB waren allerdings durchaus Vorraussetzung. Bei Lehrkräften z.B. waren etwa 97% NSLb Mitglieder. Ein Drittel davon auch in der NSDAP.
@_Fuchs @dnddeutsch Ich sage mal: Jein. Unterschätze nicht die Kombination aus Angst, Gruppendruck und Propaganda, die da gewirkt hat.
Nur weil es keine formellen Zwang gibt, heißt das nicht, dass keine Mechanismen wirken. Wer bspw. beruflich abhängig von anderen Menschen oder heimlich homosexuell ist, überlegt sich ggf. doppelt, ob er die Einladung zur Partei ausschlägt und sich damit womöglich verdächtig macht.