Ich gehe hier ja heute nicht nur des Biografischen wegen. Sondern eigentlich wegen des Muskauer Faltenbogens, den ich immer schon mal bewandern wollte. Ein vom Skandinaviengletscher hinterlassenes Endmoränen-Hufeisen, so bilderbuchhaft, dass es heute ein UNESCO-Geopark ist. Da vorn war das Gletschertor. Aus ihm heraus fliesst die Struga. So ist das in der #Lausitz. Es ist immer noch was Zweites da, das man nicht immer gleich sieht.
Woran merkt man, dass man in die Lausitzer Heidedörfer gelangt ist? Irgendwo draußen in der Landschaft hat hier jedes seinen Friedhof. Hier zum Beispiel Dźěwin/Groß Düben. Die Toten zur weit entfernten Kirche kutschieren und dort begraben? Nix da, der Pfarrer soll mal schön selber kommen.
Witaj Dźěwin.
Der Traktor hat dem hinter ihm verfallenden Gut den Rücken gekehrt.
Fußball hier in der Liminalität schwieriger Punkt. Energie Cottbus - Dynamo Dresden. Es geht hin und her. Zumindest auf Eishockey in Weißwasser können sich dann alle wohl einigen. #Chrupalla ist da ja auch gern gesehener und schultergeklopfter V.I.P.-Dauerkarten-Inhaber, wie wir unlängst in einem journalistischen Rührstück lernen durften.
Die DDR hat Dźěwin gigantische Stallanlagen hinterlassen, die ich auf meinem Weg zum Gletschertor passiere. Einige sind noch von Milchtieren bewohnt. Appalachische Gefühle, trotzdem. #Draußen
Von Süden und Norden rücken nun die Hufeisen-Arme der Endmoräne immer mehr zusammen.
Voraus das Gletschertor.
Noch ein Blick zurück, bevor ich in den Wald abbiege, auf dessen anderer Seite Brandenburg und die Niederlausitz warten. Božemje, Struga-Dörfer! #Lausitz
Drinnen im Faltenbogen dann Kiefernlicht und die vereisten Augen von mehr als 150 Jahren Bergbau.
#Bahnzeit war auch einmal. Nämlich die Nebenstrecke Forst-Döbern-Weißwasser. Stillgelegt, tief in den 1990ern.
Wenn das Dickicht der Endmoräne sich lichtet, ist da die #Niederlausitz, #Brandenburg und Cersk/Tschernitz.
Am Grenzweg ein Pfahl, gänzlich bedeckt mit Dynamo-Stickern. Möglich, dass da jetzt auch ein #AfD-Nee! - Sticker mit dabei ist.
Glasmachergegend. Überm Dorfhorizont hinterbliebene, diesbezügliche Industrie. #Lausitz
Auch Autos waren mal.
Die Bushaltestelle verkündet noch die ursprüngliche Bestimmung aus den DDR-Jahren. Zum Schluss noch mehr als ein Jahrzehnt Spezialglas für die Sorlarindustrie. 2025 im Sommer war dann endgültig kónc. Aber Erneuerbare sind ja eh ein Irrweg, sagen #Chrupalla und die eine oder andere Regierung.
In Tschernitz dann wieder das Biografische. Die gärtnerisch begeisterte Oma stammte von hier. Ihr Vater war preußischer Schulbeamter und Chorleiter. Das da rechts war seine Schule. Heute Physiotherapie. Die vergänglichen Schmerzen der #Lausitz.
Über Tschernitz brachen im späten 19. Jahrhundert die Glashütten herein. Man sieht es noch, zwischen den Häusern, wenn da kein gemauerter Schlacht- und Futterküchenwinkel ist.
Tja, Cersk. Ich weiß es doch auch nicht. #Lausitz
Es ist Mittag und ich gehe zu den Toten von Tschernitz, einen Apfel essen. Paar Vorfahren dürften ja auch dabei sein. Witajće!
Diesbezügliche Namen finden sich nicht mehr. Aber andere Geschichten. #Lausitz
Habe dann den Weg nach Jarješk/Jerischke genommen.
Der führt anderthalb Wegstunden als Milchstraße mehr oder weniger schnurgerade durch den stillen Zschornoer Wald. Nur der eigene Atem und Körper. #Draußen #Lausitz
Tief drinnen öffnet sich eine von den Panzertruppen der DDR hinterlassene Heideinsel. Im Herbst zur Blüte unbedingt wiederkommen!
Dann schluckt einen wieder der Kiefernwald. Wegkreuzungen, an denen Mitternacht einer wartet, um Deals anzubieten. #Lausitz
Wenn einem schon alles egal ist und man nicht mehr daran glaubt, ist da dann doch noch weltverloren Jerischke. In einer Waldinsel, direkt gelegen in einem einstigen Gletschertor.
Ach, Jarješk. #Lausitz
Auf der nördlichen Endmoräne betreibt die Familie Marbach einen Weinberg. Trockene Weißweine. Riesling, Johanniter, so etwas eben. Gibt jetzt auch eine moderne Kelterei. Und da habe ich mir eine Flasche mitgenommen und das letzte Glas davon trinke ich gerade, während ich das hier schreibe und ich finde das schön. #Lausitz
Gestorben wird in Jerischke auch und wenn man nicht aufpasst, drückt der Frost hier die toten Leute mitsamt dem Wasser wieder aus der Erde. Und dann laufen die in Jerischke herum und man hat nischte wie Scherereien.
Die Landschaft dann wirklich dem Gletscher wegen ein bisschen skandinavisch ausgehobelt und sehr sanft und schön. #Lausitz
150 Meter. Wer jetzt lacht, fliegt! #Lausitz
Gipfelhütte auch.
Der Lissberg nämlich. Ward Ihr alle noch nicht oben! Riecht auch wirklich nach Fuchs, wie quasi die ganze kleine Gegend. #Lausitz
Na, wer sieht den Friedhof von Selc/Zelz?
Ich bin ja auch in einem Weltende aufgewachsen. Aber so ein weltendiges Weltende wie Selc, das muss man wirklich erlebt haben! Selbst die Landstraße mit dem Linienbus drauf knickt oben vorm Dörfchen weg. Glücklich heißen mich Hofhunde willkommen. #Lausitz
Sehr sehr hübsch.
An irgendwas muss man sich halt festhalten. Und wenn es die Fahne ist. Muss unweigerlich an #Chrupalla mit seiner vom Imageberater ihm aufgeschwatzten Fensterglasbrille denken. Wie diese kleine, arme Gegend ihm in den Knochen steckt und er die ganze Zeit Angst hat, dass Weidel wieder vor allen im Parteigremium über ihn lacht und dann muss er zu Lanz vor diese ganzen Kameras und reden! Er wird sie alle dafür büßen lassen. Und uns! Wodaj, Selc. Du kannst ja nix dafür! #Lausitz

In Selc dann am Mobiltelefon Blick auf den Fahrplan der Eisenbahn. Man könnte jetzt hinter der Neiße nach Süden abbiegen und Bad Muskau ansteuern. Drei Wegstunden. Dunkel dann. Oder in zwei Stunden weiter nach Norden zum Bahnhalt nach Tuplice. Dann geht dort die Bahn nach Cottbus. Wenn man die verpasst, heißt es allerdings drei Stunden warten bis der nächste und letzte Zug kommt.

Entscheide mich für Tuplice. Wie auch immer, witaj Grenzbrückchen!

Und božemje Selc. Sorry nochmal für das Ding mit #Chrupalla, habe mich gehen lassen.
Witaj Polen! Die kleine Rauchwolke da, das ist das Lagerfeuer der beiden einsamen polnischen Grenzwächter, die seit #Dobrindt auch hier wachen müssen. Die Freude, mit der sich der eine von ihnen vor mir aufbaute um meinen Ausweis zu kontrollieren, wärend ihn sein Kumpel und eine kleine Katze dabei beobachteten. Und seine verwunderte Enttäuschung, als er "Görlitz" als meine Adresse feststellen musste. Fahrt da hin, diese armen Leute sterben sonst vor Langeweile! #Schengen
Witaj Nysa! Man kennt sich ja.
Drüben geht Selc einfach als Siedlec weiter.
Aber noch die entlegendste polnische Weltgegend bekommt durch den Katholizismus etwas Farbe. Muss man neidlos anerkennen.
Ein Dorf weiter in Kamienica/Kamjenca/Kemnitz wieder einer dieser stimmungsvollen mit EU-Mitteln gebauten Spielplätze, wie es sie im grenznahen Polen vielerorts gibt.
Ich muss nun leider sehr schnell gehen, weil ich meinen Zug nicht verpassen will. Aber den Teufelsstein, kurz vor Trzebiel, den will ich dann doch noch kurz sehen. Inclusive neuheidnischem Slawentum, dafür verwenden unsere polnischen Cousins uns unheimlich gern (die tschechischen auch ...). #Serbja
Ach, die stimmungsvollen Wege #draußen!
Wer braucht da noch ein Ferienhaus in Jütland! #Lausitz
Kurz vor Trzebiel quere ich die Gleise der tief in den 1990ern stillgelegten Nebenstrecke von Tuplice nach Łeknica. #Bahnzeit
Trzebiel/Trjebule/Triebel erweist sich als niederlausitzer Landstädtchen, das nach 1945 einen Großteil seiner historischen Bausubstanz für den Wiederaufbau Warschaus drangeben musste. Heute daher sehr ruppiger Charme.
Tja, Trzebiel. Ich weiß es doch auch nicht. #Lausitz
Witaj Tuplice/Wjelike Tuplice/Tuplitz! Ich erreiche Dich eine halbe Stunde vor Ankunft des Zuges - aber nur, weil ich kurz hinter der Autobahnbrücke bei Trzebiel den Daumen rausgehalten habe und mich ein freundlicher polnischer Monteur die zwei Kilometer mit dem Kleinlaster mitgenommen hat. Sonst hätte ich den Zug verpasst. Wir haben uns darüber unterhalten, dass kaum noch wer trampt, weder in Polen noch in Deutschland und dass das ein kultureller Verlust ist. #Draußen

Schön war es wieder. Und durch die eigene Familiengešichte zu wandern, macht man ja auch nicht immerzu. Außerdem muss ich mir die Gegend um Trzebiel unbedingt noch einmal mit etwas mehr Ruhe bei einer weiteren Tour erlaufen.

Für heute aber kónc. Danke fürs Mitlesen! #Draußen

Wanderungen  – Google My Maps

Wanderungen

Google My Maps
@boblinger77 Danke, es war mir ein inneres Mitwandern. 🫶 #Draußen
@boblinger77 Herrliche Einblicke! Danke vielmals.

@boblinger77

Sehr schön erzählt, vielen Dank! 🤗
Hab auf opentopomap versucht, mitzuplotten.
Und mich über den Faltenbogen belesen 😊

@boblinger77

Hab mir auch noch die Dokumentation "Wuhlo-Kohle" aus der ARD-Mediathek reingezogen.
War eine schöne Ergänzung zu Deinen Erläuterungen und Bildern.

@boblinger77 Wie schön, wieder von #draußen zu lesen. Danke fürs Mitnehmen!
@boblinger77 sehr schön. Nun Fernweh.
@boblinger77 Beeindruckend, der Bericht und die Bilder mit dem wenigen darauf 🙂
@boblinger77 ich bin als (ältere) Schülerin öfter mal getrampt. Zuletzt hab ich bei verpasster Bahn oder ähnlichem dran gedacht, den Daumen rauszuhalten, aber als (ältere) Frau habe ich mich nicht getraut.
@boblinger77 Ein Bus, ein Zebrastreifen und ein Balkon - alles auf einem kleinen Straßenstück, Respekt Trzebiel/Trjebule/Triebel.
@boblinger77 Ein irres Gebilde links neben dem Katholizismus. Ein efeuüberwuchtertes Denkmal?
Und diese Liebe zu den Obstbäumen🤍
@boblinger77 Toller Ausflug 😊