6/ @kattascha fragt: „Und es gibt ja die These, dass auch das Fehlen einer 68er-Bewegung im Osten, die sich dann ja im Westen extrem kritisch dann, halt auch teilweise an den eigenen Eltern und deren Beteiligung am NS-Regime und der Großeltern abgearbeitet hat , dass das Fehlen einer vergleichbaren Bewegung, die es ja auch gar nicht geben konnte, so in diesem Ausmaß, also weil, klar, autoritäres Regime, dass das dazu führt, dass Menschen, vielleicht auch weniger Berührungsängste mit extrem rechten Parteien heute entwickeln, weil sich das so weiterträgt. Glaubst du, da ist was dran oder das ist halt vielleicht auch eine Erklärung, die es sich zu leicht macht?“

Anne Rabe: “Beides. Also wenn wir zum Beispiel auch darüber sprechen, über diese autoritären Erziehungsmethoden, also wo man auch immer sagen kann, okay, es gibt auch in Westdeutschland und es gab auch in Westdeutschland ganz, ganz viel Gewalt gegen Kinder, aber es gab eben auch eine Diskussion um autoritäre Erziehung. Es gab darum einen Diskurs. Da hat sich was verändert und das gab es eben in Ostdeutschland nicht.“

Ich habe vor kurzem eine wichtige Sache gelernt: Menschen aus dem Westen können nicht sehen, dass es einen Diskurs gab, weil dieser nicht im Fernsehen oder in Zeitungen stattfand. Aber natürlich haben fast alle Ossis West-Fernsehen gesehen. Wir waren also auch am Westdeutschen Diskurs beteiligt und wir haben untereinander geredet. Das hat der westdeutsche Historiker und Journalist Christian Berndt meiner Frau in der Bahn erklärt. Fahrt Bahn! Das bildet!

Mir war das selbst nicht aufgefallen, weil ich eben inzwischen auch das West-Bild von gesellschaftlichem Diskurs hatte: Zeitungen, Zeitschriften, Talk-Shows, Radio, Fernsehen, jetzt Podcasts.

Aber wir haben gesprochen. Auch über #antiautoritäreErziehung.

7/ Ah, noch zur Erziehung: Es gab eine Erziehungszeitschrift für Eltern: #ElternHausUndSchule. Ich würde gern mal meine Ost-#Followerpower fragen, ob Ihr da noch irgendwo Ausgaben habt. Oder @peer, ob es das irgendwo im Internet oder in Bibliotheken gibt. Ich habe es nicht gefunden.

Mich würde interessieren, ob da irgendwas zur Erziehung mit Schlägen drinstand.

Vielleicht hat auch noch irgendwer einen Erziehungsratgeber aus der DDR.

8/ Ich habe gerade gefunden, dass #Makarenkos Schriften verbreitet wurden. Man kann von seiner kollektiven Erziehung halten, was man will. Sie scheint jedenfalls gewaltfrei gewesen zu sein:

„Makarenko entwickelte eine Form der Kollektiverziehung mit dem Ziel der Erziehung einer allseitig entwickelten Persönlichkeit zunächst auf der Grundlage der Theorien von Jean-Jacques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi und anderer humanistischer Denker. Er beabsichtigte eine Erziehung ohne die Gewalt der Prügelstrafe und ohne hierarchische Autorität seitens der Lehrer. Die Erziehung basierte auf einer Einheit von verinnerlichter Disziplin, Selbstverwaltung und nützlicher Arbeit. Die Autorität des Erziehers beruhte auf seiner Achtung vor dem Kind, seiner absoluten Aufrichtigkeit gegenüber den Zöglingen und auf festem Vertrauen in den Menschen. Makarenko war weniger Theoretiker denn Pragmatiker und Realist. Sein Handeln richtete sich vor allem nach der situativen Gegebenheit und der von ihm erfassten Intention seines Gegenübers.“

Würde mich mal interessieren, was das #FediLZ heute über Makarenko denkt. Wurde wohl schon 1968 im Westen erforscht.

#Pädagogik

https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Semjonowitsch_Makarenko

Anton Semjonowitsch Makarenko – Wikipedia

9/ Wow. Hier dann harte Propaganda aus dem ND von 1953. Kommentar eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts zur andauernden Fesselung und Verprügelung einer 16jährigen.

„FESSELN UND SCHLAGEN legalisierte das ,,Bundesverfassungsgericht“ in Karlsruhe durch eine Entscheidung in letzter Instanz. Nach Auffassung jener Richter, die über die Verfassungsmäßigkeit der Kriegsverträge entscheiden sollten, ist eine solche Strafmaßnahme gerechtfertigt, weil ,Erziehungsmaßnahmen ihrem Wesen und ihrem Zweck nach in der Zufügung körperlichen und seelischen Schmerzes bestehen“. Mit dieser Begründung
sprachen sie ein Kassler Elternpaar, das seine sechzehnjährige Tochter häufig gefesselt und geschlagen hatte, frei. Ein solches Urteil des sogenannten Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe überrascht bei uns niemanden, da bekannt ist, daß nach dem Willen Adenauers das ganze deutsche Volk
„gefesselt und geschlagen“ werden soll. Willfährige ,Kreuzfahrer sollen durch solche Methoden erzogen werden, denn allseits gebildete und zu bewußten Persönlichkeiten entwickelte junge Menschen sind niemals bereit, für amerikanische Imperialisten als Söldner zu sterben, Der Kampf gegen die
reaktionäre preußische Prügelpädagogik ist daher ein Teil des Kampfes um die Einheit und Unabhängigkeit unseres deutschen Vaterlandes. “

Aus diesem Kommentar kann man entnehmen, dass auch die Prügel außerhalb der Schule nicht als vernünftige Erziehungsmethode angesehen wurde.

10/ Und das ist ein Zitat aus dem Urteil des Bundesgerichtshofes
BGH NJW 1953, 1440:

„Der damals im 16. Lebensjahr stehenden Tochter“ – so die Schilderung des BGH^1 – wurden von ihren Eltern „zu Zwecken der Erziehung [...] in einem Falle [...] ‚zweieinhalb‘ Mahlzeiten entzogen, weil sie wahrheitswidrig in Abrede gestellt hatte, in Abwesenheit der Eltern vom Fenster aus mit Jungen sich verständigt zu haben. Sie erhielt kein Mittag- und kein Abendessen und am nächsten Tag zum Frühstück [nur] ein Stück trockenes Brot und Kaffee. In einem anderen Falle band die Angekl. das Mädchen an einem Stuhl fest, ehe sie für etwa 2 Stunden zum Zwecke von Besorgungen das Haus verließ. Ferner band der Angekl. das Mädchen zweimal die Nacht über im Bett um Leib und Beine über der Decke fest. In einem weiteren Falle schnitt die Angekl. dem Mädchen das Kopfhaar in so unregelmäßiger Weise kurz, daß es sich auf der Straße nicht sehen lassen konnte“.

Quelle: Heinrich, Manfred. 2011. Elterliche Züchtigung und Strafrecht. Zeitschrift für Internationale Strafrechtsdogmatik 5. 431–443. (https://www.zis-online.com/dat/artikel/2011_5_577.pdf)

Hab beim Blog-Post noch ein paar Zeitungsartikel hinzugefügt.

11/ Bei der Beschäftigung mit #WilliBredel habe ich diese Karte gefunden. Sie zeigt Konzentrationslager umittelbar nach der Machtergreifung der #Nazis.

Mittag, Oskar. 2023. Die „Übersichtskarte über die Konzentrationslager, Zuchthäuser und Gefängnisse in Deutschland“ von 1936. Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte 63/64. 8–33.
https://www.akens.org/akens/texte/info/63/Mittag_Karte_web.pdf

Die KZs damals waren noch keine Vernichtungslager wie es sie später gab, aber man möge Die Prüfung von Willi Bredel lesen, der die Brutalität und die Folter durch SS-Angehörige beschreibt. Bredel war selbst in Fuhlsbüttel.

Diese Karte ist interessant, wenn man sich vor Augen führen möchte, wie viele Deutsche an den Verbrechen der Nazis beteiligt warne und was nach dem Krieg aufgearbeitet werden musste. Zum Ende des Krieges waren noch 550.000 Männer in der Waffen-SS organisiert. Viele Menschen auf allen möglichen Ebenen haben den Massenmord möglich gemacht und mitgetragen.

Die Aussage, in der DDR sei eine Aufarbeitung wie 1968 ausgeblieben, basiert auf einem Vergleich, der letztendlich die Verbrechen der Nazi-Zeit relativiert.

In der gesamten DDR-Zeit sind nach Auskunft des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags maximal 4000 Menschen aus politischen Gründen gestorben oder hingerichtet/ermordet worden. Mauertote eingerechnet. So genau weiß man das nicht, es handelt sich um eine Abschätzung nach oben. Es könnten auch nur einige Hundert gewesen sein.

Das alles in 40 Jahren DDR. Die Nazis (Wehrmacht) haben in Babyn Jar in 36 Stunden 33.000 Juden ermordet. Insgesamt hatten sie dann 80.000.000 Menschen auf dem Gewissen. Es ist klar, dass das ganz andere Dimensionen sind und dass das auch ganz anders aufgearbeitet werden musste.

In der DDR sind die Stasi-Unterlagen weitestgehend erhalten. Die wurden aufgearbeitet. Täter*innen wurden entlassen und wurden im Öffentlichen Dienst nicht eingestellt. #Regelabfrage. Die Selbstauskunft gibt es wohl immer noch.

IM-Tätigkeiten wurden unter Schmerzen aufgearbeitet. Das ging bis in Familien hinein. Künstler*innen, Musiker*innen wurden enttarnt.

Darüber gibt es Zeitschriftenartikel und Filme.

Die Subsumtion von Nazi-Deutschland und DDR unter zwei Diktaturen ist nur mal wieder eine Entlastung für den Westen.

@stefanmuelller Die ersten Konzentrationslager gab es schon 1933. Diese wurden noch von der SA, nicht von der SS geführt. Es waren keine Vernichtungslager, aber wie du schon geschrieben hast, wurde dort schlimm gefoltert.

Das perfide war, dass die Insassen und die Folternden sich persönlich "aus der Nachbarschaft" kannten, anders als später das anonymisierte töten.

Dies weiß ich, weil mein Großvater 1933 als Kommunist im KZ Kemna bei Wuppertal war und ich mich damit beschäftigt habe.

@Kastanie Danke!

Mein Großonkel war im KZ Lichtenburg, weil er Flugblätter vervielfältigt hatte. Er war in der Jugendorganisation der SPD.

https://so-isser-der-ossi.de/2024/02/25/nazis-im-westen-nazis-in-der-sed/

#AnneRabe vertritt ja einen #Kollektivschuld-Ansatz, der nach dem Krieg recht bald auch von den Alliierten aufgegeben wurde. Ich schreibe hier darüber:

https://so-isser-der-ossi.de/2024/02/25/weitere-kommentare-zu-anne-rabes-buch-eine-moeglichkeit-aber-kein-glueck/#Schuld_und_Blut

Da sind auch Gerichtsakten vom Verfahren gegen meinen Großonkel dabei. Wenn Du die von Deinem Opa noch nicht hast, kannst Du mal ne Anfrage starten. Irgendwo liegen die rum.

Mein Großonkel kam nach einem Jahr und neun Monaten wieder raus.

Wie man im ersten Blog-Beitrag lesen kann, gab es damals noch einen SS-Mann, der wegen seiner Brutalität von einem offiziellen deutschen Gericht verurteilt wurde.

@stefanmuelller
entschuldige, ich bin in diesen Beitrag quasi quer reingestolpert, Anne Rabe sagt mir gar nichts.

Von meinem Großvater habe ich aus dem arolsen-archives.org seine Gestapo-Akte bekommen. Das ist inzwischen viele Jahre her, dass ich mich damit beschäftigt habe. Sind die Gerichtsakten noch mal etwas anderes?

Er war auch noch in diversen anderen Haftanstalten, u.a. in der Koburg, er wurde immer mal wieder verhaftet und wieder entlassen. Am Ende des Krieges wurde er noch als Soldat eingezogen.

An den Folgen all dessen leiden wir bis heute.

#kzkemna #koburg #gestapo