#wildeThese

Viele sehen die Digitalisierung nur als Werkzeug, aber es ist viel mehr.

Die Digitalisierung ist eine Kulturtechnik. So wie Lesen eine Kulturtechnik ist, und Schreiben ebenfalls.

Wenn Digitalisierung als Werkzeug gesehen wird, dann vielfach mit der Meinung, dass es ja nur technische Fragen sind, die unpolitisch zu betrachten sind. "Das Werkzeug alleine ist nicht Schuld, es kommt auf die Benutzer*innen an".

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Das ist genau der Unterschied zwischen dem Verständnis als Werkzeug und dem Verständnis als Kulturtechnik.

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Die Digitalisierung ist eine Kulturtechnik. Sie ist politisch, sie nimmt sozial und kulturell (starken) Einfluss. Sie ist bereits in ihrer Anlage, in der Art und Weise, wie sie geschaffen wird, vorbelastet mit unseren unfairen, teilweise unmenschlichen sozialen Strukturen. Die erste Aufgabe für alle Stakeholder der Digitalisierung ist diese Erkenntnis, die nächste Aufgabe ist es, diese Erkenntnis entsprechend zu nutzen.

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Ein immenses Problem ist, dass wir einen Großteil der Menschen nicht mitgenommen haben. Wir haben, um im Vergleich mit Lesen und Schreiben zu bleiben, quasi sehr viele Analphabet*innen. "Digitale Analphabet*innen" (Digital Iliteracy) [über die Begrifflichkeit kann gestritten werden].

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Um weiter im (sicherlich nur oberflächlich passenden Vergleich) zu bleiben: In einer Welt voller Analphabet*innen ist Lesen und Schreiben absolutes Muss für jede Partizipation, alle Geschäfte, allem was wichtig ist. Dieses "Muss" wird gerade mit der Digitalisierung geschaffen, ohne zu sehen, dass die Kulturtechnik bei den meisten nicht angekommen ist, sie diese nicht beherschen und völlig abgehängt werden. Und in sehr große Gefahr gebracht werden (Finanziell, Geistig, politisch, ...).

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Das ist keine Altersfrage. Das Thema ist sehr viel komplexer. Es gibt ein Zeitband von einigen wenigen Jahren, in dem realtiv zu den anderen Zeiten ein größerer Anteil an Menschen, die Kulturtechnick Digitalisierung verstanden haben und anwenden können. Außerhalb dieses Zeitbandes sind es viel weniger Menschen.

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Viele (die meisten) Menschen haben von Digitalisierung wenig Ahnung, und das geht über die Frage nach der Medienkompetenz hinaus, die ja selbst keine hohe Durchdringung in der Bevölkerung hat.

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Hier ist auch eine große Lücke zwischen Anfangs-Interesse und notwendigem Wissen zum Verständis, warum das wichtig ist. Das ist ja eine oft gehörte Aussage: "Ich erzähle immer, wie gefährlich digitaler Datenabluss sein kann, aber das interessiert niemanden. Die wollen bloß nutzen, ohne drüber nachzudenken."

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Ich glaube, diese Hürde wird noch unterschätzt. Kann man das nicht vergleichen mit historischen Fragen wie:

- "Warum sollte das Volk darüber nachdenken, ob Könige und Adlige das richtige System sind? Es funktioniert doch - ich gebe 95% meiner erarbeiteten Leistungen ab, dafür schützt mich der König, solange ich nicht aufmucke."
- "Natürlich müssen wir Tee aus dem Heimatland importieren zu horrenden Preisen. Wie sollte die Welt sonst funktionieren?"

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Wie hat man es in diesen und ähnlichen Situationen geschafft, genügend Wissen und dann Überzeugung zu ausreichend großen Teilen der Bevölkerung zu bringen? Können wir uns da etwas abschauen? Wie organisiert man das? Ich meine, reine "Nerd&Nerdine" Events sind wichtig, helfen aber nicht oder kaum dabei, breit Menschen zu erreichen.

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Und: Es braucht ein nur ein rudimentäres Verständnis der technischen Seite, es braucht vor allem ein Verständnis dafür, wie diese Kulturtechniken wirken, wo Chancen, wo Risiken sind. Es braucht dringend Verständis für, Überlegungen zu und Veränderungen in den Governance Strukturen der Digitalisierung.

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(Sorry, falls das jetzt teilweise unverständlich war. Es ist ein etwas längerer #wilderGedanke - also etwas noch nicht komplett durchdachtes, recherchiertes, verstandenes. Eher ein Anfang für mich, den ich teile, da sich dadurch manchmal weitere interessante Gedanken ergeben. Feel free to #ignore or #share or even #care - however you feel best. :) ).

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@johnnythan Stimme dir ganz zu. Eine allgemeine Kulturtechnik müsste aber auch allgemein erlernbar sein - wie lesen und schreiben. Der aktuelle politische Backlash ist mE auch eine Reaktion auf die Frustrationserfahrung, dass es in den letzten 20 Jahren nicht gelungen ist, Gesellschaften zu Informationsgesellschaften zu transformieren. Und vielleicht wird es nie gehen, weil der dafür erforderliche Bildungsgrad für die Mehrheit der Menschen nicht erreichbar ist.

@letterus Danke für die Zustimmung.

Zu deinem letzten Satz bin ich durchaus der Meinung, dass es gehen kann. Allerdings mit einem stark veränderten Sozial- und Bildungssystem. :)

@johnnythan Oh Gott ja! Und zwar nicht etwa in bildungsfernen Milieus, sondern zu aller erst in den Reihen der Führungskräfte, Funktionseliten und Verwaltungsstellen aller Art, dicht gefolgt von Lehrern, Ausbildern usw. usf. Ich weiß das als Dienstleister und Schulender von eben jenen Gruppen. Daher übrigens unsere krasse Abhängigkeit von US-Softwareunternehmen und auch bestimmten europäischen IT- und Telekommunikationsunternehmen. Es sieht nicht nur nach Dummheit aus, es ist Dummheit.
@plinubius
Bildungsnah schließt träge nicht aus. Wir haben uns digital vom Handgeschriebenen Folianten zur Schreibmaschine für einen Monatslohn bewegt. nur eben nicht binnen Jahrhunderten, sondern ein paar Dekaden.
Das viele immer noch unterrichtende Lehrkräfte gefühlt seit dem Erscheinen von Windows XP und dem Dogma 'Wikipedia ist nicht zitierfahig' nicht wirklich strukturelles dazu gelernt haben, ist ein Symptom davon.
@johnnythan
@plinubius @johnnythan
Das #Wikipedia -Beispiel möchte ich gern noch kurz weiter verfolgen:
Mir ist das noch mehr aufgefallen, als ich kürzlich den Podcast "Sockenpuppenzoo" gehört habe:
Wir haben in den 2010er Jahren in der Schule gelernt "wikipedia ist nicht zitierfähig". M.E. eine Abwehrhaltung von Lehrkräften, die selber nicht sattelfest waren bei der Struktur digitaler Medien.
Was wir nicht gelernt haben: "Hinter" Wikipedia zu schauen. Quellen, Changelog, Diskussionsseite (1/2)
@plinubius [email protected]
Uns wurde nur beigebracht, dass klassische "analoge" Quellen das einzig wahre seien. Oder halt analoge Quellen-Strukturen im Digitalen übertragen, wie die Webseiten von Zeitungen, Fachwebseiten (analog bekannter und anerkannter Verlage oder Institutionen).
Der Versuch, digitale Formen von Wissen kennen zu lernen, fand nicht statt.
Statt zu lernen, wie wir mit Wikipedia, aber auch mit wissenschaftlichen Preprints / peer reviews umgehen, (2/3)
@plinubius
[email protected]
haben wir noch beigebracht bekommen, uns auf klassische Papier-Lektüre zu verlassen.

@jakob_thoboell Die Einschränkung "immer noch unterrichtende" bei Lehrkräften möchte ich anzweifeln - wie viele gerade fertig gewordenen Lehrkräfte haben denn anderes gelehrt bekommen?

@plinubius @johnnythan

@johnnythan
Jedes Wort.
Und korrespondierend spreche ich dann auch gern vom #Digitalfeudalismus.
Eine kleine Gruppe von Menschen hat durch die Beherrschung der digitalen Werkzeuge fast vollständige Macht über die große Mehrheit.

@Chaotica Ich möchte gerne #Digitalfeudalismus als Hashtag etablieren. :)

Das drückt viel von dem aus, was ich meine und aufzeigen möchte.

@Chaotica Du hast den Vergleich mit dem Lesen und Schreiben ja schon früher gebracht. Das konnte ich jetzt mit dem Hashtag finden. Und habe es gleich geboostet. :)

<3 #IloveFediverse

@johnnythan
Ich glaube historisch ist es nicht 100% korrekt. Aber dafür eingängig. 😁

Leider sehe ich nicht, dass darüber an den verantwortlichen Stellen ernsthaft diskutiert wird.

@johnnythan
Danke fur diesen Thread, der meine Beobachtungen noch mal von anderer Seite beleuchtet.
Das schmale Zeitband beobachte ich ähnlich. Am Beispiel meiner Kolleg:innen und meiner Studierenden sehe ich: Wer zu Zeiten von Windows XP erste aktive Kontakte zu digitaler Technik gesucht hat, versteht noch die technischen Hintergründe. Wer damals schon nicht mehr dazu lernen konnte, oder danach als 'digital native' angefangen hat, holt nicht mehr auf.
@johnnythan
die kulturelle Dimension, die mit Konzernmacht vs. freie Software, digitalen schnelllebigen Medien und sogar dem verdrehten Wahrheitsbegriff. mit KI einhergeht, finde ich selbst schwer zu durchblicken geschweige denn, Leuten zu vermitteln, denen die technischen Hintergründe egal sind.

@johnnythan
Ich mag die Analogie zum lesen.

Wir erleben gerade einen Weg analog dem vom handgeschriebenen Folianten über die Erfindung des Buchdrucks bis zum erschwinglichen Schreib- und Vervielfältigungsgerät für jedermann quasi im Schnell-Durchlauf. Mit allen Folgen, die das 'überholen' der Zielgruppen bedeutet.