Liebe Olympia- oder Fussball EM Schauenden,

ich weiß manchmal nicht ob Menschen bewusst ist, was hinter Olympia und Leistungssport generell stecken kann.
Deswegen ein kleiner Selbsterfahrungsbericht.

Von ca. 10-32 Jahren habe ich ziemlich professionell Handball gespielt. Ab 17 Jahren habe ich dafür Geld bekommen.
Die längste Zeit habe ich in der 2./3. Liga gespielt.
Im Schnitt 4x Training die Woche + ein Spiel am Wochenende.
Also fast jeden Tag irgendwas mit Sport.

Am Anfang macht es Spaß. Es ist ein Spiel.
Es macht viele Freude zu gewinnen oder Tore zu schießen.
Aber schon im Jugendbereich gibt es Leistungsförderungen, die dich zu Höchstleistung trimmen.

Es fühlt sich schön an, für deine Leistung gefördert, gelobt und auch vorgeblich geliebt zu werden.
Von meinen Eltern war es quasi die einzige Anerkennung, die ich bekam.
Ich war nicht gut in der Schule.
Auch wegen meinem hohen Bewegungsdrang als kleines Mensch mit
undiagnostizierten und unbehandelten und teils heftigen langjährigen Depressionen und ADHS.

#olympia #leistungssport #leistungsdruck #sport #kapitalismus #depressionen #adhs #handball #leistungsterror #trauma #nichtallein

Die Mischung aus gesellschaftlicher Anerkennung für Erfolg und später vor allem Geld um meine Miete zu bezahlen treibt dich weiter an.

Du kommst in den Genuss von gesellschaftlichen Privilegien.
Im nachhinein fühlt es sich an, wie eine rosa Wolke durchs Leben gleiten, in der du nichts weiter tun musst außer deinen sehr autoritären Trainern gehorchen und eben körperliche Höchstleistung bringen.
Tag um Tag um Tag.
Du nimmst es hin für die gesellschafltliche Süße, die dir dafür präsentiert wird.

Das Geld dafür ist ok bis gut, vorallem für 'dein Hobby'.
Sagen wir mal, ich bekam dafür im Schnitt 1000€/Monat.
Um zusätzliche Lohnarbeit kommst du trotzdem nicht herum.

Und so flog ich in meiner Wolke dahin und machte es eben, hauptsächlich für Geld und die Anerkennung meiner Eltern für eine recht verkorkste Jugendzeit, quasi als Widergutmachung, damit sie stolz auf mich sein können.

In einem unkritischen wohlstandsgenährtem sozialen Umfeld hinterfragst du generell ziemlich wenig.
Vorallem in einer stark männlichen Sozialisierung in einer männerdominierten Domäne in einer männerdominierten Welt.

Mit zunehmender emotionaler, psychischer und körperlicher Verfassung aber irgendwann doch.
(An dieser Stelle lasse ich bewusst Themen wie Sucht, die mich stets begleitet haben, aber auch Misogynie, Rassismus, Klassismus, Ableismus Homophobie und Queerfeindlichkeit bewusst außen vor, obwohl das nochmal eigene Fässer sind, die in diesem Kontext bewusst zu betrachten sind.)
Nach der Lohnarbeit, beim täglichen Tasche packen fürs Training brach ich regelmäßig zusammen, heulte und hatte heftige körperliche Reaktionen.

Ich wollte da nicht mehr hin, aber ich musste.
Mein gesamtes, mir damals bekanntes, gesellschaftliches Konstrukt, meine gesamte Identität, die ich hatte, hing daran.
An der Leistung die ich brachte und an dem Geld, dass ich damit verdiente.

Jeden Tag die letzte Energie aus dem Körper quetschen, dauerhaft Schläge kassieren und
autoritäre Trainer und Funktionäre über einen großen Teil deines Lebens bestimmen lassen. Für ein paar scheiss Kröten und um als laufende Werbetonne ein paar alte weiße Arschlöcher im VIP-Bereich glücklich zu machen.
Wieder Tasche packen, zum Training, Tasche packen zum Training, Tasche packen zum Training.
Energie ausquetschen, Schläge kassieren, gehorchen.
Längst keine Freude mehr, nur noch funktionieren, die perfekte Leistungsmaschine sein und am Wochenende möglichst viele Tore schießen.

Der Text ist stark gekürzt und einige weitere wichtige Facetten sind noch gar nicht erwähnt oder ausreichend beschrieben.
Wenn das Interssant für Menschen ist(?), dann mache ich das gerne.

Ich will hier nicht mich selbst in einer immernoch sehr privilegierten Lebenslage bemitleiden, sondern nur als Exempel beschreiben.

Ich will dass Menschen hinter dieses olympische Gespenst von Kapitalismus und Leistungssport schauen können.
Druck und Depressionen beherrschen hier das Geschehen.
Die Menschen die ihr bejubelt, sie leiden.
Ihnen wird wertvolle Lebenszeit und körperliche Gesundheit zur Belustigung und für Nationalismus geraubt.
Oft merken sie es erst Jahre später.
Und mit den vielen Menschen, die im Laufe ihrer Leistungskarriere scheitern fange ich erst gar nicht an.
(Sie müssen aber erwähnt sein)

Heute Anfang 40 habe ich immernoch starke Gelenk- und Rückenprobleme und vorallem fange erst jetzt an, meine traumatisch damit verbundenen Depressionen und die ADHS Geschichte aufzuarbeiten.
Das tut wirklich sehr weh, aber befreit auch gleichzeitig das unterdrückte Kind in mir, welches nicht weiter spielen durfte.

Bitte unterstützt dieses leistungs- und konkurrenzgetriebene Geschehen nicht.
Boykottiert es, kritisiert es, prangert es an.

Es ist eine sehr gefährliche, nicht zu unterschätzende Selbstverständlichung von Kapitalismus und Leistung.

@nebel Es gibt auch eine sehr gute Arte-Doku, wo genau das was du beschreibst Anhand von mehreren Kindern im Leistungssport nachgezeichnet wird. Teilweise mit dauerhaften körperlichen und psychischen Schäden.

https://www.arte.tv/de/videos/115069-000-A/kinder-im-spitzensport/

Kinder im Spitzensport - Siegen um jeden Preis - Die ganze Doku | ARTE

Viele von ihnen opfern ihre Kindheit für den Spitzensport: Athlet*innen wie Turner*innen, Eiskunstläufer*innen, Hockey-, Tennis- oder Fußballspieler*innen. Bereits im Alter von unter zehn Jahren erleiden manche Kinder Trainingsverletzungen oder erkranken. 40 Jahre nachdem die unmenschlichen Trainingsbedingungen im Ostblock ans Licht kamen, hat der Spitzensport nichts dazugelernt.

ARTE

@sonjalemke

Oh cool, vielen Dank!
Schau ich mir die Tage mal an :-)

@nebel Es macht sprachlos. Dieses Menschy möchte eins einfach nur umarmen.

Danke für diesen trotz der absichtlichen Weglassungen sehr eindringlichen, plastischen — und wichtigen — Text. #Eltern, #Sport-Fans und #Lehrkräfte sollten das lesen. Es sollte auch in der #Schule thematisiert werden. #leistungssport #erziehung #kinder #kids #jugendliche

@moeria

<3

Leistungszwang im Kapitalismus ist jetzt keine Weltneuheit, aber trotzdem finde ich es wichtig, dass so viele Menschen wie möglich ihre Betroffenheit erkennen und wenn möglich offen thematisieren.

So können solche Themen mutiger und kritischer angeschaut werden.

@nebel Stimmt, allein schon zu erkennen, selbst in einer derartigen Mühle gelandet zu sein, ist ja nicht so einfach mit Froschperspektive ohne andere Erfahrungen und mit Ängsten, wie es stattdessen weitergehen könnte.

@moeria

Ohja, zu merken wo mensch da gerade drin steckt und wie es besser gehen kann...unbezahlbar :)

Es bräuchte mehr antikalitalistische realitycheck Lebensberatungen :-D

@nebel *antikapitalistische

Auf den Punkt! 👏🤑 <noch zu beratendes Emoji