Wege aus dem Konflikt â Studienwoche 2022
Studierende mit christlicher und Studierende islamischer Religion, fĂŒnf Tage Zusammensein â dazu eine Menge Fragen zum eigenen Nachdenken und fĂŒr die Diskussion untereinander.
Viele Fragen rund um das Thema âKonflikt- und Friedensethikâ
Welchen Beitrag leisten Religionen fĂŒr ein friedliches Zusammenleben? Was sind die Voraussetzungen, dass sie, dass wir ĂŒberhaupt in einen Dialog treten können? Welche Bilder des Anderen tragen wir in unseren Köpfen? Wie wurden und werden Narrative konstruiert, stimmen sie sachlich wie historisch ĂŒberhaupt, und wer verfolgt mit ihnen welche Ziele? Und wie geht es uns selbst, wenn wir plötzlich in ein Planspiel gesteckt werden: Da berichtete ein â fiktiver â Zeitungsartikel ĂŒber Unruhen zwischen einer sich radikalisierenden muslimischen Gemeinde und einem islamfeindlichen Stadtviertel. Wie bringt man in dieser spannungsgeladenen Situation ein Treffen mit allen Beteiligten zustande, mit der Kommune, der BĂŒrgermeisterin und der Integrationsdezernentin?
Lexikon des Dialogs
Veranstalter der Studienwoche zu christlich-islamischen Beziehungen im europĂ€ischen Kontext waren die Eugen-Biser-Stiftung und die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Und mit einem Blick ins Lexikon, genauer gesagt ins âLexikon des Dialogs: Grundbegriffe aus Christentum und Islamâ (erschienen 2013), begann das Programm. Ziel des Nachschlagewerks sei es gewesen, Verstehenshorizonte fĂŒr die SchlĂŒsselbegriffe einer Religion auszuloten, und eine gemeinsame Sprache zu schaffen, sagte Stefan Zinsmeister von der Eugen-Biser-Stiftung. Aber wie weit ist das gelungen? âFriedeâ, âToleranzâ, âPolitikâ, âVerfassungâ â die Lexikonartikel setzen sich aus unterschiedlichen AnsĂ€tzen, Formen und Stilen zusammen. Wie reprĂ€sentativ oder allgemeingĂŒltig sind sie im Einzelnen? Die ganz und gar nicht trockene Arbeit an den Lexikonartikeln legte den Studierenden eine kritische Reflexion nahe ĂŒber die Schwierigkeiten, Inhalte der eigenen oder einer anderen Religion begrifflich genau und trotz Zwang zur Kompaktheit gĂŒltig zu formulieren.
BegegnungsverhÀltnisse
Mit Dr. Ufuk Topkara (âKonversationen auf dem Weg zu einer pluralen Gesellschaft: BegegnungsverhĂ€ltnisse von Islam und Christentumâ) kam es dann zu einem Austausch ĂŒber das WahrheitsverstĂ€ndnis und die (vermeintliche) Essenz der eigenen Religion, ĂŒber die UrteilsfĂ€higkeit des Menschen angesichts göttlicher Allmacht sowie ĂŒber den Umgang mit anderen Religionen und Weltvorstellungen. Es stellte sich heraus, wie entscheidend es ist, sich ĂŒber die Positionierung innerhalb der eigenen Religion im Klaren zu sein, um nach auĂen hin sprachfĂ€hig zu werden.
Dr. Michaela Quast-Neulinger (âDer Beitrag der Religion(en) zu einem Friedensprojekt Europa â Systematisch-theologische Perspektiven auf das VerhĂ€ltnis von Christentum und Islamâ) warf weitere Fragen auf: Wie kommen wir heraus aus den Mechanismen von Othering, Selbstviktimisierung, Immunisierung und Feindschaft? Wie steht es um das VerhĂ€ltnis und die GesprĂ€che der beiden Religionen? Das reflektierten die Studierenden mit einem Blick auf das âDokument ĂŒber die Geschwisterlichkeit aller Menschen und das Zusammenleben in der Weltâ, welches 2019 von Papst Franziskus und GroĂimam Aáž„mad aáč-áčŹaiyib unterzeichnet wurde. AbschlieĂend gab Frau Quast-Neulinger einen Einblick, wie in der byzantinischen Theologie- und Reichsgeschichte die Jesusmutter Maria als Kampffigur inszeniert wurde â und wie dieses Narrativ bis heute fortbesteht, beispielsweise in Form der Marienbildchen, die Patriarch Kyrill den russischen Soldaten an die Ukraine-Front mitgibt.
Friedensethik
Dr. Veronika Bock (âChristliche Ethik am Schnittpunkt von Friedensethik, MilitĂ€rethik und Sicherheitspolitikâ) fragte, ob der Begriff âFriedensethikâ nicht per se widersprĂŒchlich sei, und konkretisierte dies auf die Rolle der Ethik im MilitĂ€r hin. Dr. Bock arbeitet am âZentrum fĂŒr ethische Bildung in den StreitkrĂ€ften (zebis)â, zu dessen Aufgaben es gehört, als kirchliche Bildungspartnerin der Bundeswehr in ethischen Fragen beratend zur Seite zu stehen. Diese Zusammenarbeit von Kirche und MilitĂ€r war nicht nur fĂŒr einige muslimische Studierende neu. Als Grundlagen eines âgerechten Friedensâ, eines Leitprinzips der christlichen Friedensethik, skizzierte Dr. Bock Erinnern, Vertrauenaufbauen, Schuld, Versöhnung und Vergebung.
Dass manche Dinge bei genauerer Analyse schwieriger werden, als sie auf den ersten Blick scheinen, wurde auch deutlich bei der EinfĂŒhrung in die Grundlagen islamischer Friedensethik durch Dr. Heydar Shadi. Seine Kernaussage, die muslimischen Gelehrten seien sich einig darin, dass ausschlieĂlich ein Verteidigungskrieg legitim sei, beantwortete fĂŒr viele zwar eine der wichtigsten Fragen. Doch blieb offen, ab wann ein Krieg defensiv und somit legitim sei.
Wie nimmt man in der deutschen Gesellschaft âdieâ Muslime ĂŒberhaupt wahr?
Der Vortrag von Dr. Ertugrul Sahin prĂ€sentierte dazu Perspektiven, die fĂŒr die meisten Studierenden neu waren. Sahins Hauptaussage lautete: Gerade beim Umgang mit dem radikalen Islamismus finde eine Homogenisierung der Muslime in ihrer Gesamtheit statt. In der Konsequenz wĂŒrden einfache muslimische Merkmale, wie das Kopftuch, bereits als âradikalâ wahrgenommen â dabei machten tatsĂ€chlich radikale Islamisten unter den Muslimen in Deutschland nur einen geringen Teil aus. Beim anschlieĂenden, eingangs erwĂ€hnten Planspiel wurde dieser theoretische Input auf ein Praxisbeispiel angewendet â das Propagieren und Dekonstruieren von dabei vorherrschenden Fremdbildern war fĂŒr alle Beteiligten eine ungewohnte, aber lehrreiche Erfahrung.
Wie verorten Musliminnen und Muslime sich selber?
DarĂŒber sprach Dr. Amir Dziri von der UniversitĂ€t Fribourg unter der Ăberschrift âGesellschaftliche Megatrends: SĂ€kularisierung, Pluralisierung, Individualisierung.â Eine seiner Thesen: Die Vorstellung, dass der Islam sowohl den Glauben und als auch den Staat zu reprĂ€sentieren habe, sei ein modernes PhĂ€nomen. In der islamischen Geschichte gebe es durchaus unterschiedliche Muster der VerhĂ€ltniszuordnung von Religion und Macht. Narrative, wie sie in Glaubensgemeinschaften kursierten, seien hĂ€ufig Konstruktionen, die historisch nicht belegbar seien.
Ferner stellte sich die Frage, inwiefern der Islam einer sĂ€kularen Selbstbestimmung bedarf, wie sie das Christentum offenbar entwickelt habe, und inwiefern diesbezĂŒglich islamische Normen mit solchen des Christentums vergleichbar sind.
Die Studienwoche in Lindenberg im AllgĂ€u bot einen Ort fĂŒr lebendigen Austausch, wĂ€hrend des offiziellen Programms ebenso wie beim gemeinsamen Essen und bei abendlicher FreizeitaktivitĂ€t. Das Gottesbild, die Rolle der heiligen Schriften, die Bedeckung der Frau und vieles mehr â hier wurde interreligiöser Dialog nicht nur analysiert, sondern praktisch vollzogen und weitergefĂŒhrt.
Von den aus der Studienwoche 2022 hervorgegangenen Essays sind 2023 vier mit dem Preis der Georges Anawati Stiftung prÀmiert worden.
Dieser Bericht ist auch in der Zeitschrift CIBEDO-BeitrÀge 2023/1 erschienen.
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