«Fast ein Paradies» – eine neue Form künstlerischer Seelsorge

Wer eine grössere Bauch-OP hinter sich hat, kennt dieses Bild: Man erwacht – und die Wunde ist getackert. Geht sie wieder auf, wird nachgesetzt, oft ohne Narkose.

Die schweizerisch-haitianische Künstlerin Sasha Huber greift genau zu diesem Instrument. Doch sie tackert keine Haut, sondern Bilder: Fotografien aus der europäischen Kolonialzeit, in denen Menschen aus kolonisierten Regionen als «Typen» festgehalten wurden: als vermeintliche Belege rassischer Hierarchien.

Huber ist eine von zwanzig postkolonialen Künstler:innen aus Afrika, Asien, den Amerika und ihren Diasporas in einer gerade in Zürich eröffneten und bereits über die Landesgrenzen hinaus beachteten Ausstellung: «Fast ein Paradies. Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst» im Museum Rietberg.

Erstmals wird in einer umfangreichen Gruppenausstellung dieses Phänomen der poetischen, kritischen und visionären Erkundung kolonialer Bildarchive durch Gegenwartskünstler:innen aus dem globalen Süden beleuchtet.

Schmerzliche Leerstellen

Europäer fertigten einst von den «Fremden» Aufnahmen an, die bis heute in europäischen Sammlungen lagern. Auch in der Schweiz und auch im Museum Ruitberg. In den Herkunftsländern fehlen dagegen Bilder.

Archive wie jene der Basler Mission (dieses Bilderarchiv ist im Netz offen zugänglich) sind Speicher eines visuellen Gedächtnisses, das fern seiner Herkunft konserviert wurde.

Menschen wurden von Rassenforschern vor Kameras gezerrt, vermessen und klassifiziert. Im Original seien manche Bilder fast nicht zu ertragen, sagt die Kuratorin Nanina Guyer im Gespräch mit «Monopol».

Die Fotohistorikerin vermeidet die Bezeichnung «Global South», richtiger müsse es heissen: «Mehrheitswelt».

Auf dem Cover: Sasha Huber, «Tailoring Freedom», Delia, profile, 2023; mit Metallklammern bekleidet die haitianisch-schweizerisch Künstlern anonyme nackte Menschen aus Archiven der Rassenforscher.

Zwischen Schutz und Widerstand

Einer der Produzenten stereotyper Menschenbilder war der schweizerisch-amerikanische Naturforscher Louis Agassiz. 1850 liess er in den USA Nacktporträts versklavter Menschen anfertigen, im Dienst einer pseudowissenschaftlichen Rassenlehre.

Sasha Huber durchlöchert diese Fotografien mit Metallklammern, verletzt erneut – aber fügt die Bilder zugleich zusammen («Tailoring Freedom»). So entstehen Bilder, die schockieren und staunen lassen. Aus den Metallklammen entstehen Kleider, beinahe Rüstungen. Etwas zwischen Schutz und Widerstand.

Die Gewalt bleibt sichtbar, aber zugleich bekommt die Würde dieser Menschen Raum – nunmehr aufgehoben in einer  ästhetischen Form; und vielleicht sogar: in einer spirituellen Form.

Unterbrochene Erinnerung

Auch Rosana Paulino arbeitet mit solchen Eingriffen. Die Brasilianerin näht, sticht und verbindet. Aus verblassten und fragmentierten Porträts formt sie Patuás: kleine Amulette der afrobrasilianischen Tradition, die für Schutz und Heilung stehen.

Eine leise, aber insistierende Geste gegen eine schmerzliche Leerstelle: das weitgehende Fehlen von Perspektiven schwarzer Menschen in der offiziellen brasilianischen Erinnerungskultur.

Ahnenportraits in Form genähter Amulette. Rosana Paulino, «Parede da Memória» (Erinnerungswand), 1994/2015,© Rosana Paulino, courtesy the artist and Mendes, Wood DM

Inszenierte Fremdheit

Bilder aus Kolonialarchiven sind alles andere als neutral. Sie sind geprägt von einem Blick, der klassifiziert und hierarchisiert. Die dargestellten Menschen erscheinen als «ursprünglich», «naiv», «naturnah» – Zuschreibungen, die zugleich eine Gegenfolie erzeugen:

die Zivilisiertheit der eigenen Kultur, auch des eigenen Glaubens.

In dieser Konstellation verschränken sich Abwertung und Romantisierung. Das Fremde wird als paradiesisch imaginiert – und genau darin der Verfügungsmacht ausgeliefert.

Je stärker der industrialisierte Westen sich von der Natur entfremdete, desto intensiver projizierte er ein verlorenes Paradies in die Ferne.

Bambi und Wolf

Eindrucksvoll arbeitet Wendy Red Star mit dieser Logik. Die 1981 geborene Künstlerin erschafft grell überzeichnete Dioramen – dreidimensionale Schaukästen, wie sie früher in Völkerkundemuseen üblich waren. Tiere, Körper und Kulturen inszeniert als «Exoten» und eingefroren in scheinbare Zeitlosigkeit, im sogenannten «ethnografischen Präsens».

Und mitten hinein in diese Zuschreibungen setzt sich die Apsáalooke-Künstlerin Wendy Red Star selbst: als Projektion von Pocahontas, die angeblich zwischen den Kulturen vermittelte.

Edle Wilde und Bedrohung, Bambi und Wolf – die Überzeichnung legt die Gewalt dieser Kategorisierungen offen.

Zwischen Bambie und Wolf: Wendy Red Star, «Spring – Four Seasons», 2006 © Wendy Red Star, courtesy the artist; collection of the Newark Museum of Art

Was in der Ausstellung sichtbar wird, ist mehr als eine Revision. Es ist die Ausbildung einer eigenen künstlerischen Praxis von Nachfahren der einstmals Kolonierten, die aus der Konfrontation mit historischen Archiven hervorgeht.

Künstler:innen nehmen diese Bilder in die Hand – buchstäblich und metaphorisch. Sie bergen Erinnerungen, geben Namenlosen wieder eine Form von Präsenz, widersprechen der Anonymisierung.

Jenseits reiner Anklage: Care

Und doch bleibt die Ausstellung nicht bei Anklage und Kritik stehen. Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Verschiebung. Viele der gezeigten Arbeiten lassen sich als eine Form von Fürsorge lesen – als sorgende, beinahe rituelle Zuwendung zu den Abgebildeten.

Die Fotografien werden geborgen, gehalten, eingebettet, repariert, vielleicht sogar geheilt.

Diese Praxis hat eine spürbar spirituelle Dimension. Sie berührt Vorstellungen aus religiösen Traditionen, in denen Bilder nicht nur Repräsentationen sind, sondern Träger von Präsenz.

Wir kennen das auch: Bilder Verstorbener auf Grabsteinen sind auch für uns nicht einfach nur visuelle Informationen.

Im Fall der Kolonialarche sind es Bilder der Ahnen, die, anonymisiert in seelische Kühlschränke der Rassenforschung gelangt sind oder Gegenstand der kolonialen Neugier wurden.

Fiktion als Gegenraum

Neben der Betrauerung und Fürsorge tritt ein drittes Moment: Imagination.

Einige künstlerische Arbeiten öffnen Räume, in denen Geschichte nicht nur erinnert, sondern anders erzählt wird. Besonders dort, wo afro-futuristische Motive auftauchen.

Eine Unterwasserwelt bei der jamaikanisch-amerikanischen Künstlerin Andrea Chung etwa, die an die Überfahrten des atlantischen Sklavenhandels erinnert – an Menschen, die über Bord geworfen wurden, unter ihnen Schwangere.

Afrofuturistisches Unterwasserparadies, Installationsansicht «Fast ein Paradies», Künstlerin: Andrea Chung ©Museum Rietberg, Patrik Fuchs

Hier wird der atlantische Ozean zum traumatischen Gedächtnisraum.

In der künstlerischen Transformation entsteht aus der tragischen Geschichte eine Gegenwelt: Figuren schweben unter Wasser, bewegen sich frei, sind umgeben von Licht, Tieren und etwas, das sich kaum anders als «paradiesisch» beschreiben lässt.

Im Himmel der Bilder

Ähnliches gilt auch für die betörenden Collagen und poetischen Filme der südafrikanischen Künstlerin und Linguistin Tshepiso Morop: Bei ihr schweben anonyme Personen aus kolonialen Archiven – Frauen, Männer, Kinder – wie erlöst von aller Erdenschwere und neu eingekleidet in Weiss durch eine Art von Himmel: traumartig, verspielt, in fantastische Erzählungen eingebunden und voller Würde.

Diese Bilder tragen Leichtigkeit – und zugleich ein Gewicht, das sie dennoch nicht aufheben.

Hier klingen beinahe Elemente von Erlösung an – oder zumindest der Herauslösung aus bestehenden Narrativen und dadurch eine Öffnung der Betrachtung.

Eine ungewöhnliche Ausstellung mit Kunst aus der Mehrheitswelt, die neue Wege geht. Und streckenweise nicht nur zum Schauen, sondern zum Beten drängt.

Installationsansicht «Fast ein Paradies», Künstler:innen: Tshepiso Moropa; Raphaël Barontini ©Museum Rietberg, Patrik FuchsTshepiso Moropa, «Night Riders», 2025 © Tshepiso Moropa, courtesy the artist

«Fast ein Paradies. Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst», 16. April bis 6. September 2026, Museum Rietberg Zürich. 

Thematisch verwandte Beiträge aus unserem Archiv:

«Woher kommt das Indianerklischee und wieso ist das ein Problem?», Johanna Di Basi. Wir lösen uns allmählich von kolonialen Phantasien und das bewirkt Phantomschmerzen. Jetzt wird uns auch noch das Indianerspielzeug weggenommen. Aua. Aber es ist an der Zeit, 2022.

Podcast Himmel & Erdung mit der Künstlerin Lisl Ponger: Über das Verschwinden der «Indianer» und der Mittelklasse, 2022

«Ist Mission dekolonisierbar», Johanna Di Blasi, 2023. Der Begriff «Mission» ist historisch stark belastet. Wieso halten christliche Hilfsorganisationen wie Mission 21 dennoch daran fest? 

«Missionierung, nein danke!», Johanna Di Blasi, 2021

Publikationen

2019 erschien von mir «Das Humboldt Lab. Museumsexperimente zwischen postkolonialer Revision und szenografischer Wende» bei transcript; eine Erforschung zeitgenössischer künstlerischer Interventionen im ethnologischen Museumskontext am Beispiel des Berliner Humboldt Forums.

Im Magazin «Kunst und Kirche» (Herder Verlag) planen wir für Ende 2026 ein Heft zum Thema Paradiese (hg. Anna Minta, Johanna Di Blasi).

#kolonial #Kunst #Paradies #postkolonial

NEU: #WerkstattGeschichte 93 »grenzen internalisieren«!
🧵 11/

#Dingfest: Eine objektgeschichtliche Miniatur von Emmanuel Nga Atangana, Dechanel Kouameney Tankeu & @rhoelzl zu den (post-)kolonialen Bedeutungsebenen der monumentalen #Skulptur Dzom So’o aus der Kultur der Fang-Beti-Communities der Region #Yaoundé (#Kamerun):
➡️ https://werkstattgeschichte.de/abstracts/nr-93-emmanuel-roland-nga-atangana-dechanel-kouameny-tankeu-und-richard-hoelzl/

@histodons

#histodons #Objektgeschichte #Kolonialismus #Postkolonial #Kunstgeschichte #Museum #MuseumFünfKontinente #Colonialism

⸙ 𝐀𝐋𝐋𝐄𝐒 Ü𝐁𝐄𝐑 𝐀𝐅𝐑𝐈𝐊𝐀
WOCHEN-TIPP ★ Einer der bekanntesten deutschen Afrofluencer liest in Augsburg aus seinem Buch »All about Africa«. Der Grimme-Online-Award-Preisträger Stève Hiobi räumt hier mit kolonialen Denkmustern und verzerrten Bildern über den Kontinent auf. Eintritt frei!

https://auxlitera.de/2026/03/16/alles-ueber-afrika/

#augsburg #lesung #afrika #postkolonial #rassismus #afrofluencer #stevehiobi #droemerknauer

@augsburg
@muc_postkolonial
@fediverse

Die Ausstellung „Solidarität in (Post-)Kolonialen Räumen? Geschichten vom Erinnern und Wirken antikolonialer Bewegungen in Bremen" wurde am 11. März 2026 im Haus der Wissenschaft eröffnet.
#Bremen #postkolonial #antikolonial #Erinnern

https://www.norddeutschemission.de/details/solidaritaet-in-post-kolonialen-raeumen-997

Solidarität in (Post-)Kolonialen Räumen

Ausstellung in Bremen

#Lesetipp: Anna Hack, »Das bleibende Erbe des Christentums. Spuren christlichen #Antijudaismus‘ in #postkolonial​en Theorien« (ZPTh 2/2025)

Anzeige von Das bleibende Erbe...
Anzeige von Das bleibende Erbe des Christentums

Stra­ßen­na­men prä­gen unse­ren All­tag – oft, ohne dass wir über ihre Her­kunft nach­den­ken. Doch man­che Namen tra­gen eine Geschich­te, die von Unter­drü­ckung und Kolo­nia­lis­mus erzählt. Nach jahr­zehn­te­lan­gem Ein­satz von Initia­ti­ven und Anwoh­nen­den erin­nern nun vier Gedenk­ste­len im Wed­ding an die­se Zusam­men­hän­ge: Drei im „Afri­ka­ni­schen Vier­tel“, die die neu­en Namensgeber*innen vor­stel­len, sowie eine an den soge­nann­ten „Asia­tisch-Pazi­fi­schen Stra­ßen“, die den kolo­nia­len Hin­ter­grund erklä­ren. Da im Zuge der Umbe­nen­nun­gen bis­lang wenig über die Beweg­grün­de ver­mit­telt wur­de, doku­men­tie­ren wir hier den Wort­laut der Stelen.

[…]

https://weddingweiser.de/die-kolonialen-weddinger-strassennamen-endlich-erklaert/

#Suffizienz international. #Postkolonial⁠e Perspektiven fehlen oft in der Debatte um Suffizienz. Das Regional Centre of Expertise on Education for Sustainable Development (RCE) #Zürich stellt sich der Frage am 1. Oktober, 17:30h. Kurzfristige Anmeldung noch möglich https://www.linkedin.com/posts/dr-rer-pol-jeannette-b-5a56024b_einladung-br%C3%BCcken-zum-gemeinsamen-lernen-activity-7378534313576865792-ioK4
Einladung: Brücken zum gemeinsamen Lernen | Dr. rer. pol. Jeannette B.

Für Kurzentschlossene am 1. Oktober: Suffizienz international In meiner Arbeit zum Thema Suffizienz - Erkundungen über das Mass in Wirtschat, Politik und Gesellschaft - stosse ich immer wieder auf postkoloniale Perspektiven. Sie sind wichtig, aber unterschätzt. Denn häufig diskutieren wir unsere Themen der Nachhaltigen Entwicklung und der Suffizienz eurozentristisch und bewegen uns denkerisch ungewollt in den Glaubenssätzen einer sehr begrenzten Sicht auf Wirtschaft und Gesellschaft. Deshalb stellen wir uns beim Regional Centre of Expertise on Education for Sustainable Development (RCE) der Diskussion um Suffizienz aus globaler Perspektive - und welche Perspektiven und Anregungen sich daraus für unsere europäische Debatte ergeben.

#Buchtipp – Das Buch »Else Lasker-Schüler und der #Flüchtlingssonntag. Impulse für eine biblische #Migration​stheologie« von Tania Oldenhage gewährt Einblick in die #postkolonial​e und #antisemitismus​kritische #Bibel​forschung und gibt Anregungen für die kirchliche #Flüchtlingsarbeit:

Else Lasker-Schüler und der Fl...
Else Lasker-Schüler und der Flüchtlingssonntag | TVZ

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Indonesien:
Die Reste von Klungkung sind überschaubar.
Sie erzählen viel – von Recht, Macht und Selbstbehauptung. Und davon, wie ein Königshaus den kollektiven Suizid wählte, statt niederländische Kolonie zu werden.

👉 Lies die ganze Geschichte:
🌐 https://www.miss-jones.de/2020/12/11/adventskalender-tuer-11-klungkung-ein-verfluchtes-koenigreich/

#Bali #Geschichte #Postkolonial #Indonesien #Kolonialismus #Kulturreise #Kolonialgeschichte

Die Tragödie von Klungkung: Geschichte, Macht und Magie auf Bali | Miss Jones

Klungkung war einst das Machtzentrum Balis – bis Fluch, Kolonialismus und ein kollektiver Suizid Geschichte schrieben. Ein Blick auf ein dunkles Erbe.

Wusstest du, dass Simbabwe das einzige Land ist, das nach einer archäologischen Stätte benannt wurde? Dahinter steckt eine krasse Geschichte – lies selbst:

👉 https://www.miss-jones.de/2020/12/22/adventskalender-tuer-22-simbabwe-und-die-gestohlene-afrikanische-identitaet/

#Kolonialismus #Archäologie #Afrika #Postkolonial #BlackHistory #UNESCO #AfrikanischeGeschichte #Kulturerbe #SchwarzeGeschichte

Simbabwe: Ein afrikanisches Weltwunder im Schatten des Kolonialismus | Miss Jones

Erfahre, wie koloniale Mythen die Geschichte Simbabwes verzerrten – und wie Archäologie half, eine afrikanische Identität zurückzuerobern.