🧠 Selbstzensur oder Rebellion? #Algospeak – Pro & Contra
Immer mehr Content-Creator:innen nutzen Sonderzeichen oder Emojis, um bestimmte Begriffe zu umgehen. Manche Videos werden so geschnitten, dass Wörter nur angedeutet, aber nicht ausgesprochen werden. Beispiel: Das 🍇-Emoji ersetzt das Wort rape, oder „G€walt“ wird mit einem Euro-Zeichen geschrieben.
❓ Warum machen sie das?
Social-Media-Plattformen steuern die Reichweite von Inhalten automatisiert über Algorithmen. Wenn bestimmte Wörter – etwa Gewalt oder Sex – vorkommen, kann das zur Einschränkung führen. Ob ein Beitrag Gewalt verherrlicht oder aufklärt, kann der Algorithmus nicht immer unterscheiden. ➡️ Auch Aufklärungsvideos werden also oft gelöscht oder seltener ausgespielt.
Viele Creator:innen versuchen deshalb, den Algorithmus auszutricksen – und meiden „geflaggte“ Begriffe. So entsteht Algospeak: eine neue, codierte Sprache. Sogar große Medienhäuser wie die ARD greifen darauf zurück.
⚖️ CONTRA: Warum Algospeak problematisch sein kann
Wenn Creator:innen ihre Sprache verändern, passen sie diese den Vorgaben von Algorithmen an. Dann entscheiden Instagram und TikTok, wie wir über sehr ernste Themen sprechen.
Das sind milliardenschwere Konzerne mit Sitz in den USA und China. Während der chinesische Staat schon lange für seine Zensur berüchtigt ist, entfernen sich auch die USA aktuell jeden Tag weiter vom Recht auf freie Meinungsäußerung.
Außerdem kann es als Verharmlosung von Gewalt gesehen werden, ein Emoji🍇 (grape) zu nutzen, um über Verge-waltigungen (rape) zu sprechen. Emojis, Sonderzeichen, Komik-Sprache – all das macht es noch einfacher über Gewalt und Hass hinwegzusehen.
Außerdem schließt Algospeak viele Menschen aus, die nicht täglich online sind. Codes ändern sich ständig – wer eine Woche offline war, versteht die Hälfte nicht mehr.
Codierte Sprache wird auch genutzt um menschenfeindliche und strafrechtlich relevante Botschaften möglichst uneingeschränkt auf Social-Media zu verbreiten. Ein Kommentar mit nur einem Kugelschreiber-Emoji unter einem Video zum Holocaust ist höchstwahrscheinlich als Holocaust-Leugnung zu interpretieren. Durch den Code ist das für die meisten Menschen jedoch erstmal nicht ersichtlich. Das ist gefährlich.
💡 PRO: Warum Algospeak auch Widerstand sein kann
Vielleicht ist Algospeak gar kein Einknicken vor der Macht großer Konzerne – sondern eine Form von Protest?
Auch wenn Konzerne versuchen einzuschränken, worüber Content-Creator:innen sprechen sollen, zeigt Algospeak eines ganz klar: Menschen sind schneller und kreativer als jeder Algorithmus. Sie lassen sich nicht zum Schweigen bringen, sondern finden Umwege, um wichtige Themen weiter online mit Reichweite besprechen zu können. Das war bei Zensur doch schon immer so, oder?
Zudem war es schon immer so, dass Sprache sich verändert und im Wandel ist. Jugendsprache ist keine Erfindung dieses Jahrzehnts. Nur, wie so vieles, entwickelt sich heutzutage eben auch die Sprache schneller weiter als wir das gewohnt sind.
Das heißt aber noch lange nicht, dass das schlecht ist oder automatisch bestimmte Gruppen ausschließt.
🗣️ Zum Nachdenken
Was macht das mit unserem politischen Diskurs, wenn wir unsere Sprache an Algorithmen anpassen, um möglichst viele Menschen über Social Media zu erreichen?
Mit dem Digital Services Act ist die EU einen Schritt in Richtung Regulierung von Social-Media-Unternehmen gegangen. Braucht es vielleicht ein weiteres Gesetz, das politische Bildung und Aktivismus online stärkt?
Oder brauchen wir Sprachkurse für Algospeak, damit wir alle zusammen online auch über geflaggte Themen diskutieren können?
💬 Und ihr?
Passt ihr eure Sprache auf Instagram oder TikTok an? Oder merkt ihr, wie Algospeak längst in der analogen Welt angekommen ist?
Der Linguist Adam Aleksic berichtet von Schüleraufsätzen, in denen plötzlich „unalive“ statt „dead“ steht. Was meint ihr: Ist Algospeak kreative Protestkultur – oder ein Symptom digitaler Selbstzensur?