Wie misst man ein Genie? Alan Turing und der Einfluss seiner Ideen

Ein bibliometrischer Blick auf das meistzitierte Werk der Informatik – zum 114. Geburtstag am 23. Juni

Alan Turing starb 1954, weitgehend vergessen. Heute ist er überall. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Diese Frage hat nicht nur eine historische Antwort – sie hat eine messbare. Die Bibliometrie, die Wissenschaft der Messung wissenschaftlicher Publikationen und ihres Einflusses, macht sichtbar, wie Turings Ideen die Welt durchdrungen haben: zunächst langsam, dann unaufhaltsam. Am 23. Juni 2026 jährt sich Turings Geburtstag zum 114. Mal – ein Anlass, seinen Weg von der Vergessenheit zur Allgegenwart nachzuzeichnen.

Wer war Alan Turing?

Alan Mathison Turing wurde am 23. Juni 1912 in London geboren. Er war Mathematiker, Kryptoanalytiker und Philosoph der Maschine – und einer der unglücklichsten Genies des 20. Jahrhunderts. Im Zweiten Weltkrieg entschlüsselte er mit seinem Team in Bletchley Park die deutsche Enigma-Chiffriermaschine und verkürzte damit den Krieg nach Schätzungen um mehrere Jahre. Dafür erhielt er keinen öffentlichen Dank – die Arbeit blieb Jahrzehnte lang geheim.

1952 wurde Turing wegen Homosexualität verfolgt, chemisch kastriert und seiner Sicherheitsfreigabe beraubt. Am 7. Juni 1954 starb er mit nur 41 Jahren. Die offizielle Version lautete Selbstmord durch Zyanidvergiftung – ob es einer war, ist bis heute nicht abschließend geklärt. 2013, fast 60 Jahre nach seinem Tod, begnadigte die britische Königin Elizabeth II. ihn posthum.

Was blieb, waren seine Texte. Und die veränderten die Welt.

Abbildung: Alan Turing, Plakat der Gesellschaft der Informatik: Pionier der Informatik und Kryptoanalytiker https://gi.de/persoenlichkeiten/alan-turing

Bibliometrie: Einfluss wissenschaftlicher Ideen messen

Bibliometrie fragt: Welche Ideen haben die Wissenschaft verändert – und wie lässt sich das messen? Turings Werk ist dafür ein ideales Anschauungsobjekt. Mehr zu bibliometrischen Methoden und ihrer Anwendung bei der Literaturrecherche erfahren Sie in unserem früheren Blogbeitrag zur Bibliometrie sowie direkt bei unserem Beratungsservice.

Turings Schlüsselwerke – bibliometrisch betrachtet

1. Computing Machinery and Intelligence (1950) – mehrfache Zitationswellen

Turing, A. M. (1950): Computing Machinery and Intelligence. In: Mind, Vol. LIX, No. 236, S. 433–460.  DOI: 10.1093/mind/LIX.236.433 | Internet Archive (frei) | PDF (McGill)

Mit der schlichten Frage „Can machines think?“ eröffnete Turing 1950 eine der folgenreichsten wissenschaftlichen Debatten des 20. Jahrhunderts. Das Papier führte den Turing-Test ein und legte den Grundstein der KI-Forschung. Bibliometrisch bemerkenswert: Es erlebt bis heute Zitationswellen – mit jedem neuen Durchbruch in der KI steigen die Zitationen erneut an. (s. Abb. 1 und 2 unten). Laut Google Scholar verzeichnet Turing als Autor über 83.000 Zitationen.

Abbildung 1: Zitationsentwicklung von „Computing Machinery and Intelligence“ in Datenbank Dimesions. Das Paper erlebt mehrere Zitationswellen. Ein erster Anstieg in den 1980ern, als KI zur Wissenschaftsdisziplin reifte. Ein zweiter Sprung nach 2010, mit dem Durchbruch des maschinellen Lernens. Heute, im Zeitalter großer Sprachmodelle und generativer KI, erlebt das Papier seine dritte Welle – jede neue KI-Debatte kommt an Turing nicht vorbei.  https://badge.dimensions.ai/details/id/pub.1027055246/citations

Abbildung 2: Publications Metrics in Datenbank Dimension mit Zitationsanzahl, und Altmetric https://app.dimensions.ai/details/publication/pub.1027055246  

2. The Chemical Basis of Morphogenesis (1952) – Cross-Domain impact

Turing, A. M. (1952): The Chemical Basis of Morphogenesis. In: Philosophical Transactions of the Royal Society B, Vol. 237, No. 641, S. 37–72. DOI: 10.1098/rstb.1952.0012 | PDF (Caltech) | Semantic Scholar (12.000+ Zitationen)

Turings letztes großes Werk ist das vielleicht unerwartetste: ein mathematisches Modell für biologische Musterbildung – Streifen auf Zebras, Flecken auf Leoparden, Spiralen in Schneckenhäusern. Verfasst von einem Mathematiker, wird es heute in Biologie, Chemie und Physik zitiert. Mit über 12.000 Zitationen auf Semantic Scholar ist es ein Paradebeispiel für fachübergreifenden wissenschaftlichen Einfluss (Cross-Domain Impact).

Werke von und über Alan Turing

Werke von Turing online frei zugänglich

Bücher über Turing in unserer Bibliothek

  • Hodges, Andrew: Alan Turing: Enigma (1994) – die maßgebliche Biografie, Grundlage des Films The Imitation Game. ISBN 3211826270
  • Hochbuth, Rolf: Alan Turing: Erzählung (2018) – 2. Auflage, erweiterte Neuausgabe (Deutsch). ISBN 9783499269974 Abbildung: Cover des Buches von Hochbuth „ Alan Turing: Erzählung
  • Cooper, Stuart B. (Hg.): Alan Turing: his work and impact (2013) – Published in celebration of the centenary of Alan Turing’s birth in London. Includes a large number of the most significant contributions from the 4-volume set of the Collected Works of A.M. Turing, together with a wide spectrum of accompanying commentaries. ISBN 9780123869807
  • Turing, Sara: Alan M. Turing (2012) ISBN 9781107020580
  • Ottaviani, Jim: The imitation game: Alan Turing decoded (2016). ISBN 9781419718939
  • Andrew W. Appel (Hg.): Alan Turing’s Systems of Logic (2012) – Dieses Buch schildet Turings Arbeit an der Princeton University und enthält ein Faksimile seiner 1936 fertiggestellten Doktorarbeit mit dem Titel „Systems of Logic Based on Orindals“. ISBN 9780691155746
  • Petzold, Charles: The Annotated Turing (2008) – das 1936er Papier Satz für Satz erklärt. ISBN 9780470229057
  • Herken, Rolf (Hg.): The Universal Turing Machine – A Half-Century Survey (1988) – wissenschaftliche Wirkungsgeschichte. ISBN 3980105075

Bibliometrie als Werkzeug für Ihre eigene Recherche

Was Turings Werk zeigt, lässt sich auf jedes Fachgebiet übertragen: Zitationsanalysen helfen, Schlüsselwerke schnell zu identifizieren und unerwartete Querverbindungen zu entdecken. Kostenlose Einstiegspunkte sind Open Alex, Google Scholar und Semantic Scholar. Zitationsdatenbanken wie Web of Science oder Scopus stehen Ihnen über unseren Bibliothekszugang zur Verfügung. Bei Fragen berät Sie unser Beratungsservice gerne persönlich.

Turing wurde zu Lebzeiten verkannt – von der Wissenschaft, von der Gesellschaft, von seinem Land. Die Bibliometrie zeigt uns heute in Zahlen, was längst klar ist: Seine Ideen haben die Welt verändert. Entdecken Sie sein Werk – in unserer Bibliothek und kostenlos online.

Quellen & Nachweise

QuelleInhaltLinkWikipedia DE – Alan TuringBiografie, Werk, Rezeptionhttps://de.wikipedia.org/wiki/Alan_TuringGoogle Scholar – Turing-Profil83.000+ Zitationenhttps://scholar.google.com/citations?user=VWCHlwkAAAAJSemantic Scholar – Morphogenesis12.000+ Zitationenhttps://www.semanticscholar.org/paper/The-chemical-basis-of-morphogenesis-Turing/53b85e4066944b1753aae8e3418028a67d9372e1Turing Digital ArchiveOriginalmanuskriptehttps://turingarchive.kings.cam.ac.ukHistory of InformationOn Computable Numbers 1936https://www.historyofinformation.com/detail.php?id=619Internet ArchiveComputing Mach. & Intelligencehttps://archive.org/details/MIND–COMPUTING-MACHINERY-AND-INTELLIGENCERoyal Society PublishingMorphogenesis Originalhttps://doi.org/10.1098/rstb.1952.0012 #AlanTuring #Bibliometrie #Informatiker #LizenzCCBY40INT #TuringTest #Zitationsdaten
CiteX 2026: Workshop "Citation Extraction and Parsing"
Für die interdisziplinäre Veranstaltung am 28./29. Mai 2026 im @dipf_aktuell zum Thema #Zitationsdaten können noch bis zum 15. Januar Abstracts eingereicht werden.
https://www.dipf.de/de/dipf-aktuell/veranstaltungen-1/workshop-citex-2026-citation-extraction-and-parsing
CiteX 2026: Workshop "Citation Extraction and Parsing" — DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

#Zitationsdaten sollten auch in der #Rechtswissenschaft offen sein - und dazu müssen sie auch erst einmal erhoben werden. Die
@vukoabrandenburg.bsky.social
‬ zu unserer Studie zum Fehlen der juristischen Literatur in Bibliometriedatenbanken.

https://open-access-brandenburg.de/oatakeaway-zitationsdaten-bibliometrie-rechtswissenschaft/

OA-Takeaways: Offene Zitationsdaten für die Rechtswissenschaft - Open Access Brandenburg

Open Access Takeaway zu Christian Boulanger, Daniel Fejzo, Christine Rimmert (2025): Law Doesn't Count? Measuring Bibliometric Coverage of German Law Journals

Open Access Brandenburg